Zweiter Auftritt


[45] König Philipp. Don Carlos.


CARLOS geht, sobald der Herzog des Zimmer verlassen hat, auf den König zu und fällt vor ihm nieder, im Ausdruck der höchsten Empfindung.

Jetzt mein Vater wieder,

Jetzt wieder mein, und meinen besten Dank

Für diese Gnade. – Ihre Hand, mein Vater. –

O süßer Tag! – Die Wonne dieses Kusses

War Ihrem Kinde lange nicht gegönnt.

Warum von Ihrem Herzen mich so lange

Verstoßen, Vater? Was hab ich getan?

PHILIPP.

Infant, dein Herz weiß nichts von diesen Künsten.

Erspare sie, ich mag sie nicht.[45]

CARLOS aufstehend.

Das war es!

Da hör ich Ihre Höflinge – Mein Vater!

Es ist nicht gut, bei Gott! nicht alles gut,

Nicht alles, was ein Priester sagt, nicht alles,

Was eines Priesters Kreaturen sagen.

Ich bin nicht schlimm, mein Vater – heißes Blut

Ist meine Bosheit, mein Verbrechen Jugend.

Schlimm bin ich nicht, schlimm wahrlich nicht – wenn auch

Oft wilde Wallungen mein Herz verklagen,

Mein Herz ist gut –

PHILIPP.

Dein Herz ist rein, ich weiß es,

Wie dein Gebet.

CARLOS.

Jetzt oder nie! – Wir sind allein.

Der Etikette bange Scheidewand

Ist zwischen Sohn und Vater eingesunken.

Jetzt oder nie! Ein Sonnenstrahl der Hoffnung

Glänzt in mir auf, und eine süße Ahndung

Fliegt durch mein Herz – Der ganze Himmel beugt

Mit Scharen froher Engel sich herunter,

Voll Rührung sieht der Dreimalheilige

Dem großen, schönen Auftritt zu! – Mein Vater!

Versöhnung!


Er fällt ihm zu Füßen.


PHILIPP.

Laß mich und steh auf!

CARLOS.

Versöhnung!

PHILIPP will sich von ihm losreißen.

Zu kühn wird mir dies Gaukelspiel –

CARLOS.

Zu kühn

Die Liebe deines Kindes?

PHILIPP.

Vollends Tränen?

Unwürdger Anblick! – Geh aus meinen Augen.

CARLOS.

Jetzt oder nie! – Versöhnung, Vater!

PHILIPP.

Weg

Aus meinen Augen! Komm mit Schmach bedeckt

Aus meinen Schlachten, meine Arme sollen

Geöffnet sein, dich zu empfangen – So

Verwerf ich dich! – Die feige Schuld allein[46]

Wird sich in solchen Quellen schimpflich waschen.

Wer zu bereuen nicht errötet, wird

Sich Reue nie ersparen.

CARLOS.

Wer ist das?

Durch welchen Mißverstand hat dieser Fremdling

Zu Menschen sich verirrt? – Die ewige

Beglaubigung der Menschheit sind ja Tränen,

Sein Aug ist trocken, ihn gebar kein Weib –

O, zwingen Sie die nie benetzten Augen,

Noch zeitig Tränen einzulernen, sonst,

Sonst möchten Sies in einer harten Stunde

Noch nachzuholen haben.

PHILIPP.

Denkst du den schweren Zweifel deines Vaters

Mit schönen Worten zu erschüttern?

CARLOS.

Zweifel?

Ich will ihn tilgen, diesen Zweifel – will

Mich hängen an das Vaterherz, will reißen,

Will mächtig reißen an dem Vaterherzen,

Bis dieses Zweifels felsenfeste Rinde

Von diesem Herzen niederfällt. – Wer sind sie,

Die mich aus meines Königs Gunst vertrieben?

Was bot der Mönch dem Vater für den Sohn?

Was wird ihm Alba für ein kinderlos

Verscherztes Leben zur Vergütung geben?

Sie wollen Liebe? – Hier in diesem Busen

Springt eine Quelle, frischer, feuriger

Als in den trüben, sumpfigen Behältern,

Die Philipps Gold erst öffnen muß.

PHILIPP.

Vermeßner,

Halt ein! – Die Männer, die du wagst zu schmähn,

Sind die geprüften Diener meiner Wahl,

Und du wirst sie verehren.

CARLOS.

Nimmermehr.

Ich fühle mich. Was Ihre Alba leisten,

Das kann auch Karl, und Karl kann mehr. Was fragt

Ein Mietling nach dem Königreich, das nie[47]

Sein eigen sein wird? – Was bekümmerts den,

Wenn Philipps graue Haare weiß sich färben?

Ihr Carlos hätte Sie geliebt. – Mir graut

Vor dem Gedanken, einsam und allein,

Auf einem Thron allein zu sein. –

PHILIPP von diesen Worten ergriffen, steht nachdenkend und in sich gekehrt. Nach einer Pause.

Ich bin allein.

CARLOS mit Lebhaftigkeit und Wärme auf ihn zugehend.

Sie sinds gewesen. Hassen Sie mich nicht mehr,

Ich will Sie kindlich, will Sie feurig lieben,

Nur hassen Sie mich nicht mehr. – Wie entzückend

Und süß ist es, in einer schönen Seele

Verherrlicht uns zu fühlen, es zu wissen,

Daß unsre Freude fremde Wangen rötet,

Daß unsre Angst in fremden Busen zittert,

Daß unsre Leiden fremde Augen wässern! –

Wie schön ist es und herrlich, Hand in Hand

Mit einem teuern, vielgeliebten Sohn

Der Jugend Rosenbahn zurückzueilen,

Des Lebens Traum noch einmal durchzuträumen!

Wie groß und süß, in seines Kindes Tugend

Unsterblich, unvergänglich fortzudauern,

Wohltätig für Jahrhunderte! – Wie schön,

Zu pflanzen, was ein lieber Sohn einst erntet,

Zu sammeln, was ihm wuchern wird, zu ahnden,

Wie hoch sein Dank einst flammen wird! – Mein Vater,

Von diesem Erdenparadiese schwiegen

Sehr weislich Ihre Mönche.

PHILIPP nicht ohne Rührung.

O, mein Sohn,

Mein Sohn! du brichst dir selbst den Stab. Sehr reizend

Malst du ein Glück, das – du mir nie gewährtest.

CARLOS.

Das richte der Allwissende! – Sie selbst,

Sie schlossen mich, wie aus dem Vaterherzen,

Von Ihres Zepters Anteil aus. Bis jetzt,

Bis diesen Tag – o, war das gut, wars billig? –

Bis jetzt mußt ich, der Erbprinz Spaniens,[48]

In Spanien ein Fremdling sein, Gefangner

Auf diesem Grund, wo ich einst Herr sein werde.

War das gerecht, wars gütig? – O, wie oft,

Wie oft, mein Vater, sah ich schamrot nieder,

Wenn die Gesandten fremder Potentaten,

Wenn Zeitungsblätter mir das Neueste

Vom Hofe zu Aranjuez erzählten!

PHILIPP.

Zu heftig braust das Blut in deinen Adern.

Du würdest nur zerstören.

CARLOS.

Geben Sie

Mir zu zerstören, Vater. – Heftig brausts

In meinen Adern – Dreiundzwanzig Jahre,

Und nichts für die Unsterblichkeit getan!

Ich bin erwacht, ich fühle mich. – Mein Ruf

Zum Königsthron pocht, wie ein Gläubiger,

Aus meinem Schlummer mich empor, und alle

Verlorne Stunden meiner Jugend mahnen

Mich laut wie Ehrenschulden. Er ist da,

Der große, schöne Augenblick, der endlich

Des hohen Pfundes Zinsen von mir fordert:

Mich ruft die Weltgeschichte, Ahnenruhm

Und des Gerüchtes donnernde Posaune.

Nun ist die Zeit gekommen, mir des Ruhmes

Glorreiche Schranken aufzutun. – Mein König,

Darf ich die Bitte auszusprechen wagen,

Die mich hierher geführt?

PHILIPP.

Noch eine Bitte?

Entdecke sie.

CARLOS.

Der Aufruhr in Brabant

Wächst drohend an. Der Startsinn der Rebellen

Heischt starke, kluge Gegenwehr. Die Wut

Der Schwärmer zu bezähmen, soll der Herzog

Ein Heer nach Flandern führen, von dem König

Mit souveräner Vollmacht ausgestattet.

Wie ehrenvoll ist dieses Amt, wie ganz

Dazu geeignet, Ihren Sohn im Tempel[49]

Des Ruhmes einzuführen! – Mir, mein König,

Mir übergeben Sie das Heer. Mich lieben

Die Niederländer; ich erkühne mich,

Mein Blut für ihre Treue zu verbürgen.

PHILIPP.

Du redest wie ein Träumender. Dies Amt

Will einen Mann und keinen Jüngling –

CARLOS.

Will

Nur einen Menschen, Vater, und das ist

Das einzige, was Alba nie gewesen.

PHILIPP.

Und Schrecken bändigt die Empörung nur.

Erbarmung hieße Wahnsinn. – Deine Seele

Ist weich, mein Sohn, der Herzog wird gefürchtet –

Steh ab von deiner Bitte.

CARLOS.

Schicken Sie

Mich mit dem Heer nach Flandern, wagen Sies

Auf meine weiche Seele. Schon der Name

Des königlichen Sohnes, der voraus

Vor meinen Fahnen fliegen wird, erobert,

Wo Herzog Albas Henker nur verheeren.

Auf meinen Knien bitt ich drum. Es ist

Die erste Bitte meines Lebens – Vater,

Vertrauen Sie mir Flandern –

PHILIPP den Infanten mit einem durchdringenden Blick betrachtend.

Und zugleich

Mein bestes Kriegsheer deiner Herrschbegierde?

Das Messer meinem Mörder?

CARLOS.

O mein Gott!

Bin ich nicht weiter, und ist das die Frucht

Von dieser längst erbetnen großen Stunde?


Nach einigem Nachdenken, mit gemildertem Ernst.


Antworten Sie mir sanfter! Schicken Sie

Mich so nicht weg! Mit dieser übeln Antwort

Möcht ich nicht gern entlassen sein, nicht gern

Entlassen sein mit diesem schweren Herzen.

Behandeln Sie mich gnädiger. Es ist

Mein dringendes Bedürfnis, ist mein letzter,[50]

Verzweifelter Versuch – ich kanns nicht fassen,

Nicht standhaft tragen wie ein Mann, daß Sie

Mir alles, alles, alles so verweigern. –

Jetzt lassen Sie mich von sich. Unerhört,

Von tausend süßen Ahndungen betrogen,

Geh ich aus Ihrem Angesicht. – Ihr Alba

Und Ihr Domingo werden siegreich thronen,

Wo jetzt Ihr Kind im Staub geweint. Die Schar

Der Höflinge, die bebende Grandezza,

Der Mönche sünderbleiche Zunft war Zeuge,

Als Sie mir feierlich Gehör geschenkt.

Beschämen Sie mich nicht! So tödlich, Vater,

Verwunden Sie mich nicht, dem frechen Hohn

Des Hofgesindes schimpflich mich zu opfern,

Daß Fremdlinge von Ihrer Gnade schwelgen,

Ihr Carlos nichts erbitten kann. Zum Pfande,

Daß Sie mich ehren wollen, schicken Sie

Mich mit dem Heer nach Flandern!

PHILIPP.

Wiederhole

Dies Wort nicht mehr, bei deines Königs Zorn!

CARLOS.

Ich wage meines Königs Zorn und bitte

Zum letztenmal – vertrauen Sie mir Flandern.

Ich soll und muß aus Spanien. Mein Hiersein

Ist Atemholen unter Henkershand –

Schwer liegt der Himmel zu Madrid auf mir,

Wie das Bewußtsein eines Mords. Nur schnelle

Veränderung des Himmels kann mich heilen.

Wenn Sie mich retten wollen – schicken Sie

Mich ungesäumt nach Flandern.

PHILIPP mit erzwungener Gelassenheit.

Solche Kranke

Wie du, mein Sohn, verlangen gute Pflege

Und Wohnen unterm Aug des Arzts. Du bleibst

In Spanien; der Herzog geht nach Flandern.

CARLOS außer sich.

O, jetzt umringt mich, gute Geister –

PHILIPP der einen Schritt zurücktritt.

Halt!

Was wollen diese Mienen sagen?[51]

CARLOS mit schwankender Stimme.

Vater,

Unwiderruflich bleibts bei der Entscheidung?

PHILIPP.

Sie kam vom König.

CARLOS.

Mein Geschäft ist aus.


Geht ab in heftiger Bewegung.


Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 2, München 31962, S. 45-52.
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