Das vierte Capitel.

[72] Als wir von Stockholm abfuhren, war es gleich um selbe Zeit, da die Kirschen und Weintrauben sich anfingen zu färben. Sapperment! was war da vor ein Gekrübele und Gewübele auf den Schiffe von so viel Leuten! Ich und meine Liebste Charmante wie auch der Herr Bruder Graff – weil der Schiffmann sahe, daß wir Standes-Personen waren – hatten ein eigenes Zimmer auf den Schiffe zu unserer Bequemlichkeit inne. Die andern 6000 aber musten der Tebel hohlmer alle nach der Reihe auf einer Streue schlaffen.

Wir schifften etliche Wochen sehr glücklich fort und waren alle brav lustig auf den Schiffe. Als wir aber an die Insel Bornholm kommen, wo es so viel Klippen giebt, und wenn ein Schiffmann die Wege da nicht weiß, gar leichtlich umwerfen kan, ey Sapperment! was erhub sich im Augenblick vor ein grosser Sturm und Ungestümm auf der See! Der Wind schmiß der Tebel hohlmer die Wellen die höchsten Thürme hoch über das Schiff weg und fing an, kohl-bech-raben-stockfinster zu werden. Zu dem allergrösten Unglücke noch hatte er zu Stockholm in Wirthshause den Compaß auf den Tische stehen[72] lassen und vergessen, daß er also gantz nicht wuste, wo er war und wo er zufahren solte. Das Wüten und Toben von den grausamen Ungestümm wärete 14 gantzer Tage und Nacht! Den funffzehenden Tag, als wir vermeinten, es würde ein wenig stille werden, so erhub sich wieder ein Wetter und schmiß der Wind unser Schiff an eine Klippe, daß es der Tebel hohlmer flugs in hundert tausend Stücken sprang! Sapperment! was war da vor ein Zustand auf der See! Es ging Schiff, Schiffmann und alles, was nur zuvor auf den Schiffe war, in einen Augenblick zu Grunde und wenn ich und mein Herr Bruder Graf nicht so geschwinde ein Bret ergriffen hätten, worauf wir uns flugs legten, daß wir zu schwimmen kamen, so wäre kein ander Mittel gewesen – wir hätten gleichfalls mit den 6000 Seelen müssen vor die Hunde gehen! O Sapperment! was war da von den Leuten ein Gelamentire in den Wasser! Nichts mehr dauret mich noch die Stunde, als nur meine allerliebste Charmante! Wenn ich an dasselbe Mensche gedencke, gehen mir der Tebel holmer die itzige Stunde die Augen noch über. Denn ich hörte sie wohl 10 mahl noch im Wasser »Anmuthiger Jüngling« ruffen – allein was kunte ich ihr helffen! Ich hatte der Tebel hohlmer selbsten zu thun, daß ich nicht von den Brete herunter kipte, geschweige daß ich ihr hätte helffen sollen. Es war immer und ewig Schade um dasselbe Mensche, daß es da so unverhofft ihr Leben mit in die Schantze schlagen muste. Es kunte sich auch der Tebel hohlmer nicht eine eintzige Seele retten als ich und der Herr Graf auf dem Brete.[73]

Als ich und mein Herr Bruder Graf diesen Trauer-Spiele auf unsern Brete in der Ferne nun so eine Weil zugeschauet, plätscherten wir mit unsern Händen auf demselben fort und musten wohl über hundert Meilen schwimmen, ehe wir wieder an Land kamen. Nach Verfliessung dreyer Tagen bekamen wir die Spitzen und Thürme von Amsterdam zu sehen, worauff wir gleich zu marchireten und den vierten Tag früh um 10 Uhr hinter des Bürgermeisters Garten mit unsern Brete nach viel ausgestandener Gefährlichkeit allda anländeten. Damit gingen wir durch des Bürgemeisters Garten durch und immer nach desselben Hausse zu. Der Hr. Bruder Graff der muste nun das Bret tragen und ich ging voran. Wie wir nun die Garten-Thüre aufklinckten, welche in des Burgmeisters Hof ging, so stund der Burgmeister gleich in der Haus-Thüre und sahe uns da angemarchiret kommen! Mit was vor Verwunderung uns auch der Mann ansahe, will ich wohl keinen Menschen sagen, denn wir sahen wie die gebadeten Mäuse so naß aus, denn Hn. Grafen lief das Wasser immer noch von seinen samtnen Hosen herunter, als wenn einer mit Muhlen gösse. Ich erzehlete den Herrn Burgemeister aber flugs mit zwey drey Worten gantz artig wie daß wir Schiffbruch gelitten und auf den Brete so weit schwimmen müssen, ehe wir an Land gekommen.

Der Herr Burgemeister, welcher der Tebel hohlmer ein wackerer braver Mann war, der hatte groß Mitleiden mit uns. Er führete uns in seine Stube, hieß warm einheitzen, damit musten ich und mein Herr Bruder Graf in die Hölle hintern Ofen treten und[74] uns wieder trucknen. So bald uns nun ein wenig der warme Ofen zu passe kommen war, fing der Herr Burgemeister an und fragte, wer wir wären. Ich fing hierauf gleich an und erzehlte denselben gantz artig meine Geburth und wie es mit der Ratte damahls wäre zugegangen. O Sapperment! was sperrete der Mann vor ein paar Augen auf, als ich ihm von der Ratte solche Dinge erzehlte! Er nahm hernach allemahl, auch wenn er mit mir redete, sein Mützgen unter den Arm und titulirete mich Ih. sehr Hoch-Wohlgebohrne Herrlichkeiten.

Nach dieser Erzehlung wurde der Herr Burgemeister hinaus geruffen und blieb wohl eine gute halbe Stunde draussen, ehe er wieder hinein kam; ich und mein Herr Bruder Graf waren sehr hungrich, weil wir in 4 Tagen keiner keinen Bissen gefressen hatten. Sahen derowegen – weil niemand in der Stube war – was in des Burgemeisters Röhre in der Hölle guts paßirete. Der Hr. Graf fühlte hinein und brachte der Tebel hol mer einen grossen Topff voll Sauer-Kraut da heraus geschlept, welches vielleicht den Gesinde seyn mochte. Sapperment! wie erbarmeten wir uns über das Sauerkraut und frassen es der Tebel hohlmer reine aus! Es wärete hierauf nicht lange, so wurde mir und den Hn. Bruder Grafen davon erschröcklich übel, weil wir solches ohne Brodt in den nüchtern Magen hinein gefressen. Ey sapperment! wir fingen an zu speyen und spyen der Tebel hohlmer den Burgemeister die Hölle geschissene voll, daß es auch so ein Gestanck in der Stube wurde, daß wir fast selbst nicht drinnen bleiben kunten! Hierauf kam der Herr Burgemeister wieder in die Stube[75] hinein und als er solches roche, fing er zu mir an: Ih. sehr Hochwohlgebohrne Herrl. haben sich gewiß am Ofen versänget, daß es so darnach riecht. Sapperment! was solte ich den vornehmen Mann flugs wiederauf antworten? Ich war her und erzehlete ihn flugs mit so einer artigen Manier, wie daß wir nemlich wären hungrich gewesen und den Topff mit den Sauer-Kraute in der Röhre zu fassen gekriecht und hineingefressen, und als uns das Zeug nicht bekommen wäre, so hätten wir solches wieder müssen von uns speyen und davon würde es nun wohl so übel stincken. Sapperment! wie horchte der Mann, daß ich solches mit so einer geschickten Manier vorbringen kunte! Er rufft alsobald seiner Hauß-Magd, daß sie die Hölle ausreumen solte und in der Stube ein wenig räuchern. Wie solches geschehen, so ließ er alsobald den Tisch decken und tractirete mich und den Herrn Grafen der Tebel hohlmer recht delicat.

So bald als wir nun gespeiset hatten, kamen etliche von denen vornehmsten Staaden in des Burgemeisters Haus und gaben mir und meinen Herrn Bruder Grafen eine Visite. Sie baten uns auch zu sich zu Gaste und erwiesen uns grosse Ehre, daß ich also wohl sagen kan, daß Amsterdam der Tebel hohlmer eine vortreffliche Stadt ist. Es wurde zu derselben Zeit bald eine vornehme Hochzeit, worzu man mich und meinen Herr Bruder Grafen auch invitirete. Denn es heyrathete ein Lord aus Londen in Engelland eines vornehmen Staadens Tochter zu Amsterdam, und wie es nun da gebräuchlich ist, daß die vornehmen Standes-Personen, welche zur Hochzeit[76] gebethen werden, allemahl zu Ehren Braut und Bräutigam ein Hochzeit-Carmen drücken lassen und sie damit beehren, als wolte ich hierinnen mich auch sehen lassen, daß ich ein brav Kerl wäre. Es war gleich um selbe Zeit bald Gertraute, daß der Klapperstorch bald wiederkommen solte und weil die Braut Traute hieß, so wolte ich meine invention von den Klapperstorche nehmen u. der Titul sollte heissen:


Der fröliche Klapper-Storch etc.


Ich war her und satzte mich drüber und saß wohl über vier Stunden. Daß mir doch wäre eine Zeile beygefallen! Der Tebel hohlmer, nicht ein Wort kunte ich zu Wege bringen, das sich zu den frölichen Klapper-Storche geschickt hätte! Ich bath meinen Hn. Br. Grafen, er solte es versuchen, ob er was könte zur Noth herbringen, weil mir nichts beyfallen wolte. Der Hr. Graf sagte nun, wie er vor diesen wäre in die Schule gegangen, so hätte er ein Bißgen reimen lernen. Ob ers aber würde noch können, wüste er nicht, doch müste ers versuchen, obs angehen wolte. Hierauf satzte sich der Graf nun hin, nahm Feder und Dinte und fing da an zu dichten. Was er damahls nun aufschmierete, waren folgende Zeilen:


Die Lerche hat sich schon in Lüfften praesentiret

Und Mutter flora steigt allmehlich aus den Neste;

Schläfft gleich die Maja noch in ihren Zimmer feste,

Daß also ietzger Zeit viel Lust nicht wird gespürt.

Dennoch so will ...
[77]

Als er über diesen Zeilen nun so wohl eine halbe Stunde gesessen, so guckte ich von hinten auf seinen Zeddel und sahe, was er gemacht hatte. Wie ich nun das Zeug laß, muste ich der Tebel hohlmer recht über den Herrn Bruder Grafen lachen, daß es solch albern Gemächte war! Denn an statt, da er den Klapperstorch hätte setzen sollen, hatte er die Lerche hingeschmiret und wo Traute stehen solte, hatte er gar einen Flor genommen; denn der Flor schickt sich auch auf die Hochzeit? und darzu hätte sichs auch hintenaus reimen müssen! Denn praesentiret und Neste, das reimt sich auch der Tebel hohlmer wie eine Faust aufs Auge! Er wolte sich zwar den Kopff weiter darüber zu brechen, allein so hieß ichs ihn nur seyn lassen und dafür schlaffen. Ob ich nun wohl auch selben Tag gantz nichts zu wege bringen kunte, so satzte ich mich folgenden Tag früh doch wieder drüber und wolte von Gertrauten und den Klapper-Storche der Braut ein Carmen machen. O Sapperment! als ich die Feder ansetzte, was hatte ich dazumahl vor Einfälle von den Klapperstorche, daß ich auch der Tebel hohlmer nicht länger als einen halben Tag darüber saß, so war es fertig und hieß wie folget also:


Der fröliche Klapper-Storch etc.


Gertrautens-Tag werden wir balde nun haben,

Da bringet der fröliche Klapper-Storch Gaben.

Derselbe wird fliehen über Wasser und Graß

Und unsrer Braut Trauten verehren auch was.

Das wird Sie der Tebelhohlmer wol sparen

Und keinen nicht weisen in 3 vierthel Jahren.

Worzu denn wündschet bey dieser Hochzeit[78]

Gesunden und frischen Leib biß in Ewigkeit,

Auch langes Leben spat und früh

Eine Standes-Person von


Schelmuffsky.


So bald als nun die Hochzeit-Tage herbey rückten, wurde ich und der Herr Bruder Graff von der Braut Vater gebethen, daß wir doch seiner Tochter die grosse Ehre anthun möchten und sie zur Trauung führen. Ich antwortete dem Hochzeit-Vater hierauf sehr artig: wie daß ichs vor meine Person solches gerne thun wolte, aber ob mein Herr Bruder Graf dabey würde erscheinen können, zweiffelte ich sehr, dieweil der arme Schelm das kalte Fieber bekommen hätte und gantz bettlägrig worden wäre. Den Hn. Hochzeit-Vater war solches sehr leid, und weil es nicht seyn kunte, muste der Hr. Burgemeister indessen seine Stelle vertreten.

Als ich nun die Braut zur Trauung mitführete, O Sapperment! was war vor ein Aufgesehe von den Volcke! Sie drückten der Tebel hohlmer bald ein ander gantz zu nichte, nur daß ein iedweder mich so gerne sehen wolte. Denn ich ging sehr artig neben der Braut her in einen schwartzen langen seidenen Mantel mit einen rothen breiten Samt-Cragen. In Amsterdam ist es nun so die Mode, da tragen die Standes-Personen auf ihren schwartzen Mänteln lauter rothe Samt-Cragen und hohe spitzige Hüte. Ich kans der Tebel hohlmer nicht sagen, wie ich das Mensche so nette zur Trauung führete und wie mir der spitzige Hut und lange Mantel mit den rothen Samt-Cragen so proper ließ.[79]

Da nun die Trauung vorbey und die Hochzeit anging, muste ich mich fluchs zur Braut setzen, welches nechst den Bräutigam die oberste Stelle war. Hernach sassen erstl. die andern vornehmen Standes-Personen, welche mich alle – zumahl die mich noch nicht groß gesehen hatten – mit höchster Verwunderung ansahen und wohl bey sich dachten, daß ich einer mit von den vornehmsten u. bravsten Kerlen müste auf der Welt seyn (wie es denn auch wahr war), daß man mir die Oberstelle eingeräumt hätte.

Wie wir nun so eine Weile gespeiset hatten, kam der Hochzeit-Bitter vor den Tisch getreten und fing an, wer unter den Hnn. Hochzeit-Gästen von Standes-Personen den Hn. Bräutigam oder der Jfr. Braut zu Ehren ein Carmen verfertiget hätte, der möchte so gut seyn und solches praesentiren. Sapperm., wie griffen sie alle in die Schub-Säcke und brachte ein iedweder einen gedruckten Zeddel heraus geschlept und waren willens, solches zu übergeben. Weil sie aber sahen, daß ich auch immer in meinen Hosen herum mährete und auch was suchte, dachten sie gleich, daß ich ebenfalls was würde haben drucken lassen und wolte mir keiner vorgehen. Endlich so brachte ich mein Carmen, welches ich auf rothen Atlas drücken lassen, aus den Hosen-Futter herausgezogen. O sapperment! was war vor aufsehens da bey den Leuten! Dasselbe übergab ich nun zu allererst d[er] Braut mit einer überaus artigen Complimente. Als sie nun den Titul davon erblickte, Sapperm., was machte das Mensche vor ein Gesichte! Da sie aber nun erstlich solches durchlaß, so verkehrete[80] sie der Tebel hohlmer die Augen in Köpffe wie ein Kalb und ich weiß, daß sie wohl dasselbe mahl dachte, wenn nur der Klapperstorch schon da wäre! Die andern mochten nun Lunte riechen, daß mein Hochzeit-Carmen unter ihren wol das beste seyn müste und steckten der Tebel hohlmer fast ein iedweder seines wieder in die Ficke. Etliche übergaben zwar ihre allein, weder Braut noch Bräutigam sahe keins mit einem Auge an, sondern legten es gleich unter den Teller. Aber nach meinen war der Tebel hohlmer ein solch Gedränge, daß sie es alle so gerne sehen und lesen wolten. Warum? Es war vor das erste von ungemeiner invention, und vor das andere über aus artig und nette Teutsch, da hingegen die andern Standes-Personen zu ihren Versen lauter halbgebrochene Worte und ungereimt Teutsch genommen hatten. – Ey Sapperment! was wurde bey den Leuten vor Aufsehens erweckt, als sie mein Carmen gelesen hatten! Sie stackten in einen die Köpffe zusammen und sahen mich immer mit höchster Verwundrung an, daß ich so ein brav Kerl war, und redeten immer heimlich zu einander: daß was sehr grosses hinter mir stecken müste. Hierauf währete es nicht lange, so stund der Bräutigam auf und fing an, meine Gesundheit zu trincken. Sapperment! was war da vor ein aufgestehe flugs von den andern Standes-Personen und machten grosse Reverenze gegen mich. Ich blieb aber immer sitzen und sahe sie alle nach der Reihe mit so einer artigen Mine an. Der Hr. Burgemeister, bey welchen ich mit meinen[81] Bruder Grafen in Quartire lag, der lachte immer, daß ihn der Bauch schutterte, so eine hertzliche Freude hatte er drüber, daß mich alle mit einander so venerirten. Warum? Es war den Manne selbst eine Ehre, daß so eine vornehme Person als nemlich Ich, sein Haus betreten hatte.

Wie meine Gesundheit nun über der Taffel herum war, so ließ ich mir den Hochzeit-Bitter eine grosse Wasser-Kanne geben, in welche wohl 24 Kannen nach hiesigen Maaße gienge, die muste mir ein Aufwärter voll Wein schencken und über die Tafel geben. Da dieses der Bräutigam wie auch die Braut und die andern Hochzeit-Gäste sahen, sperreten sie der Tebel hohlmer alle Maul und Nasen drüber auf und wusten nicht, was ich mit der Wasser-Kanne auf der Taffel da machen wolte. Ich war aber her und stund mit einer artigen Manier auf, nahm die Kanne mit den Weine in die Hand und sagte: Es lebe die Braut Traute! Sapperment! wie bückten sich die andern Standes-Personen alle gegen mich! Damit so satzte ich an und soff der Tebel hohlmer die Wasser-Kanne mit den 24 Maaß Wein auf einen Zug reine aus und schmiß sie wieder den Kachel-Ofen, daß die Stücken herum flogen. O Sapperment! wie sahe mich das Volck an! Hatten sie sich nicht zuvor über mich verwundert, als sie meine Hochzeit-Verse gelesen, so verwunderten sie sich allererst hernach, da sie sahen, wie ich die Wasser-Kanne voll Wein so artig aussauffen kunte. Flugs hierauf ließ ich mir den Aufwärter noch eine solche Kanne voll Wein einschencken[82] und über den Tisch geben, die soff ich nun eben wie die vorige auf des Bräutigams (Toffel hieß er) Gesundheit hinein. Ey Sapperment! wie reckten die Staadens-Töchter, welche über der andern Tafel sassen, alle die Hälse nach mir in die Höh! Die Menscher verwunderten sich der Tebel hohlmer auch schrecklich über mich, als sie sahen, daß ich so artig trincken kunte.

Kurtz darauf kam mir so ein unverhoffter und geschwinder Schlaff an, daß ichs auch unmöglich lassen kunte, ich muste mich mit den Kopffe auf den Tisch legen und ein Bißgen lauschen. Da solches die Braut sahe, so bath sie mich, [daß ich mich] doch ein wenig auf ihren Schoß legen solte, denn der Tisch wäre gar zu hart; welches ich auch ohne Bedencken that. Ich kunte aber auf ihren Schosse nicht lange liegen, denn es war mir zu niedrig. Der Kopff fing mir gantz an davon wehe zu thun und war her und legte mich wieder auf den Tisch. Hierauf fing der Bräutigam Toffel zu einen Aufwärter an, er solte mir doch ein Küßgen droben aus der Braut Kammer hohlen, daß ich nicht so hart da läge. Der Aufwärter lieff geschwinde und brachte das Küssen, das that die Braut im Winckel und sagte, ich solte mich drauf legen und ein halb Stündgen schlummern. Ich war her und legte mich die Länge lang hinter die Taffel auf die Banck. Es saß zwar eine vornehme Standes-Person flugs neben mir, dieselbe muste weit hinunter rücken, damit ich Ihr mit den Beinen das seidene Kleid nicht dreckicht machte.

Indem ich nun so eine halbe vierthel Stunde etwan lag, Sapperm., wie wurde mir übel u. fing an zu[83] kruncken. Die Braut, welche mir vor andern sehr gewogen war, will nach mir sehen und fragen was mir ist. Sie versieht sichs aber nicht und ich versehe michs auch nicht, daß mir das speyen so nahe ist und fange da an zu speyen und speye der Tebel hohlmer der Braut den Busen gantz voll, daß es immer unten wieder durchlieff. Sapperment! was war da vor ein Gestanck, daß sie davon alle aufsahen und weggehen musten. Die Braut ging gleich zur Stube hinaus und war willens, sich anders anzukleiden. Mir hatte nun der Wein den Kopff gantz dumm gemacht, daß ich also da liegen blieb und kunte mich der Tebel hohlmer kaum besinnen, wo ich war. Als solches die andern Standes-Personen mercken mögen, daß ich voll bin, lassen sie mich ins Qvartier schaffen, daß ich den Rausch ausschlaffen muß.

Auf den morgenden Tag wie ich wieder erwachte, wuste ich der Tebel hohlmer nicht, was ich vorigen Abend gethan hatte, so voll war ich gewesen. Das hörete ich wohl, daß auf der Gasse die Rede ging, wie daß der vornehme frembde Herr gestern Abend hätte so brav sauffen können u. so schrecklich gespyen, woraus ich muthmassete, daß ich wohl müste zuviel gesoffen haben. Wie es nun Zeit wieder zur Mittags-Mahlzeit war, kam der Hochzeit-Bitter und bath mich, daß ich doch fein bald ins Hochzeit-Hauß kommen möchte, denn sie warteten alle mit der Braut-Suppe auf mich. Ich war her, machte mich gleich wieder zu rechte und ließ durch den Hochzeit-Bitter sagen, sie solten nur noch ein halb Stündgen[84] mit den Essen verziehen, ich wolte gleich kommen. Es verzog sich aber nicht lange, so kam die Braut-Kutsche mit 4 Pferden und hohlte mich aus des Burgemeisters Hause ab.

So bald ich nun vor das Hochzeit-Hauß gefahren kam, stund Toffel der Bräutigam mit der Braut schon in der Thüre, daß sie mich empfangen wolten: Sie machten die Kutsche auch auf, daß ich hinaus steigen solte, welches ich auch that und sprung flugs mit gleichen Beinen heraus und über Toffeln den Bräutigam weg, daß es recht artig zu sehen war. Damit führeten sie mich hinein in die Stube. Sapperment! was machten die Standes-Personen alle vor grosse Reverenze vor mir! Ich muste mich flugs wieder zur Braut hinsetzen, und neben mir zur Lincken saß eine Staadens-Tochter, das war der Tebel hohlmer auch ein artig Mädgen, denn sie hatten denselben Tag eine bunte Reihe gemacht. Nun wuste ich nicht, daß ich vorigen Tag der Braut in den Busen gespyen hatte, so aber sagte mirs Toffel, ihr Bräutigam, und fragte, ob mir nach den gestrigen speyen heute besser wäre. Sapperm., wie erschrack ich, daß vorigen Tag ich so ein Pfui dich an über der Taffel eingeleget hatte! Ich antwortete Toffeln aber, als nemlich den Bräutigam, hierauf sehr artig wieder und sagte: Wie daß ich ein brav Kerl wäre, deßgleichen man wenig finden würde, und daß ichs versehen hätte und der Braut den Busen voll gespyen. Es wäre in Trunckenheit geschehen und ich hoffte, sie würde sich ihre Sachen wohl schon wieder haben abwaschen lassen. Daß auch hierauf einer ein Wort gesagt hätte? Der Herr Burgemeister wuste nun schon,[85] was an mir zu thun war und daß sich leichtlich keiner an mir mit Worten vergreiffen würde; der lachte nun immer wieder, daß ihn hätte der Bauch zerspringen mögen.

Endlich dachte ich, du must doch wieder Wunderdinge erzehlen, daß sie Maul und Nasen brav aufsperren und dich wacker ansehen. War hierauf her und fing von meiner wunderlichen Geburth an und die Begebenheit von der Ratte zu erzehlen. O Sapperment! wie sahen mich die Leute über der Taffel alle an und absonderlich Toffel, der Bräutigam. Dieselbe Staadens Tochter, welche neben mir saß, die kam mir der Tebel hohlmer nicht eine Haare anders vor als meine ersoffene Charmante; sie plisperte mir wohl 10 mal über Tische ins Ohr und sagte: Ich solte doch das von der Ratte noch einmal erzehlen, und ob das Loch auch groß gewesen wäre, wo sie hineingelauffen, als sie das seidne Kleid zerfressen gehabt? Sie gab auch Heyrathens bey mir vor und fragte, ob ich sie nehmen wolte. Ihr Vater solte ihr gleich 20000 Ducatons mitgeben ohne die Gerade, welche sie vor sich noch hätte und von ihrer Mutter geerbet. Ich antwortete ihr hierauf auch sehr artig und sagte: wie daß ich ein brav Kerl wäre, der sich schon was rechts in der Welt versucht hätte und auch noch versuchen wolte. Könte also mich nicht flugs resolviren, sondern müste mich ein wenig bedencken.

Indem als ich mit der Staadens Tochter so von heyrathen redete, fing Herr Toffel, der Bräutigam, an und sagte: Warum ich denn den Herrn Grafen[86] nicht mitgebracht hätte? Weil ich aber sehr artig anfing und sagte, wie daß er das alltägige Fieber hätte und nicht aufbleiben könte, müsten sie ihn verzeihen, daß er vor dieses mahl keinen Hochzeit-Gast mit abgeben könte.

Hierauf ging die Mittags-Malzeit nun zu Ende und das Tantzen an. Ey Sapperment! wie tantzten die Mädgens in Holland auch galand, sie setzten der Tebel hohlmer die Beine so artig, daß es ein Geschicke hat. Da muste ich nun auch mit tantzen, und zwar mit der Staadens Tochter, welche mir über der Tafel zur lincken Hand gesessen und bey mir Freyens vorgegeben. Erstlich tantzten sie nun lauter gemeine Täntze, als Sarabanden, Chiqven, Ballette und dergleichen. Solch Zeug tantzte ich nun alles mit weg. Sapperment! wie sahen sie mir alle auf die Beine, weil ich sie so artig setzen kunte!

Nachdem wir nun so eine gute Weile herum gesprungen, wurde ein überaus artiger Creiß-Tantz von denen Cavalliren und Frauenzimmer angestellet, welchen ich auch mit tantzen muste. Die invention war also: Die Cavallier oder Junggesellen musten einen Creiß schliessen und einen iedweden, so viel ihrer um den Creiß herum stunden, muste ein Frauenzimmer auf die Achseln treten und mit ihren Rocke des Junggesellen sein Gesichte bedecken; daß er nicht sehen kunte, wie solches geschehen, wurde der Todten-Tantz auf gespielet und musten die Junggesellen nun darnach tantzen. Ey Sapperment! wie ließ der Tantz so propre!

Ich hatte nun die Staadens-Tochter, welche sich in mich verliebt hatte, auf meiner Achsel stehen und[87] tantzte sehr artig mit ihr in den Creise herum. Sapperment! wie war das Mensche so schwer, daß ich auch der Tebel hohlmer gantz müde davon wurde, und durffte nun kein Cavallier mit tantzen aufhören, bis daß sein Frauenzimmer herunter gefallen war.

Wie derselbe Creißtantz nun zu Ende, so bathen sie alle, ich solte mich doch in tantzen alleine sehen lassen! Nun kunte ich ihnen leicht den Gefallen erweisen u. eins alleine tantzen. Ich war her und gab den Spielleuten 2 Ducatons und sagte: Allons, ihr Herren, streicht eins einmal den Leipziger Gassenhauer auf! Sapperment! wie fingen die Kerl das Ding an zu streichen! Damit so fing ich nun mit lauter Creutz-Capriolen an und that der Tebel hohlmer Sprünge etliche Clafftern hoch in die Höhe, daß die Leute nicht anders dachten, es müste sonst was aus mir springen. Ey Sapperment! was kamen vor Leute von der Gasse ins Hochzeit-Haus gelauffen, die mir da mit grosser Verwunderung zusahen.

Nachdem ich den Leipz. Gassenhauer nun auch weggetantzt hatte, muste ich mit desselben Staadens Tochter, welche meine Liebste werden wolte, in der Stadt Amsterdam ein wenig spatziren herum gehen, daß ich mich nur ein wenig abkühlen könte. Ich ließ mir solches auch gefallen und gieng mit denselben Menschen ein wenig in der Stadt herum, weil ich selbige noch nit groß besehen hatte. Da führete sie mich nun überal herum, wo es was zu sehen gab. Ich muste mit ihr auch auf die Amsterdamsche Börse gehen, welche der Tebel hohlmer propre gebauet ist.[88] Sie wiese mir auch auf derselben des gewesenen Schiff-Admirals Reyters seinen Leichen-Stein, welcher zum ewigen Gedächtnis da aufgehoben wird, weil derselbe Reyter so ein vortrefflicher Held sol zu Wasser gewesen seyn und noch alle Tage in Amsterdam sehr beklaget wird.

Als die Staad. Tochter mir nun dieses und jenes gezeiget, fing sie zu mir an und sagte, ich solte sie doch immer nehmen und wenn ich ja keine Lust mit ihr in Amsterdam zu bleiben hätte, so wolte sie ihr Lümpgen zusammen packen und mit mir fortwandern, wo ich hinwolte, wenn gleich ihr Vater nichts davon wüste. Worauf ich ihr zur Antwort gab, wie daß ich der bravste Kerl von der Welt wäre und es könte schon angehen, aber es liesse sichs so nicht flugs thun. Ich wolte es zwar überlegen, wie es anzufangen wäre und ihr ehister Tage Wind davon geben. Nach diesen ging ich wieder auf den Tantz-Platz u. wolte sehen, wo meine zukünfftige Liebste wäre, welche von mir auf der Gasse so geschwinde weglieff. Ich sahe mir bald die Augen aus den Kopffe nach ihr um, ich kunte sie aber nicht zu sehen bekommen. Endlich fing eine alte Frau an und sagte zu mir: Ihr Gnaden, nach wem sehen sie sich so um? Wie ich nun der Frau zur Antwort gab: Ob sie nicht das Mensche gesehen hätt, welche über Tische neben mir zur lincken Hand gesessen? Ja, Ihr Gnaden, fing[89] die alte Frau wieder an, ich habe sie gesehen, allein ihr Herr Vater hat sie heissen nach Hausse gehen und erschrecklich ausgefenstert, daß sie sich so eine grosse Kühnheit unterfangen und hätte sich von so einen vornehmen Herrn lassen da in der Stadt herum schleppen, daß die Leute nun davon was würden zu reden wissen und Ih. Gnad. würden sie doch nicht nehmen. Als solches die alte Mutter mir zur Nachricht gesaget hatte, fragte ich weiter, ob sie denn nicht bald wiederkommen würde? Sie gab mir hierauf wieder zur Antwort: daß sie an ihrer Anherokunfft sehr zweiffelte, denn ihr Hr. Vater (wie sie vernommen) hätte zu ihr gesagt: Trotz, daß du dich vor den vornehmen Herrn wieder sehen läst.

Sapperm., wie verdroß mich solch Ding, daß ich das Mensche nicht solte zu sehen bekommen! Und als sie auch nicht wiederkam, überreichte ich Hr. Toffeln, den Bräutigam, wie auch der Braut Trauten mein Hochzeit-Geschencke und nahm von sie wie auch von den andern Standes-Personen und Dames überaus artig Abschied und ging immer nach des Burgemeisters Hause zu. Ob sie wohl nun 20 biß 30 mahl die Braut-Kutsche mit 4 Pferden selben Tag wieder hinschickten und mich bathen, ich möchte doch meine vornehme Person nur noch diesen Abend auf der Hochzeit praesentiren, wenn ich ja die übrigen Tage nicht wieder kommen wolte. Allein ich kam der Tebel hohlmer nicht wieder hin, sondern schickte die Braut-Kutsche allemahl leer wieder ins Hochzeit-Hauß. Herr Toffel, der Bräutigam, ließ mir durch den Herrn Bürgemeister sagen, er wolte nicht hoffen, daß mich iemand von den Herren Hochzeit[90] Gästen würde touchiret haben; ich solte ihn doch nur sagen, was mir wäre. Er wolte für alles stehen. Allein es erfuhrs der Tebel hohl mer kein Mensche, was mir war, ausgenommen die alte Frau wuste es, daß ich wegen der Staadens-Tochter so böse war, daß ich sie nicht solte wieder zu sehen bekommen.

Ich war auch gleich willens, mich selben Tag gleich wieder zu Schiffe zu setzen, wenn mein Herr Bruder Graff mich nicht so sehre gebethen hätte, daß ich ihn doch bey seiner Unpäßlichkeit nicht verlassen möchte, sondern so lange verziehen, biß daß er sein Fieber wieder loß wäre – hernach wollte er mit mir hin reisen, wohin ich wolte! Blieb also meinen Hn. Bruder Grafen zu gefallen in Amsterdam noch 2 gantzer Jahr und brachte meine Zeit meistentheils zu in den Spielhäussern, allwo alle Tage vortreffliche Compagnie immer war von vornehmen Dames und Cavalliren. Nachdem nun das elementische Fieber meinen Herrn Bruder Grafen völlig verlassen, ging ich mit ihn in Banco, liessen uns frische Wechsel zahlen, satzten uns auf ein Schiff und waren in Willens, Indien, in welchen Lande der Grosse Mogol residiret, zu besehen.

Quelle:
Christian Reuter: Schelmuffskys kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande. Stuttgart 1979, S. 72-91.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Schelmuffskys kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande
Schelmuffskys wahrhaftige, kuriose und sehr gefaehrliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gustav Adolfs Page

Gustav Adolfs Page

Im Dreißigjährigen Krieg bejubeln die deutschen Protestanten den Schwedenkönig Gustav Adolf. Leubelfing schwärmt geradezu für ihn und schafft es endlich, als Page in seine persönlichen Dienste zu treten. Was niemand ahnt: sie ist ein Mädchen.

42 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon