Vierte Szene

[354] Westminster. Ein Zimmer im Palast.


König Heinrich, Clarence, Prinz Humphrey, Warwick und andre treten auf.


KÖNIG HEINRICH.

Nun, Lords, beendigt nur der Himmel glücklich

Den Zwist, der jetzt an unsern Toren blutet,

So führen wir in höh'res Feld die Jugend

Und ziehn nur Schwerter, die geheiligt sind.

Die Flotte ist bereit, die Macht versammelt,

Bestallt im Absein unsre Stellvertreter,

Und jedes Ding bequemt sich unserm Wunsch.

Nur fehlt uns etwas körperliche Kraft

Und Muße, bis die jetzigen Rebellen

Dem Joch des Regiments sich unterziehn.

WARWICK.

Gewiß wird beides Eure Majestät

Gar bald erfreun.

KÖNIG HEINRICH.

Humphrey, mein Sohn von Gloster,

Wo ist der Prinz, Eu'r Bruder?

PRINZ HUMPHREY.

Ich denk', er ging zur Jagd, mein Fürst, nach Windsor.

KÖNIG HEINRICH.

Und wer begleitet' ihn?

PRINZ HUMPHREY.

Das weiß ich nicht, mein Fürst.

KÖNIG HEINRICH.

Ist nicht sein Bruder, Thomas von Clarence, bei ihm?[354]

PRINZ HUMPHREY.

Nein, gnäd'ger Herr, der ist hier gegenwärtig.

CLARENCE.

Was will mein Herr und Vater?

KÖNIG HEINRICH.

Nichts will ich als dein Wohl, Thomas von Clarence.

Wie kommt's, daß du nicht bei dem Prinzen bist?

Er liebt dich, aber du versäumst ihn, Thomas;

Du hast den besten Platz in seinem Herzen

Vor allen deinen Brüdern: heg' ihn, Kind,

So mögen edle Dienste der Vermittlung,

Nachdem ich tot bin, zwischen Seiner Hoheit

Und deinen andern Brüdern dir gelingen.

Darum versäum' ihn nicht, stoß' ihn nicht ab,

Verliere nicht den Vorteil seiner Gunst,

Indem du kalt und achtlos um ihn scheinst:

Denn er ist hold, bemüht man sich um ihn;

Er hat des Mitleids Trän' und eine Hand,

So offen wie der Tag der weichen Milde;

Jedoch, wenn er gereizt, ist er von Stein,

So launisch wie der Winter, und so plötzlich

Wie eis'ge Winde beim Beginn des Tags.

(Deshalb ist sein Gemüt wohl zu beachten:)

Schilt ihn um Fehler, tu' es ehrerbietig,

Siehst du sein Blut zur Fröhlichkeit geneigt;

Doch, wenn er finster, laß ihn frei gewähren,

Bis seine Leidenschaften selber sich,

So wie ein Walfisch auf dem festen Boden,

Zernichten durch ihr Treiben. Lern' das, Thomas,

Und deinen Freunden wirst du dann ein Schirm,

Ein goldner Reif, der deine Brüder bindet,

Daß eures Bluts gemeinsames Gefäß,

Vermischt mit Gifte fremder Eingebung,

Was doch durchaus die Zeit hinein wird gießen,

Nie leck mag werden, wirkt es auch so stark

Als Aconitum oder rasches Pulver.

CLARENCE.

Mit Sorg' und Liebe will ich auf ihn achten.

KÖNIG HEINRICH.

Warum bist du nicht mit in Windsor, Thomas?[355]

CLARENCE.

Er ist nicht dorten heut, er speist in London.

KÖNIG HEINRICH.

Und in was für Begleitung? Weißt du das?

CLARENCE.

Mit Poins und andern, die ihm immer folgen.

KÖNIG HEINRICH.

Am meisten Unkraut trägt der fettste Boden,

Und er, das edle Bildnis meiner Jugend,

Ist überdeckt damit: darum erstreckt

Mein Gram sich jenseit meiner Todesstunde,

Mir weint das Blut vom Herzen, denk' ich mir

In Einbildungen die verwirrten Tage,

Die faulen Zeiten, die ihr werdet sehn,

Wenn ich entschlafen bin bei meinen Ahnen,

Wenn nichts mehr die unbänd'ge Wüstheit zügelt,

Wenn Gier und heißes Blut ihm Räte sind,

Wenn Mittel sich und üpp'ge Sitten treffen:

Mit welchen Schwingen wird sein Hang dann fliegen

In trotzende Gefahr und droh'nde Fäll'!

WARWICK.

Mein gnäd'ger König, Ihr verkennt ihn ganz:

Der Prinz studiert nur seine Spießgesellen

Wie eine fremde Sprache, der zu lieb

Notwendig man das unehrbarste Wort

Ansehn und lernen muß; einmal erlangt,

Weiß Eure Hoheit, braucht man es nicht weiter,

Als daß man's kennt und haßt. So wird der Prinz

Bei reifrer Zeit wie grober Redensarten

Sich der Gefährten abtun; ihr Gedächtnis

Wird nur als Musterleben oder Maß,

Womit er andrer Leben messen kann,

Vormal'ges Übel kehrend zum Gewinn.

KÖNIG HEINRICH.

Nicht leicht verläßt die Biene ihren Waben

Im toten Aas. – Wer kommt da? Westmoreland?


Westmoreland tritt auf.


WESTMORELAND.

Heil meinem Oberherrn! Und neues Glück,

Zu dem gefügt, das ich berichten soll!

Der Prinz Johann küßt Euer Hoheit Hand:

Mowbray, der Bischof Scroop, Hastings und alle

Sind unter des Gesetzes Zucht gebracht;[356]

Und kein Rebellen-Schwert ist mehr entblößt,

Es sproßt des Friedens Ölzweig überall.

Die Art, wie dies Geschäft vollführt ist worden,

Kann Euer Hoheit hier bei Muße lesen,

Des weitern angezeigt nach dem Verlauf.

KÖNIG HEINRICH.

O Westmoreland, du bist ein Sommervogel,

Der an des Winters Fersen immerdar

Des Tages Aufgang singt. Seht, noch mehr Neues.


Harcourt tritt auf.


HARCOURT.

Der Himmel schütz' Eu'r Majestät vor Feinden,

Und wer da aufsteht wider Euch, der falle

Wie die, wovon ich Euch zu melden komme!

Der Graf Northumberland und der Lord Bardolph

Mit großer Macht von Englischen und Schotten

Sind durch den Sheriff von Yorkshire besiegt.

Die Weis' und wahre Ordnung des Gefechts

Berichtet dies Paket, wenn's Euch beliebt.

KÖNIG HEINRICH.

Und muß so gute Zeitung krank mich machen?

Kommt nie das Glück mit beiden Händen voll?

Schreibt seine schönsten Wort' in garst'gen Zügen?

Es gibt entweder Eßlust ohne Speise,

Wie oft dem Armen; oder einen Schmaus

Und nimmt die Eßlust weg: so ist der Reiche,

Der Fülle hat und ihrer nicht genießt.

Ich sollte mich der guten Zeitung freun,

Und nun vergeht mir das Gesicht und schwindelt's.

O weh! Kommt um mich, denn mir wird so schlimm.


Er fällt in Ohnmacht.


PRINZ HUMPHREY.

Der Himmel tröste Eure Majestät!

CLARENCE.

O mein königlicher Vater!

WESTMORELAND.

Mein hoher Herr, ermuntert Euch! Blickt auf!

WARWICK.

Seid ruhig, Prinzen, solch ein Anfall ist

Bei Seiner Hoheit, wißt ihr, sehr gewöhnlich.

Entfernt euch, gebt ihm Luft; gleich wird ihm besser.

CLARENCE.

Nein, nein, er hält nicht lang' die Qualen aus;

Die ew'ge Sorg' und Arbeit des Gemüts[357]

Hat so die Mau'r, die es umschließt, vernutzt,

Das Leben blickt schon durch und will heraus.

PRINZ HUMPHREY.

Die Leute schrecken mich: denn sie bemerken

Verhaßte Ausgeburten der Natur

Und vaterlose Erben; es verändern

Die Zeiten ihre Sitt', als ob das Jahr

Monate schlafend fand und übersprang.

CLARENCE.

Dreimal ohn' Ebbe hat der Strom geflutet,

Und alte Leute, kind'sche Zeitregister,

Versichern, dies sei kurz zuvor geschehn,

Eh' unser Ältervater, Eduard, krankt' und starb.

WARWICK.

Sprecht leiser, Prinzen, er erholt sich wieder.

PRINZ HUMPHREY.

Gewiß wird dieser Schlag sein Ende sein.

KÖNIG HEINRICH.

Ich bitt' euch, nehmt mich auf und tragt mich fort

In eine andre Kammer: sanft, ich bitte!

Sie tragen den König in einen innern Teil des Zimmers und legen ihn auf ein Bett.


Laßt keinen Lärm hier machen, liebe Freunde,

Wenn eine dumpfe günst'ge Hand nicht etwa

Musik will flüstern meinem müden Geist.

WARWICK.

Ruft die Musik her in das andre Zimmer!

KÖNIG HEINRICH.

Legt mir die Krone auf mein Kissen hier!

CLARENCE.

Ein Aug' ist hohl, er hat sich sehr verwandelt.

WARWICK.

O still doch! Still!


Prinz Heinrich tritt auf.


PRINZ HEINRICH.

Wer sah den Herzog Clarence?

CLARENCE.

Hier bin ich, Bruder, voller Traurigkeit.

PRINZ HEINRICH.

Wie nun? Im Hause regnet's und nicht draußen?

Was macht der König?

PRINZ HUMPHREY.

Er ist äußerst schlecht.

PRINZ HEINRICH.

Hat er die gute Zeitung schon gehört?

Sagt sie ihm!

PRINZ HUMPHREY.

Wie er sie hörte, hat er sich verwandelt.[358]

PRINZ HEINRICH.

Ist er vor Freuden krank,

So wird er ohn' Arznei schon besser werden.

WARWICK.

Nicht so viel Lärm, Mylords! Sprecht leise, lieber Prinz!

Der König, euer Vater, wünscht zu schlafen.

CLARENCE.

Ziehn wir ins andre Zimmer uns zurück!

WARWICK.

Beliebt es Euer Gnaden mitzugehn?

PRINZ HEINRICH.

Ich will hier sitzen und beim König wachen.


Alle ab, außer Prinz Heinrich.


Weswegen liegt die Kron' auf seinem Kissen.

Die ein so unruhvoller Bettgenoß?

O glänzende Zerrüttung! goldne Sorge!

Die weit des Schlummers Pforten offen hält

In mancher wachen Nacht! – Nun damit schlafen!

Doch so gesund nicht, noch so lieblich tief

Als der, des Stirn, mit grobem Tuch umwunden,

Die nächt'ge Zeit verschnarcht. O Majestät!

Wenn du den Träger drückst, so sitzest du

Wie reiche Waffen in des Tages Hitze,

Die schützend sengen. Bei des Odems Toren

Liegt ihm ein Federchen, das sich nicht rührt;

Und atmet' er, der leichte, lose Flaum

Bewegte sich. – Mein gnäd'ger Herr! Mein Vater!

Der Schlaf ist wohl gesund: dies ist ein Schlaf,

Der manchen König Englands hat geschieden

Von diesem goldnen Zirkel. Dein Recht an mich

Sind Tränen, tiefe Trauer deines Bluts,

Was dir Natur und Lieb' und Kindessinn,

O teurer Vater, reichlich zahlen soll.

Mein Recht an dich ist diese Herrscherkrone,

Die, als dem Nächsten deines Rangs und Bluts

Mir sich vererben muß. Hier sitzt sie, seht!


Er setzt sie auf sein Haupt.


Der Himmel schütze sie: – nun legt die Stärke

Der ganzen Welt in einen Riesenarm,[359]

Er soll mir diese angestammte Ehre

Nicht mit Gewalt entreißen: dies von dir

Lass' ich den Meinen, wie du's ließest mir.


Ab.


KÖNIG HEINRICH.

Warwick! Gloster! Clarence!

Warwick kommt mit den übrigen zurück.


CLARENCE.

Ruft der König?

WARWICK.

Was wollt' Eu'r Majestät? Wie ist Eu'r Gnaden?

KÖNIG HEINRICH.

Weswegen ließt ihr so allein mich, Lords?

CLARENCE.

Wir ließen hier den Prinzen, meinen Bruder,

Der's übernommen, bei Euch aufzusitzen.

KÖNIG HEINRICH.

Der Prinz von Wales? Wo ist er? Laßt mich sehn:

Er ist nicht hier.

WARWICK.

Die Tür ist offen, dort ist er hinaus.

CLARENCE.

Er kam nicht durch das Zimmer, wo wir waren.

KÖNIG HEINRICH.

Wo ist die Krone? Wer nahm sie mir vom Kissen?

WARWICK.

Mein Fürst, beim Weggehn ließen wir sie hier.

KÖNIG HEINRICH.

Der Prinz nahm sie mit weg: – geht, sucht ihn auf!

Ist er so eilig, daß er glaubt, es sei

Mein Schlaf mein Tod? –

Lord Warwick, findet ihn, schmält ihn hieher!


Warwick ab.


Dies Tun von ihm vereint sich mit dem Übel

Und hilft mich enden. – Seht, Söhne, was ihr seid!

Wie schleunig die Natur in Aufruhr fällt,

Wird Gold ihr Gegenstand!

Und dafür brechen töricht bange Väter

Mit Denken ihren Schlaf, den Kopf mit Sorge,

Mit Arbeit ihr Gebein;

Dafür vermehrten sie und türmten auf

Die falschen Haufen fremd erworbnen Goldes,

Dafür bedachten sie, die Söhn' in Künsten

Und kriegerischer Übung einzuweihn:

Denn, wie die Biene, jede Blume schatzend[360]

Um ihre süße Kraft,

Die Schenkel voller Wachs, den Mund voll Honig,

So bringen wir's zum Korb; und wie die Bienen

Erwürgt man uns zum Lohn. Der bittre Schmack

Beut seine Last dem Vater, welcher scheidet.


Warwick kommt zurück.


Nun, wo ist der, der nicht so lang' will warten,

Bis sein Freund Krankheit mir ein Ende macht?

WARWICK.

Ich fand den Prinzen, Herr, im nächsten Zimmer,

Mit Tränen mild die holden Wangen waschend,

In solchem tiefen Anschein großer Trauer,

Daß Tyrannei, die immer Blut nur zecht,

Bei diesem Anblick waschen würd' ihr Messer

Mit milden Augentropfen. Er kommt her.

KÖNIG HEINRICH.

Allein warum nahm er die Krone weg?


Prinz Heinrich kommt zurück.


Da kommt er, seht! – Hieher komm zu mir, Heinrich! –

Räumt ihr das Zimmer, laßt uns hier allein!


Clarence, Prinz Humphrey, Lords und übrige ab.


PRINZ HEINRICH.

Ich dachte nicht, Euch noch ein Mal zu hören.

KÖNIG HEINRICH.

Dein Wunsch war des Gedankens Vater, Heinrich.

Ich zögre dir zu lang', ermüde dich.

So hungerst du nach meinem led'gen Stuhl,

Daß du dich mußt in meine Ehren kleiden,

Eh' noch die Stunde reif? O blöder Jüngling!

Die Größe, die du suchst, wird dich erdrücken.

Wart' nur ein wenig: denn die Wolke meiner Würde

Hält ein so schwacher Wind vom Fallen ab,

Daß sie bald sinken muß; mein Tag ist trübe.

Du stahlst mir das, was nur nach wenig Stunden

Dein ohne Schuld war, und bei meinem Tod

Hast du mir die Erwartung noch besiegelt:

Dein Leben zeigte, daß du mich nicht liebtest,

Und du willst, daß ich des versichert sterbe.

In deinem Sinne birgst du tausend Dolche,[361]

Die du am Felsenherzen dir gewetzt,

Ein Stündchen meines Lebens zu ermorden.

Wie? Kannst du nicht ein Stündchen auf mich warten?

So mach' dich fort und grabe selbst mein Grab,

Heiß' deinem Ohr die frohen Glocken tönen,

Daß du gekrönt wirst, nicht daß ich gestorben!

Die Tränen, die den Sarg betaun mir sollten,

Laß Balsamtropfen sein, dein Haupt zu weihen;

Mich mische nur mit dem vergeßnen Staub,

Gib das den Würmern, was dir Leben gab!

Setz' meine Diener ab, brich meine Schlüsse,

Nun ist die Zeit da, aller Form zu spotten:

Heinrich der Fünfte ist gekrönt! – Wohlauf,

Ihr Eitelkeiten! Nieder, Königswürde!

Ihr weisen Räte, macht euch alle fort!

Und nun versammelt euch an Englands Hof

Von jeder Gegend, Affen eitlen Tands!

Nun, Grenznachbarn, schafft euren Abschaum weg!

Habt ihr 'nen Wüstling, welcher flucht, zecht, tanzt,

Die Nächte schwärmt, raubt, mordet und verübt

Die ältsten Sünden auf die neuste Art:

Seid glücklich, er belästigt euch nicht mehr,

England wird zwiefach seine Schuld vergolden,

England wird Amt ihm geben, Ehre, Macht:

Der fünfte Heinrich nimmt gezähmter Frechheit

Des Zwanges Maulkorb, und das wilde Tier

Wird seinen Zahn an jeder Unschuld weiden.

O armes Reich du, krank von Bürgerstreichen!

Wenn deinen Unfug nicht mein Sorgen hemmte,

Was wirst du tun, wenn Unfug für dich sorgt!

Oh, du wirst wieder eine Wildnis werden,

Besetzt von Wölfen, deinen alten Bürgern!

PRINZ HEINRICH knieend.

Mein Fürst, verzeiht mir! Wären nicht die Tränen

Die feuchten Hindernisse meiner Rede,

So hätt' ich vorgebaut der harten Rüge,

Eh' Ihr mit Gram gered't und ich so weit

Den Lauf davon gehört. Hier ist die Krone,[362]

Und er, der seine Kron' unsterblich trägt,

Erhalte lang' sie Euch! Wünsch' ich sie mehr

Als Eure Ehre und als Euren Ruhm,

So mög' ich nie von dem Gehorsam aufstehn,

Den treuster, innerlich ergebner Sinn

Mich lehrt, der unterwürf'gen äußern Biegung!

Der Himmel sei mein Zeuge, wie ich kam

Und keinen Odem fand in Eurer Majestät,

Wie es mein Herz betroffen! Wenn ich heuchle,

O mög' ich in der jetz'gen Wildheit sterben

Und der ungläub'gen Welt den edlen Tausch,

Den ich mir vorgesetzt, nie dartun können!

Zu Euch hier kommend, denkend, Ihr seid tot,

Und tot beinah', zu denken, daß Ihr's wart,

Sprach ich zur Kron', als hätte sie Gefühl,

Und schalt sie so: »Die Sorge, so dir anhängt,

Hat meines Vaters Körper aufgezehrt;

Drum bist du, bestes Gold, von Gold das schlechtste.

Andres, das wen'ger fein, ist köstlicher,

Bewahrt in trinkbarer Arznei das Leben;

Doch du, das feinste, ruhm- und ehrenreichste,

Verzehrtest deinen Herrn.« So, mein Gebieter,

Verklagt' ich sie und setzte sie aufs Haupt,

Mit ihr als einem Feind, der meinen Vater

Vor meinem Angesicht ermordet hätte,

Den Streit des echten Erben auszumachen.

Doch wenn sie mir das Blut mit Lust erhitzt,

Geschwellt zu stolzer Hoffart die Gedanken,

Wenn irgend ein rebell'scher eitler Geist

In mir, mit des Willkommens kleinster Regung,

Der Macht derselben gern entgegenkam:

So halte Gott sie stets vom Haupt mir fern

Und mache mich zum niedrigsten Vasallen,

Der voller Schreck und Ehrfurcht vor ihr kniet!

KÖNIG HEINRICH.

O mein Sohn!

Der Himmel gab dir ein, sie wegzunehmen,

Daß du des Vaters Liebe mehr gewönnest,

Da du so weise deine Sache führst.[363]

Komm her denn, Heinrich, setz' dich an mein Bett

Und hör' den letzten Ratschlag, wie ich glaube,

Den ich je atmen mag: Gott weiß, mein Sohn,

Durch welche Nebenschlich' und krumme Wege

Ich diese Kron' erlangt; ich selbst weiß wohl,

Wie lästig sie auf meinem Haupte saß.

Dir fällt sie heim nunmehr mit beßrer Ruh',

Mit beßrer Meinung, besserer Bestät'gung,

Denn jeder Flecken der Erlangung geht

Mit mir ins Grab. An mir erschien sie nur

Wie eine Ehr', erhascht mit heft'ger Hand;

Und viele lebten noch, mir vorzurücken,

Daß ich durch ihren Beistand sie gewonnen,

Was täglich Zwist und Blutvergießen schuf,

Dem vorgegebnen Frieden Wunden schlagend.

All diese dreisten Schrecken, wie du siehst,

Hab' ich bestanden mit Gefahr des Lebens:

Denn all mein Regiment war nur ein Auftritt

Der diesen Inhalt spielte; nun verändert

Mein Tod die Weise: denn was ich erjagt,

Das fällt dir nun mit schönerm Anspruch heim,

Da du durch Erblichkeit die Krone trägst.

Und, stehst du sichrer schon, als ich es konnte,

Du bist nicht fest genug, solang' die Klagen

So frisch noch sind; und allen meinen Freunden,

Die du zu deinen Freunden machen mußt,

Sind Zähn' und Stachel kürzlich nur entnommen,

Die durch gewaltsam Tun mich erst befördert,

Und deren Macht wohl Furcht erregen konnte,

Vor neuer Absetzung: was zu vermeiden

Ich sie verdarb und nun des Sinnes war,

Zum Heil'gen Lande viele fortzuführen,

Daß Ruh' und Stilleliegen nicht zu nah

Mein Reich sie prüfen ließ. Darum, mein Heinrich,

Beschäft'ge stets die schwindlichten Gemüter

Mit fremdem Zwist, daß Wirken in der Fern'

Das Angedenken vor'ger Tage banne.

Mehr wollt' ich, doch die Lung' ist so erschöpft,[364]

Daß kräft'ge Rede gänzlich mir versagt ist.

Wie ich zur Krone kam, o Gott! vergebe,

Daß sie bei dir in wahrem Frieden lebe!

PRINZ HEINRICH.

Mein gnäd'ger Fürst,

Ihr trugt, erwarbt, bewahrtet, gabt sie mir:

Klar ist daher auch mein Besitz an ihr,

Den wider alle Welt nach vollen Rechten

Mit nicht gemeiner Müh' ich will verfechten.


Prinz Johann von Lancaster, Warwick, Lords und andre treten auf.


KÖNIG HEINRICH.

Seht, hier kommt mein Johann von Lancaster.

PRINZ JOHANN.

Gesundheit, Friede, Glück mit meinem Vater!

KÖNIG HEINRICH.

Du bringst mir Glück und Frieden, Sohn Johann;

Gesundheit, ach! die floh mit jungen Schwingen

Den kahlen, welken Stamm: bei deinem Anblick

Stehn meine weltlichen Geschäfte still. –

Wo ist Mylord von Warwick?

PRINZ HEINRICH.

Mylord von Warwick?

KÖNIG HEINRICH.

Kommt irgend ein besondrer Name zu

Dem Zimmer, wo ich erst in Ohnmacht fiel?

WARWICK.

Es heißt Jerusalem, mein edler Herr.

KÖNIG HEINRICH.

Gelobt sei Gott! – Hier muß mein Leben enden.

Vor vielen Jahren ward mir's prophezeit,

Ich würde sterben in Jerusalem,

Was fälschlich ich vom Heil'gen Lande nahm.

Doch bringt mich zu der Kammer, dort zu ruhn:

In dem Jerusalem stirbt Heinrich nun.


Alle ab.[365]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 354-366.
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