Erste Szene

[532] London. Das Parlament-Haus.


Trompetenstoß. König Heinrich, Exeter, Gloster, Warwick. Somerset und Suffolk, der Bischof von Winchester, Richard Plantagenet und andre treten auf. Gloster will ein Memorial überreichen, Winchester reißt es ihm weg und zerreißt es.


WINCHESTER.

Kommst du mit tief vorausbedachten Zeilen,

Geschriebnen Blättern, künstlich ausgesonnen,

Humphrey von Gloster? Wenn du klagen kannst

Und denkst, mir irgend was zur Last zu legen,

So tu' es ohne Vorbereitung schnell,

Wie ich mit schneller Red' und aus dem Kopf

Dem, was du rügen magst, antworten will.

GLOSTER.

Hochmüt'ger Pfaff'! Der Ort mahnt zur Geduld,

Sonst sollt'st du sehen, daß du mich beschimpft.

Denk' nicht, wiewohl ich schriftlich abgefaßt

Die Weise deiner schnöden Missetaten,

Daß ich deshalb verfälscht und nicht im stande wär',

Der Feder Vortrag mündlich abzuhalten.

Nein. Bischof! So verwegne Bosheit übst du

Und Ränke, frech, verpestend und entzweiend,

Daß Kinder schwatzen selbst von deinem Stolz.

Du bist ein räuberischer Wucherer,

Halsstarrig von Natur, des Friedens Feind,

Wollüstig, üppig, mehr als wohl sich ziemt

Für einen Mann von deinem Amt und Rang.

Und was liegt mehr am Tag als dein Verrat,

Da auf mein Leben Schlingen du gelegt

Sowohl beim Turm als bei der London-Brücke?[532]

Ja, würden die Gedanken dir gesichtet,

Dein Herr, der König, fürcht' ich, ist nicht frei

Von neid'scher Tücke deines schwell'nden Herzens.

WINCHESTER.

Gloster, ich biete Trotz dir. – Lords, geruht

Gehör zu leihn dem, was ich will erwidern.

Wär' ich ehrsüchtig, geizig und verkehrt,

Wie er mich macht: wie bin ich denn so arm?

Wie kommt es, daß ich nicht mich zu erhöhn,

Zu fördern suche, dem Berufe treu?

Was das Entzwein betrifft: wer hegt den Frieden

Mehr, als ich tu', wofern man nicht mich reizt?

Nein, beste Lords, das ist nicht mein Vergehn;

Das ist's nicht, was den Herzog hat entflammt.

Es ist, daß niemand herrschen soll als er,

Niemand als er soll um den König sein,

Und das gebiert ihm Donner in der Brust

Und treibt ihn, diese Klag' heraus zu brüllen.

Doch er soll sehn, ich sei so gut. –

GLOSTER.

So gut?

Du Bastard meines Großvaters!

WINCHESTER.

Ja, großer Herr; denn was seid Ihr, ich bitte,

Als einer, herrisch auf des andern Thron?

GLOSTER.

Sag, bin ich nicht Protektor, kecker Pfaff'?

WINCHESTER.

Und bin ich ein Prälat der Kirche nicht?

GLOSTER.

Ja, wie ein Vagabund ein Schloß besetzt

Und es zum Schutze seines Diebstahls braucht.

WINCHESTER.

Unwürd'ger Spötter Gloster!

GLOSTER.

Du bist würdig

Nur durch dein geistlich Amt, nicht durch dein Leben.

WINCHESTER.

Rom soll dem steuern.

WARWICK.

So räum' dich weg nach Rom.

SOMERSET.

Mylord, Ihr solltet billig Euch enthalten.

WARWICK.

Ei, laßt den Bischof ja nicht übermeistern.

SOMERSET.

Mich dünkt, Mylord sollt' etwas frömmer sein

Und solcher Männer hohe Würde kennen.

WARWICK.

Mich dünkt, sie sollten demutsvoller sein,

Es ziemt sich nicht, daß ein Prälat so rechte.

SOMERSET.

Ja, wenn sein heil'ger Stand wird angetastet.[533]

WARWICK.

Unheilig oder heilig, was verschlägt's?

Ist Seine Hoheit nicht des Reichs Protektor?

PLANTAGENET beiseit.

Plantagenet, seh' ich, muß still sich halten,

Daß man nicht sagt: »Sprecht, Ihr da, wo Ihr dürft;

Mischt Euer kühner Spruch bei Lords sich ein?«

Sonst hätt' ich einen Strauß mit Winchester.

KÖNIG HEINRICH.

Oheime Gloster und von Winchester,

Besondre Wächter über Englands Wohl!

Ich möchte gern, wenn Bitten was vermögen,

In Lieb' und Freundschaft eure Herzen binden.

Oh, welch ein Ärgernis für unsre Krone,

Daß zwei so edle Pairs, wie ihr, sich zanken!

Glaubt mir, schon wissen's meine zarten Jahre,

Ein gift'ger Wurm ist innerlicher Zwist,

Der nagt am Innern des gemeinen Wesens. –


Man hört draußen einen Lärm: »Nieder mit den Braunröcken!«


Welch ein Tumult?

WARWICK.

Ein Auflauf, will ich wetten,

Erregt aus Tücke von des Bischofs Leuten.


Wiederum Lärm: »Steine! Steine!«


Der Schultheiß von London tritt auf mit Gefolge.


SCHULTHEISS.

Oh, lieben Lords und tugendhafter Heinrich!

Erbarmt euch der Stadt London und des Volks!

Des Bischofs Leut' und Herzogs Gloster haben,

Da Wehr zu tragen jüngst verboten ward,

Die Taschen angefüllt mit Kieselsteinen,

Und, in Partei'n gerottet, schmeißen sie

So heftig einer an des andern Kopf,

Daß manchem wird sein wirblicht Hirn zerschmettert;

In allen Gassen schlägt man Fenster ein,

Und unsre Laden zwingt uns Furcht zu schließen.


Die Anhänger Glosters und Winchesters kommen unter beständigem Handgemenge mit blutigen Köpfen.


KÖNIG HEINRICH.

Wir mahnen euch bei Untertanen-Pflicht,

Daß ihr vom Totschlag laßt und Frieden haltet.

Ich bitt' Euch, Oheim Gloster, stillt den Streit.[534]

ERSTER BEDIENTER.

Ja, wenn man uns die Steine

Verwehrt, so fallen wir uns mit Zähnen an.

ZWEITER BEDIENTER.

Tut, wie ihr Herz habt, wir sind auch entschlossen.


Von neuem Handgemenge.


GLOSTER.

Ihr, mein Gesinde, laßt dies zänk'sche Lärmen

Und stellt den ungewohnten Kampf beiseit.

DRITTER BEDIENTER.

Wir kennen Eure Hoheit als gerecht

Und redlich und an fürstlicher Geburt

Niemandem weichend, als nur Seiner Majestät;

Und eh' wir dulden, daß ein solcher Prinz,

So güt'ger Vater des gemeinen Wesens,

Von einem Tintenklecker wird beschimpft,

Eh' wollen wir mit Weib und Kindern fechten

Und uns von deinen Feinden morden lassen.

ERSTER BEDIENTER.

Ja, und der Abfall unsrer Nägel schlägt

Nach unserm Tode noch ein Lager auf.


Von neuem Handgemenge.


GLOSTER.

Halt, halt, sag' ich!

Und wenn ihr so mich liebt, wie ihr beteuert,

Laßt mich zur Ruh' ein Weilchen euch bereden.

KÖNIG HEINRICH.

Oh, wie die Zwietracht mein Gemüt betrübt!

Könnt Ihr, Mylord von Winchester, mich seufzen

Und weinen sehn und werdet nie erweicht?

Wer soll mitleidig sein, wenn Ihr's nicht seid?

Wer soll bemüht sein, Frieden zu befördern,

Wenn Kirchendiener sich des Haders freun?

WARWICK.

Gebt nach, Protektor! Winchester, gebt nach!

Wofern ihr durch hartnäck'ge Weig'rung nicht

Wollt morden euern Herrn, das Reich zerstören.

Ihr sehet, was für Unheil, was für Mord

Verübt durch eure Feindschaft worden ist.

Seid still dann, wenn ihr nicht nach Blute dürstet.

WINCHESTER.

Er unterwerfe sich, sonst weich' ich nie.

GLOSTER.

Aus Mitleid für den König beug' ich mich,

Sonst riss' ich eh' sein Herz aus, eh' der Pfaff'

Dies Vorrecht über mich erlangen sollte.[535]

WARWICK.

Seht an, Mylord von Winchester, der Herzog

Hat finstre, mißvergnügte Wut verbannt,

Wie seine Brau'n geschlichtet es beweisen:

Was blickt Ihr denn so starr und tragisch noch?

GLOSTER.

Hier, Winchester, ich biete dir die Hand.

KÖNIG HEINRICH.

Pfui, Oheim Beaufort! Hört' ich Euch doch pred'gen,

Daß Bosheit große, schwere Sünde sei;

Und wollt Ihr nicht das, was Ihr lehrt, vollbringen

Und selbst darin am ärgsten Euch vergehn?

WARWICK.

Holdsel'ger König! Eine milde Weisung! –

Schämt Euch, Mylord von Winchester, und weicht!

Wie! Soll ein Kind Euch lehren, was sich ziemt?

WINCHESTER.

Herzog von Gloster, wohl, ich gebe nach;

Ich biete Lieb' um Lieb' und Hand für Hand.

GLOSTER.

Ja, doch ich fürchte, nur mit hohlem Herzen. –

Seht, meine Freund' und lieben Landsgenossen!

Als Friedensfahne dienet zwischen uns

Und unserm ganzen Anhang dieses Zeichen.

So helfe Gott mir, wie ich's redlich meine!

WINCHESTER beiseit.

So helfe Gott mir, wie ich's nicht so meine!

KÖNIG HEINRICH.

O lieber Oheim, werter Herzog Gloster!

Wie freudig hat mich der Vergleich gemacht!

Nun fort, ihr Leute! Stört uns weiter nicht,

Vereint in Freundschaft euch, wie eure Herrn.

ERSTER BEDIENTER.

Sei's drum! Ich will zum Feldscher.

ZWEITER BEDIENTER.

Das will ich auch.

DRITTER BEDIENTER.

Ich will Arznei mir in der Schenke suchen.


Die Bedienten, der Schultheiß u.s.w. ab.


WARWICK.

Empfangt dies Blatt hier, gnädigster Monarch,

Das für das Recht Richards Plantagenet

Wir überreichen Euer Majestät.

GLOSTER.

Wohl angebracht, Lord Warwick! Denn, mein Prinz,

Wenn Eure Hoheit jeden Umstand merkt,

Habt Ihr viel Grund, sein Recht ihm zu erweisen;[536]

Besonders auf den Anlaß, welchen ich

Zu Eltham Euer Majestät gesagt.

KÖNIG HEINRICH.

Und dieser Anlaß, Ohm, war von Gewicht;

Drum, lieben Lords, ist unser Wohlgefallen,

Daß Richard seinem Blut sei hergestellt.

WARWICK.

Sei Richard seinem Blute hergestellt,

So wird des Vaters Unrecht ihm vergütet.

WINCHESTER.

Wie alle wollen, will auch Winchester.

KÖNIG HEINRICH.

Wenn Richard treu will sein, nicht dies allein,

Das ganze Erbteil geb' ich ihm zugleich,

Das zugehörig ist dem Hause York,

Von wannen Ihr in grader Reihe stammt.

PLANTAGENET.

Dein untertän'ger Knecht gelobt Gehorsam

Und untertän'gen Dienst bis in den Tod.

KÖNIG HEINRICH.

So bück' dich, setz' dein Knie an meinen Fuß,

Und zur Vergeltung dieser Huldigung

Gürt' ich dich mit dem tapfern Schwert von York.

Steh, Richard, auf als ein Plantagenet,

Steh auf, ernannt zum hohen Herzog York!

PLANTAGENET.

Wie deiner Feinde Fall sei Richards Heil,

Und wie mein Dienst gedeiht, verderbe jeder,

Der wider Eure Majestät was denkt!

ALLE.

Heil, hoher Prinz, der mächt'ge Herzog York!

SOMERSET beiseit.

Stirb, schnöder Prinz, unedler Herzog York!

GLOSTER.

Nun dient es Euer Majestät am besten,

Daß Ihr die See hinübersetzt, zur Krönung

In Frankreich; eines Königs Gegenwart

Erzeuget Liebe bei den Untertanen

Und echten Freunden und entherzt die Feinde.

KÖNIG HEINRICH.

Wenn's Gloster sagt, geht König Heinrich schon,

Denn Freundes Rat vernichtet Feindes Drohn.

GLOSTER.

Es liegen Eure Schiffe schon bereit.


Alle ab außer Exeter.


EXETER.

Ja, ziehn wir nur in England oder Frankreich,

Nicht sehend, was hieraus erfolgen muß:[537]

Die jüngst erwachsne Zwietracht dieser Pairs

Brennt unter Aschen der verstellten Liebe

Und wird zuletzt in Flammen brechen aus.

Wie erst ein eiternd Glied allmählich fault,

Bis Bein und Fleisch und Sehnen fallen ab,

So wird die tück'sche Zwietracht um sich fressen,

Und nun fürcht' ich die schlimme Weissagung,

Die in dem Munde jedes Säuglings war

In Heinrichs Tagen, zubenamt der Fünfte:

»Heinrich aus Monmouth bauet alles auf,

Heinrich aus Windsor büßet alles ein.«

Dies ist so klar, daß Exeter nur wünscht,

Sein Leben ende vor der Unglückszeit.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 532-538.
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