Ritter Sockenburg

[264] Wie du zärtlich deine Wäsche in den Wind

Hängst, liebes Kind

Vis à vis,

Diesen Anblick zu genießen,

Geh ich, welken Efeu zu begießen.

Aber mich bemerkst du nie.


Deine vogelfernen, wundergroßen

Kinderaugen, ach erkennen sie

Meiner Sehnsucht süße Phantasie,

Jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen –?


Kein Gesang, kein Pfeifen kann dich locken.

Und die Sehnsucht läßt mir keine Ruh.

Ha! Ich hänge Wäsche auf, wie du!

Was ich finde. Socken, Herrensocken;

Alles andre hat die Waschanstalt.

Socken, hohle Junggesellenfüße

Wedeln dir im Winde wunde Grüße.

Es ist kalt auf dem Balkon, sehr kalt.


Und die Mädchenhöschen wurden trocken,

Mit dem Winter kam die Faschingszeit.

Aber drüben, am Balkon, verschneit,

Eisverhärtet, hingen hundert Socken.


Ihr Besitzer lebte fern im Norden

Und war homosexuell geworden.

Quelle:
Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 1: Gedichte, Zürich 1994, S. 263-264.
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