Neujahrswunsch eines Knaben an seinen Vater

[394] Dank dir, o Himmel, festlich laute Wonne!

Noch lebt dein Liebling, mein Papa.

So dacht' ich heut, als ich empor zur Sonne

Mit ihren ersten Strahlen sah.


Wo ist der Knabe, der die Freude

Des jungen Herzens ganz versteht,

Wenn er voll Inbrunst an der Seite

Des hochgeliebten Vaters steht?


Vor einem Vater, der die Tugend

Und Weisheit in der Seele trägt,

Und dessen Busen unsrer Jugend

Voll Zärtlichkeit entgegen schlägt.[394]


So steh' ich hier! – Ich armer Knabe

Empfinde meine Schwäche heut,

Denn ach, wo sind' ich eine Gabe

So groß, wie meine Dankbarkeit?


Doch Vater, nein! du forderst statt der Gaben

Ein treues kindliches Gemüth,

Worin dein Bildniß eingegraben

Und wo Entschluß zur Tugend glüht.


Drum will ich mich zu Gott erheben:

Mach mich gehorsam, gut und treu,

Daß ich in meinem ganzen Leben

Des besten Vaters würdig sei.


Gib mir Philotas Heldenliebe,

Den Muth des jungen Werdomar;

Schenk mir des kleinen Joels Triebe,

Fromm mög' ich sein, wie Nephtah war.


Doch wenn ich nicht in meinem Leben

Des Vaters Lust und Freude bin;

So nimm Gott, was du mir gegeben,

Mein Leben in der Blüthe hin.

Quelle:
Christian Friedrich Daniel Schubart: Gedichte. Leipzig [o.J.], S. 394-395.
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