Erste Szene

[301] London. Eine Straße.


Die Wirtin mit Klaue, Schlinge hinter ihnen.


WIRTIN. Meister Klaue, habt Ihr die Klage eingeschrieben?

KLAUE. Sie ist eingeschrieben.

WIRTIN. Wo ist Euer Diener? Ist es ein tüchtiger Diener? Steht er seinen Mann?

KLAUE. Heda, wo ist Schlinge?

WIRTIN. O Jemine! Der gute Meister Schlinge!

SCHLINGE. Hier, hier!

KLAUE. Schlinge, wir müssen Sir John Falstaff verhaften.

WIRTIN. Ja, lieber Meister Schlinge, ich habe ihn verklagt, und alles mit einander.

SCHLINGE. Das könnte leicht ein paaren von uns das Leben kosten, er wird nach uns stechen.

WIRTIN. Ach du meine Zeit! Seht Euch ja vor! Er hat nach mir in meinem eignen Hause gestochen, und das wahrhaftig recht viehischer Weise. Er fragt gar nicht darnach, was er für Unheil anrichtet, wenn er einmal blank gezogen hat: er stößt wie der Teufel und schont weder Mann, Weib noch Kind.

KLAUE. Kann ich handgemein mit ihm werden, so frage ich nichts nach seinen Stößen.

WIRTIN. Ich auch nicht! Ich will Euch zur Hand sein.

KLAUE. Wenn ich ihn nur einmal packen kann, wenn er mir nur vor die Faust kommt, –

WIRTIN. Ich bin ruiniert, wenn er weggeht; ich versichre Euch, er steht innorm hoch in meinem Buch. Lieber Meister Klaue, packt ihn fest! Lieber Meister Schlinge, laßt ihn nicht entwischen! Er kommt kontinuierlich an die Pasteten-Ecke,[301] mit Euer Mannhaften Verlaub, um einen Sattel zu kaufen; und er ist im Leoparden-Kopf in der Lombard- Straße bei Meister Glatt, dem Seidenhändler, (zum Essen) irritiert. Ich bitte Euch, da mein Prozeß eingeleitet und meine Geschichte so offenbar vor aller Welt bekannt ist, so bringt ihn zur Verantwortung! Hundert Mark borgen, wenn man sich selbst kaum zu bergen weiß, das ist viel für eine arme, verlassene Frau; ich habe ausgehalten, und ausgehalten, und ausgehalten, und bin gefoppt, und gefoppt, und gefoppt, von einem Tage zum andern Tage, daß es eine Schande ist, wenn man daran denkt. Das ist kein ehrlicher Handel, wenn eine Frau nicht gar ein Esel sein soll und ein Vieh, jeden Schelmes sein Unrecht zu tragen. –


Falstaff, der Page und Bardolph kommen.


Da kommt er, und mit ihm der Erzschelm mit der Burgunder-Nase, Bardolph. Tut eure Dienste, tut eure Dienste, Meister Klaue und Meister Schlinge: ihr müßt mich, (und ihr müßt,) und ihr müßt mich bedienen!

FALSTAFF. Nun, wessen Gaul ist tot? Was gibt's?

KLAUE. Sir John, ich verhafte Euch auf die Klage der Frau Hurtig.

FALSTAFF. Fort, ihr Schlingel! – Zieh', Bardolph! Hau' mir des Schurken seinen Kopf herunter, wirf das Mensch in die Gosse!

WIRTIN. Mich in die Gosse werfen? Wart', ich will dich in die Gosse werfen! Das willst du? Das willst du, unehrlicher Schelm? – Mord! Mord! O du bandhüterischer Spitzbube! Willst du Gottes und des Königs seine Beamten umbringen? O du Schelm von Bandhüter! Du bist ein Bandhüter, ein Totschläger und ein Frauenschläger!

FALSTAFF. Halt' sie ab, Bardolph!

KLAUE. Hülfe! Hülfe!

WIRTIN. Lieben Leute, schafft doch eine Hülfe her, oder ein Paar! – Sieh! Sieh doch! Das willst du? Ich will dich! Nur zu, du Schelm! Nur zu, du Bandhüter!

PAGE. Fort, du Wischhader! Du Bagage! Du Schlampalie! Ich will dir das Oberstübchen fegen!


Der Oberrichter kommt mit Gefolge.[302]


OBERRICHTER. Was gibt's? Haltet Frieden hier! He!

WIRTIN. Bester Herr, sorgt für mein Bestes! Ich flehe Euch an, steht mir bei!

OBERRICHTER.

Ei, ei, Sir John? Was? So hier im Gezänk?

Ziemt Eurer Stelle, Zeit, Geschäften das?

Ihr solltet auf dem Weg nach York schon sein. –

Weg da, Gesell! Was hängst du so an ihm?

WIRTIN. O mein hochwürdigster Lord, mit Euer Gnaden Erlaubnis, ich bin eine arme Witwe aus Eastcheap, und er wird auf meine Klage verhaftet.

OBERRICHTER. Für was für eine Summe?

WIRTIN. Nichts von Summen, es ist alles zusammen, alles, was ich habe. Er hat mich mit Haus und Hof aufgefressen und mein ganzes Vermögen in seinen fetten Bauch da gesteckt, – aber ich will was davon wieder heraus haben, oder ich will dich des Nachts drücken wie der Alp.

FALSTAFF. Ich denke, ich könnte eben so gut den Alpdrücken, wenn des Orts Gelegenheit es gibt, daß ich aufkommen kann.

OBERRICHTER. Wie kommt das, Sir John? Pfui, welcher rechtliche Mann möchte einen solchen Sturm von Ausrufungen über sich ergehen lassen? Schämt Ihr Euch nicht, daß Ihr eine arme Witwe zu so harten Mitteln zwingt, an das Ihrige zu kommen?

FALSTAFF. Was ist denn die große Summe, die ich dir schuldig bin?

WIRTIN. Mein' Seel', wenn du ein ehrlicher Kerl wärst, dich selbst und das Geld dazu. Du schwurst mir auf einen vergoldeten Becher, in meiner Delphinkammer, an dem runden Tisch, bei einem Steinkohlenfeuer, am Mittwoch in der Pfingstwoche, als dir der Prinz ein Loch in den Kopf schlug, weil du seinen Vater mit einem Kantor von Windsor verglichst: da schwurst du mir, wie ich dir die Wunde auswusch, du wolltest mich heiraten und mich zu deiner Frau Gemahlin machen. Kannst du es leugnen? Kam nicht eben Mutter Unschlitt, des Schlächters Frau, herein und nannte mich Gevatterin Hurtig? Und kam sie nicht, um einen Napf Essig zu borgen, und sagte uns, sie hätte eine gute Schüssel Krabben?[303] Worauf du Appetit kriegtest, welche zu essen, worauf ich dir sagte, sie wären nicht gut bei einer frischen Wunde? Und befahlst du mir nicht an, wie sie die Treppe hinunter war, ich sollte mit so geringen Leuten nicht mehr so familiär tun? Und sagtest, in kurzem sollten sie mich Madam nennen? Und küßtest du mich nicht und hießest mich, die dreißig Schillinge holen? Ich schiebe dir nun den Eid in dein Gewissen: leug'n es, wenn du kannst!

FALSTAFF. Gnädiger Herr, sie ist eine arme, unkluge Seele, und sie sagt aller Orten in der Stadt, ihr ältester Sohn sehe Euch ähnlich; sie ist im Wohlstande gewesen, und die Wahrheit ist, Armut hat sie verrückt gemacht. Was diese albernen Gerichtsdiener betrifft, so bitte ich Euch, verschafft mir Genugtuung gegen sie!

OBERRICHTER. Sir John, Sir John! Ich bin wohl bekannt mit Eurer Weise, eine gerechte Sache zu verdrehen. Keine zuversichtliche Miene noch ein Haufen Worte, die Ihr mit mehr als unverschämter Frechheit herausstoßt, können mich von einer billigen Erwägung wegtreiben. Ihr habt, wie es mir klar ist, dem nachgiebigen Gemüt dieser Frau zugesetzt und sie dahin gebracht, Euch sowohl mit ihrem Beutel als mit ihrer Person zu dienen.

WIRTIN. Ja fürwahr, Mylord! –

OBERRICHTER. (Still doch! –) Zahlt ihr die Schuld aus, die sie an Euch zu fodern hat, und nehmt die Schande zurück, die Ihr mit ihr verübt habt: das eine könnt Ihr mit barem Gelde, das andre mit echter Reue.

FALSTAFF. Gnädiger Herr, ich will diesen Ausputzer nicht ohne Antwort hinnehmen. Ihr nennt edle Kühnheit unverschämte Frechheit; wenn jemand Bücklinge macht und gar nichts sagt, denn ist er tugendhaft. Nein, gnädiger Herr, bei allem untertänigen Respekt vor Euch, will ich Euch nicht den Hof machen. Ich sage Euch, ich verlange Befreiung von diesen Gerichtsdienern, da ich in eiligen Geschäften für den König bin.

OBERRICHTER. Ihr redet wie einer, der Macht hat, Übles zu tun: aber entsprecht Eurem Rufe durch die Tat und befriedigt die arme Frau![304]

FALSTAFF. Komm her, Wirtin! Er zieht sie beiseit.


Gower kommt.


OBERRICHTER. Nun, Herr Gower, was gibt's?

GOWER.

Mylord, der König und der Prinz von Wales

Sind nah zur Hand: das Weitre sagt dies Blatt.

FALSTAFF. So wahr ich ein Edelmann bin, –

WIRTIN. Ja, das habt Ihr sonst auch schon gesagt.

FALSTAFF. So wahr ich ein Edelmann bin, – kommt, kein Wort weiter!

WIRTIN. Bei diesem himmlischen Boden, worauf ich trete, ich muß gern mein Silbergeschirr und die Tapeten in meinen Eßzimmern versetzen.

FALSTAFF. Du hast ja Gläser; es geht nichts über Gläser zum Trinken! Und was deine Wände betrifft, da ist irgend eine artige kleine Schnurre, die Geschichte vom verlornen Sohn oder eine deutsche Jagd in Wasserfarben, mehr wert als tausend solche Bettvorhänge und mottenzerfressene Tapeten. Sieh zu, daß es zehn Pfund ausmacht, wenn du kannst. Komm, komm, wenn nicht deine Launen wären, so gäbe es kein besseres Weib in England. (Geh,) wasch' dein Gesicht und nimm deine Klage zurück! Komm, du mußt keine solche Launen gegen mich annehmen! Kennst du mich denn nicht? Komm, komm, ich weiß, daß du hiezu aufgehetzt bist.

WIRTIN. Bitte, Sir John, können es nicht zwanzig Nobel tun? Wahrhaftig, ich tue es nicht gerne, daß ich mein Silberzeug versetze, in allem Ernst.

FALSTAFF. Laßt es bleiben, ich will es schon sonst kriegen. Ihr werdet doch immer eine Närrin bleiben.

WIRTIN. Gut, Ihr sollt es haben, müßt' ich auch meinen Rock versetzen. Ich hoffe, Ihr kommt zum Abendessen. Wollt Ihr mir alles zusammen bezahlen?

FALSTAFF. Will ich das Leben behalten? – Zu Bardolph. Geh mit ihr, geh mit ihr! Häng' dich an! Häng' dich an!

WIRTIN. Soll ich Euch Dortchen Lakenreißer zum Abendessen bitten?

FALSTAFF. Keine Worte weiter! Laß sie kommen!

Wirtin, Bardolph und Gerichtsdiener ab.[305]


OBERRICHTER. Ich habe beßre Neuigkeit gehört.

FALSTAFF. Wie lauten die Neuigkeiten, bester gnädiger Herr?

OBERRICHTER. Wo lag der König letzte Nacht?

GOWER. Zu Basingstoke.

OBERRICHTER. Kommt seine ganze Macht zurück?

GOWER.

Nein, funfzehnhundert Mann, fünfhundert Pferde

Sind ausgerückt zum Prinz von Lancaster,

Northumberland entgegen und dem Erzbischof.

FALSTAFF. Kommt der König von Wales zurück, mein edler Herr?

OBERRICHTER.

Ich will Euch unverzüglich Briefe geben.

Kommt, seid so gut und geht mit mir, Herr Gower!

FALSTAFF. Gnädiger Herr!

OBERRICHTER. Was gibt's?

FALSTAFF. Herr Gower, darf ich Euch auf den Mittag zum Essen bitten?

GOWER. Ich muß meinem gnädigen Herrn hier aufwarten, ich dank' Euch, lieber Sir John.

OBERRICHTER. Sir John, Ihr zaudert hier zu lange, da Ihr in den Grafschaften, wie Ihr durchkommt, Soldaten ausheben sollt.

FALSTAFF. Wollt Ihr mit mir zum Abend essen, Herr Gower?

OBERRICHTER. Welcher alberne Lehrmeister hat Euch diese Sitten gelehrt?

FALSTAFF. Herr Gower, wenn sie mir nicht gut stehen, so war der ein Narr, der sie mir gelehrt hat. Dies ist der wahre Fechter-Anstand, gnädiger Herr: Tick für Tack, und somit friedlich auseinander!

OBERRICHTER. Nun, der Herr erleuchte dich! Du bist ein großer Narr.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 301-306.
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