Intermezzo

[34] Ich gleite über einer Tiefe, die so klar und zärtlich grün ist, daß das Verlangen, in sie hinab zu stürzen, zu einer schmerzlichen[34] Qual wird, und deren Oberfläche so blaßblau opalisiert wie leidende Kampanulazeen und so rotviolett wie kleine sehnsüchtige Enziane und so grünlich gelb wie der Himmel über den Winterabendröten zu der Stunde, wenn der traurige Abendstern zu scheinen beginnt; die Höhen aber auf den Ufern dieses Sees, in dem ein König ertrank, des Namens eines Königs wert, leuchten unter der müden Herbstsonne in gelbem und rotem Laub und strecken sich in schwarzem Fichtensamt und braunen Eichenblättern, sie haben sich Leopardenfelle übergezogen, zwischen denen der See wie eine Perlmutterschale ruht.

Der Wind der Höhe bläst um mich unruhig und stolz und über mir kleben die Legföhren an den weißgrauen Klippen des Wendelsteins wie Samt und dunkles Moos, aber in weißer blendender Unwirklichkeit, ein erstarrtes seliges Meer von Eis – oh ich sehe den Menschen, der der gottlose Gott der Erde geworden ist, dort unten aus der Ebene, aus deren Rauch und bunten Städtemosaiken auch ich heraufstieg, auf brausenden Flügeln Steine und köstliches Bauwerk auf euch tragen, um auf euch seine Horste aufzuschlagen, von denen er des Morgens aufsteigt und zu denen er des Abends zurückkehrt beuteschwer an Lämmerfleisch und Wein und blonden Frauen. Aber der müde Rausch der Schönheit und der stolze der Macht sind nur Vorberge und kleine Versuchungen und niedere Ruhestiegen zu der rauschlosen Reinheit, zu der mein Wagen weiter donnert.

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Gustav Sack: Paralyse. München 1971, S. 34-35.
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