Erste Szene

[752] London. Ein Zimmer im Palast.


Gloster, Clarence, Somerset, Montague und andre treten auf.


GLOSTER.

Nun sagt mir, Bruder Clarence, was denkt Ihr

Von dieser neuen Eh' mit Lady Grey?

Traf unser Bruder keine würd'ge Wahl?

CLARENCE.

Ach, wie Ihr wißt, 's ist weit nach Frankreich hin;

Wie konnt' er Warwicks Wiederkunft erwarten?

SOMERSET.

Mylords, laßt dies Gespräch: da kommt der König.


Trompeten und Pauken.


König Eduard mit Gefolge, Lady Grey als Königin, Pembroke, Stafford, Hastings und andre treten auf.


GLOSTER.

Und seine wohlgewählte Braut.

CLARENCE.

Ich sag' ihm, was ich denke, grad' heraus.

KÖNIG EDUARD.

Nun, Bruder Clarence, wie dünkt Euch die Wahl,

Daß Ihr nachdenklich steht, halb mißvergnügt?

CLARENCE.

So gut wie Ludwig und dem Grafen Warwick,

Die von so schwachem Mut und Urteil sind,

Daß unsre Mißhandlung sie nicht beleidigt.

KÖNIG EDUARD.

Setzt, daß sie ohne Grund beleidigt wären,

Sie sind nur Ludwig, Warwick; ich bin Eduard,

Eu'r Herr und Warwicks, und muß schalten können.

GLOSTER.

Und sollt auch schalten, weil Ihr unser Herr;

Doch übereilte Eh' tut selten gut.

KÖNIG EDUARD.

Ei, Bruder Richard, seid Ihr auch beleidigt?

GLOSTER.

Ich nicht:

Verhüte Gott, daß ich geschieden wünschte,[752]

Die Gott verbunden; ja und es wäre schade,

Ein Paar zu trennen, das so schön sich paßt.

KÖNIG EDUARD.

Vom Hohn und Widerwillen abgesehn,

Sagt mir, weswegen Lady Grey mein Weib

Und Englands Königin nicht werden sollte?

Ihr gleichfalls, Somerset und Montague,

Sprecht offen, was ihr denkt.

CLARENCE.

So ist dies meine Meinung: König Ludwig

Wird Euer Feind, weil Ihr ihn mit der Heirat

Der Fräulein Bona zum Gespött gemacht.

GLOSTER.

Und Warwick, der nach Eurem Auftrag tat,

Ist nun entehrt durch diese neue Heirat.

KÖNIG EDUARD.

Wie, wenn ich beide nun durch neue Mittel,

Die ich ersinnen kann, zufrieden stelle?

MONTAGUE.

Doch solchen Bund mit Frankreich einzugehn,

Hätt' unsern Staat geschirmt vor fremden Stürmen,

Mehr als es eine Landesheirat kann.

HASTINGS.

Weiß Montague denn nicht, daß England sicher

Für sich schon ist, bleibt es sich selbst nur treu?

MONTAGUE.

Ja, doch gedeckt von Frankreich, sichrer noch.

HASTINGS.

's ist besser, Frankreich nutzen als vertraun.

Laßt uns durch Gott gedeckt sein und das Meer,

Das Gott uns gab zu einem festen Walle,

Und wehren wir mit ihrer Hülf' uns bloß;

Sie und wir selbst sind unsre Sicherheit.

CLARENCE.

Für diese Rede schon verdient Lord Hastings

Zur Eh' die Erbin des Lord Hungerford.

KÖNIG EDUARD.

Nun gut, was soll's? Es war mein Will' und Wort,

Und diesmal gilt mein Wille für Gesetz.

GLOSTER.

Doch dünkt mich, Eure Hoheit tat nicht wohl,

Die Tochter und die Erbin des Lord Scales

Dem Bruder Eurer teuren Braut zu geben;

Mir oder Clarence käm' sie besser zu:

Doch Bruderlieb' ist in der Braut begraben.

CLARENCE.

Sonst hättet Ihr die Erbin des Lord Bonville

Nicht Eures neuen Weibes Sohn verliehn

Und Eure Brüder sonst wo freien lassen.[753]

KÖNIG EDUARD.

Ach, armer Clarence! Bist du mißvergnügt

Nur um ein Weib? Ich will dich schon versorgen.

CLARENCE.

Die Wahl für Euch verriet schon Euer Urteil;

Und da es seicht ist, so erlaubt mir nur,

Den Unterhändler für mich selbst zu spielen,

Wozu ich nächstens denk' Euch zu verlassen.

KÖNIG EDUARD.

Geht oder bleibt, Eduard will König sein

Und nicht gebunden an der Brüder Willen.

LADY GREY.

Mylords, eh' Seine Majestät beliebte,

Mich zu erhöhn zum Rang der Königin,

Seid gegen mich so billig, zu bekennen,

Daß ich von Abkunft nicht unedel war

Und daß Gering're gleiches Glück gehabt.

Doch wie der Rang mich und die Meinen ehrt,

So wölket ihr, die ich gewinnen möchte,

Mir abhold, mit Gefahr und Leid die Freude.

KÖNIG EDUARD.

Mein Herz, laß ab, den Mürrischen zu schmeicheln.

Was für Gefahr und Leid kann dich betreffen,

Solang' nur Eduard dein beständ'ger Freund

Und ihr Monarch, dem sie gehorchen müssen?

Ja, und gehorchen werden und dich lieben,

Wenn sie nicht Haß von mir verdienen wollen.

Und tun sie das, dich stell' ich sicher doch,

Sie sollen meines Grimmes Rache fühlen.

GLOSTER beiseit.

Ich sage wenig, denke desto mehr.


Ein Bote tritt auf.


KÖNIG EDUARD.

Nun, Bote, was für Brief' und Neuigkeiten

Aus Frankreich?

BOTE.

Mein König, keine Brief' und wenig Worte,

Doch die ich ohn' Begnadigung von Euch

Nicht melden darf.

KÖNIG EDUARD.

Gut, wir begnad'gen dich; drum sage kürzlich,

So gut du dich entsinnst, mir ihre Worte.

Was gab der König unserm Brief zur Antwort?

BOTE.

Dies waren seine Worte, da ich schied:

»Geh, sage deinem eingebild'ten König,[754]

Dem falschen Eduard, daß ihm Ludewig

Von Frankreich Masken will hinübersenden

Zum Tanz mit ihm und seiner neuen Braut.«

KÖNIG EDUARD.

Ist er so brav? Er hält mich wohl für Heinrich.

Doch was sagt Fräulein Bona zu der Heirat?

BOTE.

Dies waren ihre sanft unwill'gen Worte:

»Sag ihm, in Hoffnung seiner bald'gen Witwerschaft

Trag' ich den Weidenkranz um seinetwillen.«

KÖNIG EDUARD.

Ich tadle drum sie nicht, sie konnte wohl

Nicht wen'ger sagen: sie verlor dabei.

Was aber sagte Heinrichs Eh'gemahl?

Denn, wie ich hörte, war sie da zugegen.

BOTE.

»Sag ihm«, sprach sie, »die Trau'r sei abgetan,

Und kriegerische Rüstung leg' ich an.«

KÖNIG EDUARD.

Es scheint, sie will die Amazone spielen.

Was aber sagte Warwick zu dem Hohn?

BOTE.

Er, wider Eure Majestät entrüstet,

Mehr als sie all', entließ mich mit den Worten:

»Sag ihm von mir, er habe mich gekränkt,

Drum woll' ich ihn entkrönen, eh' er's denkt.«

KÖNIG EDUARD.

Ha! Wagte der Verräter so zu freveln?

Nun wohl, ich will mich rüsten, so gewarnt:

Krieg soll'n sie haben und den Hochmut büßen.

Doch sag, ist Warwick Freund mit Margareten?

BOTE.

Ja, gnäd'ger Fürst; so innig ist die Freundschaft,

Daß sich ihr Prinz vermählt mit Warwicks Tochter.

CLARENCE.

Wohl mit der ältern, Clarence will die jüngste.

Lebt wohl nun, Bruder König! Sitzt nur fest,

Denn ich will fort zu Warwicks andrer Tochter,

Damit ich, fehlt mir schon ein Königreich,

In der Vermählung Euch nicht nachstehn möge. –

Wer mich und Warwick liebt, der folge mir.


Clarence ab, und Somerset folgt ihm nach.


GLOSTER beiseit.

Nicht ich, mein Sinn geht auf ein weitres Ziel:

Ich bleibe, Eduard nicht, der Krone nur zu lieb.

KÖNIG EDUARD.

Clarence und Somerset, zum Warwick beide!

Doch bin ich auf das Äußerste gewaffnet,[755]

Und Eil' ist nötig bei der großen Not. –

Pembroke und Stafford, geht, bringt Mannschaft auf

Zu unserm Dienst, macht Zurüstung zum Krieg:

Sie sind gelandet oder werden's nächstens;

Ich selbst will schleunig in Person euch folgen.


Pembroke und Stafford ab.


Doch eh' ich geh', Hastings und Montague,

Löst meinen Zweifel. Ihr, vor allen andern,

Seid Warwick nah durch Blut und Freundschaftsbund:

Sagt, ob ihr Warwick lieber habt als mich?

Wenn dem so ist, so scheidet hin zu ihm,

Statt falscher Freunde wünsch' ich euch zu Feinden.

Doch wenn ihr denkt, mir treue Pflicht zu halten,

Verbürgt es mir mit freundlicher Verheißung,

Daß ich nie Argwohn hege wider euch.

MONTAGUE.

Gott helfe Montague nach seiner Treu'!

HASTINGS.

Und Hastings, wie er Eduards Sache führt!

KÖNIG EDUARD.

Nun, Bruder Richard, wollt Ihr bei uns stehn?

GLOSTER.

Ja, trotz jedwedem, der Euch widersteht.

KÖNIG EDUARD.

Nun wohl, so bin ich meines Siegs gewiß.

Drum laßt uns fort; und keine Müh' vergessen,

Bis wir mit Warwicks fremder Macht uns messen.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 752-756.
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