Abo, den 5. August

[767] Die Zeit der Dichtung ist vorbei,

Die Wirklichkeit ist angekommen

Und hat des Lebens schönen Mai

Unwiederbringlich weggenommen.

Dem Geiste Dank, der mit mir war,

Daß mich mein Traum nicht weit entfernte;

So leb' ich ruhig nun das Jahr,

Wo Vater Cato Griechisch lernte.


Sonst hatt' ich noch den hohen Mut,

Trotz den Hyänen und den Wölfen,

Und wollt' in meines Eifers Glut

Die Erde mit verbessern helfen:

Jetzt seh ich die Verworfenheit,

Womit sich alle knechtisch schrauben,

Und lasse sie auf lange Zeit

Der Geißel und dem Aberglauben.


Wohl war es eine schöne Zeit,

Wo mich ein Götterfeuer wärmte,

Daß ich bis zur Vermessenheit

Für Schönes und für Gutes schwärmte.

Jetzt hat der Blick rund um mich her

Die heißern Flammen abgekühlet,

Daß meine Seele sich nunmehr

Nur stiller denkt und leiser fühlet.


Ich habe manche Mitternacht

Mit glühend zehrenden Gedanken

Der großen Rettung nachgedacht;

Nur hat mein Auge seine Schranken.

Man hat die himmlische Vernunft

Blasphemisch in den Kot getreten,[767]

Und läßt der alten Gauklerzunft

Neu aufgelegten Unsinn beten.


Die schändlichste Pleonexie

Mit Kastengeist und Übermute

Zerstöret alle Harmonie

Und tötet schleichend alles Gute.

Und diese sind, spricht Cäsars Knecht,

Uns unaustilgbar eingegraben;

Da hat die Sklavenseele Recht,

Doch nur für sich und ihre Raben.


Die Pergamente streuen Staub

Anathematisch in die Augen;

Des Dolches Spitze trifft den Raub,

Und läßt dann die Harpyen saugen;

Die Frömmelei lügt für Gewinn,

Der Geldsack drückt nach allen Seiten;

Der Witzler quält den Menschensinn

Und preist die Schande seiner Zeiten.


Nichts gleicht des einen Gaunerei,

Als nur die Dummheit eines andern;

Bei dieser darf er kühn und frei

In seinem Nebelnimbus wandern.

Der Bonze brummt, der Zwingherr braust,

Der arme Sünder kniet und beichtet

Und folgt dem Rauchfaß und der Faust

Und wird begnadigt und erleuchtet.


Man raubet dieses Lebens Lohn

Mit Molochsblick und blankem Eisen

Und will mit Spottreligion

Nur in das andere verweisen

So spricht man dem Verstande Hohn;[768]

Doch sprächen tausend Priesterzungen

Mit ihrer Salbung schwerem Ton,

Es blieben Gotteslästerungen.


Verzeih mir, Freund, ich glaube gar,

Daß ist oft wieder jünger werde.

Der Rückfall kommt zuweilen zwar,

Doch heilt ein Blick auf unsre Erde.

Ich bin zufrieden, daß ich mich

Für mich auf meinem Standpunkt halte;

Ein jeder tue das für sich;

Im ganzen bleibt es wohl das Alte.


Wer blickte mit Besonnenheit

Umher in unsrer Weltgeschichte,

Ganz ohne Furcht, daß nicht im Streit

Ein Dämon ihm den Mut vernichte?

Das Urteil drängt sich mächtig ein,

Als wärs vom Schicksal zugeschworen:

Der Mensch vielleicht kann weise sein;

Allein die Menschen bleiben Toren.


Wie kam es nun zu dieser grämlichen Stimmung in Abo? Recht deutlich weiß ich das wohl selbst nicht. Ich durchlief so ganz einsam die Geschichte meiner Erfahrungen, sah rückwärts und vorwärts, glaubte kalt zu sein und ward warm; und die Verse lagen da, ehe ich recht aufblickte. Ich nehme sie bei fernerer Überlegung nicht zurück, gebe sie Dir hin, und Du magst damit machen, was Du willst. Die Schweden sind eben nicht schuld daran, denn ich bin mit ihnen bis jetzt recht wohlzufrieden. Im Gegenteil, es gefällt mir hier so wohl, daß ich glaube, wenn ich ein reicher Mann wäre, ich würde wenigstens einige Jahre bei ihnen herumreisen.[769]

Ich knüpfe Dir den Faden meiner Wanderungen wieder an. Von Sippola ging ich zurück nach Friedrichsham in die große Straße und zog nach einer guten Mahlzeit zu Fuße weiter. Es kommt mir vor, als ob alle russische Städte in Finnland mehr sänken als stiegen, ohne daß das flache Land gewinnt; ein sicheres Kennzeichen, daß man es verkehrt angreift. In Schweden ist zur Freude eines jeden rechtlichen Mannes überall das Gegenteil. Sklaverei und Leibeigenschaft sind der politische Mehltau, in welchem alles verdorrt, und durch den nur die moralischen Fliegenschwämme wachsen. Die Gegend, die man freilich etwas voreilig mit der Schweiz vergleicht, ist überall freundlich und angenehm; und ich habe keine einzige Stelle gefunden, wo mein Gefühl mit dem Gedanken zurückgefahren wäre, hier ist es traurig, hier möchte ich nicht wohnen; welches doch wohl in Deutschland einige Male der Fall gewesen ist.

Einige Werste vor der Festungsstadt Kymengorod macht ein starker Arm des Kymen einen schönen Wasserfall, wo der Fluß in einer schön gruppierten Gegend, nicht weit von einer Kirche, durch drei Felsenengen viele Klaftern herabstürzt. Die Umgebungen sind sehr malerisch, und in der Schweiz würde der Ort berühmt genug sein. In Kymengorod sind die Schanzen und militärischen Arbeiten schon weit gediehen; aber die Stadt selbst hat noch wenig gewonnen, man kann so eben nur sagen, es ist ein Anfang gemacht. Jenseit des Wassers ist etwas mehr geschehen. Mir kommt die Lage der Festung doch etwas bedenklich vor; denn es ist nicht weit davon eine Felsenhöhle, von der man sie ziemlich wird ängstigen können, und diese Anhöhe selbst ist wegen der Umgebungen auch nicht sehr haltbar. Doch wenn die Stadt nur gedeiht, kann man die Festung leicht entbehren, und die besten[770] Verteidigungen sind immer wackere Leute, die mit der Bajonettspitze draußen tapfer das Feld halten.

Ein junger Mann, der spazieren ging, ein Offizier aus der Festung, gesellte sich am Flusse zu mir und fragte freundlich, woher und wohin. Mein Aufzug und meine Sprache mochten ihm gleich fremd vorkommen, denn ich spreche das Russische schlecht und das Finnische gar nicht. Das nämliche war sein Fall mit dem Französischen und Deutschen. Ein Wort gab das andere, und ich fragte, ob Suchteln schon angekommen wäre? Er wußte gar nicht, daß er kommen wollte. Ich sagte ihm aber, daß ich es von Petersburg aus Suchtelns eigenen Munde hätte, wie auch vom Hofrat Zagel in Wiburg, und daß dort schon Quartier für ihn bestellt wäre. Der junge Herr sah mit unter meinem Tornister hoch an, als er mich mit ziemlicher Vertraulichkeit von Suchteln und Meyendorf sprechen hörte, und examinierte mich so artig als möglich über mein Wesen und Wandeln. Ich gab ihm eine kurze Skizze meines jetzigen Ganges über Stockholm nach Hause, und er schied eilend sehr freundlich; wahrscheinlich um seinen Chef von der Ankunft seines Chefs zu unterrichten, denn vermutlich hatte man nicht weiter als bis Wiburg Bestellung gemacht.

Die Sonne war dem Untergange nahe, als ich vor Kymengorod vorbei schlenderte. Die Kabacke sah dort traurig aus, und ich ging, in der Hoffnung eine bessere zu finden, immer vorwärts, hörte aber zu meiner nicht geringen Verlegenheit, daß das nächste Wirtshaus zwanzig Werste entfernt wäre. Ich war schon ziemlich spät aus Friedrichsham gegangen, war müde, und ward natürlich immer müder. Der Wald ward dichter und die Gegend wilder; die Hitze war drückend gewesen, und meine Füße fingen an, mir den Dienst zu versagen. Hungrig war ich und der Proviant[771] in meinem Tornister zu Ende, ich war schon froh, wenn ich von Zeit zu Zeit etwas leidliches Wasser fand. Da ich kein Haus erreichen konnte und mich nur mit Mühe weiter fort zog, ging ich etwas von der Straße rechtsab waldeinwärts und legte mich mit ruhiger Resignation auf einen Granitblock zum Schlafe nieder. Der Himmel war schön über mir; nur war es eben deswegen etwas kalt, denn dort oben kommt, wenigstens die Nacht, die Kälte bald wieder, wenn die Kälte aufgehört hat. Dort oben im Norden reist man vor Menschen ohne Gefahr; es ist nicht wie in dem heiligen Lande Italien. Zu fürchten hatte ich also nichts als von den Wölfen, die doch auch wohl im Sommer zuweilen aus dem Dickicht herauswandeln und sich nach etwas umsehen. Indessen die Schlaflust war stärker als die Furcht vor den Wölfen, und ich schlief einige Stunden ganz ruhig, bis mich die Kälte erweckte. Nun setze ich mich wieder in Bewegung auf der Straße fort, fand bald einen ehrlichen, wackern Finnen, der mich so gut mit Frühstück versorgte, als sein Haus erlaubte, und rückte rüstig nach Aberfors hinüber.

Ich hatte einen Brief von dem Generalgouverneur Meyendorf an den hier kommandierenden russischen Obersten, der mich also sehr gütig aufnahm. Das ersparte mir aber nicht die sehr strenge Untersuchung auf dem Zolle, wo alles bis auf meinen Aristophanes durchlugt wurde. Meine russischen Papiere hatte ich schon in Friedrichsham gegen schwedische umgesetzt; und hier gab man mir auch noch für sechzig Kopeken russisches Silber schwedische papierne Schillinge. Auf dem Zollhause traf ich einen russisch finnländischen Geistlichen, der herüber fuhr und mich einlud, mich mit auf seine Droschke zu setzen. »Facundus comes in via pro vehiculo«, sagt irgend ein Alter; und hier[772] war beides; ich setzte mich also auf und fuhr mit ihm bis Lowisa, der ersten schwedischen Stadt. Ich hatte mir vorgenommen, recht genau den letzten Werstpfosten zu beschauen, der als Monument des letzten Krieges dasteht und gewaltig viel Kugeln haben soll. Die meisten sollen auf der schwedischen Seite sitzen, zum Beweis, daß die Schweden weit besser geschossen haben, da das Gefecht eben um den Werstpfahl am heißesten war. Im Gespräche hatte ich aber den Krieg und sein gebrechliches Monument vergessen. Der Kymen, oder vielmehr der Arm vom Kymen, hat dort wieder zwei Arme, zwischen welchen eine Insel von einigen hundert Schritten liegt, welche die Markscheide beider Reiche macht. Die Brücke Quaestionis ist also eine Doppelbrücke, die über den nördlichen Arm gehört den Russen, und die über den südlichen den Schweden. Nun darf keiner seinen Posten über seine Brücke hinaussetzen. Das taten denn die Schweden im letzten Zanke, der bald zum Kriege geworden wäre. Die Leute sind hier sehr glücklich in der Einbildung, daß hier in dem Kymen der beste Lachs in der ganzen Welt gefangen werde. Ich nahm mit dankbarem Herzen von Rußland Abschied, aber ich trat mit frohem Geiste nach Schweden.

Alles gewinnt sogleich ein mehr heiteres, freundlicheres Ansehen, so wie man herüber kommt. Als Maßstab der Bildung eines Volks nehme ich immer das Land, und nirgends wird man von dem äußern Anscheine sogleich schöner und wohltätiger angesprochen als in Schweden, zumal wenn man aus diesem Teile von Rußland kommt.

Es entsteht immer ein sonderbares, eigen gemischtes Gefühl in meiner Seele, wenn ich an Rußland denke. Gewiß sind im einzelnen nirgends bessere Menschen als in allen Teilen dieses ungeheuern[773] Reichs; nirgends tut die Regierung verhältnismäßig mehr für das Gedeihen der Provinzen; und nirgends wird doch weniger für Humanität, Gerechtigkeit und Aufklärung gewirkt. Das Radikalübel ist und bleibt, weil der Geist der Verfassung, wenn man so etwas Verfassung nennen kann, und einigermaßen auch noch die Regierung auf Sklaverei beruht. In Rußland gibt es keine allgemeine Bildung, sondern nur einzelne Verfeinerung; keine allgemeine Gesetzlichkeit, sondern nur einzelne Güte. Der Sprung geht von dem grassesten, dicksten Aberglauben zu der unbändigsten Zügellosigkeit, die nicht selten an Atheisterei grenzt und alle Moralitätt nur für den Kappzaum der Narren hält. Es gibt dort keine Wohlhabenheit, sondern nur Reichtum und Armut, Pracht und Elend, man springt von dem einen zum andern; oft trifft man beides beisamen; selten ist Häuslichkeit. Das ist die Folge der Sklaverei. Es ist nirgends Sicherheit, weder im Hause, noch in der Regierung, das ist auch ihre Folge. Nur Gerechtigkeit und milde Freiheit gewähren Sicherheit und allgemeinen Wohlstand. In Petersburg und Moskau ist es nichts Neues, zu sehen, daß ein Satrap in seinem Hause zwei- bis dreihundert Bediente hat, eine wahrhaft römische Familie, und sich dabei eben wegen der Menge desto schlechter befindet. Immer fällt mir dabei die Anekdote von einem altfranzösischen Herzoge ein, der zu einem Dichter kam und ihn höchst ärgerlich fand. »Mein Gott, was fehlt Ihnen denn?« fragte der Herzog. »Ei was«, antwortete der Dichter sehr mürrisch; »mein Bedienter ist ein Schlingel. Ich habe nur den einzigen, und denken Sie nur, ich werde fast ebenso schlecht bedient wie Sie, da Sie doch wohl dreißig haben.« – Je mehr Bediente, desto größer die Unordnung. Solche Leute werden hier für jede ernsthaftere Beschäftigung ganz unbrauchbar, und[774] viele verderben in dieser Kloake der Menschheit. Aus dieser Klasse entspringen sodann die meisten Betrüger und Bösewichter; unter ihnen ist die größte Gewandtheit und Verdorbenheit des Geistes, am meisten Witz und am wenigsten Vernunft. Wenn die Wahrscheinlichkeit einer rechtlichen Freiheit und dann die Hoffnung eines ordentlichen Unterhalts größer wäre, möchte es noch gehen. Aber für solche Leute ist selten Erlösung, darum halten sie sich meistens durch Liederlichkeit schadlos, wozu ihre Herren reichlich das Beispiel zu geben nicht ermangeln. Wie unmenschlich hart zuweilen solche Verhältnisse werden, habe ich selbst zu hören Gelegenheit gehabt. Ein junger Mensch hat Anlage zur Kunst und lernt und arbeitet mit der Erlaubnis seines Herrn mit den besten Fortschritten, so daß er dem größern Publikum und selbst dem Monarchen rühmlichst bekannt wird. Sehr natürlich ist nun das Verlangen, daß dieser Mann nun auch rechtlich über seine Person zu bestimmen wünscht. Dazu aber ist keine Möglichkeit, und sein Herr, mit dem er irgendeine kleine Differenz gehabt haben mag, beordert ihn hinaus auf das Gut zur härtesten Erntearbeit, die der gute Mensch längst vergessen, vielleicht nie gelernt hat. Da hilft kein Dazwischentreten für den Künstler. Der Monarch selbst ist zu gut, die sogenannten Rechte mit Gewalt anzutasten; der junge Mann soll zur Hofarbeit und vielleicht Mist laden, wo er unter der Peitsche des Verwalters, wenigstens dem sogenannten Rechte nach, steht. Ein humaner Mann hatte heimlich den Auftrag, bis 15000 Rubel für seine Freiheit zu bieten; denn dem Kaiser selbst würde ihn der Herr nicht gegeben haben, dann wollte ihn der Kaiser der Akademie schenken. In der ganzen Erzählung ist weiter kein vernünftiger Begriff als die große Liberalität des Monarchen, die man am[775] Ende doch noch sklavisch genug verdrehte. Der Kaiser wollte ihm eine Stelle bei der Akademie geben, aber nicht ihn der Akademie schenken. Einen Menschen schenken ist kein Begriff. Ich würde den dem Tode geben, der mit schenken wollte, oder ich gäbe mich dem Tode. Das begreift freilich kein Mensch, der es in seinem Leben nicht gewagt hat, eine eigene Persönlichkeit zu haben.

Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer philanthropischen Aufwallung dem alten General Igelström in Pleskow einige Stunden lang zu beweisen suchte, daß es mit Rußlands Kultur durchaus auf keinem festen Fuß weitergedeihen könne, bis die Personalfreiheit unumstößlich gesetzlich eingeführt sei. Der alte Herr gab das wirklich zu und fragte nur nach dem Wie? Das ist freilich eine schwere Frage. Die Sklaverei der Bauern ist in Rußland erst seit einigen Jahrhunderten, ich weiß nicht gleich unter welchem Zar, eingeführt worden, und zwar nicht gesetzlich, sondern nur durch Mißbrauch. Bei einer sehr gefährlichen Pest, mit Hungersnot verbunden, wo jedermann dem Verderben zu entfliehen suchte, wurde die provisorische temporäre Verfügung gemacht, daß kein Bauer seinen Hof verlassen sollte. Was bloß temporär war, blieb durch Mißbrauch immer fort. Das ist das Ganze. Was ein Raubtier einmal in den Klauen hat, gibt es so leicht nicht wieder heraus. Die Sklaverei der Russen aber, als der Kernnation selbst, ist nie so schwer und drückend geworden als der Nebenprovinzen. Für Liefland und Estland und Finnland ist die russische Regierung, wie sie bisher war, ein wahrer Fluch. In Kurland war es unter den Polen nicht besser; und alles ist nun unter einer Verdammnis, wenn nicht einst ein menschlicher Genius die Harpyen vernichtet. Wo Sklaverei gesetzlich ist – von Gerechtigkeit kann[776] gar nicht die Rede sein, denn man ist es schon gewohnt, daß Gesetz und Gerechtigkeit oft in Widerspruch stehen – wo sie gesetzlich ist, kann nie eine humanere Kultur gedeihen. Man wende ja nicht die Griechen und Römer ein, Gott bewahre uns vor ihrer schändlichen Freiheit; dagegen ist selbst der Unsinn des Lehnsystems noch Vernunft; und Spartakus hat darüber einen furchtbaren Kommentar gegeben. Wenn ich ein deutscher Bauer wäre und sechs Söhne und keine andere Aussicht für sie hätte, als sie, auch unter guten Bedingungen, nach Rußland auf das Land zu schicken; bei der Heiligkeit jeder Tugend, ich würde sie alle sechse niederschießen, ehe ich sie hinschickte und der Stammvater eines Sklavengeschlechts würde. Daß die Regierung ihnen die Freiheit sichert, gibt keine Sicherheit. Der Edelmann hätte sie wenigstens im dritten Gliede schon in den Klauen. Wo das System Sklaverei ist, findet keine Rettung statt. Man geht von der Sklaverei zur Despotie, und von dieser zur Sklaverei. Wo die große Klasse in der Leibeigenschaft zeiht, ist kein einziger für die Freiheit seiner Nachkommen sicher. Und wer, auch ohne Nachkommen, nichts für Nachkommen fühlt, gehört zur Sentine der Weggeworfenen.

Man beschwert sich in Liefland, daß die Bauern so unerträglich faul seien; und ich wunderte mich, daß sie nur noch so viel arbeiten. Denn wozu soll ein Sklave mehr arbeiten, als er muß? Wer gibt ihm die Sicherheit seines Gewinns? Soll er ein Haus bauen, von dem er nicht weiß, ob er und sein Sohn darin wohnen dürfen? Einen Baum pflanzen, von dem es nicht wahrscheinlich ist, daß er und seine Kinder die Früchte davon brechen? Man wendet ein, daß ihm nun das Gesetz Sicherheit gebe. Das Gesetz ist längst dagewesen und immer verachtet worden. Man hat nie[777] einen Menschen verkaufen sollen, und verschachert sie noch jetzt auf allen Märkten schändlich für Jagdhunde; und sogar die Zeitungsblätter auch noch unter dem freundlichen Alexander sind voll von dergleichen Menschenfeilbietungen. »Er ist mein Erbkerl«, schnurrt ein junger Edelmann, dessen Großvater vielleicht noch Makler an der Düna oder der Newa war, mit unsäglicher Impertinenz durch die geschwollenen Nasenlöcher, und zieht den Mundwinkel in eine gräßliche Falte, »er ist mein Erbkerl, und ich kann mit ihm machen, was ich will«. Das tut er denn auch zuweilen mit einem Genie, das Adramelech Ehre machen würde. In Verhältnissen des Völkerrechts und Staatsrechts muß es leider ein Grundsatz der Sicherheit sein: das Böse, das ein Mensch tun kann, wird er wahrscheinlich tun. Die Geschichte hat mehr Bestätigungen als Widerlegungen desselben. Wo noch jemand anders den Personenzwang hat als der Staat, ist es um das Palladium der Menschheit getan. Man er zählt noch heute in Liefland hier und da eine Menge Abscheulichkeiten, die alle menschliche Vorstellung übertreffen. Merkel hat im ganzen noch sehr glimpflich gemalt; wenn auch einige seiner Belege vielleicht nicht ganz zu beweisen sein sollten. Man läßt junge Windhunde von Bäuerinnen säugen; noch jetzt geschieht das. Natürlich mit Bewilligung der Ammen. Wozu kann ein liefländischer Edelmann mit der ausübenden Gewalt am Gürtel den Bauer nicht bereitwillig machen? Die Branntweinsfuhre und das Bauen in den Städten für die sauberen Patrone geht jetzt, wie ehemals. Ein Sklave muß freilich schlecht sein; ich begreife gar nicht, wie er gut sein könnte. Herabwürdigung erstickt alles Edlere und Bessere. Daß der Herr für sie sorgen soll, muß wohl ebensowenig gewissenhaft beobachtet werden. Ich habe Blinde genug[778] am Wege gefunden, denen in den Rauchlöchern die Augen ausgebeizt waren, und denen der Herr nun die Erlaubnis erteilt hatte, im Gebiete zu betteln, denn freilich darf er sie nicht wohl in fremde Bezirke schicken. Deswegen gehen sie aber doch. Buxhövdens Bauern gehen zahlreich nach Petersburg betteln; Vittingshofs Bauern betteln in Dorpat, in der kleinen Entfernung von dreißig Meilen; denn so weit mag es wohl von Marienburg bis Dorpat sein. Buxhövden gilt bei dem größten Anschein von Humanität für einen der härtesten Privilegiaten; und Liberalität soll in den Fällen, die man dort unsinnig genug Gerechtigkeit nennt, seine Sache nicht sein. Das Christentum hat dort, wie in vielen andern Weltgegenden, unsäglich viel Unheil gestiftet, und die Kette unauflöslicher gemacht, da die Pfarrer, den Instituten gemäß, meistens mit den Edelleuten Hand in Hand gehen, oder vielmehr selbst temporäre Edelleute sind, und, zur Schande ihrer Lehre, nicht selten die schlimmeren. Die Letten, Esten und Finnen haben nicht Unrecht, die Deutschen im allgemeinen für eine Art böser Geist anzusehen, für welche der Himmel, da er sie hier so wüten läßt, einst eine ganz eigene Hölle schaffen wird. Du darfst nur die Erscheinungen nehmen. Liefland ist gewiß ein schönes, herrliches, gesegnetes Land. Die Russen eroberten es; und um der Provinz wieder aufzuhelfen, die durch Krieg und Pest fast zugrunde gerichtet war, wurden nicht allein die Abgaben sehr mäßig eingerichtet, sondern sie wurde auch von allen Rekrutenlieferungen befreit. Die Folge davon ist, daß die Edelleute ihre Einkünfte zu Hunderttausend zählen, daß die Bauern wie Troglodyten wohnen, hier und da kaum menschlichen Gestalten ähnlich sehen und daß nach hundert Jahren bei vielem Segen und keinen Unglücksfällen die Provinz noch auf dem nämlichen[779] Grade der Bevölkerung steht, nur daß das Elend des platten Landes größer ist.

Finnland wurde etwas später genommen, und dort war die Kultur etwas weiter gediehen. Deswegen befinden sich auch jetzt noch die finnischen Bauern etwas besser; obgleich die Besitzer alles möglichte tun, sie nach und nach einzurussen oder einzuliefländern. Möge durch die schweren Regierungsformen Alexanders Gefühl nicht hart werden und seine Kraft nicht ermüden, daß er rettend sich eine Ehre erwerbe, die nach Jahrtausenden der Nachwelt noch heilig sei; nicht schrecklich, wie es der Ruhm des Philippiden war.

Von Friedrichsham aus spricht man ziemlich viel Schwedisch; und die Geistlichen für russisch Finnland sind bis jetzt meistens von Abo genommen worden, so daß die Provinz noch immer in einiger Verbindung mit dem alten Mutterlande geblieben ist. Die Regierungsämter und Justizstellen wurden meistens mit Deutschen besetzt, und in den Städten ist nun die Hauptsprache fast überall Deutsch. Durch die neue Einrichtung gewinnt dort die deutsche Sprache noch mehr, da die Erziehung in Finnland förmlich unter der Universität Dorpat steht.

In Lowisa hört man nur Schwedisch und Finnisch. Mein Pastor brachte mich, da meine Zunge sich noch gar nicht recht Schwedisch eingerichtet hatte, in ein ganz gutes Wirtshaus, wo man mich auf alle Weise recht gut und anständig und billig versorgte. Hier saß ich gegen Abend in der Gaststube und studierte Schwedisch in einem alten in das Schwedische übersetzten Pepliers, den mir mein Wirt in Sippola gegeben hatte. Ein ziemlich wild aussehender Mensch nahm das Buch, das ich auf dem Tische hatte liegen lassen, und blätterte darin. »Das ist ja von unserm[780] vorigen Gouverneur Orräus aus Wiburg«, sagte er Russisch. Der Name war darein geschrieben. »Das ist wohl möglich«, antwortete ich und sagte ihm, wie ich dazu gekommen sei. Er blickte mich ganz zweideutig an und ward nur dann wieder freundlich, als ihm die Wirtin freundlich bedeutete, ich sei mit einem Geistlichen im Wirtshause angekommen.

Den folgenden Tag ging ich nach Ulby, wo ich sehr schlecht gespeist und sehr gut gebettet wurde. Wenn man nur immer eins mit dem andern kompensieren kann, hat es weiter nichts zu sagen.

Borgo gilt für eine ansehnliche Stadt in Schwedisch Finnland, hat ein Gymnasium und treibt einigen Handel auf einem Flusse, der bis dahin für kleinere Schiffe fahrbar ist. Von da bis Helsingfors ward es mir unerträglich heiß, weit heißer, als es mir um den Ätna und in der Lombardei geworden ist. Die Wirtshäuser waren weit voneinander entfernt und eben noch nicht sehr gut. Sie sahen von außen schön und freundlich und einladend aus; aber gewöhnlich war nichts darin zu haben als sehr saures Bier und sehr grobes Brot und sehr schlechte Butter. Nun waren die Gasthäuser auch zugleich die Posthäuser, und ich merkte, daß man doch nicht außerordentlich billig war und mich in der Rechnung das Postgeld mitbezahlen ließ. Denn die ehrlichen Schweden schienen sich einzubilden, daß ich ein milzsüchtiger Grillenfänger sei, dem man seine Phantasie miteinrechnen müsse. Die schwedischen Meilen sind bekanntlich verdammt groß, und das Postgeld ist nicht stark. Man fährt sehr schnell und nur mit einem einzigen Pferde, wenn man so leicht ist, wie ich bin. Ich setzte mich also auf eine Postkarriole und ließ mit weiter spedieren, erstlich, der Hitze zu entgehen, zweitens, um schneller fortzukommen, und drittens, weil es durchaus nicht mehr kostete, sondern[781] vielleicht noch wohlfeiler war als das Fußwandeln. In Italien hätten die Gründe freilich nicht alle gegolten. In Helsingfors spricht der Postmeister Deutsch und hält ein sehr gutes Haus; und durch Svensky hatte ich sogar einen Postillion, der Deutsch sprach und oft mit Schiffen in Reval gewesen war. Bei Mialbolsta sind einige sehr schöne Partien an einem See mit einigen Landhäusern.

Bei Sahlo öffnet sich das Tal, durch welches der Weg herunter geht, ziemlich weit und zeigt viele, zwar kleine, aber niedlich gebaute Dörfer, und zum ersten Mal wieder zwei Kirchen. Die Gerste wächst hier so hoch und üppig, daß ich sie nur bei Catanien am Ätna größer und stärker gesehen habe. Auch Weizen wuchs schon in solcher Vollkommenheit hoch über Abo oben, daß ich einige große Ähren zum Andenken in mein Taschenbuch legte. Das willkommenste waren mir aber Haselsträuche, die ich hier wieder zum erstenmal erblickte. Jeden Augenblick wuchs mein Vergnügen und meine hohe Meinung von der ökonomischen Gesellschaft in Abo. Arm sind die Schweden, sehr arm; man kann viele Meilen reisen, ohne nur ein Stückchen Kupfermünze zu sehen. Man findet nichts als Papier, sogar bis zu Zetteln von acht Schillingen, oder ungefähr vier Groschen. Aber der Schwede scheint seine Armut nicht zu fühlen. Sein Haus ist groß und hell und bequem. Wenn man in Estland und Liefland nur selten einen Schornstein sieht, so hat hier manches Bauerngut vier bis sechs Schornsteine und viele schöne Nebengebäude. Der schwedische Finnländer ist heiter und munter und reinlich gekleidet und zeigt Kraft und Selbständigkeit. Die Weiber sind meistens groß und wohlgebildet, und oft sehr schön; vorzüglich auf dem Lande, wo ihnen die leichte Nationaltracht eine fast griechische Erscheinung gibt. Kommt man in[782] die reinlichen, netten, meistens rot angestrichenen Häuser, so findet man freilich des köstlichen Mundvorrats nicht viel; aber alle sind bei den Wenigen so froh und freundlich und teilen so gern und willig mit, daß eine sehr überfeinerte Seele dazu gehört, sich bei ihnen nicht wohl zu befinden.

Den letzten Abend vor Abo blieb ich in Wista, einem angenehmen Kirchdorfe, wo der Postmeister ein alter abgedankter Lieutenant war, der leidlich Deutsch sprach, viel und verständig genug Politik schwatzte und mich in aller Frugalität sehr geschmackvoll bewirtete. Als ich den folgenden Morgen bezahlte, sollte ich auf mein Papier fünf Schillinge herausbekommen, und der alte Herr hatte in seinem ganzen Hauswesen nicht fünf Kupferschillinge, so genau er auch alle Kasten und Papierschätze durchsuchte. Als ich meinte, das hätte ja nichts zu sagen, er möchte an die Schillinge nicht weiter denken, rührte sich die alte Soldatenehre, und er behauptete, alles müsse durchaus seine Ordnung haben. Ich tat den Vorschlag, er möchte die fünf Schillinge dem Postillon zum Trinkgeld geben. Er sah mich groß an und fragte: »Wieviel geben Sie denn den Kerlen?« »Ei nun«, war meine Antwort, »gewöhnlich drei oder vier Schillinge, nachdem die Station ist; hier kann ich ja wohl einmal fünfe geben.« »Mit Ihrer Erlaubnis, das ist sehr schlecht«, fuhr er mich etwas an; »da verderben Sie uns die Kerle in den Grund. Sie müssen nicht mehr als einen Schilling haben.« Er ging hierauf selbst zu dem Nachbar und holte mir die Schillinge und bat sichs aus, daß ich dem Menschen durchaus nicht mehr als zwei Schillinge geben möchte; welches ich auch versprach und insofern hielt, daß ich die andern beiden als ein Surplus von Gratial wegen des guten Fahrens hinzulegte. Das Trinkgeld macht nach diesem Fuße auf drei schwedische[783] Meilen ungefähr sechs gute Groschen und ist das Nonplusultra von Großmut, wofür jeder Postillon otmickest, d.i. demütigst dankt. Eigentlich sollen sie nach den Gesetzen durchaus gar nichts verlangen, welches ich allerdings etwas hart finde; wie denn überhaupt das ganze Schußwesen oder die dortige Postanstalt viel Mißliches haben mag. Welcher Unterschied zu unserm lieben Vaterlande! Die Gesetze haben bei der Bestimmung des halben Guldens Trinkgeld bei uns schon die Liberalität mit eingerechnet und nur den Reisenden nötigen wollen, nicht unbillig zu sein. Mit acht Groschen versucht es nun wohl kein Reisender mehr, wenn er wegen seines Wagens und seines Halses ruhig sein will. Denn es müßte ein schlechter Postillon sein, der in seinem Murrsinn der Equipage nicht ganz geschickt für einige Gulden Schaden zufügen könnte. Ich bin selbst gegenwärtig gewesen, daß man dem Postillon einen halben Taler in die Hand gab. »Was soll das?« fragte der Kerl mit einem knurrigen, kaum verständlichen Tone. »Das ist sein Trinkgeld.« Der Mensch zog sein nicht feines Gesicht phlegmatisch in die Länge und in die Breite und sagte mit der neuen Schule göttlicher Grobheit: »Gibt auch ein ehrlicher Herr einem ehrlichen Postillon so ein lumpiges Trinkgeld? Das ist ja recht niederträchtig.« Dergleichen Höflichkeiten kann man in Sachsen von Dresden bis Naumburg ein halbes Dutzend hören. Dafür fährt man in Schweden jede Stunde sehr gemächlich eine schwedische Meile; und dort bin ich denn doch einigemal in sieben Stunden drei sächsische Meilen geschleppt worden.

Jeder Schwede hat hier um sein Haus seine eigene Pflanzung Tabak, und man sieht in der Gegend von Abo schon ganze Flächen mit diesem Giftkraute verdorben. Ich kann mir nicht helfen, ich empfinde jedesmal[784] sehr unangenehm, wenn ich auch in meinem Vaterlande ganze große schöne Felder damit bepflanzt sehe, und mir der betäubende Giftdunst des stinkenden Unkrauts entgegenzieht. Eine seltene Verkehrtheit, der Gebrauch des Tabaks! Wenn wir dann Brotmangel haben und die Kornspeicher aufgetan werden sollen, findet man sie mit beizenden Blättern dieses Afterbetels angefüllt.

Abo soll, wie man mich versichert, zwölftausend Einwohner haben; welches ich auch nicht übertrieben finde. Die Universität ist ungefähr dreihundert stark. Da eben Ferien sind und wenige Professoren sich in der Stadt befinden, habe ich niemand hören können. Das neue akademische Gebäude gleich hinter der Kathedralkirche wird der Stadt Ehre machen, wenn es gleich nicht so prächtig wird, als die hiesigen Schweden es behaupten wollen. Denn, wenn man sie hört, ist die Akademie in Petersburg eine Kabacke dagegen. Das Merkwürdigste davon ist, die Säulenschäfte aus Granit bestehen aus einem einzigen Stücke, sind von schöner Proportion und werden herrlich geschliffen. Sie kommen aber den Säulen in Petersburg am Sommergarten durchaus nicht bei; auch nicht einmal den Säulen an der neuen Bank, die Kaiser Paul hat bauen lassen. Die Bearbeitung des Granits auf diese Weise ist indessen in Schweden noch etwas Seltenes; in Rußland ist nichts gewöhnlicher, aber doch auch nur in Petersburg.

In Abo zog ich bei unserm Landsmann, Herrn Seipel aus Butzbach, ein, der jedoch nicht ganz der einzige Aubergist in der Stadt ist, wie Acerbi behauptet; denn man hat mir noch ein anderes Gasthaus genannt. Der beste mag er wohl sein, obgleich nicht gar zu gut bestellt. Aber ein Unikum gibt es in Abo, nämlich in der ganzen Stadt nur einen einzigen Barbier, wie mich[785] unser Landsmann, Herr Seipel aus Butzbach, versicherte! und da nun dieser einzige Bartinspektor über Land gereist war, mußte ich leider mit meiner schlechten Gerätschaft mich selbst peinigen.

Der Fluß Aurajocky hat schlechtes Wasser und ist von unten nur bis an die Brücke schiffbar; oberwärts der Brücke gehen nur kleine Kahne. Jocky oder Tjocky heißt im Finnischen ein Fluß, so daß der Name Aura ganz romantisch klingt. Ebenso ist Kemijocky oben bei Torneo. Du siehst, daß es der finnischen Sprache nicht an Anmut fehlt. Die finnische Sprache ist die Hauptsprache, und das Estnische und Lappische sind nur ihre Dialekte, wie ich höre. Daher ist es gar kein Wunder, wenn Liefländer diese ihre estnische Sprache tief in Asien gefunden haben.

Das alte Schloß unten am Ausfluß der Aura, ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, ist eben nicht wichtig; nicht einmal so wichtig als es Acerbi macht, ob es gleich fast von drei Seiten mit Wasser umgeben ist. Auch die schwedischen Militäre selbst geben es für nicht viel aus. Das Beste ist, daß dabei ein Teil der Scherenboote unter Dachung liege, die, wie Du weiße, im letzten Kriege den Russen so viel zu schaffen machten. Diese Scherenboote sind wohl nur deswegen besser als die russischen, weil die Schweden bis jetzt noch die besseren Matrosen sind. Auch die Bildung der Flotte empfindet in Rußland das Nachteilige der Leibeigenschaft. Schwedisch Finnland soll seit zwanzig Jahren um 60000 Menschen an Bevölkerung gewannen haben; und das ist bei dem großen Striche Landes nicht unwahrscheinlich, denn überall ist die Kultur der Gegend so ausgezeichnet schön, als ich sie weder in Deutschland, noch in Italien, noch in Frankreich irgendwo gesehen habe; nämlich in solcher Ausdehnung, und eingerechnet die überwundenen Schwierigkeiten.[786] Gerste und Roggen, und Weizen und Erbsen und Flachs, alles stand außerordentlich gut; bloß der Hanf war verhältnismäßig klein und mager. Die Düngung ist musterhaft. Indessen sagt auch jedermann, daß dieses Jahr überall in ganz Schweden eine vorzüglich gesegnete Ernte sei. Nirgends habe ich mehr Achtung vor dem menschlichen Fleiße bekommen als auf dieser Reise. Zuweilen müssen die guten Leute ihren tragbaren Boden erst den Granitbergen abtrotzen, ehe sie mit wahrhaft heldenmütiger Anstrengung es wagen können, ihm irgendwo etwas Samen anzuvertrauen. Und es ist sodann gewiß der schönste Sieg, wenn die Seiten der Berge von Korn wogen, und nur hier und da eine unbezwingliche Felsenspitze durch den Segen freundlich hervorragt. Solche Anblicke hat man in Schweden viele, in einer Provinz mehr als in der andern.

Finnland gilt durch seine kräftige, schöne Betriebsamkeit schon mit für die Kornkammer der umliegenden Provinzen; und in welcher Art es billig bei dem ganzen Reiche steht, beweist der Umstand, daß man auf das Papiergeld auch allemal den Wert in finnischer Sprache gedruckt findet.

Vor meinem Fenster, das in den Garten geht, steht hier ein schöner großer Apfelbaum; eine Erscheinung, die mich, zuerst wieder recht angenehm überraschte! In ganz Petersburg habe ich nur an einer einzigen Stelle, die von allen Seiten gegen den Wind geschützt war, einige Apfelbäume gesehen, aber keinen einzigen Birnbaum. Hier werden die Obstbäume nun schon wieder gewöhnlicher.[787]

Quelle:
Johann Gottfried Seume: Prosaschriften. Köln 1962, S. 767-788.
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