Dritte Szene

[253] Das Lager der Rebellen bei Shrewsbury.


Percy, Worcester, Douglas und Vernon treten auf.


PERCY.

Wir greifen nachts ihn an.

WORCESTER.

Es darf nicht sein.

DOUGLAS.

Ihr gebt ihm Vorteil dann.

VERNON.

Im mind'sten nicht.[253]

PERCY.

Wie sprecht Ihr so? Hofft er nicht auf Verstärkung?

VERNON.

Wir auch.

PERCY.

Die sein' ist sicher, unsre zweifelhaft.

WORCESTER.

Nehmt Rat an, Vetter; rührt Euch nicht zu Nacht.

VERNON.

Herr, tut es nicht!

DOUGLAS.

Ihr gebt nicht guten Rat,

Ihr redet so aus Furcht und mattem Herzen.

VERNON.

Douglas, verleumdet nicht! Bei meinem Leben!

Mein Leben soll dafür zu Pfande stehn,

Wenn wohlverstandne Ehre fort mich zieht,

Pfleg' ich so wenig Rat mit schwacher Furcht

Als Ihr, Herr, oder irgend wer in Schottland.

Wir wollen morgen sehn, wer von uns beiden

Im Treffen zagt.

DOUGLAS.

Ja, noch zu Nacht!

VERNON.

Es gilt!

PERCY.

Zu Nacht, sag' ich!

VERNON.

Geht! Geht! es darf nicht sein.

Ich wundre mich, daß solche große Führer

Nicht einsehn, welche Hindernisse rückwärts

Die Unternehmung ziehn. Eine Anzahl Pferde

Von meinem Vetter Vernon kam noch nicht;

Die meines Oheims Worcester heute erst:

Und nun ist all ihr Feuer eingeschlafen,

Ihr Mut von harter Arbeit träg' und zahm,

Daß keins nur halb die Hälfte von sich gilt.

PERCY.

So sind des Feindes Pferd' im ganzen auch,

Vom Reisen abgemattet und herunter;

Der unsern beßres Teil hat ausgeruht.

WORCESTER.

Des Königs Anzahl übertrifft die unsre:

Um Gottes willen, Vetter! Wartet doch,

Bis alle da sind!


Trompeten, die eine Unterhandlung ankündigen. Sir Walter Blunt tritt auf.


BLUNT.

Vom König bring' ich gnäd'ge Anerbieten,

Wenn ihr Gehör und Achtung mir gewährt.

PERCY.

Sir Walter Blunt, willkommen! Wollte Gott,[254]

Daß Ihr desselben Sinnes wärt mit uns!

Hier will Euch mancher wohl, und diese selbst

Beneiden Eu'r Verdienst und guten Namen,

Weil Ihr von unserer Partei nicht seid

Und wider uns vielmehr als Gegner steht.

BLUNT.

Verhüte Gott, daß ich je anders stünde,

Solang' ihr, außer Schranken und Gesetz,

Steht wider die gesalbte Majestät!

Doch, mein Geschäft! – Der König sandte mich,

Zu hören, was ihr für Beschwerden führt;

Warum ihr aus des Bürgerfriedens Brust

So kühne Feindlichkeit herauf beschwört

Und seine treuergebnen Untertanen

Verwegne Greuel lehrt? Wofern der König

Jemals vergessen eure guten Dienste,

Die mannigfaltig sind, wie er bekennt:

So nennt nur die Beschwerden, und ihr sollt,

Was ihr verlangt, mit Zinsen schleunigst haben,

Auch gänzliche Verzeihung für euch selbst

Und die, so eure Eingebung mißleitet.

PERCY.

Der König ist gar gütig, und wir wissen,

Er weiß, wann zu versprechen, wann zu zahlen.

Mein Vater und mein Oheim und ich selbst,

Wir gaben ihm das Szepter, das er führt,

Und als er keine dreißig stark noch war,

Krank in der Menschen Achtung, klein und elend,

Ein unbemerkt heimschleichender Verbannter,

Bewillkommt' ihn mein Vater an dem Strand;

Und als er ihn bei Gott geloben hörte,

Er komm' als Herzog nur von Lancaster

Zur Mutung seiner Leh'n und Friede suchend,

Mit Eifers Worten und der Unschuld Tränen:

So schwor mein Vater ihm aus gutem Herzen

Und Mitleid Beistand zu und hielt es auch.

Nun, als die Lords und Reichsbarone merkten,

Daß sich Northumberland zu ihm geneigt,

Da kamen groß und klein mit Reverenz,

Begrüßten ihn in Flecken, Städten, Dörfern,[255]

Erwarteten an Brücken ihn und Pässen,

Erboten Schwür' und Gaben; brachten ihm

Als Pagen ihre Erben; folgten dann

Ihm an den Fersen nach in goldner Schar.

Er alsobald, wie Größe selbst sich kennt,

Schritt auch ein wenig höher als sein Schwur,

Den er, noch blöden Mutes, meinem Vater

Am nackten Strand zu Ravenspurg getan.

Und nun, man denke! nimmt er sich heraus,

Verordnungen und Lasten abzuschaffen,

Die das gemeine Wesen hart gedrückt;

Schreit über Mißbrauch, scheinet zu beweinen

Die Schmach des Landes, und mit dem Gesicht,

Der scheinbar'n Stirn der Billigkeit, gewann

Er jedes Herz, wonach er angelte;

Ging weiter, schlug die Häupter sämtlich ab

Der Günstlinge, die der entfernte König

Zur Stellvertretung hier zurückgelassen,

Als er persönlich war im ir'schen Krieg.

BLUNT.

Ich kam nicht, dies zu hören.

PERCY.

Dann zur Sache:

In kurzer Zeit setzt' er den König ab,

Und bald darauf beraubt' er ihn des Lebens;

Dann, Schlag auf Schlag, schatzt' er das ganze Reich;

Noch schlimmer nun: ließ seinen Vetter March

(Der doch, wenn jeder stünd' an seinem Platz,

Sein echter König ist) in Wales verstrickt,

Dort hülflos ohne Lösegeld zu liegen;

Beschimpfte mich in meinem Siegesglück

Und war bemüht, durch Kundschaft mich zu fangen;

Schalt meinen Oheim weg vom Sitz im Rat,

Entließ im Zorn vom Hofe meinen Vater;

Brach Eid auf Eid, tat Unrecht über Unrecht

Und trieb uns schließlich, unsre Sicherheit

In diesem Bund zu suchen und zugleich

Zu spähn nach seinem Anspruch, welchen wir

Nicht gültig g'nug für lange Dauer finden.

BLUNT.

Soll ich dem König diese Antwort bringen?[256]

PERCY.

Nicht doch, Sir Walter: erst beraten wir's.

Geht hin zum König, laßt uns eine Bürgschaft

Verpfändet sein zu sichrer Wiederkehr,

Und früh am Morgen soll mein Oheim ihm

Vorschläge von uns bringen; so lebt wohl!

BLUNT. Ich wollt', ihr nähmet Lieb' und Gnade an.

PERCY.

's ist möglich, daß wir's tun.

BLUNT.

Das gebe Gott!

Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 253-257.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon