Johann Gottfried Seume

Mein Sommer

Veritatem sequi et colere, tueri justitiam, aeque

omnibus bene velle ac facere, nil extimescere


Lieber Leser!


Ich war willens, über meine jetzige Ausflucht nach dem Norden nichts zu sagen. Als ich nach Sizilien ging, fühlte ich in mir selbst das Bedürfnis, meinen Zeitgenossen ein kleines Denkmal meines Seins und Wirkens zu geben. Das hatte ich getan und war zufrieden, der Drang war gestillt. Schreibsucht ist, wie alle meine Freunde bezeugen können, nicht meine Krankheit. Mehrere wackere Männer aber, die ich nennen könnte, haben mich aufgefordert, über meine letzte Reise ihnen meine Bemerkungen nach meiner Weise mitzuteilen; das habe ich denn getan. Ich setzte mich hin und nahm das wesentliche aus meinem Taschenbuche; und das Ganze war fertig. Für Leute, welche alles wissen, habe ich nicht geschrieben; ebensowenig als für Leute, welche nichts wissen; für die ersten wäre es viel zuviel, für die letzten viel zuwenig.

Der Druck ist das gewöhnlichste und leichteste Mittel der Vervielfältigung. Ich mache weiter keine Apologie darüber, sondern stelle die Dinge vor, wie ich sie sah. Ich bin mir der reinsten Absichten bewußt, ohne jemand meine Ansicht aufdringen zu wollen. Wenn meine Urteile zuweilen etwas hart sind, so liegt das leider in der Sache, ich wollte, ich hätte überall Gelegenheit gehabt, das Gegenteil zu sagen.[637]

Diesmal habe ich nur den kleinsten Teil zu Fuße gemacht, ungefähr nur hundertundfünfzig Meilen. Lieber wäre es mir und besser gewesen, wenn meine Zeit mir erlaubt hätte, das Ganze abzuwandeln. Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Überfeine und unfeine Leute mögen ihre Glossen darüber machen nach Belieben; es ist mir ziemlich gleichgültig. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen. Das Gefühl dieser Wahrheit scheint unaustilgbar zu sein. Wenn die Maschine steckenbleibt, sagt man doch noch immer, als ob man recht sehr tätig dabei wäre: »Es will nicht gehen.« Wenn der König ohne allen Gebrauch seiner Füße sich ins Feld bewegen läßt, tut man ihm doch die Ehre an und spricht nicht anders als: »Er geht zur Armee; er geht mit der Armee, nach der Regel a potiori.« Sogar wenn eigentlich nicht mehr vom Gange die Rede sein kann, behält man zur Ehrenbezeigung doch noch immer das wichtige Wort bei und sagt: »Der Admiral geht mit der Flotte und sucht den Feind auf«; und wo die Hoffnung aufhört, spricht man: »Es will nicht mehr gehen«. Wo alles zuviel fährt, geht alles sehr schlecht, man sehe sich nur um! Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen, wie man soll, man tut notwendig zuviel oder zuwenig. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft. Schon deswegen wünschte ich nur selten zu fahren, und weil ich aus dem Wagen[638] keinem Armen so bequem und freundlich einen Groschen geben kann. Wenn ich nicht mehr zuweilen einem Armen einen Groschen geben kann, so lasse mich das Schicksal nicht länger mehr leben!

Ich war willens, hier eine kleine Abhandlung über den Vorteil und die beste Methode des Fußwandelns zu geben, wozu ich vielleicht ein Recht so gut als irgendein anderer erworben habe; aber meine Seele ist jetzt zu voll von Dingen, die ihr billig wichtiger sind.

Wenn man mir vorwirft, daß dieses Buch zu politisch ist, so ist meine Antwort, daß ich glaube, jedes gute Buch müsse näher oder entfernter politisch sein. Ein Buch, daß dieses nicht ist, ist sehr überflüssig oder gar schlecht. Wenn man das Gegenteil sagt, so hat man seine – nicht guten Ursachen dazu. Politisch ist, was zu dem allgemeinen Wohl etwas beiträgt oder beitragen soll: quod bonum publicum promovet. Was dieses nicht tut, ist eben nicht politisch. Man hat dieses Wort sehr entstellt, verwirrt und herabgewürdigt oder es auch, nicht sehr ehrlich, in einen eigenen Nebel einzuhüllen gesucht, wo es dem ehrlichen, schlichten Manne wie eine gespensterähnliche Schreckgestalt erscheinen soll. Meistenteils gelingt es leider sehr gut.

Wo das Denken gänzlich aufhört, haben die Spitzköpfe ebensosehr gewonnen, als wo das Verkehrtdenken anfängt. Der Mensch braucht durchaus nichts als sich selbst, um Wahrheit zu sehen; nichts als seine eigene Kraft, um ihr zu folgen; und nur seinen eigenen Mut, um dadurch so viel Glückseligkeit zu erlangen, als seine Natur ihm gewähren kann. Ich habe nicht vorgegriffen, sondern gewissenhaft alles gegeben, wie es damals war, und wie ich darüber dachte. Wenige werden vielleicht hier etwas Neues finden, aber gewiß[639] viele sich selbst; und ich bin so stolz, diese für gut zu halten. Hunderttausende denken wie ich, aber niemand hat vielleicht die Pflicht oder die Gelegenheit, es öffentlich zu sagen. Wenn man mich nach meinem Berufe dazu fragt, so ist die Antwort: »Ich bin ein Mensch, ein freier Mann, glaube vernünftig zu sein und will allen meinen Mitbrüdern ohne Ausschluß gleichwohl.« Dessen bin ich mir so innig und fest und wohltätig bewußt, daß ich dafür mein Haupt ohne Reue auf den Block legen würde, wenn es nötig wäre. Stürmen will ich nicht, aber offen sagen, wo ich glaube, daß die Krankheit liegt.

Es ist mir seit langer Zeit ein etwas trauriger Gedanke, ein Deutscher zu sein; und doch möchte ich wieder meine väterliche Nation mit keiner andern vertauschen. Wir haben seit Karl dem Großen in unserm Vaterlande ein so sonderbares Gewebe von Halbgerechtigkeit, Halbfreiheit, Halbvernunft und überhaupt von Halbexistenz gehabt, daß sich die Fremden bei näherer Einsicht schon oft gewundert haben, wie wir noch so lange politisch lebten. Die Krisen waren häufig und sind jetzt gefährlicher als jemals. Solange wir verhältnismäßig noch Kraft und Stempel in Sitten und Verfassung hatten, oder vielmehr solange unsere Nachbarn um uns her auch noch im Chaos lagen, hielten wir uns noch mit Anstand und Würde. Der Dreißigjährige Krieg war die erste unserer großen letalen Nationaltorheiten. Wir wollen den Fürsten nicht vorzugsweise die Last des Unheils aufbürden, denn wo das Volk zur Entscheidung kam, ging es verhältnismäßig nicht besser; das zeigt die alte und neuere Geschichte. Alle tragen ihren Teil der Schuld.

Eine so traurige Rolle, als wir seit den letzten zehn Jahren gespielt haben, liegt kaum in den Annalen,[640] und noch schlimmer ist es, es ist durchaus keine Aussicht, daß es je im einzelnen und im ganzen besser werde. Wir sind wirklich nun ein Spott einer Nation, die uns seit Jahrhunderten mit ihren Torheiten gegängelt hat. Unsere Eupatriden waren ihre Affen, und unsere Übrigen waren nicht viel mehr als die Sklaven unserer Eupatriden. Woher kommt es nun, daß eine Nation, die Friedrich der Zweite, verachtungsweise bei ihnen der kleine Markgraf von Brandenburg, in seinen Kriegen nur als ein Parergon behandelte, jetzt das ganze Europa zittern macht, daß sie in einer neuen Riesengröße dasteht und rundumher alles zu verschlingen droht und wirklich verschlingt? Ich will kein Geschichtsgemälde aufstellen; das liegt leider nur zu grell jedem Sehenden vor Augen. Spanien, Italien, die Schweiz und Holland sind so gut als vernichtet. Es fehlt nur noch die Einverleibung, welche die wohlberechnete Interimsmäßigung bloß aufschiebt. Uns spricht man Hohn, und wir müssen es in unserer Schwachheit dulden. Woher kommt nun diese Schwachheit und die Stärke der Männer an der Seine? Ich will mit tiefem Trauergefühl als deutscher Mann noch ein Wort sprechen – weil ich will und Fug habe. Beherzige man es, oder beherzige man es nicht, ich habe dabei nichts zu verlieren. Nur höchstens meinen Kopf; und dieser fängt an grau zu werden und wird mir täglich entbehrlicher. Tausende müssen ihn mit wenigem Sinn täglich wagen für die Grille eines einzigen, den Wink eines Despoten, das Nicken seines Lieblingshandlangers, vielleicht für den Unterrock seiner Mätresse; ein unbefangener Mann wird ihn doch also wagen dürfen für das, was er nach seiner Überzeugung für Wahrheit hält. Mit Wahrheit ist, nach der alten Erfahrung, freilich keine Gunst zu verdienen, denn sie beleidigt fast[641] überall, weil fast überall Sünde ist. Desto besser, wenn sie nicht gefährdet.

Die Franzosen sind seit fünfzehn Jahren erst zur Nation im höheren Sinne des Worts geworden; freilich durch eine furchtbare Wiedergeburt, um die sie niemand beneiden wird, aber sie sind es geworden. Ich habe hier weder Zeit noch Neigung, mich über den Ursprung, die Ursachen, den Fortgang und das Ende der Revolution auszubreiten. Dem Forscher und fleißigen Bemerker der Geschichte ist alles klar. Sie haben die Nationalkraft gesammelt, und es stehen nun Männer da, die sich als solche denken und fühlen und als solche gehandelt haben und handeln. Das ganze Schibboleth und das Palladium der Staatsveränderung ist ein mathematisch richtiges Steuerkataster. Das übrige ist notwendige Folge. Nur dadurch besteht Freiheit und Gerechtigkeit und höchste Nationalkraft; nur dieses macht gute Bürger, und hält sie. Das hat die große Nation geschaffen und wird sie halten, solange es gehalten wird. Geht es verloren, so steigt sie herab zu den übrigen.

Bei uns zerstörten die Freiheiten die Freiheit, die Gerechtigkeiten die Gerechtigkeit. Jedes Privilegium, jede Realimmunität ist ganz gewiß der erste Schritt zur Sklaverei, so wie es die erste öffentliche Ungerechtigkeit ist. Das ist unser Urteil. Das sehen alle Vernünftigen; aber niemand hat den Mut, den Anfang zur Gerechtigkeit zu machen. So mögen wir denn die Schmach unsrer Schwäche tragen! Die Franzosen werden freilich jetzt hart gedrückt, aber welche Nation hat auch getan, was sie getan haben? Wo findet man ihresgleichen in der Geschichte? Das tat der Geist, der in ihnen erwacht ist. Schläft dieser Geist wieder ein, so sinken sie wieder zurück. Aber ehe er wieder einschläft, kann er noch viel um sich[642] her zertrümmern, so wie er schon viel zertrümmert hat. Ich erinnere mich, daß vor einiger Zeit einige Franzosen sich bitter beklagten über die Menge und Größe der Abgaben, die sie bezahlen. »Wollt ihr dieses?« fragte ich sie und hielt ihnen ein deutsches Steuerkataster vor. Sie fuhren elektrisch auf. »Nein, bei Gott«, riefen sie; »wir wollen geben, solange wir können; und wir wollen schlagen, solange die letzten Knochen halten. Wir tragen wenigstens gleich und haben alle nur eine Furcht und eine Hoffnung.« Das ist wahr; und dieses macht sie stark. Ob das lange währen wird, mag der Zeit bleiben. Ich glaube leider, die Keime des Verderbens wieder unter ihnen schlummern zu sehen.

Die Römer und Griechen hatten ein starkes Gefühl, aber keinen Begriff von Naturrecht und Völkerrecht. Ihre Geschichte ist Beleg. Die unglücklichen Gracchen sind die einzigen, in deren Seele ein Schimmer von öffentlicher Gerechtigkeit gefallen zu sein scheint. Als unsere Vorfahren, die Barbaren, eroberten, war, trotz des vielen Redens davon, bei ihnen kein Gedanke von Freiheit und Gerechtigkeit. Man schlug und vertilgte und machte Sklaven. Der sogenannte Freie oder Edelmann war der Zügellose; die Überwundenen wurden zur Schande der Menschenvernunft und der Religion als Dinge behandelt. Ich habe das Recht, meinen Feind zu töten, aber nicht das Recht, ihn zum Sklaven zu machen. Sklaverei ist mehr Erniedrigung als Tod, also ist der Tod das Minus. Es ist hier kein Paktum, oder es wäre null, und ohne Paktum ist kein Verhältnis. Der strenge Beweis gehört nicht hierher. Nur der Edelmann war Person; einige Städte ausgenommen, waren die übrigen ganz ohne Haupt, sine capite im Sinne des römischen Unrechts. Der Unsinn leuchtet freilich ein; aber wie vieles dieser[643] Art leuchtet nicht ein und dauert doch Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende?

Die Staaten waren damals einfacher, der Adel etwas anderes und in dem Chaos verhältnismäßig auch etwas besseres. Er allein trug die Last und tat und handelte. Von den übrigen war keine Frage. Die Zeiten änderten sich; man brauchte mehr, von innen und nach außen. Der Adel wollte nicht geben, denn die jetzige Seele des Adels ist ja nichts beitragen und alles genießen. Adel nenne ich die Inhaber der Privilegien und Immunitäten; alles übrige ist Kleinigkeit. Der Adel hörte auf, Pflichten zu leisten, fing aber nach den Verhältnissen nicht an, Lasten zu tragen. Man brauchte Krieger, Sklaven konnte man mit Sicherheit nicht unter den Waffen sehen. Daher die Personalfreiheit der deutschen Landleute von der Zeit Friedrichs des Dritten an. Die Bedürfnisse wurden nun mannigfaltiger; und alles ohne Ausnahme wurde den Städten und dem kleinen Landmann aufgebürdet. Die Stände kamen bloß zusammen, um zu bewilligen, was die andern geben sollten. Freilich ein Widerspruch! Aber es ist so. An eine philosophische Gründung eines Staats, am Ende doch die einzige haltbare, ist bis auf die französische Staatsveränderung nicht gedacht worden. Die Wirkung hat sich gezeigt. Solange sie auf dieser Base halten, sind sie gewiß unüberwindlich, und Nationalglück von innen und außen wird das endliche Resultat sein. Wenn sie zu dem Alten zurückgeführt werden, kommt das Alte wieder. Der Adel und der Klerus hatten die Franzosen dahin gebracht, wo sie waren. Ermannung und eine Anwandlung von Vernunft haben sie zu dem Grade geführt, wo sie jetzt stehen. Der gegenwärtige Dynast – ό παντα εν τοις κοινοις δυναμενος εστι δυναστης droht die Sache zurückzuführen, und sein Geist nach[644] ihm sie zu vollenden. Daher mein lauter, erklärter Widerwille, da ich doch die Größe des Mannes gern anerkenne. Ich fürchte bloß für die Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit; nie für mich.

Die letzten Kriege haben ganz die Ohnmacht unseres Systems gezeigt; vorzüglich der letzte. Freie Männer schlugen immer die Halbknechte. Auch Spartakus war ein freier Mann, solange er schlug. Kann man sich einen größeren Widersinn denken, als daß bei Nationalkrisen, wie die Kriege sind, gerade diejenigen Besitzungen, welche die meiste Kraft haben, keine Last tragen sollen? Daß sie nicht zahlen im Frieden, ist Ungerechtigkeit: daß sie bereit sein wollen im Kriege, ist Dummheit. Ich kann mir nicht helfen, ich brauche das harte Wort; es ist das eigentliche. Merkantilisch berechnet, ist freilich die Steuerfreiheit keine Beeinträchtigung; denn der Preis dieser Güter steigt um desto höher, sie müssen desto teuerer bezahlt werden, aber staatsökonomisch und in der teilweisen Sammlung der Nationalkraft ist sie Blödsinn. Nur der ist der Edelste, der das meiste für das Vaterland tut und das wenigste dafür genießt. Die Erfahrung hat belegt. Der Enthusiasmus der Freiheit ist, heller betrachtet, nichts anders als die Vorstellung der allgemeinen Gerechtigkeit. Diese hat getan, was wir gesehen haben. Man rückte sonst immer den Franzosen nur Roßbach und Krefeld vor, sie haben die Tage furchtbar gerächt. Hat sich etwa ihr Wesen geändert? Sie haben nur ihre Verhältnisse umgeschaffen. Die Gährung hat Männer zu Tage gefördert und die meisten an ihren rechten Platz gestellt. Österreich verkaufte seine Fahnen an die Milchknaben der Goldmäkler; dafür war denn auch Ehre und Vaterland verkauft. Nun soll Finanzerei retten, nur Ehre und Gerechtigkeit bewahrt den Staat. Es ist nur Scham zu[645] ernten, wo das Vaterland bloß merkantilisch behandelt wird. Dieser aktive und passive Handelsgeist ist bloß für die isolierten Briten weniger schädlich, aber immer auch ihre Schande; und ihre Armeen haben es unter Washington erfahren. To buy and to sell is the soul of their wisdom: Indes ist doch die Freiheit noch nicht in das Palladium ihrer Flotte gedrungen.

Der Franzose ohne Unterschied schlägt für ein Vaterland, das ihm nun lieb geworden ist, das ihm und seiner Familie eine gleiche Aussicht auf alle Vorteile vorhält und diese Vorteile wirklich gewährt. Nur der Mann wird gewürdigt nach dem, was er gilt, bei uns wird die Schätzung genommen nach dem, was das Kirchenbuch spricht, der Geldsack des Vaters wiegt oder das Hofmarschallamt vorschreibt. Für wen soll der deutsche Grenadier sich auf die Batterie und in die Bajonette stürzen? Er bleibt sicher, was er ist und trägt seinen Tornister so fort und erntet kaum ein freundliches Wort von seinem mürrischen Gewalthaber. Er soll dem Tode unverwandt ins Auge sehen, und zu Hause pflügt sein alter, schwacher Vater fronend die Felder des gnädigen Junkers, der nichts tut und nichts zahlt und mit Mißhandlungen vergilt. Der Alte fährt schwitzend die Ernte des Hofes ein und muß oft sie seinige draußen verfaulen lassen, und dafür hat er die jämmerliche Ehre, der einzige Lastträger des Staats zu sein, eine Ehre, die klüglich nicht anerkannt wird! Soll der Soldat deshalb mutig fechten, um eben dieses Glück einst selbst zu genießen? Er soll brav sein, und seine Schwester oder Geliebte muß auf dem Edelhofe zu Zwange dienen, jährlich für acht Gülden, oft ohne Aussicht ein Jahr um das andere ihr Leben lang; und seine alte, kranke Muhme, die kaum trockenes Brot hat, muß ihren zugewogenen Haufen Flachs spinnen für den Hof, damit ihr nicht[646] die Hilfe geschehe; und sein kleiner Bruder muß Botschaft laufen in Frost und Hitze für einen Groschen den Tag. Der kleine Landmann fährt und zieht und gibt; auf den großen Höfen rührt sich kein Huf und dreht sich kein Rad. Das nennt man denn Staat und gute Ordnung und Gerechtigkeit, und fragt noch, woher das öffentliche Unglück kommt! Wo keine Gemeinheit ist, ist kein Gemeinsinn. Gemeinheit des Rechts, Isonomie, ist ein göttlicher Gedanke, vielleicht der schönste, den wir haben; nur Sklavensinn und Despotensucht können Verachtung darauf werfen. Alle wollen nur genießen, und niemand will tun. Jeder bürdet dem andern auf; keine allgemeine Übereinstimmung zum Guten, kein tätiges Mitwirken zum Gemeinwohl! Die Feinde sind nur stark durch unsere physische und moralische Schwäche, die unsere Schuld ist. Überall ist unter dem Volke grobe, schmutzige Selbstsucht. Unter unsern Fürsten herrscht Mißtrauen; einer freut sich über das Unglück des andern, wird ohnmächtiger dur Trennung, greift unüberlegt nach jedem kleinlichen Vorteile des Moments und bringt endlich sich und die Nation an den Rand des Verderbens. Ein einziger ist jetzt Diktator von Europa, der vor fünfzehn Jahren nur eben Zutritt in das Vorzimmer der dummstolzen Minister hatte. So geht es, wenn Männer die Sache betreiben; und so geht es, wenn Knaben stehen, wo Männer stehen sollten. Wir sind, wenn wir so fortfahren, in Gefahr, weggewischt zu werden wie die Sarmaten; und bald wird man in unsern Gerichten fremde Befehle in einer fremden Sprache bringen. Ob die Menschheit dabei gewinnt oder verliert, wer vermag das aus dem Buche des Schicksals zu sagen?

Bonaparte ist ein großer Mann im gewöhnlichen Sinne. Das Schicksal hat ihn an seinen Posten gestellt. Erst haben die Verhältnisse ihn gemacht; nun macht[647] er die Verhältnisse. Aber weder Alexander noch Cäsar noch Friedrich hatten die Mittel, die ihm der Zufall in die Hände gab. Er verstand es, die aufgeregten Riesenkräfte einer großen, schönen, wackeren, liebenswürdigen Nation zusammenzufassen und sie nach seiner Neigung zu richten. Zum Glück für beide gehen beider Wege so ziemlich zusammen. So ziemlich, sage ich, denn von der reinen Harmonie bin ich noch nicht überzeugt. Ohne sein Verdienst und seine Größe zu schmälern, muß man der Nation die ihrige lassen. Seine Sache war, bloß das Gute der Revolution zu sammeln und es zu seinen Zwecken zu leiten. Was die Nation dabei gewinnt oder verliert, kann erst ein künftiges Jahrhundert entscheiden. Der Krieg hat Krieger gemacht, die Nationalsache hat sie zu Helden gebildet; alles hat sich in der Krise vereinigen müssen, die allgemeine Kraft zu erhöhen. Ob die neue Dynastie wie die alte sein wird, kann nur die Zeit lehren; sie fängt an wie jene und hat das Ansehen, sich zu machen wie jene. Dann war das heroische Reinigungsmittel umsonst. Wo die Bajonette der Söldlinge herrschen, ist von Vernunft und Freiheit, Gerechtigkeit und Volksglück nicht mehr die Rede. Man braucht fast überall nur das Minimum, um das System zu halten, und herrscht, weil man nicht weise genug ist zu regieren. Wenn es so geht, ist die gefürchtete Römerei fertig. Die Engländer sind von innen und außen nicht besser. Die Natur scheint sogar ihre Regierung durch ihre Lage kaufmännisch gemacht zu haben.

Bonaparte ist der Held des Tages und verdient es durch seinen Mut, seine rastlose Tätigkeit, seinen tiefen Scharfblick. Er hat die Soldaten laut zu seinen Kindern gemacht; dadurch hat er der Bürgerfreiheit ihr Urteil gesprochen. Überall beherrscht die sicher berechnete Kühnheit der wenigen die furchtsame Gutmütigkeit[648] der vielen. Er ist nicht der erste, unter dem die Nation ruhmvoll siegte; er trat auf die Schultern seiner Vorgänger. Für ihn sind alle gestorben, welche für die selige Republik starben, wie die Scipionen für Cäsar siegten. Von Pichegrü und Moreau weiß man nichts mehr; und doch waren auch sie einst die Männer des Tages. Nur er verstand die Stirne der Gelegenheit für sich zu fassen. Wenn ich überzeugt wäre, daß unter ihm Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit gediehe, ich wollte der erste sein, das Blut des Herzens unter seinen Fahnen zu vergießen. Der Tag, wo er erster Konsul ward, hat bewiesen, daß es so sein mußte, weil an diesem Tage in dem ganzen Senat der Nation kein einziger Republikaner lebte. Republik oder Nichtrepublik; wenn nur Freiheit und Gerechtigkeit gesichert wird. Die Vernunft wird nicht sterben, wenn man sie auch von Jahrtausend zu Jahrtausend foltert.

Für uns ist keine Rettung, als das Gute der Franzosen nachzuahmen und ihre Schrecknisse zu vermeiden. Sie sind durch Gleichung der Lasten, die einzige wahre Freiheit und Gerechtigkeit, zu der größten Nationalkraft gestiegen. Es ist bei ihnen, trotz dem eisernen periodischen Joche dieser und jener Despotie, immer noch die größte Summe allgemeiner öffentlicher Gerechtigkeit; also die größte Sammlung öffentlicher Mittel zu Nationalunternehmungen. Anstatt daß wir philosophischer und humaner als sie, zu ihnen hinaufsteigen sollten, hoffen wir verkehrt genug, sie werden wieder zu uns herabsinken. Ich bin kein Gegner der Alleinherrscher, wenn sie republikanisch walten, das heißt in emolumentum publicum ex aequo jure cum omnibus; aber ich werde mit meinem letzten Hauche jedes Privilegium und jede Realimmunität als eine Pest der Gesellschaft verabscheuen. Sie sind die[649] Schwelle zu allen Ungerechtigkeiten. In Frankreich hat man die alte Krankheit geheilt, aber der neuen nicht vorgebeugt; und es ist sehr zu fürchten, die Gespenster werden bald wieder erscheinen. Erbpachten und Emphyteusen sind die Einleitung zum Feudalsystem, und dieses zur Unterdrückung und Sklaverei. Man appelliere nicht an die Befugnisse des Besitztums! In detrimentum rei publicae non datur possessio. Der Staat wird nur gesichert durch reinen Besitz und reine Veräußerung auf gleiche Bedingung für alle. Intermediärleistungen schwächen das Ganze. Jedes Privilegium wird ein Staat im Staate und beweist die Krankheit der Gesetze. Wer sein Vermögen nicht mehr verwalten oder verwalten lassen kann, hat für sich und den Staat als Bürger zuviel; und wer nicht mehr Bürger ist, ist durchaus weniger und wird für das Vaterland negativ. Aber wer denkt an Bürgerpflicht, wenn sie der Staat nicht ordnet?

Wollen wir dem einbrechenden Verderben Widerstand tun, so müssen wir es mit der gesammten Kraft alle tun. Jede Ausnahme ist zweckwidrig und Nationalsünde. Die Franzosen kennen recht gut die Schwächen ihrer Nachbarn und hüten sich sehr, sie darauf aufmerksam zu machen. Das zeigt ihr sehr abgemessenes Betragen in Hannover und Österreich. Nur unsere Schwäche macht ihre Stärke. Können wir nun den Gedanken der öffentlichen Gerechtigkeit nicht wagen, so dürfen wir uns nur recht folgsam bescheiden auf das Joch gefaßt machen, das man uns nach der Reihe auflegen wird. So weit sind wir schon erniedrigt, daß unsere Fürsten für jeden ihrer Schritte erst das Wohlgefallen fremder Machthaber einholen müssen, und zwar einer Macht, die sie vor nicht langer Zeit noch echt stiftsmäßig verachteten. So rächt sich Ungerechtigkeit und Inkonsequenz![650]

Diese Gesinnungen, die vielleicht nicht ganz methodisch geordnet, aber lebendig in meiner Seele sind, will ich hiermit bei meiner Nation niederlegen. Ich für mich selbst habe keinen Gewinn und keinen Verlust an allen Staaten. Meine Äußerungen sind meine Überzeugungen, die sich auf Geschichte und auf Beobachtungen der Menschennatur gründen. Freiheit und Gerechtigkeit sind Schwestern, ihr Vater ist der Geist und ihre Mutter die Vernunft, ihre Kinder sind Fleiß und Mut und Kraft und Glückseligkeit. Die Familie gedeiht nur zusammen und leidet zusammen. Die Furcht hat viele Götter des Himmels gemacht, und noch mehrere Götter der Erde. Wo sie eintritt, ist schon die Hälfte der guten Hoffnung verloren. Nur durch Verachtung des Todes lebt man mit Ehre; und das Leben hat nur Wert, insofern es Würde hat. Wer die Gefahr ohne weise Absicht sucht, ist ein Tollkühner, wer sie auf dem Wege der Pflicht mit Kleinmut scheut, ist ein Feiger; jener verdient lauten Tadel, dieser laute Verachtung. Der Gedanke ist das Eigentum jedes Geistes; selbst der Allmächtige kann ihn nicht rauben, ohne zu vernichten. Gedankenfreiheit ist eine Erfindung der Despotie. Sie ist und wird weder gegeben noch zugestanden: jeder denkt, indem er ist, durch sein Wesen. Wer den Tod nicht fürchtet, denkt auch laut, wenn er erst mit einer moralischen Natur gehörig in Ordnung ist.

Fast jeder Monat bringt jetzt eine neue Katastrophe. Jetzt hält man den Ölzweig empor; wer bürgt uns, daß, ehe Du dieses liesest, lieber Leser, nicht die Flamme über unserm Haupte schlage? Kraft und Mut hilft das Leben tragen; geschlossen ist es bald, wenn das Schicksal will, bei diesem etwas leichter, bei jenem etwas schwerer.

Ich war willens, noch ein Werk zu schreiben, das[651] mir noch einige Zeit nach meinem Tode sollte leben helfen; aber meine Verhältnisse erlauben mir nicht den dazugehörigen Zeitaufwand in Vorbereitung und Ausführung; und die Zeit wird bald kommen, wo auch die Kräfte dem Willen nicht folgen, wenn sich gleich die Muße fände. Ich beruhige mich also mit der Überzeugung, nach der besten Einsicht immer nur das Gute und Rechte gewollt und, wenn es galt, auch getan zu haben. In meiner Jugend führte mich der unbestimmte Tätigkeitstrieb hierher und dorthin. Dieses Mittels bediente sich vielleicht die Natur weise genug zur Ausbildung des Charakters. Die Wahl des Mannes zu bestimmen, der auf gewöhnliche Vorteile längst Verzicht getan hat, gehören höhere Gründe.

Ich liebe nun Ruhe, aber mit offener Liberalität; ohne diese wäre jene Todesschlaf. Was auch mein Los sein mag, ich bleibe fest in meiner Überzeugung: Es gibt nur eine Tugend, und diese Tugend ist Gerechtigkeit. Gebe der Himmel, oder vielmehr, helfen die Menschen, daß sie in Zukunft nicht mehr so oft entweiht werde, als es bis jetzt die Geschichte zeigt!

Den 3ten Januar 1806.[652]

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Prosaschriften. Köln 1962, S. 637-653.
Erstdruck: Leipzig 1806.
Lizenz:
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