Bronniza, den 8. Juni

[696] Damit Du nun nicht umsonst ein Dutzend Geographien nachschlägst, will ich Dir sogleich sagen, daß Bronniza die erste Post fünfunddreißig Werste hinter Nowogorod nach Moskau ist; ein Nest, wo es sich nach Mühseligkeit und Plage wohl noch eine Nacht ausruhen läßt. Das ist jetzt mein Fall. Denn Du mußt wissen, als ich gegen Abend aus Nowogorod abfuhr, taten sich alle Fenster des Himmels auf, und der Regen stürzte stürmend bis zum Erstarren kalt auf meine offene Posttelege herab. Ich lag auf einer Handvoll Stroh auf der Achse des rasselnden Karrens, schon die erste Viertelstunde bis auf die Haut naß, und ließ zitternd und mürrisch trotzig die Sündflut über mich hergießen. Eine Regennacht ist unter dem hiesigen Himmel noch in diesem Monate wie bei uns im März oder im späten Herbste. Was kann das Elegieren helfen? Ich will nur den Faden wieder aufnehmen und mich und Dich hierherbringen. Die schlechten Auftritte müssen bei einer größern Reise schon zu Hause mit eingerechnet werden. Das Wetter war in Reval unfreundlich und mein Fuß nicht in baulichem Wesen, so daß ich mich einige Male auf der Droschke herumbugsieren ließ, um die Gegend und vorzüglich den Hafen zu sehen. Ohne Bau ist in Reval kein Hafen, sondern nur eine Reede, und obgleich der Bau durch die hervorspringende Landspitze links an der Stadt etwas vor der Macht des Sturms geschützt wird, so möchte doch eben dieser Punkt noch immer sehr mißlich sein, wenn der Nordwest anhaltend wütet. Die Lage hat etwas Ähnliches mit Catanien gegen den Nordost, nur ist Catanien nicht so sehr als Reval durch den Vorsprung gedeckt und wird wohl schwerlich einen sichern Hafen bekommen, wenn ihn[696] nicht einmal glücklicher- oder unglücklicherweise der Nachbar Ätna macht. Mit russischer Anstrengung und russischem Aufwand mag es in Reval glücken; das kann man aber in Sizilien nicht leisten.

Schon das Eichenwäldchen bei Riga an der Roten Düna war mir als eine Pflanzung Peters des Ersten immre ein angenehmer Gang; noch mehr war es hier Katharinenthal, das nicht so weit von der Stadt liegt und eine freundlichere Erscheinung macht. Es ist auch der gewöhnliche und, wie mir es scheint, der einzige Vergnügungsort der guten Leutchen aus Reval. Bei unserm Auszug aus Reval, ich glaube den einundzwanzigsten Mai, schneite und stiebte es hoch und kalt. Jedermann beschwert sich hier über das späte und schlechte Frühjahr; und ich bin eben jetzt nicht gestimmt, der Advokat des Himmels zu werden. Mein Fuhrmann war der nämliche, mit dem ich in Reval einzog; und sein großer, bedeckter, britschkenartiger Wagen hatte, trotz der Ladung an Gütern, doch noch ziemlich viel Bequemlichkeit. Meine Gefährten waren ein junger Mensch aus Reval, der nach Petersburg in ein Handlungshaus ging, und der mir von seinem Vater, einem alten Hofrat und Schulmanne, geflissentlich empfohlen worden war, und ein Drechsler aus Kopenhagen, der auch in das Eldorado an der Newa zog. Der Bruder Kopenhagener Drechsler hatte sein bißchen Sittsamkeit vermutlich schon am Sunde gelassen und in Reval nicht viel davon wiedergewonnen, seine Reden waren also für den jungen Menschen freilich wohl unterrichtend, aber nicht auf die beste Weise und gar nicht erbaulich. Er schlug einige Male mit Zötchen an und aus. Ich schwieg und blickte dann ernst und brummte dann; und sagte ihm dann so katonisch als ich konnte, daß er über seine Gesinnung und sein Leben selbst richten möchte nach seiner Überzeugung,[697] daß er sich aber hüten sollte, seine Sittenlosigkeit vor jungen Leuten zur Schau zu tragen, wodurch er schlecht und verächtlich würde. Nach einigen Alltagsremonstranzen ergab er sich denn der Wahrheit und blieb die ganze Zeit über in den Grenzen des Anständigen. Das Nonplusultra seiner Freiheit in dieser Art war die öftere Wiederholung der Melodie:


»Du weißt es nicht, wie gut ich bin,

Mein Herz hegt zarten Liebessinn.«


welche er wirklich mit einem Ausdruck von feinem Instinkt sang, daß ich mich mit ihm und Schikaneder aussöhnte, welches aber wohl mehr das Verdienst der Musik war. Der Mensch war übrigens nichts als ein ehrlicher, etwas liederlicher Handwerksbursche, dem zum Gutsein nur etwas ernsthafte Überlegung und gute Gesellschaft fehlte.

In Reval hatte ich aller Wahrscheinlichkeit nach geglaubt, den Herrn von Kotzebue zu finden. Er war auch noch den Tag vorher dagewesen, aber aufs Land gegangen. Ich konnte so viel Zeit nicht aufwenden, noch Nebenpartien zu machen, reiste also ab, ohne ihn gesehen zu haben. Unterwegs trafen wir in einigen Wirtshäusern nacheinander einen Wagen mit Reisenden, welche, wie ich hörte, Kaufleute aus Reval waren. Ein Wort gibt das andre. Es wurde auch von Kotzebue geredet, und einer der Schützlinge Merkurs sagte ganz ehrlich gläubig, Kotzebue wolle nach Königsberg gehen und drei Monate dortbleiben, um die preußische Geschichte zu schreiben. »In drei Monaten?« sagte ich. »Ja, in drei Monaten«; sagte er. »Er hat schon viele Materialien gesammelt und viel vorgearbeitet.« Nun in drei Monaten möchte er wohl eine preußische Geschichte schreiben, aber nicht die preußische Geschichte. Ich hörte die alberne Anekdote noch[698] verschiedene Male wiederholen und kann nicht begreifen, wie man Kotzebues Kopfe so etwas beimessen kann. Wahrscheinlich will er während der drei Monate einige Dokumente zu dieser Geschichte genauer prüfen und benutzen. Mich deucht aber überhaupt, weder Kotzebue noch Müller müssen eine preußische Geschichte schreiben, eben weil sie preußische Historiographen sind. Wie können sie die Kollisionen vermeiden, die notwendig entstehen müssen, oder dem Vorwurf der Einseitigkeit entgehen? Müller kann in Berlin wohl die Schweizer Geschichte schreiben. Man darf nun leider nicht in einem Lande sein, um über ein Land Wahrheit zu sagen; wenigstens darf man mit dem Lande in keinen Verhältnissen stehen. Freilich ist dies kein Lob unserer Liberalität, aber es ist nun so, an der Spree und an der Elbe und der Seine und der Newa. London ist vielleicht, aber auch nur vielleicht, noch der einzige Ort, wo die Unbefangenheit ohne Rücksicht auftreten darf. Karamsin wird uns auch keine russische Geschichte geben, am allerwenigsten die Geschichte der ganz neuen Zeit. Auch hat Karamsins Geist, so weit ich ihn kenne, nicht den tiefern Ernst eines Geschichtsforschers.

Meinen warmen Rock hatte ich als nunmehr überflüssig in Dorpàt gelassen und mußte einige Male für meinen Übermut vor Frost zittern. Die Wirtshäuser sind ungewöhnlich schlecht, fast auf gleichem Fuß mit den polnischen und litauischen, und unser Fuhrmann brachte uns allem Anschein nach in solche, wo für sein Vieh besser gesorgt war als für seine Passagiere. Ich hielt mich unter diesen Umständen kontraktmäßig mit an den Speisekorb des jungen Herrn, dem mich seine liebe Mutter als Quasihofmeister zugegeben hatte, und tat nach meinem Gewissen mein Bestes in der Aufsicht und im Essen. Zu Jewe besuchte ich auf ein[699] Stündchen den Probst Koch, den Erzieher einiger Kinder von Kotzebue, konnte aber nicht so lange bleiben, um alle die alten und neuen Merkwürdigkeiten der Gegend in Augenschein zu nehmen. Die Umgebungen sind eben nicht vielversprechend, und die alten Erzählungen von der Unsicherheit des dortigen Waldes trugen nichts dazu bei, meine Meinung besser zu stimmen. Der Oberst Eckermann mit seinem soliden Pferdestalle, den er noch auf viele Jahrhunderte nach dem jüngsten Tage gebaut hat, mag allerdings für die Leutchen dort ein ganz komischer, genialisch unterhaltender Mann sein; mich konnte weder er noch sein Pferdestall aufhalten. Ich lief schon wieder recht rüstig voraus und hatte mich im Walde hingesetzt, mir in einem kleinen Bache die Füße zu waschen. »Was macht Ihr da, liebes Väterchen!« rief mir ein alter, bärtiger Russe zu, der vorbeifuhr. Ich konnte mich nicht gleich auf die Antwort im Russischen besinnen; und indem ich mich besann, machte meine Miene sonderbar genug aussehen, während ich mit den Füßen in dem kalten Wasser rührte. »Mein Gott«, sagte er zu seinen Gefährten, »der arme Mann hat den Verstand verloren.« Das Bad bekam aber meinen Füßen vortrefflich, und es ging immer besser und besser. Eine schöne und schön bebaute Gegend ist noch das Gut und die Postierung Waimar, nicht weit von Narwa, die dem Baron Arps gehört, der zu seiner Zeit den nordischen Herren als reicher Geldnegotiant bekannt war. Nicht weit davon schliefen wir in einem einsamen Wirtshause, in der Nähe einer alten Kirche, die man die Peterskirche oder nur die Schwedische Kirche hieß. Es wurde dort gebaut, und das ganze Haus war voll Russen, die bei dem Bau arbeiteten. Das sang und trank und sprang alles durcheinander mit der größten Jovialität und Gutmütigkeit bis zur[700] Vergessenheit. Vorzüglich zeichneten sich zwei Brüder aus, wovon einer dem andern die Wohltat des Branntweins bis zur Obermacht aufzwang. »Du bist nicht mein Bruder«, hieß es, »bist ein schlechter Kerl, ein Taugenichts; ich werde dich bei der Mutter verklagen; du kannst ja gar nicht trinken.« Der andere arme Teufel hatte sich schon mit seiner völligen Ladung hinauf zu Bette geschrotet, aber sein Bruder, der größere Held, brachte ihn wieder herab aus der Bucht und verfolgte ihn mit dem Glase in der Hand bis zum letzten Punkt der schweren Seligkeit.

Als eine Charakterzeichnung der gesetzlichen Verhältnisse und der schönen Liberalität der Machthaber in Livland ist mir noch oft vorgekommen, daß ich hier und da an der Wand eine große Peitsche hängen sah. »Das sind unsere Landesgesetze«, sagte man, als ich das Instrument mit einiger Aufmerksamkeit betrachtete. »Weiter haben wir keine, und weiter brauchen wir keine.« Alles ist so ziemlich aus der Seele der Peitschenträger herausgesprochen, die wirklich gern möchten, daß es weiter keine Gesetze gäbe, und meistens handeln, als ob es so wäre.

Bei Narwa sah ich den Wasserfall nicht, weil man zu eilig war. So kommt es, wenn man nicht allein ist und nicht auf seinen eigenen Füßen geht. Es ärgerte mich nachher etwas, denn nach der Beschreibung und nach dem allgemeinen Anblick der Gegend muß er sehr schön sein. Die Narwa führt bekanntlich das Wasser des Peipus herab in die Ostsee oder in den Finnischen Meerbusen. Der Lage nach zu urteilen müssen dergleichen unschiffbare Stellen auf der Narwa oder dem nördlichen Kanale mehrere sein, und es wäre wohl ein Gedanke, ob man durch Brechung und Reinigung nicht den ganzen Fluß für Fahrzeuge gangbar machen könnte. Bis jetzt ist er es nur bis Narwa.[701] Die Schiffbarkeit des Flusses wäre sodann noch das Wenigste, was man dadurch gewänne. Mich deucht, durch Wegbrechung der Felsenhöhen würde das Wasser oben mehr und stärker herab nach der großen See zu fallen, und links und rechts an dem Peipus, in Livland und nach Pleskow, würde man durch den Abzug beträchtliche Strecken Land erhalten, die man denn nun auch dort schon brauchen könnte. Der Sumpf rund um den See würde sich wenigstens sehr verlieren. Der See würde immer noch groß genug bleiben für die Fischerei, welches der einzige Vorteil ist, den man für die umliegende Gegend daraus zieht. Bei nassen Jahren muß die Versumpfung beträchtlicher sein, da nur allein zwei so stattliche Flüsse wie die Embach bei Dorpat und die Welika bei Pleskow hineinfallen. Man hat ja wohl in Rußland größere Werke unternommen und ausgeführt. Ich gebe dieses nur als eine Idee, deren Ausführbarkeit erst von einer nähern Untersuchung bestimmt werden muß.

Gamburg will trotz allen Bemühungen der vorigen Regierungen und ungeachtet seiner vorteilhaften Lage an dem Flusse sich nicht heben. Die Gegend umher ist ziemlich öde; und wie sollen Städte gedeihen in einer Wüste? Die Städte wachsen nur, wenn nicht andere ungewöhnliche Ursachen eintreten, im Verhältnisse der Kultur des Landes umher. Auch scheint überall die Strenge der Zolleinrichtungen dem Emporkommen junger Pflanzungen dieser Art oder ihrem Wiederaufleben hinderlich zu sein. Nach meiner Überzeugung dürfte Rußland seinem Handel wenigstens noch hundert Jahre völlige uneingeschränkte Freiheit geben und könnte sicher sein, immer im Vorteil zu bleiben. Was es an einem Artikel verlöre, würde es an andern doppelt gewinnen; und der allgemeinen Kultur würde eine solche Liberalität nicht anders als vorteilhaft[702] sein. Auch die Krone würde an ihren Einkünften wenig oder nichts einbüßen, und für das Wohl des Ganzen dürfte doch der Regierung auch eine kleine Aufopferung nicht zuviel sein. Die Hauptbedingung wäre wohl, daß man alle fremde Artikel soviel als möglich in russischen Schiffen herbeischaffte. Aber blühende Schiffahrt ist wieder ohne Personalfreiheit nicht denkbar. In andern Staaten, die in ihrer Kultur weiter sind und ihre Volksmenge mit Anstrengung nähren müssen, treten andere Rücksichten über den Handel ein.

Koskolowa ist das einzige gute Wirtshaus zwischen Narwa und Petersburg, einige Posthäuser ausgenommen. Ingermannland ist allerdings etwas ärmer als Livland, aber in der Tat etwas wohlhabender. Die Häuser sind nicht mehr so finstere, traurige Rauchlöcher; sie haben meistens schon freundliche, helle Fensterchen, die hier und da niedlich ausgeschnitzt und bemalt sind; auch findet man nicht selten wieder Schornsteine. Das spricht zum Vorteil des hiesigen Adels. Aber die vorzügliche Ursache ist wohl, weil hier schon sehr viel Russen wohnen, und der Russe ist überall tätiger und läßt sich nie so weit herabwürdigen als der Lette und Este. Wo Du in Livland einen Schornstein siehst, ist es sicher des Edelmanns Krug oder Branntweinsküche. Wir gingen über Ropscha und Strelna, und nicht über Krasno Selo.

Strelna, wo das Schloß des Großfürsten Konstantin ist, liegt angenehm genug zwischen Kronstadt und Petersburg. Die Kultur fängt nun hier an durchaus besser zu werden. Von Strelna aus sieht man rechts schon eine große Menge Landhäuser der Vornehmen aus Petersburg; und auf der zweiten Hälfte, vorzüglich den letzten sechs Wersten, gehen sie links und rechts ununterbrochen fort. Eine solche Nachbarschaft hat, soviel ich weiß, keine große Stadt in Europa als Petersburg[703] von dieser Seite. Es ist aber auch nur von dieser Seite, die andern sind verhältnismäßig bei weitem nicht so voll. Der Eingang in die Stadt selbst ist zu Lande nicht so glänzend, als man nach den prächtigen Villen wohl denken sollte. Aber wirklich groß und überraschend und vielleicht einzig ist die Fahrt zu Wasser von dem Galeerenhof herauf, und ebenso von oben auf dem Fluß von dem Stückhof herab. Wer aber dann die Newa hinauf- und herabgefahren ist und einige Gänge an dem Kai und den Ufern auf- und ab gemacht hat, kann auch sogleich mit Wahrheit bestimmt sagen, daß er das Glänzendste und in jeder Rücksicht das Merkwürdigste von Petersburg gesehn hat. Ich halte also den Engländer eben nicht für den tollsten Grillenfänger, der in London von Petersburg las, sich auf ein Schiff setzte, herüberfuhr, den Kai und die Balustrade am Sommergarten besah, ins Boot stieg und so zu Wasser wieder abreiste. Um die neue sonderbare, mächtige Kapitale also wirklich sogleich in ihrer größten Pracht zu erblicken, muß man zu Schiffe kommen; und ich kam nicht zu Schiffe. Dafür hatte ich den Vorteil, daß die Stadt bei mir immer gewann, welches bei denen, die vom Schiffe steigen, wohl nicht ganz der Fall sein mag. Städte und Gegenden und Menschen und ihre Pracht anzustaunen ist eben nicht meine Sache, wie Du weißt, aber wo ich Großes und Gutes sehe, bleibe ich mit Achtung stehen. Bis zur Bewunderung steigt meine Seele nur selten. Hier habe ich bewundert, wenn ich dachte, daß da, wo Paläste stehen und Monumente, die man kühn unter die größten zählen darf, da, wo sich Menschen drängen und in Glanz und Üppigkeit leben, wo eine kolossalische Macht jetzt ihre Propyläen errichtet hat, daß da vor hundert Jahren nichts war als rund umher eine ungeheure Sumpfgegend mit einigen Fischerhütten.[704]

Das ist Größe. Ob auch Güte, ist eine andere Frage. Vielleicht gelingt es Alexander, das Große gut zu machen, dann ist er größer als die übrigen. Petersburg ist mehr als Berlin und Wien und ist es in einem Jahrhundert geworden. Der Russe in seinem heißen Patriotismus findet es auch besser als Paris und Rom. Da hat er Recht, aber nur im einzelnen, und wird es ganz haben, wenn das Ganze fertig sein wird. Es ist schade, daß bei der großen, schönen Anlage nicht auch immer ein großer, schöner, reiner Geschmack in der Ausführung herrschte. Man hat in Petersburg keine einzige schöne Kirche, wie man sie nämlich in Petersburg bei solchen Unternehmungen zu erwarten berechtigt ist. Die Isaakskirche ist von außen ein schwerer, unförmlicher, winkeliger Marmorhaufen, dem keine Kunst mehr helfen kann. Die neue kasanische Kirche, die eben gebaut wird, hat schon den Nachteil, daß sie zu nahe an dem Kanale steht und feuchten Grund haben muß, wenn man ihr auch durch Wegschaffung der nahen Gebäude Platz und Tag macht. Soviel ich aus der Anlage gesehen habe, wird sie zwar groß und prächtig werden, Schönheit aber und hohe Einfalt habe ich noch nicht entdecken können. Nur blinde Vorliebe für das Vaterländische kann sich einbilden, daß sie mit der Peterskirche am Vatikan wetteifern werde. Der Kai an der Newa herab vom Stückhof bis zum Galeerenhof ist einzig, soviel ich gesehen habe; und die Säulen an der Balustrade des Sommergartens werden, in der alten und neuen Kunst, vielleicht nur von den Säulen des Pantheons in Rom übertroffen. Hier und dort ist der Schaft aus einem einzigen Stücke. Weder bei den Säulen in Agrigent noch in Pästum ist das der Fall. Nur die Säulen in der Kathedrale zu Messina, die aus dem alten Neptunstempel am dortigen Pharus genommen sind,[705] dürften ihnen noch den Rang streitig machen. Ich spreche bloß von dem, was ich gesehen habe. Was in Griechenland noch Großes und Schönes in dieser Rücksicht sein mag, weiß ich nicht. Paris hat nichts aufzuweisen, was den beiden oben erwähnten Stücken in Petersburg gleichkäme; deswegen möchte ich aber Petersburg noch nicht für besser und schöner halten. Einzeln ist Petersburg größer, im ganzen Paris; Rom übertrifft beide vorzüglich durch die Größe dessen, was es noch aus dem Altertum hat. Es ist schade, daß der Sommergarten nicht auch von den andern zwei Seiten, denn von den entgegengesetzten schließt ihn der Michailowsche Palast, gehörig umgeben ist, wenn es auch nicht ganz nach dem großen Maßstabe an der Newaseite wäre. Der Schloßplatz in Petersburg ist unstreitig der schönste und größte in Europa, trotz seiner Unregelmäßigkeit. Die große Parade auf demselben ist in jeder Rücksicht, an Zahl und Schönheit der Mannschaft und des Aufzugs, besser als die große Parade von den Tuilerien in Paris; auch in der Haltung. Wenn an der Seine bessere Krieger sind, so beseelt sie bloß ein besserer Geist. Ich habe beide mit Aufmerksamkeit gesehen und spreche ohne Vorurteil nach Überzeugung. Es hat mir wohlgefallen, wenn der Kaiser Alexander, der schöne, liebenswürdige junge Mann, ohne Furcht und Zwang zur Parade und von der Parade den langen Weg durch die gemischte, dichtgedrängte Volksmenge aller Klassen und Nationen offen und freundlich hinging, ohne daß jemand einen Erlaubniszettel nötig hatte, ihm so nahe zu sein, als es der öffentliche Anstand erlaubt. Der Schloßplatz hat zwar durch die Anlage der Promenade um die Admiralität herum an Raum beträchtlich verloren, ist aber deswegen immer noch der größte, den ich in irgendeiner Stadt kenne; den heiligen Petersplatz in[706] Rom nicht ausgenommen. Auch schon diese Anlage allein ist eine Unternehmung, die anderwärts Bewunderung erregen würde. Nur den Grund gehörig auszufüllen, zu ebnen und zu erhöhen, selbst über Kanäle hinweg, eine starke Viertelstunde Weges, war eine Arbeit, die in andern Hauptstädten nicht ohne große Anstrengung geschehen wäre, und ich begreife jetzt noch kaum, woher man eine so große Menge der schönsten, schenkelstarken jungen Lindenbäume in einem Klima wie Petersburg so schnell zusammengebracht hat. Die Stämme sind gegen die Strenge der Witterung alle hoch mit Moos umwickelt, stark gestützt und werden mit großer Sorgfalt behandelt. In einigen Jahren wird der Platz, wenn er so fortgepflegt wird und gedeiht, gewiß einer der schönsten Spaziergänge, die man nur aufzuweisen hat. Wer vor dem Tore der Admiralität als dem besten Punkte zum Orientieren steht und in die drei Hauptperspektiven hinuntersieht, hat allerdings einen Anblick, so groß man ihn vielleicht in ganz Europa nicht findet. Die Newskyperspektive ist die größte und schönste. Diese Hauptstraße ist so breit, daß der Kaiser Paul in der Mitte eine schöne Allee von Linden auf erhöhtem Grunde für die Fußgänger angelegt hat, und auf jeder Seite können doch noch drei große Wagen sehr bequem nebeneinander fahren. Nicht viel weniger Breite haben noch einige andere Straßen. Die ehemals so berühmte Million wird jetzt kaum mehr zu den Hauptstraßen gezählt, so sehr sie sich auch durch die Pracht einzelner Gebäude auszeichnet. Nun sind freilich die Petersburger, nach der Gewohnheit aller patriotischen Enthusiasten, auf diese Schönheiten noch stolzer, als sie wohl Ursache haben. »Ist das nicht das Größte und Prächtigste, was man sich denken kann?« wurde ich gefragt. »Ja«, war meine Antwort, »wenn es fertig[707] sein wird.« Man sah mich an; und ich war genötigt, bemerklich zu machen, daß die Ungleichheit und oft barocke Unregelmäßigkeit der Gebäude durchaus noch nicht der Pracht der Anlage entspreche. Man fragte mich, wo denn das zu finden wäre. »Der Toledo in Neapel«, war meine Antwort, »besteht ganz und gar und ganz regelmäßig fast aus lauter solchen Gebäuden, wie hier die schönsten sind, und hat viele noch schönere. Und die Hafenseite in Messina ist noch in ihren Ruinen so schön und groß als die beste Straße in Petersburg.« Das war freilich ungalant, aber abgeforderte Wahrheit. Indessen hat auch ganz Italien keine Straße aufzuweisen, die dem gleichkommt, was man noch jetzt in der Hafenseite von Messina erblickt. Das sogenannte Marsfeld zwischen dem Marmorpalast, dem Michailowschen Schlosse und dem großen und kleinen Sommergarten ist zwar ein Diminutiv gegen das Pariser, es hat aber den Vorteil, daß es mitten in der Stadt liegt. Suworows eherne Bildsäule zu Fuße, am Ende desselben, ist zwar kein gutes Kunstwerk nach dem Maßstabe der Alten, aber doch auch nicht ganz schlecht zu nennen, wie die Tadler schreien. Ein Mißgriff, wie viele andere, war es vom Kaiser Paul, nach Katharinens Unternehmung noch eine Statue Peters des Ersten zu geben, wo er den Charakter der ruhigen Größe ausdrücken wollte und in Härte, Frost und steife Gezwungenheit geriet. Seine Inschrift sticht ebenso gezwungen ab gegen die hohe Einfalt der andern. Er hat gesetzt: »Dem Vater der Vorväter«; dort steht, wie bekannt: »Peter dem Ersten – Katharina die Zweite.«

Eben war ich mit meinem Wirt und Freunde in einer gemütlichen und traulichen Unterredung, da trat ein großer, ernster, charaktervoller Mann herein, mit finsterem, fast mürrischem Gesichte, warf seinen Federhut[708] und Stock nachlässig auf einen Seitentisch und schritt schweigend einige Male im Zimmer auf und ab. Der Mann war Klinger; er kam von der Kaiserin. »Kinder!« sagte er mit dem Tone der tiefen, männlichen Rührung, »Schiller ist tot!« Werter hätte mir Klinger in langer Zeit nicht werden können als in diesem einzigen Moment durch diesen Ton, ob er mir gleich keine traurigere Nachricht hätte bringen können. Es war der Ton der wahren Teilnahme, mit welcher der Mann von Wert von einem Manne spricht, dessen Wert er mit reiner Freude anerkannte. Die Großfürstin Maria von Weimar hatte mit den kleinsten Umständen und dem ganzen Ausdruck einer schönen Seele den Todesfall sogleich ihrer Mutter in Petersburg gemeldet; und nie ist wohl ein Nationaldichter so allgemein betrauert worden als Schiller an der Newa. Wie groß muß nicht die Bestürzung und Trauer der Seinigen und seines ganzen dankbaren Vaterlandes sein!

Vorigen Sonntag war ich in einer hiesigen katholischen Kirche, die der Kaiser Paul mit allen großen Appertinenzen, nicht ohne Vorwurf der Ungerechtigkeit, der Gemeinde genommen und den Jesuiten gegeben hat. Sie ist in Rücksicht der Bauart wohl die einzige schöne Kirche in Petersburg. Es predigte ein Pater Jesuit Deutsch mit großem Feuereifer gegen die Greuel der Verführung durch die Aufklärung, natürlich durch die falsche. Aber welche ist diesen Herren wohl die rechte? Er führte dabei einige nichtsbeweisende Beweissprüche an. Solange man als die reinste Quelle göttlicher Wahrheit und als die heiligste Norm der vollendetsten Moral ein Buch aufstellt, dessen Inhalt dunkel und widersprechend, selten auf das Leben bezogen und voll moralischer Inkonsequenzen ist, und dessen wahres, brauchbares Gute auf unhaltbaren[709] Gründen eines finstern theosophischen Enthusiasmus beruht, wird die wahre wohltätige Aufklärung weder in der Kirche noch im Staate feste Wurzel schlagen. Ich kenne selbst jetzt noch mehrere, deren bißchen Verstand über der prophetischen Theologie apokalyptisch zugrunde gegangen ist, und es ist kein leichterer und gewöhnlicherer Sprung als vom Kardinal zum Atheisten, auch soll sich beides sogar zuweilen recht gut vertragen, wie die Geschichte sagt.

Lot trieb im Traubenrausch Unzucht mit seinen Töchtern, der war der frömmste Mann seiner Stadt. Das mag noch gehen, denn die andern wurden vertilgt wegen ihrer Bosheit. Abraham stieß seinen eigenen hoffnungsvollen Sohn mit der Mutter zum Raube des Mangels und der Angst hinaus in das Unwirtbare, um einen Sprößling zu verzärteln, dessen Abkunft sehr problematisch war. Der war ein Vater der Gläubigen. Jakob betrog seinen Schwiegervater um die Schafe und seinen wackeren, ehrlichen Bruder um die Liebe seiner Eltern. Der Bruder wuchs und gedieh durch die Größe und Reinheit seiner Natur und vergab großmütig dem furchtsamen Kriecher. Dafür ist dieser der Erwählte, und jener muß ausgerottet werden auf den Befehl des Herrn mit seinem Samen ewiglich. Joseph, das schmeichelnde Schoßkind, ist das Muster der Delatoren und Tyrannenhandlanger; ich weiß nicht, ob Narziß und Sejan ihm an Ränken gleichkamen, wenn ich die Wahrheit der Oberlieferungen annehme. Die löbliche Geschichte mit der Dame Potiphar ist mancher Deutung fähig. Er ward Minister durch den Zufall oder durch das Talent, das er sich in dem Hause seines Vaters erworben und in der Welt ausgebildet hatte. Er legte in den guten Jahren Magazine an, eine sehr lobenswürdige Vorsorge, die heutzutage leider alle Fürsten und ihre Minister, vielleicht mit besserm[710] Glauben an die Vorsehung, aufgegeben haben. Was tat aber der Minister Joseph mit den Magazinen? Rettete er das Land und ward sein Wohltäter? Mit einem Wort, er brachte es in Sklaverei. Erst zahlte man Geld für Korn, dann brachte man seine bewegliche Habe, dann verkaufte man seine Grundstücke, dann seine Person dem König zur Knechtschaft. Das nenne ich doch einen Fürstendiener, einen Finanzrat, wie er sein muß. Mir ist in den Annalen der Menschheit kaum ein größerer Bube bekannt, und der wird aufgestellt vor andern der Jugend und dem Volke zum Vorbild. Saul, der hohe, großmütige, königliche Mann, wird verworfen, weil er menschlich war, weil er nicht in das schändliche Ausrottungssystem des Pfaffen Samuel stimmen wollte. Freilich war der Knabe Isais folgsamer und frömmer, der dann die Weiber verführte und ihre Männer im Hinterhalt morden ließ. Dafür ward er ein Mann nach dem Herzen Gottes. Der Himmel behüte mich, daß ich je auf diese Weise ein Mann nach seinem Herzen werde. So geht es in Beispielen fort, die man dem gemeinen Menschenverstand, ich weiß nicht, ob zur Bildung oder zur Verwirrung, in die Hände gibt. Die schöne Moral Christi, obgleich mit mystischem Nebel umhüllt und durchwebt, gewann durch die Schlechtheit und Verdorbenheit der damaligen Sitten und Begriffe einen Einfluß, der nach und nach die alte Volksreligion beträchtlich veränderte. Man muß die Kirchengeschichte gar nicht und die politischen Händel nicht sehr genau studieren, wenn man nicht voll Bitterkeit gegen das sogenannte Christentum werden soll. Die Helden der Partei trennen mit Wärme, Eigensinn und Hartnäckigkeit immer den Mißbrauch von der Sache. Den Mißbrauch sieht man überall; wo ist denn aber die vorzügliche Wohltat der Sache? Der Herr Abt Henke will[711] auch mich sogar noch aus Gnaden selig werden lassen. Ich bin ihm sehr verbunden für seine Großmut, die er auf Kosten des Himmels übt; denke aber, wenn ich die Seligkeit nicht selbst und rein verdienen kann, so werde ich wohl verdammt werden, wenngleich nicht sogleich in Ewigkeit. Ich kann seine Begriffe nicht fassen. Der erste Akt des Himmels war Weisheit, alle folgende sind nur Gerechtigkeit; und ich wiederhole es, die Vergebung der Sünden ist das Palladium der Bösewichter und der Schwachköpfe. Ich glaube, die Polemik hat mich bei den Jesuiten in Petersburg angesteckt. Weg damit!

Nun entstand ein Zwist in mir, was ich von hier aus mit meinem übrigen Sommer noch machen sollte. Ich wäre gern an dem Bottnischen Meerbusen hinauf- und oben herumgezogen, um zu Torneo am Ende des Juni das Schauspiel der Sonne um Mitternacht am Himmel zu sehen. Das wäre doch auch noch vielleicht einen Spaziergang auf den Ätna zum Aufgang der Sonne dort oben wert gewesen. Aber es war mir zu früh im Jahre, ich hätte zu zeitig von der Newa Abschied nehmen müssen; und vor allem, ich hätte den Abstecher nach Moskau zu meinen Freunden nicht machen können. Nun waren mir meine lebendigen Freunde in Moskau doch lieber als die Sonne um Mitternacht in Torneo. Das wird mir schon die liebe Sonne zugut halten; ich kann ihr vielleicht noch ein andermal meine Achtung dort bezeigen. Ich packte also soviel als ich nötig hatte von meinen Siebensachen in mei nen alten, halbverbrannten Seehund, nahm eine Podoroschne, setzte mich auf eine Droschke über Zarsko Selo nach Sophia. Da hatte man mich denn von Petersburg aus den falschen Weg geschickt, ich hätte sechs Werste vorher links abfahren sollen; und der Postmeister in Sophia wollte mir ordonnanzmäßig[712] wohl Pferde nach Kleinrußland, aber nicht nach Moskau geben. Mein Jemtschik oder Lohnfuhrmann wollte sich durchaus nicht dazu verstehen, mich weiter auf die erste Station der Straße nach Moskau zu bringen, und forderte endlich für seinen dürren Gaul und ein ziemlich wankelmütiges Fuhrwerk für elf Werste vier Rubel. Die exorbitante Jüdelei verdroß mich; und die Leute schienen zu meinen, ich wäre in ihren Händen und müßte zahlen auf alle Fälle. Das war nun aber nicht; denn ich warf ganz trotzig meinen Sack über die Schultern und schritt rüstig die Allee hinunter, hinter Zarsko weg auf Ischora zu, eine Erscheinung, die den Hyperboreern gar sonderbar vorkam. Hier belugte zwar der Postmeister mich und meine Equipage von allen Seiten, gab mir aber doch auf meine Podoroschne ohne Widerrede weiter Pferde. Nun ging eine Höllenfahrt an und dauert ohne große Unterbrechung wahrscheinlich so fort bis Moskau. Der Weg ist das solideste, gröbste, etwas ausgefahrene Steinpflaster mit abwechselnden Knüppelbrücken; das Fuhrwerk gilt zwar für eine Postkibitke, ist aber bloß ein offener, sehr massiver, backtrogähnlicher Karren, Telege genannt, fest auf der Achse liegend und bei jedem Stoß durch alle Sehnen dröhnend. Ich bat um Heu oder Stroh, da war aber selten etwas zu haben, so daß ich in der besten gewöhnlichen Richtung im Kasten auf der Achse saß und nur die Wahl hatte, mich gelegentlich durch eine schlimmere Wendung auf kurze Zeit etwas zu verbessern. Nun jagt der gemeine Russe mit seinen Stahlknochen über kleine und große Steine polternd hinweg, daß die Haare fliegen, und fragt nicht, was Brust und Schenkel des Reisenden dabei empfinden, Das wirft und stößt und dröhnt von dem heiligen Bein bis in die Zirbeldrüse, so daß Gall einige Minuten nachher gewiß[713] kein einziges seiner Organe an dem Hirnkasten würde finden können. Auf einer solchen Fahrt sollte man sich mit Bruchbändern versehen. Ich setzte mit aller Kraft meine Hände in meine Seiten und hielt mir den Brustknochen so fest, als ich konnte, um mir den Thorax nicht zu zerbrechen. Ist man nun einige Stationen vom Schenkel bis zum Schulterblatte etwas gegerbt und gekerbt, so geht es nachher, bis auf einzelne Kapitalstöße, schon etwas leidlicher, weil man nämlich besser zu leiden gelernt hat. In Rücksicht der Unverweslichkeit kann ich mich nun mit Shakespeares bestem Gerber messen und bin nun kraft der Güte meines Felles wohl noch einige Jahre ewiger als er. Auch die russischen Kuriere fürchten sich, wie ich höre, nicht wenig vor diesem Wege und nennen ihn nur die Zitterpartie, oder in ihrem eigenen Idiom le tremblement de cul ein Ausdruck, den nur die Feinheit der französischen Sprache erlaubt, wenn man ihn nicht aristophanisch-griechisch geben will, wo er dann vielleicht ebenso bedeutend Pygisma lauten würde. Die Kuriere haben aber gegen die Dröhnung breite, starke Gurte und eine Ledermaschine zum Sitzen, die sie an die Telege schnallen, und die man in Petersburg für zehn Rubel in den Buden kaufen kann. Das erfuhr ich erst bei meiner Rückkunft; da kamen die Herren vom Rathause.

Schon in Ischora setzte sich kurz und gut eine alte Frau zu mir in den Wagen und plauderte, solange man vor dem Gerassel eine Silbe verstehen konnte. Die gute Maritorne klagte entsetzlich über allgemein teuere Zeit und trank zum Trost während der Fahrt doch eine ziemliche Flasche Branntwein in großen Zügen aus. Die Station nachher traf ich mit einem jungen Menschen zusamen, der den nämlichen Weg ging und mir den Vorschlag tat, mit ihm Partie zu machen; eine Sache, die sehr annehmlich war. Es[714] war doch Gesellschaft; und so reisten wir denn jeder mit anderthalb Pferd, da wir beide zusammen nur drei brauchten. Sein Gepäck gab überdies einen etwas bessern Sitz. Er blieb in Nowogorod; und mit ihm verließ mich das gute Wetter.

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Prosaschriften. Köln 1962, S. 696-715.
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Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

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