Dritte Szene

[297] York. Ein Zimmer im Palast des Erzbischofs.


Der Erzbischof von York, die Lords Hastings, Mowbray und Bardolph treten auf.


ERZBISCHOF.

Ihr kennt nun unsre Sach' und unsre Mittel,

Und, edle Freund', ich bitt' euch allesamt,

Sagt frei von unsern Hoffnungen die Meinung:

Zuerst, Lord Marschall, was sagt Ihr dazu?

MOWBRAY.

Den Anlaß unsrer Fehde geb' ich zu,

Allein ich wäre besser gern befriedigt,

Wir wir's, bei unsern Mitteln, machen sollen,

Mit einer Stirne, keck und stark genug,

Der Macht des Königs ins Gesicht zu sehn.

HASTINGS.

Die jetz'gen Musterrollen steigen schon

Auf auserlesne zwanzigtausend Mann;

Und reichlich lebt die Hoffnung auf Verstärkung

Im mächtigen Northumberland, des Busen

Vom ungestümen Feu'r der Kränkung brennt.

LORD BARDOLPH.

Demnach, Lord Hastings, steht die Frage so:

Ob mit den jetz'gen fünfundzwanzigtausend

Wir ohne ihn die Spitze bieten können?

HASTINGS.

Mit ihm gewiß.

LORD BARDOLPH.

Nun ja, da liegt es eben.

Doch finden wir uns ohne ihn zu schwach,

So denk' ich, sollten wir zu weit nicht gehn,

Bis wir zur Hand erst seinen Beistand haben.

Denn bei Entwürfen von so blut'gem Antlitz,

Da darf Erwartung, Anschein, Mutmaßung

Unsichrer Hülfe nicht in Anschlag kommen.

ERZBISCHOF.

Sehr wahr, Lord Bardolph! Denn gewiß, dies war

Des jungen Heißsporn Fall zu Shrewsbury.

LORD BARDOLPH.

Ja, gnäd'ger Herr; er speiste sich mit Hoffnung,

Verschlang die Luft auf zugesagten Beistand,

Sich schmeichelnd mit der Aussicht einer Macht,

Die kleiner ausfiel als sein kleinster Traum.[297]

So führt' er, voll von großen Einbildungen,

Dem Wahnwitz eigen, seine Macht zum Tod

Und stürzte blindlings sich in das Verderben.

HASTINGS.

Allein verzeiht, es hat noch nie geschadet,

Wahrscheinlichkeit und Hoffnung zu erwägen.

LORD BARDOLPH.

Ja, wenn die jetz'ge Eigenschaft des Kriegs

Sogleich zu handeln trieb'; ein Werk im Gang

Lebt so auf Hoffnung, wie im frühen Lenz

Wir Knospen sehn erscheinen, denen Hoffnung

So viel Gewähr nicht gibt, einst Frucht zu werden,

Als gänzliche Verzagung, daß sie Fröste

Ertöten werden. Wenn wir bauen wollen,

Beschaun wir erst den Platz, ziehn einen Riß;

Und sehn wir die Gestalt des Hauses nun,

Dann müssen wir des Baues Aufwand schätzen.

Ergibt sich's, daß er über unsre Kräfte,

Was tun wir, als den Riß von neuem ziehn,

Mit wenigern Gemächern, oder ganz

Abstehn vom Bau? Vielmehr noch sollten wir

Bei diesem großen Werk, das fast ein Reich

Danieder reißen heißt und eins errichten,

Des Platzes Lage und den Riß beschaun,

Zu einer sichern Gründung einig werden,

Baumeister fragen, unsre Mittel kennen,

Wie fähig, sich dem Werk zu unterziehn,

Den Gegner aufzuwiegen; sonst verstärken

Wir uns auf dem Papier und in Figuren

Und setzen statt der Menschen Namen bloß;

Wie, wer den Riß von einem Hause macht,

Das über sein Vermögen; der, halb fertig,

Es aufgibt und sein halberschaffnes Gut

Als nackten Knecht den trüben Wolken läßt

Und Raub für schnöden Winters Tyrannei.

HASTINGS.

Gesetzt, die Hoffnung, die so viel verspricht,

Käm' tot zur Welt, und wir besäßen schon

Den letzten Mann, der zu erwarten ist:

Doch denk' ich, unser Heer ist stark genug,

Es, wie wir sind, dem König gleich zu tun.[298]

LORD BARDOLPH.

Wie? Hat er denn nur fünfundzwanzigtausend?

HASTINGS.

Für uns nicht mehr, nein, nicht so viel, Lord Bardolph.

Denn seine Teilung, wie die Zeiten toben,

Ist dreifach: Ein Heer wider die Franzosen,

Eins wider den Glendower, und ein drittes

Muß uns bestehn: so ist der schwache König

In drei zerteilt, und seine Koffer klingen

Vor Leerheit und vor hohler Dürftigkeit.

ERZBISCHOF.

Daß er zusammen seine Truppen zöge

Und rückte gegen uns mit ganzer Macht,

Braucht man nicht zu befürchten.

HASTINGS.

Tut er das,

So läßt er seinen Rücken unbewehrt.

Die Wäl'schen und Franzosen bellen dann

Ihm an den Fersen; das besorgt nur nicht!

LORD BARDOLPH.

Wer, glaubt Ihr, wird sein Heer hieher wohl führen?

HASTINGS.

Der Prinz von Lancaster und Westmoreland;

Er selbst und Heinrich Monmouth wider Wales;

Wer wider die Franzosen ihn vertritt,

Bin ich nicht unterrichtet.

ERZBISCHOF.

Laßt uns fort!

Und tun wir unsrer Fehde Anlaß kund!

Es krankt der Staat an seiner eignen Wahl,

Die gier'ge Liebe hat sich überfüllt.

Ein schwindlicht und unzuverlässig Haus

Hat der, so auf das Herz des Volkes baut.

O blöde Menge! Mit wie lautem Jubel

Drang nicht dein Segnen Bolingbrokes zum Himmel,

Eh' du, wozu du wolltest, ihn gemacht!

Und da er nun nach deiner Lust bereitet,

Bist du so satt ihn, viehischer Verschlinger,

Daß du ihn auszuspein dich selber reizest.

So, du gemeiner Hund, entludest du

Die Schlemmer-Brust vom königlichen Richard;

Nun möchtest du dein Weggebrochnes fressen[299]

Und heulst darnach. Worauf ist jetzt Verlaß?

Die Richards Tod begehrten, als er lebte,

Sind nun verliebt geworden in sein Grab:

Du, die ihm Staub warfst auf sein nacktes Haupt,

Als durch das stolze London seufzend er

An Bolingbrokes gefei'rten Fersen kam,

Rufst nun: »O Erde, gib uns jenen König

Zurück, nimm diesen hier!« Verkehrtes Trachten,

Vergangnes, Künft'ges hoch, nie Jetz'ges achten!

MOWBRAY.

So mustern wir das Volk und rücken an?

HASTINGS.

Die Zeit befiehlt's, ihr sind wir untertan.


Alle ab.[300]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 297-301.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Papa Hamlet

Papa Hamlet

1889 erscheint unter dem Pseudonym Bjarne F. Holmsen diese erste gemeinsame Arbeit der beiden Freunde Arno Holz und Johannes Schlaf, die 1888 gemeinsame Wohnung bezogen hatten. Der Titelerzählung sind die kürzeren Texte »Der erste Schultag«, der den Schrecken eines Schulanfängers vor seinem gewalttätigen Lehrer beschreibt, und »Ein Tod«, der die letze Nacht eines Duellanten schildert, vorangestellt. »Papa Hamlet«, die mit Abstand wirkungsmächtigste Erzählung, beschreibt das Schiksal eines tobsüchtigen Schmierenschauspielers, der sein Kind tötet während er volltrunken in Hamletzitaten seine Jämmerlichkeit beklagt. Die Erzählung gilt als bahnbrechendes Paradebeispiel naturalistischer Dichtung.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon