Erste Szene

[497] Westminster-Abtei.


Totenmarsch. Man sieht die Leiche Heinrichs V. auf einem Paradebette liegend, umgeben von den Herzögen von Bedford. Gloster und Exeter, dem Grafen von Warwich, dem Bischof von Winchester, Herolden u.s.w.


BEDFORD.

Beflort den Himmel, weiche Tag der Nacht!

Kometen, Zeit- und Staatenwechsel kündend,

Schwingt die krystall'nen Zöpf am Firmament

Und geißelt die empörten bösen Sterne,

Die eingestimmt zu König Heinrichs Tod,

Heinrich des Fünften, zu groß, lang' zu leben!

England verlor so würd'gen König nie.

GLOSTER.

Vor ihm hatt' England keinen König noch.

Tugend besaß er, ausersehn zum Herrschen;

Blind machend strahlte sein gezücktes Schwert,

Die Arme spannt' er weit wie Drachenflügel,

Sein funkelnd Auge, grimm'gen Feuers voll,

Betäubte mehr und trieb zurück die Feinde

Als Mittagssonn', auf ihre Stirn gewandt.

Was red' ich? Ihn erreichen Worte nicht,

Er hob die Hand nie auf, daß er nicht siegte.

EXETER.

Wir trauern schwarz: warum doch nicht in Blut?

Heinrich ist tot und lebet nimmer auf,

Und wir begleiten einen Sarg aus Holz,

Verherrlichen des Tods unedlen Sieg

Mit unsrer feierlichen Gegenwart,

Gefangnen gleich am Wagen des Triumphs.

Wie? Sollen wir Unglücks-Planeten fluchen,

Die so gestiftet unsers Ruhmes Sturz?[497]

Oder die schlauen Franken für Beschwörer

Und Zaubrer achten, welche, bang vor ihm,

Durch mag'sche Verse seinen Tod erzielt?

WINCHESTER.

Es war ein Fürst, vom Herrn der Herrn gesegnet.

Der Tag des furchtbaren Gerichts wird nicht

Den Franken furchtbar wie sein Anblick sein.

Er focht die Schlachten für den Herrn der Scharen,

Durch das Gebet der Kirche glückt' es ihm.

GLOSTER.

Der Kirche? Hätten Pfaffen nicht gebetet,

So riß sein Lebensfaden nicht so bald:

Ihr mögt nur einzig einen weib'schen Prinzen,

Den ihr wie einen Schüler meistern könnt.

WINCHESTER.

Gloster, was ich auch mag, du bist Protektor

Und kannst dem Prinzen und dem Reich gebieten.

Dein Weib ist stolz, sie hält dich in der Scheu,

Mehr als Gott oder heil'ge Priester können.

GLOSTER.

Nenn' Heiligkeit nicht, denn du liebst das Fleisch

Und gehst zur Kirche nie im ganzen Jahr,

Als wider deine Feinde nur zu beten.

BEDFORD.

Laßt, laßt dies Hadern! Stillet die Gemüter!

Hin zum Altar! – Herolde, geht mit uns; –

Statt Goldes wollen wir die Waffen bieten;

Nun Heinrich tot ist, helfen Waffen nicht.

Nachkommenschaft, erwart' elende Jahre,

Wo an der Mutter feuchtem Aug' das Kindlein saugt,

Dies Eiland Lache salzer Tränen wird

Und Weiber nur zur Totenklage bleiben. –

Heinrich der Fünfte, deinen Geist ruf' ich:

Beglück' dies Reich, schirm' es vor Bürgerzwist,

Bekämpf im Himmel feindliche Planeten!

Ein lichter Stern wird deine Seele werden

Als Julius Cäsar oder Berenice.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Euch allen Heil, ihr ehrenwerten Lords!

Aus Frankreich bring' ich böse Zeitung euch

Von Niederlage, Blutbad und Verlust.[498]

Guienne, Champagne, Reims, Orleans,

Paris, Guisors, Poitiers sind ganz dahin.

BEDFORD.

Was sagst du, Mann, vor Heinrichs Leiche hier?

Sprich leise: beim Verlust so großer Städte

Sprengt er sein Blei sonst und ersteht vom Tod.

GLOSTER.

Paris ist hin? Rouen ist übergeben?

Wenn man zurück ins Leben Heinrich rief,

Er gäb' aufs neu' den Geist auf bei der Zeitung.

EXETER.

Was hat uns drum gebracht? Welch ein Verrat?

BOTE.

Nein, kein Verrat, nur Geld- und Menschen-Mangel.

Man murmelt unter den Soldaten dort,

Ihr haltet hier verschiedene Partei'n,

Und statt ins Feld zu rücken und zu fechten,

Entzweiet ihr um eure Feldherrn euch.

Der will langwier'gen Krieg mit wenig Kosten,

Der flöge hurtig gern, doch fehlt's an Schwingen;

Ein dritter denkt, ohn' allen Aufwand sei

Mit glatten Worten Friede zu erlangen.

Erwach', erwache, Englands Adelstand!

Laß Trägheit nicht die neuen Ehren dämpfen:

Die Lilien sind gepflückt in eurem Wappen,

Von Englands Schild die Hälfte weggehaun.

EXETER.

Wenn unsre Tränen dieser Leiche fehlten,

Die Zeitung riefe ihre Flut hervor.

BEDFORD.

Mich geht es an, ich bin Regent von Frankreich.

Gebt mir den Panzerrock: ich fecht' um Frankreich.

Fort mit dem schmählichen Gewand des Wehs!

Ich will den Franken Wunden leihn, statt Augen,

Ihr unterbrochnes Elend zu beweinen.


Ein andrer Bote tritt auf.


ZWEITER BOTE.

Seht diese Briefe, Lords, von Unheil durch:

Frankreich empört den Englischen sich ganz,

Bis auf ein paar geringe Städte noch.

Der Dauphin Karl ist schon gekrönt in Reims,

Von Orleans der Bastard ist mit ihm,

Reignier, Herzog von Anjou, tritt ihm bei,

Der Herzog Alençon flieht zu ihm über.[499]

EXETER.

Gekrönt der Dauphin? Alle fliehn zu ihm?

Oh, wohin fliehen wir vor dieser Schmach?

GLOSTER.

Wir woll'n nicht fliehn, als in der Feinde Rachen.

Bedford, wenn du erschlaffst, fecht' ich es aus.

BEDFORD.

Gloster, was zweifelst du an meinem Eifer?

Ich hab' ein Heer gemustert in Gedanken,

Womit schon Frankreich überzogen ist.


Ein dritter Bote tritt auf.


DRITTER BOTE.

Ihr gnäd'gen Lords, den Jammer zu vermehren,

Womit ihr Heinrichs Bahre jetzt betaut,

Muß ich ein schreckliches Gefecht berichten

Zwischen dem rüst'gen Talbot und den Franken.

WINCHESTER.

Was? Worin Talbot Sieger blieb? nicht wahr?

DRITTER BOTE.

O nein, worin Lord Talbot ward besiegt;

Den Hergang will ich Euch genauer melden.

Am zehnten des Augusts, da dieser Held

Von der Belag'rung Orleans' zurückzog

Mit kaum sechstausend Mann in seiner Schar,

Ward er von dreiundzwanzigtausend Franken

Umzingelt überall und angegriffen.

Er hatte keine Zeit, sein Volk zu reihn,

Noch Piken, vor die Schützen hinzustellen,

Statt deren sie aus Zäunen scharfe Pfähle

Nur in den Boden steckten, wie es kam,

Die Reiterei vom Einbruch abzuhalten.

Mehr als drei Stunden währte das Gefecht,

Wo Talbot, tapfer über Menschen Denken,

Mit seinem Schwert und Lanze Wunder tat.

Zur Hölle sandt' er hundert, keiner stand ihm,

Da, dort und überall schlug er ergrimmt;

Die Franken schrien, der Teufel sei in Waffen.

Das ganze Heer entsatzte sich ob ihm.

Da seine Krieger so beherzt ihn sahn,

Schrien »Talbot! Talbot hoch!« sie insgemein

Und stürzten recht sich in das Herz der Schlacht.

Nun hätte völlig sie der Sieg besiegelt,

Wo Sir John Fastolfe nicht die Memme spielte:[500]

Der, in dem Vortrab hinterwärts gestellt,

Um ihnen beizustehn und nachzufolgen,

Floh memmenhaft und tat nicht einen Streich.

Drauf ward Ruin und Blutbad allgemein,

Umzingelt waren von den Feinden sie;

Ein schändlicher Wallon' warf um die Gunst

Des Dauphins einen Speer in Talbots Rücken,

Des, dem ganz Frankreich, mit vereinter Stärke

Nicht einmal wagte ins Gesicht zu sehn.

BEDFORD.

Ist Talbot tot? So bring' ich selbst mich um,

Weil ich hier müßig lebt' in Pomp und Ruh'.

Indes ein würd'ger Feldherr, hülfsbedürftig,

Verzagten Feinden so verraten ward.

DRITTER BOTE.

O nein, er lebt, allein er ist gefangen,

Mit ihm Lord Scales und Lord Hungerford;

Der Rest auch meist erschlagen und gefangen.

BEDFORD.

Ich zahle seine Lösung, niemand sonst.

Ich will vom Thron den Dauphin häuptlings reißen,

Mit seiner Krone lös' ich meinen Freund;

Für einen Lord tausch' ich von ihren vier.

Lebt wohl, ihr Herrn! Ich will an mein Geschäft,

Lustfeuer muß ich gleich in Frankreich machen,

Zu feiern unser groß Sankt Georgen-Fest.

Zehntausend nehm' ich mit mir der Soldaten,

Europa zittre ihren blut'gen Taten.

DRITTER BOTE.

Tut das, denn man belagert Orleans,

Das Heer der Englischen ward matt und schwach,

Der Graf von Salisbury begehrt Verstärkung

Und hält sein Volk von Meuterei kaum ab,

Das solche Überzahl bewachen muß.

EXETER.

Lords, denkt der Eide, die ihr Heinrich schwurt:

Entweder ganz den Dauphin zu vernichten,

Oder ihn unter euer Joch zu beugen.

BEDFORD.

Wohl denk' ich ihrer, und hier nehm' ich Abschied,

Um gleich an meine Zurüstung zu gehn.


Ab.

GLOSTER.

Ich will zum Turm in möglichst großer Eil',

Geschütz und Kriegszeug zu beschaun, und dann

Ruf' ich den jungen Heinrich aus zum König.


Ab.[501]


EXETER.

Nach Eltham, wo der junge König ist,

Will ich, zur nächsten Aufsicht angestellt,

Und bestens seine Sicherheit beraten.


Ab.


WINCHESTER.

Ein jeder hat sein Amt und seinen Platz,

Mich ließ man aus, für mich ist nichts geblieben;

Doch lang' will ich Hans außer Dienst nicht sein.

Den König send' ich bald von Eltham weg

Und sitz' am Steuer des gemeinen Wesens.


Ab.


Ein innerer Vorhang fällt.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 497-502.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Apuleius

Der goldene Esel. Metamorphoses, auch Asinus aureus

Der goldene Esel. Metamorphoses, auch Asinus aureus

Der in einen Esel verwandelte Lucius erzählt von seinen Irrfahrten, die ihn in absonderliche erotische Abenteuer mit einfachen Zofen und vornehmen Mädchen stürzen. Er trifft auf grobe Sadisten und homoerotische Priester, auf Transvestiten und Flagellanten. Verfällt einer adeligen Sodomitin und landet schließlich aus Scham über die öffentliche Kopulation allein am Strand von Korinth wo ihm die Göttin Isis erscheint und seine Rückverwandlung betreibt. Der vielschichtige Roman parodiert die Homer'sche Odyssee in burlesk-komischer Art und Weise.

196 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon