Fünfter Auftritt


[30] Die Königin. Carlos.

Marquis von Posa und die Marquisin von Mondekar treten nach dem Hintergrunde zurück.


CARLOS vor der Königin niedergeworfen.

So ist er endlich da, der Augenblick,

Und Karl darf diese teure Hand berühren! –

KÖNIGIN.

Was für ein Schritt – welch eine strafbare,

Tollkühne Überraschung! Stehn Sie auf!

Wir sind entdeckt. Mein Hof ist in der Nähe.

CARLOS.

Ich steh nicht auf – hier will ich ewig knien.

Auf diesem Platz will ich verzaubert liegen,

In dieser Stellung angewurzelt –

KÖNIGIN.

Rasender!

Zu welcher Kühnheit führt Sie meine Gnade?[30]

Wie? Wissen Sie, daß es die Königin,

Daß es die Mutter ist, an die sich diese

Verwegne Sprache richtet? Wissen Sie,

Daß ich – ich selbst von diesem Überfalle

Dem Könige –

CARLOS.

Und daß ich sterben muß!

Man reiße mich von hier aufs Blutgerüste!

Ein Augenblick, gelebt im Paradiese,

Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.

KÖNIGIN.

Und Ihre Königin?

CARLOS steht auf.

Gott, Gott! ich gehe –

Ich will Sie ja verlassen. – Muß ich nicht,

Wenn Sie es also fordern? Mutter! Mutter!

Wie schrecklich spielen Sie mit mir! Ein Wink,

Ein halber Blick, ein Laut aus ihrem Munde

Gebietet mir, zu sein und zu vergehen.

Was wollen Sie, das noch geschehen soll?

Was unter dieser Sonne kann es geben,

Das ich nicht hinzuopfern eilen will,

Wenn Sie es wünschen?

KÖNIGIN.

Fliehen Sie.

CARLOS.

O Gott!

KÖNIGIN.

Das Einzge, Karl, warum ich Sie mit Tränen

Beschwöre – Fliehen Sie! – eh meine Damen –

Eh meine Kerkermeister Sie und mich

Beisammen finden und die große Zeitung

Vor Ihres Vaters Ohren bringen –

CARLOS.

Ich erwarte

Mein Schicksal – es sei Leben oder Tod.

Wie? Hab ich darum meine Hoffnungen

Auf diesen einzgen Augenblick verwiesen,

Der Sie mir endlich ohne Zeugen schenkt,

Daß falsche Schrecken mich am Ziele täuschten?

Nein, Königin! Die Welt kann hundertmal,

Kann tausendmal um ihre Pole treiben,

Eh diese Gunst der Zufall wiederholt.[31]

KÖNIGIN.

Auch soll er das in Ewigkeit nicht wieder.

Unglücklicher! Was wollen Sie von mir?

CARLOS.

O Königin, daß ich gerungen habe,

Gerungen, wie kein Sterblicher noch rang,

Ist Gott mein Zeuge – Königin, umsonst!

Hin ist mein Heldenmut. Ich unterliege.

KÖNIGIN.

Nichts mehr davon – um meiner Ruhe willen –

CARLOS.

Sie waren mein – im Angesicht der Welt

Mir zugesprochen von zwei großen Thronen,

Mir zuerkannt von Himmel und Natur,

Und Philipp, Philipp hat mir sie geraubt –

KÖNIGIN.

Er ist Ihr Vater.

CARLOS.

Ihr Gemahl.

KÖNIGIN.

Der Ihnen

Das größte Reich der Welt zum Erbe gibt.

CARLOS.

Und Sie zur Mutter –

KÖNIGIN.

Großer Gott! Sie rasen –

CARLOS.

Und weiß er auch, wie reich er ist? Hat er

Ein fühlend Herz, das Ihrige zu schätzen?

Ich will nicht klagen, nein, ich will vergessen,

Wie unaussprechlich glücklich ich an Ihrer Hand

Geworden wäre – wenn nur er es ist.

Er ist es nicht – Das, das ist Höllenqual!

Er ist es nicht und wird es niemals werden.

Du nahmst mir meinen Himmel nur, um ihn

In König Philipps Armen zu vertilgen.

KÖNIGIN.

Abscheulicher Gedanke!

CARLOS.

O, ich weiß,

Wer dieser Ehe Stifter war – ich weiß,

Wie Philipp lieben kann und wie er freite.

Wer sind Sie denn in diesem Reich? Laß hören.

Regentin etwa? Nimmermehr! Wie könnten,

Wo Sie Regentin sind, die Alba würgen?

Wie könnte Flandern für den Glauben bluten?

Wie, oder sind Sie Philipps Frau? Unmöglich!

Ich kanns nicht glauben. Eine Frau besitzt[32]

Des Mannes Herz – und wem gehört das seine?

Und bittet er nicht jede Zärtlichkeit,

Die ihm vielleicht in Fieberglut entwischte,

Dem Zepter ab und seinen grauen Haaren?

KÖNIGIN.

Wer sagte Ihnen, daß an Philipps Seite

Mein Los beweinenswürdig sei?

CARLOS.

Mein Herz,

Das feurig fühlt, wie es an meiner Seite

Beneidenswürdig wäre.

KÖNIGIN.

Eitler Mann!

Wenn mein Herz nun das Gegenteil mir sagte?

Wenn Philipps ehrerbietge Zärtlichkeit

Weit inniger als seines stolzen Sohns

Verwegene Beredsamkeit mich rührte?

Wenn eines Greisen überlegte Achtung –

CARLOS.

Das ist was andres – Dann – ja, dann – Vergebung.

Das wußt ich nicht, daß Sie den König lieben.

KÖNIGIN.

Ihn ehren ist mein Wunsch und mein Vergnügen.

CARLOS.

Sie haben nie geliebt?

KÖNIGIN.

Seltsame Frage!

CARLOS.

Sie haben nie geliebt?

KÖNIGIN.

– Ich liebe nicht mehr.

CARLOS.

Weil es Ihr Herz, weil es Ihr Eid verbietet?

KÖNIGIN.

Verlassen Sie mich, Prinz, und kommen Sie

Zu keiner solchen Unterredung wieder.

CARLOS.

Weil es Ihr Eid, weil es Ihr Herz verbietet?

KÖNIGIN.

Weil meine Pflicht – – Unglücklicher, wozu

Die traurige Zergliederung des Schicksals,

Dem Sie und ich gehorchen müssen?

CARLOS.

Müssen?

Gehorchen müssen?

KÖNIGIN.

Wie? Was wollen Sie

Mit diesem feierlichen Ton?

CARLOS.

So viel,

Daß Carlos nicht gesonnen ist, zu müssen,

Wo er zu wollen hat; daß Carlos nicht[33]

Gesonnen ist, der Unglückseligste

In diesem Reich zu bleiben, wenn es ihn

Nichts als den Umsturz der Gesetze kostet,

Der Glücklichste zu sein.

KÖNIGIN.

Versteh ich Sie?

Sie hoffen noch? Sie wagen es, zu hoffen,

Wo alles, alles schon verloren ist?

CARLOS.

Ich gebe nichts verloren als die Toten.

KÖNIGIN.

Auf mich, auf Ihre Mutter hoffen Sie? –


Sie sieht ihn lange und durchdringend an – dann mit Würde und Ernst.


Warum nicht? O, der neu erwählte König

Kann mehr als das – kann die Verordnungen

Des Abgeschiednen durch das Feur vertilgen,

Kann seine Bilder stürzen, kann sogar –

Wer hindert ihn? – die Mumie des Toten

Aus ihrer Ruhe zu Eskurial

Hervor ans Licht der Sonne reißen, seinen

Entweihten Staub in die vier Winde streun

Und dann zuletzt, um würdig zu vollenden –

CARLOS.

Um Gottes willen, reden Sie nicht aus.

KÖNIGIN.

Zuletzt noch mit der Mutter sich vermählen.

CARLOS.

Verfluchter Sohn!


Er steht einen Augenblick starr und sprachlos.


Ja, es ist aus. Jetzt ist

Es aus. – Ich fühle klar und helle, was

Mir ewig, ewig dunkel bleiben sollte.

Sie sind für mich dahin – dahin – dahin –

Auf immerdar! – Jetzt ist der Wurf gefallen.

Sie sind für mich verloren – O, in diesem

Gefühl liegt Hölle – Hölle liegt im andern,

Sie zu besitzen. – Weh! ich faß es nicht,

Und meine Nerven fangen an zu reißen.

KÖNIGIN.

Beklagenswerter, teurer Karl! Ich fühle –

Ganz fühl ich sie, die namenlose Pein,

Die jetzt in Ihrem Busen tobt. Unendlich,

Wie Ihre Liebe, ist Ihr Schmerz. Unendlich,[34]

Wie er, ist auch der Ruhm, ihn zu besiegen.

Erringen Sie ihn, junger Held. Der Preis

Ist dieses hohen, starken Kämpfers wert,

Des Jünglings wert, durch dessen Herz die Tugend

So vieler königlichen Ahnen rollt.

Ermannen Sie sich, edler Prinz. – Der Enkel

Des großen Karls fängt frisch zu ringen an,

Wo andrer Menschen Kinder mutlos enden.

CARLOS.

Zu spät! O Gott! es ist zu spät!

KÖNIGIN.

Ein Mann

Zu sein? O Karl! wie groß wird unsre Tugend,

Wenn unser Herz bei ihrer Übung bricht!

Hoch stellte Sie die Vorsicht – höher, Prinz,

Als Millionen Ihrer andern Brüder.

Parteilich gab sie ihrem Liebling, was

Sie andern nahm, und Millionen fragen:

Verdiente der im Mutterleibe schon

Mehr als wir andern Sterblichen zu gelten?

Auf, retten Sie des Himmels Billigkeit!

Verdienen Sie, der Welt voranzugehn,

Und opfern Sie, was keiner opferte!

CARLOS.

Das kann ich auch. – Sie zu erkämpfen, hab

Ich Riesenkraft, Sie zu verlieren, keine.

KÖNIGIN.

Gestehen Sie es, Carlos – Trotz ist es

Und Bitterkeit und Stolz, was Ihre Wünsche

So heftig nach der Mutter zieht. Die Liebe,

Das Herz, das Sie verschwenderisch mir opfern,

Gehört den Reichen an, die Sie dereinst

Regieren sollen. Sehen Sie, Sie prassen

Von Ihres Mündels anvertrautem Gut.

Die Liebe ist Ihr großes Amt. Bis jetzt

Verirrte sie zur Mutter. – Bringen Sie,

O, bringen Sie sie Ihren künftgen Reichen

Und fühlen Sie, statt Dolchen des Gewissens,

Die Wollust, Gott zu sein. Elisabeth

War Ihre erste Liebe. Ihre zweite[35]

Sei Spanien! Wie gerne, guter Karl,

Will ich der besseren Geliebten weichen!

CARLOS wirft sich, von Empfindung überwältigt, zu ihren Füßen.

Wie groß sind Sie, o Himmlische! – Ja, alles,

Was Sie verlangen, will ich tun. – Es sei!


Er steht auf.


Hier steh ich in der Allmacht Hand und schwöre,

Und schwöre Ihnen, schwöre ewiges –

O Himmel! Nein! Nur ewiges Verstummen,

Doch ewiges Vergessen nicht.

KÖNIGIN.

Wie könnt ich

Von Carlos fordern, was ich selbst zu leisten

Nicht willens bin?

MARQUIS eilt aus der Allee.

Der König!

KÖNIGIN.

Gott!

MARQUIS.

Hinweg,

Hinweg aus dieser Gegend, Prinz!

KÖNIGIN.

Sein Argwohn

Ist fürchterlich, erblickt er Sie –

CARLOS.

Ich bleibe!

KÖNIGIN.

Und wer wird dann das Opfer sein?

CARLOS zieht den Marquis am Arme.

Fort, fort!

Komm, Roderich!


Er geht und kommt noch einmal zurück.


Was darf ich mit mir nehmen?

KÖNIGIN.

Die Freundschaft Ihrer Mutter.

CARLOS.

Freundschaft! Mutter!

KÖNIGIN.

Und diese Tränen aus den Niederlanden.


Sie gibt ihm einige Briefe. Karl und der Marquis gehen ab. Die Königin sieht sich unruhig nach ihren Damen um, welche sich nirgends erblicken lassen. Wie sie nach dem Hintergrunde zurückgehen will, erscheint der König.[36]


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 30-37.
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