Freunde, die wir nie erlebten

[366] Ihr, die nie ich sah,

Nimmer menschlich sehe,

Seid mir nun so nah,

Wenn ich einsam gehe.
[366]

Was ich weiß, nicht wußte

Über euch, hab ich's versäumt?

Ich's verfehlt? –

Oder mußte

Fern vergehn, was ich erträumt? –


Schenkte Gott die Kunst, das Wort

Ferner, Toter nachzulesen.


Ach wie heiß mich das beschlich:

Dann und dann und da und dort

Ist ein Herz wie meins gewesen,

Still für sich.


Tröstliches Gefühl: Es dächte

Später wer so über mich. –

Keine aller Erdenmächte,

Wär sie noch so übermütig,

Kann uns trennen,

Die wir Gleiche sind zu nennen.

Denn wir waren nie gesellt,

Weil der Gott uns weise, gütig

Fern vonander aufgestellt,

Wissend um die Welt.

Quelle:
Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 1: Gedichte, Zürich 1994, S. 366-367.
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