Erste Szene

[771] Coventry.


Auf der Mauer erscheinen Warwick, der Schultheiß von Coventry, zwei Boten und andre.


WARWICK.

Wo ist der Bote von dem tapfern Oxford?

Wie weit ist noch dein Herr, mein guter Freund?

ERSTER BOTE.

Bei Dunsmore eben, auf dem Marsch hieher.

WARWICK.

Wie weit ist unser Bruder Montague?

Wo ist der Bote, der von ihm uns kam?

ZWEITER BOTE.

Bei Daintry eben, mit gewalt'ger Schar.


Sir John Somerville tritt auf.


WARWICK.

Sag, Somerville, was sagt mein lieber Sohn?

Wie nah vermutest du den Clarence jetzt?

SOMERVILLE.

Zu Southam ließ ich ihn mit seinen Truppen,

Und hier erwart' ich in zwei Stunden ihn.


Man hört Trommeln.


WARWICK.

So ist er nah, ich höre seine Trommeln.

SOMERVILLE.

Nicht seine, gnäd'ger Herr; Southam liegt hier,

Von Warwick ziehn die Trommeln, die Ihr hört.

WARWICK.

Wer möcht' es sein? Wohl unverhoffte Freunde.

SOMERVILLE.

Sie sind ganz nah, Ihr werdet's bald erfahren.


Trommeln.


König Eduard und Gloster nebst Truppen auf dem Marsch.


KÖNIG EDUARD.

Trompeter, lade sie zur Unterhandlung!

GLOSTER.

Seht auf der Mau'r den finstern Warwick hausen!

WARWICK.

Verhaßter Streich! Der üpp'ge Eduard hier?

Wo schliefen unsre Späher, wer bestach sie,

Daß wir von seiner Ankunft nichts gehört?[771]

KÖNIG EDUARD.

Nun, Warwick, tust du uns das Stadttor auf,

Gibst gute Worte, beugst dein Knie in Demut,

Nennst Eduard König, flehst um Gnad' ihn an,

So wird er diese Frevel dir verzeihn.

WARWICK.

Vielmehr, willst du hier wegziehn deine Scharen,

Bekennen, wer dich hob und niederstürzte,

Den Warwick Gönner nennen und bereun,

So sollst du ferner Herzog sein von York.

GLOSTER.

Ich glaubt', er würde mind'stens König sagen;

Wie, oder spaßt' er wider seinen Willen?

WARWICK.

Ist nicht ein Herzogtum ein schön Geschenk?

GLOSTER.

Ja wahrlich, wenn's ein armer Graf vergibt.

Ich will dir ein so gut Geschenk vergelten.

WARWICK.

Ich war's ja, der das Königreich ihm gab.

KÖNIG EDUARD.

Nun, so ist's mein, wenn auch durch Warwicks Gabe.

WARWICK.

Du bist kein Atlas für so große Last,

Dem Schwächling nimmt die Gabe Warwick wieder,

Und Heinrich ist mein Herr, Warwick sein Untertan.

KÖNIG EDUARD.

Doch Warwicks Herr ist Eduards Gefangner,

Und, tapfrer Warwick, sage mir nur dies:

Was ist der Körper, wenn das Haupt ihm fehlt?

GLOSTER.

Ach, daß doch Warwick nicht mehr Vorsicht hatte,

Daß, da er bloß die Zehne wollt' entwenden,

Der König schlau gefischt ward aus den Karten.

Ihr ließt den Armen im Palast des Bischofs:

Zehn gegen eins, Ihr trefft ihn nun im Turm.

KÖNIG EDUARD.

So ist es auch, doch bleibt Ihr Warwick stets.

GLOSTER.

Komm, Warwick! Nimm die Zeit wahr! Kniee nieder!

Wann wird's? Jetzt schmiede, weil das Eisen glüht!

WARWICK.

Ich wollte lieber abhaun diese Hand

Und mit der andern ins Gesicht dir schleudern,

Als daß ich dir die Segel streichen sollte.

KÖNIG EDUARD.

Ja, segle, wie du kannst, mit Wind und Flut!

Die Hand hier, um dein kohlschwarz Haar gewunden,

Soll, weil dein abgehauner Kopf noch warm,[772]

Mit deinem Blut dies schreiben in den Staub:

»Der wetterwend'sche Warwick wechselt nun nicht mehr.«

Oxford kommt mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen.


WARWICK.

O freudenreiche Fahnen! Oxford kommt.

OXFORD.

Oxford, Oxford, für Lancaster!


Zieht mit seinen Truppen in die Stadt.


GLOSTER.

Das Tor steht offen, laßt uns auch hinein!

KÖNIG EDUARD.

Ein andrer Feind könnt' uns in Rücken fallen.

Nein, stehn wir wohl gereiht; denn sicher brechen

Sie bald heraus und bieten uns die Schlacht.

Wo nicht, da sich die Stadt nicht halten kann,

Sind die Verräter drin bald aufzuscheuchen.

WARWICK.

Willkommen, Oxford! Wir bedürfen dein.


Montague kommt mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen.


MONTAGUE.

Montague, Montague, für Lancaster!


Zieht mit seinen Truppen in die Stadt.


GLOSTER.

Du und dein Bruder sollen den Verrat

Mit eurer Leiber bestem Blut bezahlen.

KÖNIG EDUARD.

Je stärkrer Gegenpart, je größrer Sieg;

Glück und Gewinn weissagt mir mein Gemüt.


Somerset kommt mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen.


SOMERSET.

Somerset, Somerset, für Lancaster!


Zieht mit seinen Truppen in die Stadt.


GLOSTER.

Zwei Herzöge von Somerset wie du

Verkauften an das Haus von York ihr Leben:

Du sollst der dritte sein, hält nur dies Schwert.


Clarence kommt mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen.


WARWICK.

Seht da, wie George von Clarence zieht einher

Mit Macht genug, dem Bruder Schlacht zu bieten;

Ihm gilt ein biedrer Eifer für das Recht

Mehr als Natur und brüderliche Liebe. –

Komm, Clarence, komm! Du wirst's, wenn Warwick ruft.

CLARENCE.

Weißt du, was dies bedeutet, Vater Warwick?

Nimmt die rote Rose von seinem Hut.[773]


Sieh hier, ich werfe meine Schmach dir zu!

Nicht stürzen will ich meines Vaters Haus,

Des eignes Blut die Steine festgekittet,

Und Lancaster erhöhn. Wie? Meinst du, Warwick,

Clarence sei so verhärtet, unnatürlich,

Das tödliche Gerät des Kriegs zu wenden

Auf seinen Bruder und rechtmäß'gen König?

Du rückst vielleicht den heil'gen Eid mir vor?

Ruchloser wär' ich, hielt' ich diesen Eid,

Als Jephta, seine Tochter hinzuopfern.

So nah geht meine Übertretung mir,

Daß, um mit meinem Bruder gut zu stehn,

Ich hier für deinen Todfeind mich erkläre,

Mit dem Entschluß, wo ich dich treffen mag

(Und treffen werd' ich dich, wenn du dich rührst),

Für dein so frech Mißleiten dich zu plagen.

Und so, hochmüt'ger Warwick, trotz' ich dir

Und wend' errötend mich dem Bruder zu. –

Verzeih' mir, Eduard, ich will's besser machen;

Und, Richard, zürne meinen Fehlern nicht:

Ich will hinfort nicht unbeständig sein.

KÖNIG EDUARD.

Willkommen nun, und zehnmal mehr geliebt,

Als hätt'st du niemals unsern Haß verdient.

GLOSTER.

Willkommen, Clarence! Das ist brüderlich.

WARWICK.

O Erzverräter, falsch und ungerecht!

KÖNIG EDUARD.

Nun, Warwick, willst du aus der Stadt und fechten?

Sonst fliegen bald die Stein' um deinen Kopf.

WARWICK.

Ach, bin ich doch nicht eingesperrt zur Wehr.

Ich will nach Barnet unverzüglich fort

Und, Eduard, wo du darfst, die Schlacht dir bieten.

KÖNIG EDUARD.

Ja, Warwick, Eduard darf und zieht voran.

Lords, in das Feld hinaus! Sankt George und Sieg!


Ein Marsch. Alle ab.[774]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 771-775.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Haffner, Carl

Die Fledermaus. Operette in drei Aufzügen

Die Fledermaus. Operette in drei Aufzügen

Die Fledermaus ist eine berühmtesten Operetten von Johann Strauß, sie wird regelmäßig an großen internationalen Opernhäusern inszeniert. Der eingängig ironische Ton des Librettos von Carl Haffner hat großen Anteil an dem bis heute währenden Erfolg.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon