Zweiter Akt

[487] Die Familie Schönherr. Neumerkel. Die beiden Neuberts. Die beiden Ulbrichs. Ermischer. Seifert. Weigel.

Wohn- und Arbeitsstube des Schnitzlermeisters Schönherr. Niedriger, schmuckloser, einfach getünchter Raum. In der Hinterwand rechts die Türe zum Hausflur, sie ist geöffnet und man erblickt im Flur aufgeschichtetes Rundholz, ein paar große Tragkörbe und, auf einem Brett längs der Wand, allerlei Gerümpel. An der Hinterwand neben der Türe steht eine große altertümliche Drechslerdrehbank, auf welcher aus Holz gedrehte Schnitzreifen und Handwerkszeug umherliegen. Darüber, an der Wand, ein Zeugbrett mit Dreherwerkzeug. Um die Bank am Boden Späne, Holz etc. in der wirren Unordnung eben unterbrochener Arbeit. In der Ecke des Hintergrundes, links, steht der große Kachelofen, davor die Ofenbank und unter und auf ihr Holzeimer und irdene Töpfe. Neben dem Ofen, an der linken Seitenwand, ein alter Schrank. Vor dem Ofen eine plumpe Wiege, ein Säugling darin. In der Mitte der linken Seitenwand die Türe zur Schlafstube. Weiter vorn an der Wand mehrere grobe Kalenderbilder: Stülpner, der erzgebirgische

Räuberhauptmann, Barbara Uttmann, die Erfinderin der erzgebirgischen Spitzenklöppelei und eine allegorische Darstellung vom Segen des erzgebirgischen Bergbaues. Vor der Wand eine alte Kommode und zwei Holzstühle. In der Seitenwand rechts zwei niedrige, durch Kattungardinen verhangene Fenster, die zur Straße führen. Zwischen den Fenstern im Rahmen ein buntes verräuchertes Meisterdiplom. Ein großer und breiter Arbeitstisch steht, fast diese ganze Seitenwand füllend, da. Davor ein paar Stühle, darüber, am Draht von der Decke herabhängend, eine unansehnliche Arbeitslampe. An der Wand, hart an der Türe, an einem Rechen aufgehängt, Kleidungsstücke aller Art. Das ganze Zimmer macht einen armseligen Eindruck.

Es ist Tag. Im Ofen brennt Feuer. Am Tische arbeiten die Kinder. Gertrud, eine Sechzehnjährige, blaß, mager, ärmliches Röckchen, sitzt am Tisch und schlägt »Tiere« aus. Vor sich hat sie den halben Schnitzreifen liegen, von welchem sie mit Schnitzmesser und Hammer zollbreite Stücke abspaltet, die zu einem Haufen vor ihr liegen. Heinerle, kleines, schmächtiges Jungelchen in Arbeitsschürze, sitzt neben ihr und schnitzelt »Tiere«, indem er mit dem Schnitzmesser so viel Holz von den Stücken abschneidet,[488] daß die Beine,

Hals und Kopf der Tiere heraustreten. Fränzel und Liesel, zwei kleine Mädchen, sitzen auf dem Tische. Fränzel leimt an den Kopf der Tiere winzige Hörnchen und Öhrchen. Liesel tupft mit einem Farbpinsel schon weiß gefärbten Tieren »scheckige Flecken«. Den Kindern geht ihre Arbeit mit außerordentlicher Schnelligkeit von der Hand. Sie singen dazu. Frau Schönherr, verhärmte, krank aussehende Frau, Hals und Schultern in dickes Umschlagtuch verpackt, farbbekleckste Schürze umgebunden, hockt vor dem Ofen am Boden und rührt Wasserfarbe. Sie hat einen großen Holzbottich vor sich stehen und rührt mit einem Holzstiel in dem gefärbten Wasser, schöpft prüfend eine Handvoll und läßt dann aus einer Tüte Farbe zu.


DIE KINDER singen unbeholfen.1


Der Schäfer trieb die Herde aus –

Ein Kindlein hört er schrei'n.

Ich hör' dich wohl, ich seh' dich nicht.

Im hohlen Baum da stecke ich.

Im hohlen Baum, im hohlen Baum.


Wer hat dich denn hineingesteckt?

Die Braut, die da zur Kirche geht.

Die junge Braut, wie kann das sein?

Sie trägt ein grünes Kränzelein,

Ein schön' Grünkränzelein.


Herr Schäfer, ach erbarmet Euch

Und setzt mich an den Kirchensteig.

Da ruf' ich laut: Du Bräutchen fein,

Nimm ab dein schön' Grünkränzelein.

Mußt wieder mein lieb' Mutter sein.


FRÄNZEL. Mutter, muß ich noch lang leimen?

FRAU SCHÖNHERR. Frag' nich' egal, Fränzel. Mach deine vier Schocke un' denn biste fertig.

HEINERLE. Een faules Stick is des. Wann die emal was mach'n muß, nach 'r barmt se den ganzen Tag.

GERTRUD. Liesl, wärscht du gleich uffhör'n!

FRAU SCHÖNHERR. Was is aber ooch?[489]

GERTRUD. Se tuppt mir imanand mit'n Farbpinsel uff die Hand. Mach' deine »Scheckigen« fertig.

FRAU SCHÖNHERR. Nich' zanken, Gertrud, se is ä'm noch een Kind ... Liesl, wärscht du glei' ...! Paß uff, wenn der Vater kommt.

HEINERLE zählt seine geschnitzelten Tiere. Fünfun'fufz'g – sechsun'fufz'g – sechzig. Wieder e Schock. Steigt gemächlich vom Stuhl und bindet seine Schürze ab. Itze is Feierabend.

FRAU SCHÖNHERR. Der Jung', nee der Jung'. Keene drei Käse hoch, un' arbeit' fier zwee Gesellen. Komm' her, Heinerle, ich geb' dir e Kußl. Sie küßt ihn zärtlich ab. Un' nu wärsch d'r was sagen. Sie will aufstehen, hält sich plötzlich jammernd die Hüften. U je, u je, u je ...!

GERTRUD springt herbei. Mutter ... was is'n? Nu sieh dich doch ooch fier.

FRAU SCHÖNHERR. 's is nischt. Ich bin ä'm ze früh uffgestanden, ich hätt' noch 'ne Woche liegen blei'm soll'n. Aber m'r hat ja zu viel am Halse.

GERTRUD ängstlich. Mutterle, Mutterle! Setzt sich wieder zu ihrer Arbeit.

FRAU SCHÖNHERR ist schlürfend zur Wiege gegangen und hat den Säugling herausgenommen. Nu wärsch d'r ewas sagen, Heinerle. Itze geheste uff die Gasse un' da nimmste dei Schwesterle uff den Arm.

HEINERLE nimmt behutsam das dick in Tücher verpackte Kind. Is recht.

FRAU SCHÖNHERR. Aber deß de fei' uffpaßt! Halt' ooch's Tuch gut zu, deß keen kalter Wind ans Kleene kommt.

HEINERLE. 'ch wär' schon uffpassen. Tänzelt hinaus und singt. »Wann de Kirmes is, wann de Kirmes is – da schlacht' mei' Vater 'nen Bock. – Da tanzt mei' Mutter, da tanzt mei' Mutter – da wackelt ihr der Rock!«


Gelächter der Kinder.


FRAU SCHÖNHERR. Des is fei' een Schlingel! Zu den Kindern. Halt uff mit der Arbeit. 's is Essenszeit un' der Vater muß uff den Augenblick kommen. Sie hantiert am Ofen.


Gertrud ist aufgestanden, die Kinder sind vom Tische herabgesprungen. Gertrud bindet die Farbschürze um, nimmt einen Armvoll geschnitzter »Tiere«, wirft sie in den Farbbottich und rührt mit einem Holzstiel darin herum. Dann legt sie ein Brett über die Lehnen zweier Stühle und breitet die farbennassen[490] »Tiere« zum Trocknen darauf. Währenddessen haben die beiden kleinen Mädchen den Tisch abgeräumt.


NEUMERKEL dickes Tuch um den Hals gewickelt, dünne Jacke, durchfroren von der Winterkälte, zieht einen plumpen Holzschlitten mit zwei mächtigen Tragkörben Schnitzware bepackt, in den Hausflur; blickt behutsam in die Stube.

GERTRUD. Ei gor, der Neimerkel. Was haste gelöst?

NEUMERKEL. Pscht! Pscht! Is der Meester da?

FRAU SCHÖNHERR. Nee, mir warten ooch schonn. Die Körbe bemerkend. Ja, is 'n des ... Ach du lieber Gott, du bringst ja die Ware wieder mitte?

NEUMERKEL. Pscht! Pscht! Kommt in die Stube; leise, seinen zerrissenen Rockärmel zeigend. Da, schaut 'mal mei' Klüftchen. Hä?

FRAU SCHÖNHERR. Nu sag' mir bloß, was des zu bedeuten hat?

NEUMERKEL schreit heraus. 'nausg'schmissen hat mich den Neibert sein Kommis!

DIE FRAUEN. Un' die Ware?

NEUMERKEL. D'r Neibert-Verlag'r nimmt nischt mehr!

FRAU SCHÖNHERR lautes Wehklagen. Ihr Leute, ihr Leute, was fangen mir an! Er hat se doch bestellt die Holzsoldaten, die Häuseln, die Beemeln ...!

NEUMERKEL. Aber wenn er se nu nich' nimmt, hä?

FRAU SCHÖNHERR. 's kost' uns unser Holz, unser Farb', unser Material, 's is 'ne Woche Arbeit. Ich ho' 's nötig zu Brote ...!

GERTRUD. Warum nimmt 'r se denn nich?

FRAU SCHÖNHERR. Ja, warum nimmt 'r se nich, hä?

NEUMERKEL. Warum? Weil ich uffgemuckt hab' uff'm Gemeendeamt wegen den Neibert seiner Katzeng'schicht', der verfluchten!

FRAU SCHÖNHERR. Hab' ich's nich' gedacht: 's is wegen der verdammten Katze! Aufgebracht. Is des een Gesell? Müssen mir uns wegen deiner Katzeng'schicht' mit unser'n Verlag'r ieberwerfen?!

NEUMERKEL ebenso. Muß ich mich wegen meinen Meester'nausschmeißen lassen?!

FRAU SCHÖNHERR. Un' dein Katzenvieh kommt 'naus.

NEUMERKEL. 's gutt. Denn geh' ich ooch.


Ulbrich kommt herein.


ULBRICH. Is des een Schkandal dahie ... Tag ooch.

FRAU SCHÖNHERR. Tag ooch, Ulbrich. Mir ha'm ooch uns're[491] Not. Auf die Körbe weisend. Da, schau'n Se nur, des is liegengebliebene Schnitzware.

ULBRICH. Ei der Tausend ...! Des is doch 'n Schlag für euch Leute. 's is leicht fier drei Daler Holz un' Farbe. Warum nimmt 'r denn nischt, d'r Neibert?

FRAU SCHÖNHERR zeigt achselzuckend auf Neumerkel.

ULBRICH. Aha, a so. Pfeift durch die Zähne.

NEUMERKEL wütend. Ich weeß schon, deß ich im Wege bin. Ich wer' euch nich' lästig fallen. Ich pack' mei' Sach' und tipple nuff ins Vogtland, nach Klingental, wo die Musikinstrumente gemacht wer'n.

ULBRICH. Und dein Katz', die schenkst d'r Frau Neibert'n, hä?

NEUMERKEL. Nee, die macht mit nuff.

ALLE Gelächter.

NEUMERKEL eifrig. Des is bloß, weil ihr's nich' versteht. Warum soll 'n armer Mensch nich' ooch was ha'm, wo er dran hängt?

ULBRICH gutmütig lachend. Jo, jo. Setzt sich auf die Tischkante. Wie bist'n du ieberhaupt an die Katze 'kommen, hä?

NEUMERKEL. Das war halt so: sie hatten mich in Marienberg aus der Arbeit g'schickt, und ich wußt' nimmer, was ich fier Hunger und Kummer machen sollte. E Stickl trocken Brot in der Tasche, bin ich von Marienberg weggetippelt. Und wie ich vor die Stadt komme, springt eene Herde Kinder da 'rimm, die wollen eene Katze – een kleenes, zitt'riges, verhungertes Tierl – mit Steenen totschmeißen. Da hat sich mir's Herze z'sammengekrampft, als wär' des Tierl'n armer Mensch. Müssen se denn an allem, was hilflos is, ihre rohe Gewalt üben! Mit eenem Prügel hab' ich die Kinder davongejagt, des Katzl uff den Arm genommen und denn sein mir zwee losg'gangen. Wie een paar Kameraden! Beim eenen Bauer hab' ich 'n paar Pfeng' erbettelt, beim andern hab' ich ihr Milch d'rfier gekooft. So hab' ich se groß 'bracht und nu hang' ich an dem Tierl.

ULBRICH. Aber eene komische Geschichte is 's ä'm doch. Haha! ... Nu, Gertrudl, du schuft'st doch fier zehne. Wirscht du denn deine Ausschteier z'sammgeschnitzelt ha'm, wenn der Schatz kommt?

GERTRUD lacht. Mei' Schatz? Er muß fei' noch warten.

ULBRICH. I ja, ich weeß Bescheid. Trällert. »Eisenbah', Eisenbah', Lokemativ, wenn de mei' Schatzl siehst, gibste 'nen Brief.«

HEINERLE läuft mit dem Kinde herein. Der Vater kommt![492]

ULBRICH. Ei nu, ei nu, wird er dir ooch was mittebracht ha'm, Heinerle, hä?

FRAU SCHÖNHERR. Gib emal 's Kleene her, deß mir's legen. Bettet den Säugling in die Wiege.

MEISTER SCHÖNHERR tritt in den Hausflur. Großer älterer Mann, ärmliche Kleidung, derber Knotenstock, kurze Pfeife, zwei ineinandergesetzte Tragkörbe auf dem Rücken.

ULBRICH. Tag, Hartmann.

SCHÖNHERR. Tag ooch, Ulbrich. Wo treibt dich denn der Wind her?

ULBRICH gibt ihm. E Briefl, Hartmann.

SCHÖNHERR. Ja, ich dank' schie. Er setzt die Körbe hin und zieht sich aus. Warum hat denn der Gesell die Schnitzware noch nich' zu'n Neibert geschafft, hä?


Stille.


SCHÖNHERR. Hä?

NEUMERKEL. Der Neibert-Verlag'r nimmt keene Ware mehr vom Meester. Sei' Kommis hat mich 'nausg'schmissen. Zeigt seinen zerrissenen Rock.

SCHÖNHERR. Was is des? Der Neibert bestellt bei mir Ware un sei' Kommis schmeißt meinen Gesell'n 'naus?

FRAU SCHÖNHERR. Des macht, weil Fra' Neibert'n sich ieber den Gesell'n seine Katze krank geärgert hat.

SCHÖNHERR. Über den ... Kraut sich lachend den Kopf. Nu denk dir 'mal, Ulbrich ... hähä ... also, der Neimerkel hat eene Katze.

ULBRICH. Ich weeß, ich weeß ...

BEIDE ausgelassenes Gelächter.

NEUMERKEL. Des is ja bloß den Neibert seine Wut. Er hat sich's emal in den Kopp gesetzt: die Katze muß 'raus. Er denkt, wir müssen alle nach seiner Pfeife tanzen.

FRAU SCHÖNHERR. Hast fei' recht, Neimerkel. »Mir sein die Großen«, spricht Fra' Neibert'n, »mir befehlen. Die andern sein die Lumpenpackasch.«

ULBRICH. Ja, ja. Se tun sich fei' dicke, die Neiberts, seit sie die größte Spielwar'nfabrik ha'm. Un' wie sie herkamen, waren se doch ooch weiter nischt.

SCHÖNHERR. Een Spekulante war er, nischt weiter! ... Er hat die hausindustriellen Meester für sich liefern lassen, un' wie er's ganze Absatzgebiet in Händen hatte, da baute er seine Fabrike und machte die selbständigen Meester der Reihe nach[493] kaputt. Aber des kann ich dir sagen: mich bringt er nich' kleene. Mir Schönherrsch sitzen hie oben im Erzgebirg' seit'r zweehundert Jahren. Mir ha'm des Spielwarenschnitzeln uffgebracht hie in den Gebirgsdörfern und eh' ich in Neiberts Fabrike geh', eher fließt's Wasser den Berg 'nuff.

ULBRICH im Gehen. Viel Glick. Denn sorg' nur, deß die Ware fortkommt. 's Holz könnt 'r nich essen ... Na, Heinerle, was wirschte sagen, wenn der Ulbrich itze zum Kramer 'nein geht und kooft dem Heinerle fier 'n Fimfer Zuckersteng'ln?

HEINERLE, FRÄNZEL, LIESEL umspringen ihn jubelnd.

ULBRICH lachend. Da sein se dabei ... Tag ooch. Er geht mit den Kindern hinaus.

GERTRUD geht hinterdrein.

DIE SCHÖNHERRS. Tag ooch, Ulbrich.

SCHÖNHERR hat den Brief aufgerissen und gelesen; wirft ihn wütend in die Ecke. Des is ooch so e Blutsauger!

FRAU SCHÖNHERR. Was is denn, Mann?

SCHÖNHERR. Der Arnold-Koofmann in Grüntal schreibt: wenn mir liegengeblieb'ne Schnitzware hätten, so nimmt er sie fier Kaffee und Mehl und Brot in Zahlung.

FRAU SCHÖNHERR. Ei gor, und hernach'r verkooft er sie fier scheenes Geld uff'm Jahrmarkt. Uns gibt 'r nich eemol den Holzwert.

SCHÖNHERR sitzt niedergedrückt am Tische. Die ha'm eene Witterung wie die Schießhunde ... Aber was will 'ch machen. Eh' mir hungern, müssen wir ihm die Sach' hinbringen.

FRAU SCHÖNHERR seufzt.

NEUMERKEL. I ja, Meester, ich weeß schon. Ich bin dahie im Wege. Schicken Se mich fort, denn hat der große Neibert seinen Willen und nimmt Ware, soviel ihr schnitzelt.

SCHÖNHERR. Und rennt im Orte 'rum und spricht: »Ich hab' den Meister Schönherr gezwungen, seinen Gesellen fortzuschicken. Er muß springen, wie ich pfeif'.« Nee, du bleibst!


Unter der Türe tauchen die beiden Neuberts auf.


NEUBERT. Guten Tag, Meister ... Komm nur 'rein, Gustel, komm nur 'rein.

SCHÖNHERR aufgesprungen. Ach nee ... nu, der kommt mir g'rade recht!

FRAU NEUBERT. Guten Tag. Hüstelt. Aber eene Luft is das hier drinne ... so eene stickige, ärmliche Luft. Es schlägt eenen[494] richtig uff die Lunge. Möchten Sie nich' een Fenster öffnen, Frau Scheenherr'n?

FRAU SCHÖNHERR öffnet ein Fenster. Wenn's Brandholz gar so teuer is, da muß m'r am Wintertag schon die Löcher zumachen, deß die Wärme bleibt. Schiebt zwei Stühle hin.

NEUBERT bemerkt Neumerkel. Da is er ja ... he?

NEUMERKEL. Nu, hie hat Ihr Kommis nischt 'nauszuschmeißen!

NEUBERT. Wenn Sie frech und unverschämt werden, so bleibt eben nichts übrig, als Sie 'nauszupfeffern.

NEUMERKEL. Und meinen zerriss'nen Kittel, den wärd Ihr Kommis mir ersetzen, sonsten wärd druff geklagt.

FRAU NEUBERT. Ach Gott, was des is, Meester Scheenherr ... solches Gelumpsch, wie Ihr Geselle am Leibe hat ... da können Se 'n 'mal nach die abgelegten Sachen von meinem Mann schicken.

FRAU SCHÖNHERR. Da wär'n mir uns bedanken!

SCHÖNHERR. Dadrum handelt sich's ieberhaupt nich'. Die Sach' is, deß Sie bei mir Ware bestell'n un' nach'r nehm' Sie se nich' ab. Da steht nu die Ware ...

NEUBERT. Ich will sie ja nehmen, Meister.

SCHÖNHERR. Die können Sie gar nich' mehr kriegen, die is schon verkooft.

NEUBERT verdutzt. Schon verkauft? Wer hat sie denn gekauft?

SCHÖNHERR. Der Arnold-Verlag'r in Grüntal hat se gekooft.

NEUBERT Brille auf der Nase, fixiert Schönherr; rennt dann lachend in der Stube umher. Na, wissen Sie, den Verleger, den kenn' ich. Der wohnt neben dem Galgen und heißt: – Gebärde des Gurgelabschneidens. – kxs!

SCHÖNHERR wütend. Und wenn's der Halsabschneider is, 's is immer noch besser wie gor niemand.

NEUBERT Hände auf Schönherrs Schultern. Meister Schönherr, zum Dunnerwetter ... woll'n wir uns doch vertragen! Ihre Ware is ja tadellos. Das is bestes astfreies Fichtenholz, da is Leim und Farbe gut getrocknet, das is akkurat gedreht und geschnitzelt, da fehlt nich' ein Stück am Schock. Ich will ja auch wieder Ware nehmen; aber ... seh'n Sie, Meister ... Sie müssen mir auch entgegenkommen.

SCHÖNHERR lauernd. Nu, wie soll ich kleener Meester dem großen Fabrikanten Neibert entgegenkomm'n?

NEUBERT blickt auf Neumerkel Ja ... also ... das möcht' ich Ihnen unter vier Augen sagen.[495]

SCHÖNHERR. Du lieber Gott ... was Sie mit mir zu reden ha'm, des wird die Fra' und der Gesell' schon heeren können.

NEUBERT guckt seine Frau an; ärgerliche Bewegung; rennt in der Stube umher.

FRAU NEUBERT plötzlich wütend herausschreiend. Und kurz und gut, die Frechheit mit Ihren Gesell'n seiner Katze, das lassen mir uns nich' länger gefallen!

DIE SCHÖNHERRS UND NEUMERKEL höhnische Mienen.

NEUBERT. Gustel, so schweig doch ...

FRAU NEUBERT. Ach was hie! Mir sein die reichsten Leute im Ort und das gibt's nirgends woanders, daß die, wo's Geld ha'm, sich von der ärmeren Bevölkerungsklasse auf der Nase 'rumtanzen lassen müssen!

FRAU SCHÖNHERR ebenso. Wenn mir ooch arm sein, mir zahlen so gut unsere Gemeendesteuern wie Sie!

SCHÖNHERR. Mir sein so gut Menschen wie Sie, Fra' Neibert'n!!

NEUMERKEL. Ihr Kommis hat mich 'nausg'schmissen, da wärd noch eene Gerichtsverhandlung d'raus, mir sprechen uns noch vor'm Landgericht!

NEUBERT. Ich werd' Ihnen noch zeigen, wegen was es'ne Gerichtsverhandlung gibt! Sie werd' ich schon noch aus dem Orte 'rausbringen!

SCHÖNHERR. Nu, des möcht' ich seh'n, wer 'nen Gesell'n, der bei mir in Arbeit is, aus dem Ort 'rausbringt!

NEUBERT. Ich bring' den nichtsnutzigen Patron 'raus, ich ... versteh'n Sie?

NEUMERKEL. Wer is een »Patron«? Sie denken wohl, weil ich een hilfloser Mensch bin, muß ich mich beschimpfen lassen!

FRAU NEUBERT. Mann, reg' dich nich' uff. Bleib' bei Verstande, tu's mir zuliebe.

NEUBERT rennt in der Stube umher.

FRAU NEUBERT nach einer Pause. Nee, also das ... das kann uns doch kee' Mensch verdenken, daß mir hier emal die Geduld verlieren. Was mir schon ausgestanden ha'm, seit mir die Fabrike hie ha'm! In erregter, sich überstürzender Sprechweise. Erscht, wie mir das Haus am Mühlteich hatten, konnten mir den ganzen Sommer ieber keen Ooge zutun, weil jede Nacht und jede Nacht'n hundert Frösche uff'm Wasser lagen und quakten. Da mußten wir extra den Nachtwächter bezahlen, daß 'r nachts mit 'ner langen Fuhrmannspeitsche 's Wasser[496] klitschte, damit sie sich nich' 'naufgetrauten. Denn schaffte sich der Kanter italienische Hiehner an, da fing der Hahn nachts um halber zwee schon an: – Nachäffend. – »Kä-ke-rä-kä!« Da hat mein Mann eigens 'nen Prozeß anstrengen müssen, daß 'r gezwungen wurde, den Hahn zu schlachten. Und kaum is das überstanden, da kriegt dem Schmied sein Hund die dolle Wut, da wird euch e halbes Jahr lang die Hundesperre über'n Ort verhängt ..., daß m'r egal Angst hatte, m'r wird von 'nem dollen Hunde gebissen. Und kaum is das ... da kommt der hergeloof'ne Mensch mit seiner Katze, die eenem die ganze Wäsche ruiniert ...!

FRAU SCHÖNHERR. Nu, 's wird sich doch noch eener 'ne Katze halten dürfen!

NEUBERT. Eine Katze, ja ... vorläufig. Aber wenn sie Junge kriegt, so sind's sechse, sieben.

NEUMERKEL. 's is ja een Kater.

NEUBERT. Ach, das is ja ganz egal.

NEUMERKEL. Nee, das is nich' egal.

NEUBERT Brille auf der Nase, glotzt ihn an; dann. Ach, Sie dummer Mensch, machen Sie doch Ihre faulen Witze anderswo! Rennt umher, bleibt plötzlich vor Schönherr stehen. Also, Meister, nu hab' ich's satt! Ich lass' Ihnen die Wahl. Entweder Sie schaffen den Menschen fort, oder Sie kriegen nich' für einen Neugroschen Arbeit mehr zu besehen.

SCHÖNHERR. Und jetzt schick' ich ihn gerade nich' fort!

NEUBERT. Dann werd' ich Ihnen anders kommen.

FRAU NEUBERT. Mir ha'm uns an andere Stellen gewend't, mir werden schon unser Recht kriegen.

SCHÖNHERR. Wenden Sie sich an wen Sie Lust ha'm, itze setz' ich ooch meinen Kopp uff.

FRAU SCHÖNHERR. Keen Mensch kann uns zwingen, wenn wir nich' wollen.

NEUBERT in höchster Wut hinausstürzend. Das wird sich finden.

FRAU NEUBERT hinterher. Euch wer'n mir's eemal beweisen.

FRAU SCHÖNHERR. Nee, Mann, also des ... des darfst du dir nich' gefallen lassen. Die Leute tun ja in ihrem Hochmut g'rade, als ob m'r nich' Luft schnappen dürfte ohne sie.

NEUMERKEL. Die treten eenen vollends unter die Füße!

SCHÖNHERR. Nur ruhig, ruhig ... Wegen so eener ... – Lache. – so eener Sache hätt' ich mich nie mit'n Neibert überworfen, aber wenn er denkt, er kann mir eso ufftrumpfen, da werd'[497] ich's ihm zeigen. In die Drehbank tretend. Und nu genug. Astel her, daß Reefen fertig werden. Er beginnt zu drehen.

NEUMERKEL schafft aus dem Hausflur Holzklötzer herein, als Frau Ulbrich, kleine, dicke, geschwätzige Frau, Kopftuch, atemlos hereinstürzt.

FRAU ULBRICH. Tag ooch, Neimerkel. Sein die Scheenherrsch da? Freilich, da sein se ... Nee, Meester, also nu schlägt's ein bei euch!

DIE SCHÖNHERRS. Tag, Fra' Ulbrich'n. – Was wird denn sein? – Nu sagt bloß, was is denn?

FRAU ULBRICH. Mei' Mon schickt mich, ich bin ganz außer Atem ... es is e'was im Gange, spricht 'r.

SCHÖNHERR. Was wird ooch im Gange sinn?

FRAU ULBRICH. Der Ermischer schickt den Seifert durch den ganzen Ort nach dem Gendarmen. Suchen kommen se bei euch.

SCHÖNHERR. Suchen? Nach was suchen?

FRAU ULBRICH. Nach was suchen se bei den Schnitzlersleuten? Nach gestohl'nen Holze!


Alle zucken zusammen.


FRAU SCHÖNHERR wilde Wut. Was, Holzdiebe soll'n mir sein? Mir ehrlichen Leute, die mir jedes Finkl Holz uff der Auktion koofen?

FRAU ULBRICH am Fenster. Sie kommen die Gasse 'nuff, sie sein da.

NEUMERKEL setzt sich vergnügt auf den Tisch. Nu, do mögen se kommen. Hie sein keene Holzdiebe.


Man hört Stimmen im Hausflur.


FRAU ULBRICH laut. Ich wer' Se emal e bill' Farbe reiben, meine gute Fra' Scheenherr'n. Läuft zu dem Farbbottich und rührt Farbe, dabei die Vorgänge mit langem Halse verfolgend.

GERTRUD kommt verstört mit den Kindern herein. Mutter, Mutter! Da kommt der Ermischer mit Poll'zei ...!


Schönherr steht hochaufgerichtet in der Stube. Die Kinder drücken sich scheu in den Ofenwinkel. Ermischer und Seifen erscheinen unter der Türe. Ermischer mit wichtiger Miene in Joppe,

Jägerhütchen, langen Stiefeln; Seifert hinter ihm, ängstlich, einen großen, mit Deckel verschlossenen Henkelkorb am Arm, den er neben die Türe stellt.


SCHÖNHERR verhaltene Wut. Sollt' des recht sein, Sie suchten bei mir nach gestohl'nem Holze?

FRAU SCHÖNHERR. Da muß der Ermischer zu den Schnitzlerschleuten[498] gehn, die die Ware halb verschenken. Hie wärd jed's Feckel Holz gekooft.

SCHÖNHERR reißt aus seiner abgegriffenen Brieftasche zitternd Scheine hervor. Hie sein die Auktionszettel un' da im Hausflur liegt mein Holz. Den will 'ch kennen, der mich zu 'n Holzdiebe macht!

ERMISCHER. Mir kommen nich' wegen Holzdiebstahl, wegen e'was weit Schlimmer'n. Zieht ein großes Schriftstück hervor. Sie sein der Meester Scheenherr?

FRAU SCHÖNHERR höhnische Lache. Er kennt seine Nachbarsleute nimmer!

SCHÖNHERR. Un' dobei war ich schon lange selbständiger Meest'r, wie er noch als verhungerter Kegeldrechslerjung' 'rumlief.

ERMISCHER heftig. Des hat hiemit nischt zu tun. Itze bin ich d'r Fierstand, un' ich verlang' 'nen Reschpekt!


Alle sehen sich verdutzt an, dann plötzlich höhnisches Gelächter, in welches auch Frau Ulbrich

und die Kinder einstimmen.


ERMISCHER. Ei gor ... den Briefträger seine. Dacht' ich's mir doch, deß euch die Neubegierde nich' schlafen ließe.

FRAU ULBRICH. Nu, ich möcht's ooch gern wissen.

ERMISCHER. Des könnt 'r ooch wissen. Entfaltet das Schriftstück. Hie wohnt een Schnitzlergesell Neimerkel ...

NEUMERKEL auf dem Tische, strampelt mit den Füßen. Hie hängt 'r.

ERMISCHER. Der mit eener zugeloof'nen Katze allen Ortsbewohnern Schaden und Ärgernis bereitet. So bin ich denn beauftragt: – Halb lesend. – »die dem etc. Neimerkel gehörige Katze in Gewahrsam ze nehmen und eso lang behördlich uffzuheben, bis der etc. Neimerkel den den klagbaren Ortseinwohnern verursachten Sachschaden ersetzt hat oder eine anderweitige Hebung der Schwierigkeiten gefunden ist« ... eso steht's und dessentwegen verlang' ich das Objekt 'raus.

SCHÖNHERR steht vorne, greift sich an den Kopf und lacht höhnisch vor sich hin.

NEUMERKEL. Da lass' ich mich nich' d'ruff ein. Ich verlang' een instanzenmäß'ges Prozeßverfahren.

FRAU SCHÖNHERR. Laß dir's nich' gefallen, Neimerkel. Denkt 'r etwa'n, mit armen Leuten könnt' 'r Hohn un' Spott treiben?

ERMISCHER. Wenn Sie's nich' im Guten 'rausgeben, so wärd danach gesucht.[499]

FRAU SCHÖNHERR Faustschlag auf den Tisch. Un' mir geben's ä'm nich'!

ERMISCHER. So ... na, denn wer'n mir ja seh'n. Gebt zur Türe. Herr Schandarme. möchten Se nich' emal 'reinkommen?


Stille.


SCHÖNHERR hat grimmig die Fäuste geballt.

GENDARM WEIGEL kommt langsam herein, stellt sich breitbeinig inmitten der Stube hin. Was gibt's denn?

ERMISCHER. Der Hausbesitzer Schönherr widersetzt sich der behördlichen Verfügung.

WEIGEL. Da gibt's nischt zu widersetzen. Verstanden?

FRAU ULBRICH hinausrennend. Nee, nu laßt mich, nu muß ich aber loofen ...!

SCHÖNHERR nimmt einen Schlüssel vom Wandnagel und gibt ihn Ermischer. Eh' ich mich mit Sie 'rumstreite, wegen so eener Sache ... so eener ... Greift sich lachend an den Kopf. Hie is der Bodenkammerschlüssel. Oben is se eingesperrt.

NEUMERKEL. Aber Meest'r, da bin ich nich' einverstanden ...

SCHÖNHERR. Hie hab' ich ze sagen, und du wirst dich fügen.

ERMISCHER. 's recht. Herr Schandarme, der Gemeendediener hot 'nen Korb mittebracht, wo er se 'neintun kann. Sie möchten emal mit 'nuffsteigen ...

WEIGEL. Ich ...? Aber die ganze Sache is doch der Gemeindebehörde zur Durchführung übergeben. Hier steht's ja. Ich kann da wirklich nich' ...

ERMISCHER. Sie sein aber doch abgeschickt, uns beizesteh'n ...

WEIGEL. Gewiß. Das tu' ich ja auch. Ich halte derweilen hier unten die Ordnung aufrecht.

ERMISCHER. So ... hm ... Betrachtet den Schlüssel, dann Seifert und den Gendarm.

SCHÖNHERR. Und nu verlang' ich, daß Sie Ihres Amtes walten und uff dem schnellsten Wege mein Haus verlassen.

WEIGEL. Ja, da hat der Meister ganz recht.

ERMISCHER. Nu ja ... des heeßt ... hm.

FRAU SCHÖNHERR. Ich gloobe gar ... der Ermischer färcht' sich!

DIE SCHÖNHERRS, NEUMERKEL UND DIE KINDER höhnisches Gelächter.

ERMISCHER. Ich fürchten ...? Nu, des wäre ... Seifert, allongsch marschee!

SEIFERT nimmt den Korb und geht hinter Ermischer hinaus.


Während des Folgenden hört man von draußen das dumpfe[500] Lärmen einer sich ansammelnden und immer stärker werdenden Menschenmenge.


WEIGEL. Ja, Meister, da seh'n Sie's nu. Unsereiner muß seine Pflicht tun, ganz egal, was es is. Guckt in die Wiege. Na, Kleine, ks – ks – ks ... Ich bin gar nich' so, aber wenn's nu' 'mal von einem verlangt wird ... nich' wahr?

FRAU SCHÖNHERR. Seit der Neimerkel im Ort is, verfolgt 'n der Ermischer mit seinem Hasse. 'rausschikanieren möcht' 'r ihn.

SCHÖNHERR. Des wird ihn aber nich' gelingen, un' wenn 'r sich noch eso viele Schandarmen mittebringt.

WEIGEL. Lassen Sie mich doch zufrieden, Meister. Denken Sie, ich wär' gerne zu Ihnen gekommen? Aber 'n Beamter muß seine Pflicht tun ohne Ansehen der Person und der Sache. Donnerwedder noch 'mal! Wenn mir mein Vorgesetzter sagt: Forsch. »Gendarm Weigel, geh'n Sie da ... durch die Wand!« dann geh'n wir durch! Einfach.

FRAU SCHÖNHERR lacht hinter seinem Rücken.

NEUMERKEL. Ei jo, bis Sie emal an 'ne Wand kommen, die de stärker is wie der Schandarm Weigel, un' dann rennen Sie sich den Kopp ein.

WEIGEL dicht vor Neumerkel, ihn musternd. Sie sind der Dingsda, der Neumerkel?

NEUMERKEL. Der sein m'r.

WEIGEL. So, na, wenn Sie denken, daß Gendarm Weigel mit sich spaßen läßt ... Nehmen Sie sich 'mal in acht, Ihnen kann's 'mal bewiesen werden.

SCHÖNHERR. Wenn sich mein Gesell' nischt zeschulden kommen läßt, kann ihm nischt »bewiesen werden«.

WEIGEL. Das wird man ja sehen.


Entsetzliches Geschrei, Gepolter die Treppe herunter. Alle rennen zur Türe. Ermischer stürzt herein, mit zerkratztem, blutunterlaufenem Gesicht. Hohngelächter.


ERMISCHER. Zu Hilfe! Wasser! Wasser!

WEIGEL. Aber, Herr Vorstand, was is denn los ... wie seh'n Sie aus?

ERMISCHER. Angesprungen hat mich des Luder! Gebbt m'r Wasser!

SCHÖNHERR. Hie gibt's keen Wasser. Holen Sie Ihre Sache un' verlassen Sie mein Haus.

WEIGEL beguckt ihn. Donnerwedder ... das hätte ja 'n Auge kosten können.[501]

ERMISCHER sein Taschentuch vor dem Gesicht, fast heulend zu Neumerkel. Des is Körperverletzung. Des wärscht du büßen!

NEUMERKEL. Ha, itze soll ich schuld sinn, un' ich bin noch nich'emal dabei gewes'n!

FRAU SCHÖNHERR. Nu, des fählte ...! Iberhaupt, wann Sie dahie fertig sein, so machen Se, deß Se weiterkommen!

SCHÖNHERR. Is recht. 'naus! 'naus!

WEIGEL. Ruhe, zum Donnerwedder! Haltung, Herr Vorstand. Seh'n Sie bloß die Menschen da draußen. 'n ganzer Auflauf! Tun Sie doch bloß das Tuch weg.


Seifert kommt, den Korb vorsichtig tragend, beide Hände auf dem Deckel, triumphierend herein.


SEIFERT. Ich hab' se! Ich hab' se!

WEIGEL. Dann is 's ja gut. Dann können wir abrücken.

SCHÖNHERR. Un' das gleich.

WEIGEL. Kommen Sie, Herr Vorstand.

ERMISCHER. Ich kann eso nich'. Soll ich denn zum Gespötte im Orte werden!

WEIGEL. Dann geh'n Sie schon immer vor, Gemeindediener, wir kommen nach.


Seifert geht mit dem Korbe hinaus.


NEUMERKEL. Des is eene Vergewaltigung!

WEIGEL. Sie haben den Mund zu halten.

SCHÖNHERR. Wärd ihr nu mein Haus verlassen?!


Gelächter und Hallo auf der Straße.


FRAU SCHÖNHERR. Se schmeißen den Seifert mit Schnieballen, hahaha!


Seifert stürzt in den Hausflur, hinter ihm her ein Schneeballenhagel. Anzug und Korb voll Abdrücken von Schneeballen.


SEIFERT. Himmelsackerment, werd' ihr mich zefrieden lass'n! Hereinflüchtend. Se lassen eenen nich' 'raus, Herr Schandarme. 's steh'n an die zweehundert Menschen uff der Straße un' schmeißen mit Schnie.

ERMISCHER. Des wär' ja Rebellion!

WEIGEL. Das wollen wir doch'mal seh'n. Er rückt schneidig das Käppi zurecht, lädt die Doppelflinte, nimmt sie schußbereit unter den Arm und geht forsch in den Hausflur. Mit barscher Stimme. Im Namen des Gesetzes! Ich fordere auf, die Straße freizugeben. Zum ersten-, zum zweiten-, zum drittenmal. Vorwärts, rechts und links auseinander treten! Gemurre einer großen Menge. Dann Ruhe. Weigel tritt gelassen wieder in die[502] Mitte der Stube, stößt das Gewehr auf; wichtig. Die Straße ist frei!

SCHÖNHERR. Nu hab' ich's satt. 'naus aus meinem Hause!

WEIGEL. Ich nehm' den Vortritt. Vorwärts, wer mit will! Er geht hinaus, Seifert ihm nach.

ERMISCHER den Hut tief in die Stirne gerückt. Wütendes Fäusteballen. Des sollt 'r mir büßen, Lumpenpackasch!

SCHÖNHERR. 'naus mit dem Bettelbürgermeest'r!

NEUMERKEL springt zur Türe, Hände vor dem Munde. Katzen-Ermischer!


Frau Schönherr und die Kinder ausgelassenes Gelächter. Die Kinder hinter Ermischer her, immerfort rufend: »Katzen-Ermischer! Katzen-Ermischer!« – Von draußen plötzlich hundertstimmiges Gelächter, Gepfeife, Gejohle, welches in »Hurra«rufe übergeht. Frau Schönherr und Gertrud stehen am Fenster und beobachten lachend die Vorgänge auf der Straße. Schönherr steht fäusteballend inmitten der Stube.


NEUMERKEL. Da spricht 'r nu: 's hätt' keener Reschpekt für ihn. »Hurra!« schrei'n se, 'nen Orden hat 'r im Gesichte un' 'nen Titel hat 'r ooch gekriegt!


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Dramen des deutschen Naturalismus. Herausgegeben von Roy C. Cowen, München 1981, S. 487-503.
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