Schaulen in Litauen, den 29. April

[662] Da bin ich denn nun wieder einmal bei den Samojeden und schauere vor Frost während Du vielleicht im Rosentale den Nachtigallen zuhörst. Voriges Jahr war ich diesen nämlichen Tag oben auf der Schneekoppe; auch hier unten auf dem Blachfelde hat es heute hoch geschneit, und man geht fest über den[662] gefrorenen Weg. Ich merke jetzt mit dem Perser, daß ich zwei Hauptseelen habe; die platonische dritte ist noch leicht beschwichtigt. Eine treibt mich fort an den Kaukasus und den Baikal, und die andere zieht mich sanft zurück zu den vaterländischen Eichen. Welcher Konfuz sagt mir armen Araspes nun, welches die gute ist? Die zweite wird wohl die bessere sein, da sie die ruhigere ist und die Stimme der Pflicht auf ihrer Seite hat. Ihr werde ich also folgen. Meine Reise ist bis jetzt gutgegangen. Von meinen literarischen, statistischen, kosmologischen und ästhetischen Reisebemerkungen erwarte nur nicht viel! Ich weiß nicht, ob die Ursache in mir oder außer mir liegt, aber es kommt mir vor, als ob von Dan bis Berseba alles eitel, wüst und leer sei. Im Ernst glaube ich, daß jetzt eine Reise durch Polen mit Ehren für einen nicht kleinen Feldzug gelten kann. Die Bequemlichkeiten für Reisende haben besonders seit der letzten Staatsveränderung oder Staatsvernichtung noch beträchtlich abgenommen. Das scheint vielleicht unmöglich zu sein, aber es ist doch wahr. Ich kann die Vergleichung sehr wohl ziehen, da ich ehemals das Land unter Stanislaus Poniatowsky in verschiedenen Richtungen verschiedenemal durchreist bin. Besonders ist der Strich von Wartenberg bis Warschau, Petrikau und Rawa ausgenommen, bis zum Mitleid ärmlich und schmutzig, bei Christen wie bei Juden; bei den ersten womöglich noch mehr. Im eigentlichen Verstande ohne alle Übertreibung ist in den meisten polnischen Häusern auf dem Lande, und nicht selten auch in den Städten, der Mist das reinlichste Fleckchen, wo man noch ohne Ekel stehen kann. Warschau und hier und da einzelne Örtchen machen noch einige Ausnahmen. Nachdem wir einige Stationen gehungert und gehofft hatten, versprach man uns endlich in Wielky einen Tee auf[663] der Post. Da brachte man denn einen alten, zerdrückten, schmutzigen, kupfernen Topf, der seit der Revolution ohne Säuberung eine Zigeunermenage enthalten zu haben schien und das Ansehen hatte, als ob er bei Gelegenheit unseres Tees mit ausgekocht würde. Es gehörte unser huronischer Appetit und die Ode rundumher dazu, um die Tunke trinkbar zu machen. Der Post in Rawa muß man ausschlußweise das Zeugnis eines vorzüglich guten und billigen Hauses geben.

Schade, daß Buchhorn und Kompanie nicht hier in Schaulen bei uns sind, denn ein solches Quodlibet hogartischer Figuren und Gruppen sieht man wohl selten so reich als auf einem polnischen Jahrmarkt. Deutsche, Polen, Russen, Hebräer, alle mit dem verschiedensten hervorstechendsten Charakter; dagegen sieht der Brühl der Leipziger Messe wie eine Amphiktyonenversammlung. Nimm nur meine Personalität selbst, wie ich mir endlich den sechs Tage langen Bart abnehmen lassen mußte! Als Scherer erschien ein alter, langer, hagerer, geisterähnlicher Israelit mit einem Bart bis zum Gurt und einem gewaltigen Streichriemen am Talar. Der Mann sah aus wie der Prophet Elisa in Hübners biblischen Historien; aber seine Seife roch wie ein Extrakt des ganzen Tales Gehenna. Ich saß auf einem dreibeinigen wankenden Lehnstuhle ohne Lehne, ein großer, gigantischer Finne hielt das Licht, Waspan der Sarmate machte mir die Konversation und die grämliche Donna des Hauses schlich durch das Zimmer und brummte, daß man sie in ihrer alten gemütlichen Indolenz gestört hatte.

Es wäre schwer zu bestimmen, ob die Verwaisung in dem Preußischen oder Russischen größer sei. Das Land ist übrigens nicht arm, sondern nur elend und jämmerlich. Die Leute haben Beutel voll Gold, aber[664] liegen fast im Kote und haben nicht die gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse, ohne die sich gewiß ein Leipziger Stadtsoldat totschießen würde. Vorgestern konnten wir in einem stattlichen Dorfe von fast hundert Häusern, das wohl ein Dutzend Fenster und sogar einige Schornsteine hatte, und wo das Wasser gelb und lehmig war, keinen Tropfen Bier finden. In einem andern hatte man das Bier mit Pflaumen und Branntwein sublimiert und eine stygisch köstliche Tunke daraus gemacht.

Ich hatte wohl ehemals in der Kirchengeschichte von allerhand Taufen, und unter andern auch wohl von der Korntaufe gehört; aber hier hatte ich zum erstenmal Gelegenheit, sie zu Ostern zu sehen. Man ging mit einem großen Gefäße voll heiligen Wassers auf den Äckern hinunter und befeuchtete damit die junge Saat und steckte von Zeit zu Zeit etwas in die Erde, das, wie ich hernach hörte, geweihte hölzerne Kreuzchen waren, und murmelte dabei seine Formeln. Wenn nur der Acker gut bearbeitet ist und gutes Wetter folgt, so wird wenigstens die gottselige Operation nichts schaden. Überall hielt man öffentlich gar lächerliche Osterfarcen, vorzüglich in Petrikau.

In Warschau hielt ich meinen Einzug den siebzehnten April, den nämlichen Abend, wo ich vor elf Jahren abwechselnd hier und da unter dem Kartätschenfeuer stand. Es waren zwei heiße Tage, der blutige grüne Donnerstag und der Karfreitag. Ich fand mein ganzes Tabernakel noch ebenso in Trümmern als damals am heiligen Ostertage. Es war noch kein Stein wieder gelegt, und man schien sich in dem Anblick des Monuments der letzten Nationalkraft melancholisch zu gefallen. Der Name Russen und Igelström wurde noch immer von den Vorübergehenden gemurmelt. Unser Speisesaal ist eine Ruine, das Wachhaus[665] eine Wäsche, die Kriegskanzlei eine Schmiede, und mein Zimmer im Hintergebäude des Palastes hängt ohne Treppe in der Schwebe. Die Zeit wird bald kommen, wo ich bloß von Reminiszenzen werde leben müssen; ich stand also an der Torecke, wo wir an dem heißen Tage den Eingang mit blutigen Leichnamen und taten Pferden verrammelt hatten, und durchlief die Verflechtungen meines Schicksals. Dort oben stand mein Bett, dort war das Gesimms, auf dem mein Taschenhomer und Musarion lagen; dort arbeitete ich lange Memoiren zu Organisationen, zu denen man vorher weidlich desorganisiert hatte; dort bratete ich mit Strick und Stenbock und Stakelberg meine Kastanien und trank mein Bier, das man nun zum Medium meiner Sehkraft machen will. Ich wiederholte alle Angriffe im Geiste noch einmal und zählte alle bedeutende Kugeln, die mir glücklich nahe am Schädel vorbeigeflogen waren, und deren Merkmale sich noch in der Mauer zeigten. Ich gab mir das ganze Trauerspiel noch einmal.


Dura satis miseris memoratio prisca malorum,

Et gravius summo culmine missa ruunt;


steht an den Fensterscheiben des Herrn Schulz in Petrikau. Was litaneie ich Dir die Bänkelei von Olims Zeiten vor? Meine Stimme ist gegen das Fuimus Troes der Sarmaten ein Tropfen im Eimer. Die Polen hangen mit Schwärmerei an dem Andenken vergangener Zeiten und ergreifen jeden Schimmer zur Hoffnung einer Auferstehung ihres Vaterlandes. Die Stimmung der Männer verdient Achtung, die über dem Grabe desjenigen trauern, was dem reinen Menschen das Heiligste auf der Erde ist. Manum de tabula! Das führt mich zu weit, und ich bin in Gefahr, Rhapsode zu werden.[666]

Ich zweifle gar nicht daran, daß der Landmann unter der preußischen Regierung mehr gewonnen hat als unter der russischen, denn das preußische Regierungssystem ist durchaus gegen die geringern Volksklassen etwas liberaler als das russische, da es auf Personalfreiheit beruht und darauf hinarbeitet. Der Adel hängt aus diesem Grunde mehr an der russischen Seite, weil er überall Unterdrücker und Freund der Sklaverei ist. Neigung für die Russen kann man, aller Bemühung der Regierung ungeachtet, auch wohl bei allen übrigen Klassen der Nation treffen, denn das Andenken an Lucchesinis Vorspiegelung und an sein Halten sitzt noch fast in aller Herzen. Dazu kommt noch die schnelle unerläßliche Einführung der strengen preußischen Ordonnanz, vorzüglich der Akzise, die man nicht ohne Grund als drückend und verhaßt ansieht, und bei welcher die Verwaltung nicht immer sehr human ist. Übrigens ist mehr Verwandtschaft zwischen den Polen und Russen, da sie Völker eines und desselben Stammes sind, sich sogleich leidlich verständlich gegeneinander erklären und sich bald als Brüder ansehen. Auch mag bei vielen der geheime Wunsch, unter einem einzigen Zepter zu stehen, mitwirken, weil sodann die Hoffnung zur Wiederauflebung des Staats aus vielen Gründen größer wird.

Warschau sinkt ganz gemächlich zur Gouvernementsstadt eines größern Reichs herab. Die Reichen ziehen sich nach Berlin oder Petersburg, nach der verschiedenen Eingrenzung, oder gehen ins Ausland. Nur diejenigen, denen ihre Familienverhältnisse so große Veränderungen nicht erlauben, oder die durch Grundsätze und Neigung an ihre Hufe gefesselt sind, bleiben dort. Das Militär ist jetzt stärker als jemals zur Zeit, als die Russen den Meister spielten; welches sich aus mehreren politischen Gründen leicht erklären läßt.[667] Die Wachparaden sind in dem sogenannten sächsischen Hofe, wo ich ehemals den barocken Suworow selbst die russische im bloßen Hemde kommandieren sah. Im Garten wird der große Pavillon in der Mitte der ehemals das Buffet für die feine Gesellschaft war, ich weiß nicht zu welchem Behufe niedergerissen. Viele Paläste stehen leer oder werden zu Wirtshäusern umgeschaffen, von denen der Palast der Familie von Borch, wo die russischen Gesandten wohnten unter dem neuen Namen »Hôtel de Prusse« das beste ist. Herr Boguslawsky, ein Mann, der nach Kosciusko vielleicht der letzte Pole genannt zu werden verdient, hat noch immer sein Theater und scheint nur zu leben, um seinem Vaterlande Totenopfer zu bringen und dann in und mit ihm sterben zu wollen. Er ist gewiß in seinem Fache einer der ersten Künstler des Zeitalters und verdient in vielen Rollen völlig Iffland an die Seite gesetzt zu werden, in einigen vielleicht sogar an die rechte Seite. Alle seine Einrichtungen sind mit dem besten Takt und mit dem feinsten Geschmack. Er ist noch ein Schüler von Stanislaus Poniatowsky, der bekanntlich der erste arbiter elegantiarum war. Ich sage dieses offen und unbefangen ohne deswegen weniger Ifflands Freund zu sein, und ohne zu fürchten, daß er mir etwas von seiner Freundschaft entziehe.

In Laschenka ist zwar alles öde und leer, aber doch in ziemlicher Ordnung. Im Amphitheater hinten am Wasser saßen zwei junge Leute und sangen von einem Musikblatte halblaut eine Lieblingsarie aus den Krakauern, hörten aber sogleich auf und verbargen ihre Noten bei meiner Annäherung. Hätte ich die Musik nicht gekannt, so wären mir die Laute zwar magisch traurig, aber weiter nichts gewesen. Ich will euch in eurer Andacht nicht stören.[668]

Sobieskys Statue steht gerade den ehemaligen Zimmern Poniatowskys gegenüber; eine bessere Satire konnte der gute Mann wohl nicht auf sich selbst machen. Die ehemaligen litauischen Kasernen, wo man die schönste Aussicht hat, sind womöglich noch weit unreinlicher als ehemals. Auf dem großen Platze vor demselben dressierte man Rekruten. Einige Stunden sah ich von allen Seiten zu, und ich gestehe mit Vergnügen, daß man die Leute mit vieler Güte und Freundlichkeit behandelte.

Vor Praga hielt ich eine Minute an dem Orte stille, wo der König Poniatowsky von seinen zärtlichen Frauen zurückgehalten wurde, als er zur Armee gehen sollte. Es ist in meinen Versen auf seinen Tod durchaus keine Silbe Dichtung; alles ist reine historische Wahrheit nach meiner Überzeugung. Jedem das Seinige ohne Furcht und Hoffnung!

Das Wasser war sehr groß, wir mußten zweimal mit dem Wagen über den Bug setzen und jedesmal zehn Gulden bezahlen, ohne daß etwas bestimmt gewesen wäre. Mich deucht, daß man an Polizei durchaus noch gar nicht gedacht hat. Nun fuhren wir einen ganzen Tag immer an dem Bug hinauf. Die Straße ist hier nicht ganz so leer an Bequemlichkeit als vor Warschau. Über den Fluß hinüber sieht man an vielen Punkten in das österreichische. Man treibt einen beträchtlichen Holzhandel auf dem Bug herunter, besonders in Brock, wo ein einziger Husar in Garnison lag, der sich als das ganze Militärkommando produzierte.

Zwischen Wischkow und Brock trat, wo man anhielt, ein Soldat zu mir an den Wagen, mit Papier in der Hand und Bitte um Unterstützung. Die Papiere waren sein Abschied und ein Brief von dem Generaladjutanten des Königs, dem Herrn von Kleist. Der Soldat hieß Joseph Haacke, vom Regiment Owstien[669] in Altstettin. Er erzählte, daß ihn sein Hauptmann, ein Herr von Schenk, beim Exerzieren mit dem Sponton vor die Brust gestoßen habe, daß der Knochen zerbrochen sei. Lange habe er im Lazarett gelegen und viel gelitten und sei nachher als untüchtig zum Dienst ohne weiteres verabschiedet worden. Sein Brustknochen, den er entblößte, sah allerdings sehr traurig aus. Er habe sich bei dem König um eine Pension oder eine Invalidenstelle gemeldet, habe vierzehn Tage warten müssen, und der König habe ihm dann zur Heimreise in sein Vaterland bei Dubno im Russischen, ungefähr hundertundachtzig Meilen von Berlin, zwei Friedrichsd'or als Gnadengeschenk geschickt. Das stand wirklich alles wörtlich in dem Briefe des Herrn von Kleist. Mir wären in einer ähnlichen Lage freilich wohl zwei Kugeln lieber gewesen als ein solches Gnadengeschenk, und die Wahrheit der Geschichte angenommen, machte ich in diesem Moment weder der König noch Kleist und am allerwenigsten Schenk sein. Besser für alle, wenn es anders und besser ist! Die zwei Goldstücke waren ziemlich verzehrt, und mein Gulden konnte ihn auch wohl nicht weiter bringen, zumal da er unter seinem zerstoßenen Brustknochen schwer atmete. So viel in die Seele des Joseph Haacke aus Dubno!

In Chechanowice, ganz nahe am Bug, hoffte der preußische Werbeoffizier an dem Jahrmarkt, der den folgenden Tag sein sollte, eine reiche Ernte. Es ist ein guter Zwickel, zwischen dem Russischen und österreichischen, wo an einem solchen Tage von allen Seiten mancher seine Freiheit vertrinkt. Auffallend war der Unterschied der Zehrung. Ich weiß, daß wir für ein Nachtlager in einem leeren Zimmer mit zerbrochenen Fenstern ohne Bettstellen und die geringste Bequemlichkeit einen goldenen Dukaten bezahlten[670] und für ein ziemlich gutes Frühstück, das aus Warmbier und Butterbrot bestand, in einer noch leidlich reinlichen Stube, nur sechs gute Groschen.

Bialystock, der Lieblingsort des letzten Königs von Polen, ist allerdings noch das freundlichste Plätzchen auf dem Zuge von Warschau nach Grodno. Hier und in Rawa und in Widawa wird ziemlich viel und ziem lich solid gebaut; und auch in einigen andern Orten sieht man wenigstens den Anfang zur Verbesserung. Von Buckstell aus geht der Weg immer bergan bis nach Sokolka, dessen Name schon Falkenberg bedeutet, und bis nach Kusniza immer auf der Höhe fort und sodann nach Grodno wieder etwas bergab. An dem ersten russischen Passe wurden wir wohl eine Stunde wegen Vidierung der Pässe aufgehalten, und die Kosaken baten sich sogleich ein Trinkgeld aus, ohne uns nachher fortzulassen. Der Offizier des Kommandos mochte wohl den Säbel besser führen können als die Feder; denn man hätte einen Stoß Kriminalakten schreiben können, ehe wir abgefertigt wurden. Ebenso langsam ging es oben im Zollhause; aber alles sehr anständig und freundlich.

Das russische Wetter macht flink. Als ich in einem sehr kalten Winter das erstemal in Pleskow war, ging ich aus einer Gesellschaft sehr rasch nach Hause. »Bosche moi, kak skorro on beschit!« »Mein Gott, wie schnell läuft er!« rief ein kleines Mädchen hinter mir her; und ich mußte das Bosche moi noch lange nachher bei jedem raschen Gange hören. Hier in Grodno im Zollhause, wo ich lange sitzen mußte, nahm ich mein Taschenbuch heraus und schrieb mir eine kleine Notiz vom Wege hinein. »Bosche moi, kak skorro on pischit!« »Mein Gott, wie schnell er schreibt!« sagte einer der diensttuenden Unteroffiziere, indem er zugleich nach der Langsamkeit des Ausfertigers schielte.[671]

Man schickte uns zu Herrn Harbatowsky, angeblich in das beste Wirtshaus, wo auch die Zimmer wirklich noch leidlich genug waren. Zum Abendbrot öffnete man einen ziemlich großen Saal mit einer Tafel, auf welcher ein reicher, schwelgerischer Osterschmaus stand. Es war eben dieses Fest bei den Russen. Pracht und Verschwendung waren hier beisammen. Desto spärlicher war den andern Tag die Wirtstafel. Ein Beweis, daß es wirklich wohl das beste Haus in der Stadt sein mußte: ein russischer Major brachte seine vornehmen reisenden Gäste, bekannte Kurländer, dahin, um sie zu bewirten; und er und seine Gäste und ich waren die einzigen am Tische, wo wenig gegessen und viel in fremden Zungen geflucht wurde. Die Terrine war gesprungen, kein Teller war ganz und keine Flasche hatte ihren Hals. Zum Belege der guten Ordnung dient noch, unser Pudel erhielt seine Kost in der nämlichen Schüssel, aus der wir gegessen hatten. Auch Grodno hat sich nicht gebessert. Vom Schloß bis zu den Hütten herab sieht man Verfall. Ich besuchte noch einmal das Lokale, wo man den letzten Reichstag spielte, auf dem man so viel sonderbare Dinge tat, zu denen nachher noch mehr gelogen wurde.

Von Grodno nach Kowno fuhren wir mit Juden die als die besten Fuhrleute dort bekannt sind, weil ich vergessen hatte, mir eine Podoroschne oder einen Postpaß zu nehmen, und nicht gern noch einen Tag warten wollte. Du mußt wissen, daß man hier mit einem allgemeinen Passe, und wenn er noch so diplomatisch wäre, nicht mit Post reisen kann, dazu muß man von dem russischen Gouverneur des Hauptorts, aus dem man reist, noch eine sogenannte Podoroschne haben. Der Paß ist zwar das Majus und sollte das Minus oder die Podoroschne einschließen; das ist[672] aber nicht der Fall; und die größte Unannehmlichkeit ist, daß man meistens mit dem Postpaß etwas aufgehalten wird. Wer heute spät in Grodno oder jeder andern Gouvernementsstadt ankommt, kann nicht eher weiter reisen, als bis ihn die Polizeiverwaltung abgefertigt hat; und so ist er also oft genötigt eine Nacht zu bleiben, wo er nicht will. Dieses kleine Übel der Gesellschaft muß man sich nun wohl des übrigen Guten wegen gefallen lassen. Es ist fast überall und war auch in Warschau. In Rußland hat die Abänderung deswegen größere Schwierigkeiten, weil man bei Lösung des Passes sogleich mit nach der Distanz, die darin angegeben ist, das Wegegeld bezahlt. Nun fuhren wir rechts an der Memel hinauf. Vor und nach Olita ist die Gegend recht artig, aber die Kultur ist nicht besser als auf der andern Seite des Flusses im Preußischen. Die Poststraße ist verändert, und man kann nicht mehr gerade nach Kowno fahren wie ehedem, sondern muß über Wilna zwölf Meilen Umweg nehmen; und die neue Einrichtung der Post auf russischem Fuß verursacht auch noch viele Schwierigkeiten. Alles war hier in der Mitte des Mais noch kahl und ohne Laub. Nur ein einziger, zuweilen ziemlich hoher Strauch hatte eine frühe, schöne Blüte, die wie die Pfirsichblüte aussah und fast wie Veilchen roch. Das Holz glich etwas der Zwergmandel, roch aber beim Reiben unangenehm und häßlicher als Faulbaum. Wenn ich Gurkenblätter und Kartoffelkraut unterschieden habe, bin ich mit meiner Botanik bald zu Ende; ich wußte also nicht, was ich daraus machen sollte, bis mir ein gescheiter Mann sagte, es sei Seidelbast. Der Strauch wuchs in großer Menge und gab mit seiner herrlichen Blüte dem nackten Walde oft einen sehr magischen Schmelz.

Die Russen hatten hier und da ihre Magazine in[673] den ersten besten Scheunen, eine Maßregel, die, wenn auch niemand beeinträchtigt wird, schon wegen der Sache selbst sehr mißlich ist! Jeder Funke fängt; und wie leicht ist nicht eine Vernachlässigung geschehen? Die Preußen auf der andern Seite haben wenigstens diesen Artikel mit militärischer Genauigkeit besorgt und längs dem Bug herauf hier und da schöne steinerne Vorratshäuser erbaut. Längs der Memel hinunter war unsere beste Zuflucht der schöne Hecht aus dem Flusse; und ich erinnere mich nicht, ihn irgendwo besser gegessen zu haben. In Kowno gab man uns noch eine Art Fische, die man Zerben nannte, und die den Heringen ähnlich sahen und schmeckten. Überall fanden wir noch Zerstörungen der Kosaken und Jäger aus dem letzten Kriege. Der Verwüstungsgeist ist doch etwas Entehrendes in der menschlichen Natur, er erscheine, wo er wolle und wie er wolle. Peter der Erste, dessen Humanität eben nicht die höchste war, ließ den Soldaten Gassen laufen und den Offizier ehrlos wegjagen, der nur einen Baum ohne Befehl niedergehauen hatte; und jetzt vernichtet man ganze Wälder und Gärten und macht das ohnedies schon kahle Land noch verödeter.

Das Wasser hatte auch hier vielen Schaden getan und die Werchnaja hatte die ganze Brücke mit fortgenommen und die Ufer zerrissen. Zum Übersetzen war noch keine Anstalt getroffen, und es konnte sogar noch kein Fußgänger hinüber. Wir hätten müssen aufwärts wenigstens zwei Meilen einen Umweg machen; das wäre langweilig und verdrießlich gewesen. Sogleich schafften sich auf einigen glücklich gelegten Planken und Stämmen einige Fußgänger herüber und deuteten an, wo es möglich sei, den Wagen etwas unter der Mühle durch den Fluß zu fahren. Das geschah denn mit großer Anstrengung und nicht ohne[674] Gefahr. Nun stand er aber im Müllhofe und konnte nicht herausgebracht werden, denn man hatte das Tor nicht gemessen, das wenigstens einen Fuß zu niedrig war, auch nachdem man den Wagen heruntergeschlagen hatte. Was war zu tun? Ein Dutzend Sarmaten legten sogleich Hand an und zogen rasch und munter die Räder ab, machten eine Schleifmaschinerie und brachten ihn so mit vieler Arbeit glücklich heraus auf die andere Seite des Flusses. Es war ein Jubel, als ob das Vaterland wiederhergestellt wäre, da der schwerbepackte Kasten wieder in sicherem Lichte stand. So viel rasche Dienstfertigkeit findet man nur selten in unserm lieben deutschen Vaterlande.

In Kowno mußten wir Fuhrleute wechseln und also etwas bleiben. Zur Sicherheit hatte ich immer bei dem Wagen wachen lassen, weil doch Sachen von Wert darauf lagen. Hier wollte der Wirt sich nicht damit befassen, einen Mann zu stellen, und meinte, das sei die Sache der Polizei. Als ich dahin schickte, kam auf einmal ein Korporal mit drei Mann in Schlachtordnung angezogen und besetzte den Wagen ordonnanzmäßig. Der Korporal hatte seine Not mit einem der Leute, der ziemlich selig berauscht zu sein schien. »Kerl, ins Teufels Namen«, fuhr er ihn an, »du bist ja schon vier Tage besoffen.« »Slawa bogu, Sudar, cebodni pjaetoi«, antwortete der Soldat mit heroisch philosophischer Ruhe. »Gott sei Dank, Herr; es ist heute der fünfte.« – Draußen vor der Stadt wird ein großes, schönes, neues Kloster gebaut, welches, wie ich hoffe, nun doch wohl eine Schule unter vernünftiger Einrichtung werden wird; denn was hier Mönche sollen, kann ich, alle Gottseligkeit eingerechnet, nicht begreifen.

Es ist nirgends mehr das papierne Jahrhundert als in Rußland. Als ich mit den neun jüdischen Fuhrleuten[675] bis Mitau abschloß, ließ der Gorodnitsche oder kaiserliche Stadtpfleger, der die Stadt pflegt oder sich von ihr pflegen läßt, sogleich einen schriftlichen Kontrakt aufsetzen, wofür ich einen silbernen Rubel bezahlen mußte. Ich und die Juden wären ohne einen Buchstaben Tinte in Einigkeit zusammen bis Irkutzk gezogen. Aber der Mann mußte für unsere Sicherheit sorgen, und der Judenprinzipal erhielt die Weisung, von Mitau aus von mir gehörig eine Quittung zu bringen, daß er seine Obliegenheiten alle zu meiner Zufriedenheit erfüllt habe.

Von dem russischen General Zapolsky in Kowno wollte das Publikum eben nicht die erbaulichsten Dinge sagen. Er rollte mit einer furchtbaren Satrapenmiene in einem großen Wagen mit großer, stolz gekleideter Bedienung über den Markt. Leute, welche mit Aufmerksamkeit etwas von der Welt gesehen haben, wissen, was zuweilen auf diese Weise in dem Wagen sitzt. Vor einiger Zeit war Feuerschaden in der Stadt, und der General hatte bei der Gelegenheit dem Kerl eines ehrsamen Bürgers ex plenitudine auctoritatis de facto mit furchtbaren Drohungen dreihundert Stockschläge geben lassen, weil er im Gedränge das Majestätsverbrechen begangen und einen Bedienten des Generals etwas geworfen hatte. Die Bürger beschwerten sich darüber bei dem Magistrat, der General aber meinte, daß ihnen nichts besseres gebühre und drohte noch härtere Züchtigung für ihre Kühnheit. Nun wollten die Bürger Gerechtigkeit bei dem Kaiser suchen, fürchteten aber seine Milde und Vorliebe für die Soldaten. Übrigens machten sie sehr frei ihre Glossen über den General und bemerkten, daß das Regiment nie so viele Kranke und Wegläufer gehabt habe, über zweihundert lägen im Lazarett und beständig liefen oder schwämmen Flüchtlinge über[676] den Strom auf die andere Seite, und fast alle alte, wackere Offiziere nähmen aus Ärger ihren Abschied. Wenn auch die Bürger, wie wohl anzunehmen ist etwas übertrieben, so ist doch nicht zu leugnen, daß die stolze, beleidigende, barbarische, gewalttätige Willkür des Militärs in Rußland noch mehr als in andern Staaten eine tief eingewurzelte Krankheit ist. Ich habe empörende Beispiele davon gehört und selbst gesehen. Es ist nichts Neues, zu hören, daß dieser oder jener Offizier einige Wochen gewissenlos im Standquartier zehrt, seinen Soldaten eine Menge Unordnungen nachsieht und beim Abschied den Wirt, wenn er so kühn ist und Bezahlung verlangt, mit Schlägen mißhandelt und mit der Heldentat triumphierend davon zieht. Selten kommt so etwas vor die Behörde, und noch seltener wird es gehörig bestraft. Die Militärgewalt behandelt besonders die Munizipalpersonen der kleinen Städte, auch wohl der größeren, mit einer solchen Härte und erniedrigenden Rohheit, daß alles Ehrgefühl getötet und alle Rechtlichkeit erstickt wird. Mancher Gouverneur, und nach ihm mancher Stadtpfleger, ist mit allen Kniffen der Schikane das Schrecken seines Bezirks, zumal in entfernteren Gegenden. Der Himmel ist hoch und der Kaiser wohnt weit, sagt das russische Sprichwort, und die Unbestimmtheit der Gesetze läßt der Bosheit eine lange Hand. Leb wohl! Wenn ich nicht schließe, hörst Du Jeremiaden, die sehr wahr und sehr unnütze wären.

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Prosaschriften. Köln 1962, S. 662-677.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Mein Sommer
Prosaische und poetische Werke: Teil 4. Mein Sommer 1805
Mein Sommer 1805: Eine Reise ins Baltikum, nach Rußland, Finnland und Schweden (insel taschenbuch)
Werke und Briefe in drei Bänden: Band 1: Mein Leben. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Mein Sommer 1805
Werke und Briefe in drei Bänden: Band 1: Mein Leben. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Mein Sommer 1805

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gedichte. Ausgabe 1892

Gedichte. Ausgabe 1892

Während seine Prosa längst eigenständig ist, findet C.F. Meyers lyrisches Werk erst mit dieser späten Ausgabe zu seinem eigentümlichen Stil, der den deutschen Symbolismus einleitet.

200 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon