Erste Szene

[626] Die Abtei zu Bury.


König Heinrich, Königin Margareta, Kardinal Beaufort, Suffolk, York, Buckingham und andre zum Parlament.


KÖNIG HEINRICH.

Mich wundert, daß Mylord von Gloster fehlt:

Er pflegt sonst nicht der letzte Mann zu sein,

Was für ein Anlaß auch ihn jetzt entfernt.

KÖNIGIN.

Könnt Ihr nicht sehn und wollt Ihr nicht bemerken,

Wie fremd sich sein Gesicht verwandelt hat?

Mit welcher Majestät er sich beträgt?

Wie übermütig er seit kurzem ward,

Wie stolz, wie herrisch und sich selbst nicht gleich?

Ich weiß die Zeit, da er noch mild und freundlich war,

Und warfen wir nur einen Blick von fern,

Gleich war er auf den Knieen, daß der Hof

Voll von Bewund'rung war für seine Demut.

Doch trefft ihn jetzt, und sei es morgens früh,

Wann jedermann die Tageszeit doch bietet,

Er zieht die Brau'n und zeigt ein zornig Auge

Und geht mit ungebognem Knie vorbei,

Die Schuldigkeit, die uns gebührt, verschmähend.

Man achtet kleiner Hunde Murren nicht,

Doch Große zittern, wenn der Löwe brüllt,

Und Humphrey ist kein kleiner Mann in England.

Erst merkt, daß er Euch nah ist von Geburt

Und, wenn Ihr fallt, der nächste wär' zum Steigen.

Drum, deucht mir, ist es keine Politik,

Erwogen, welchen Groll er trägt im Herzen,[626]

Und daß sein Vorteil Eurem Hintritt folgt,

Daß er zu Eurer fürstlichen Person

Und Euer Hoheit Rat den Zutritt habe.

Des Volkes Herz gewann ihm Schmeichelei,

Und wenn's ihm einfällt, Aufstand zu erregen,

So ist zu fürchten, alles folgt ihm nach.

Jetzt ist es Frühling, und das Unkraut wurzelt

Nur flach noch; duldet's jetzt, so wuchert es

Im ganzen Garten und erstickt die Kräuter

Aus Mangel einer fleiß'gen Landwirtschaft.

Die ehrerbiet'ge Sorg' um meinen Herrn

Ließ mich im Herzog die Gefahren lesen.

Wenn's töricht ist, nennt's eine Weiberfurcht,

Und können beßre Gründe sie verdrängen,

Gesteh' ich gern, ich tat zu nah dem Herzog.

Mylord von Suffolk, Buckingham und York,

Stoßt um das Angeführte, wenn ihr könnt;

Wo nicht, laßt meine Worte gültig sein.

SUFFOLK.

Wohl schaut Eu'r Hoheit diesen Herzog durch,

Und hätt' ich erst die Meinung äußern sollen,

Ich hätt' in Euer Gnaden Sinn gestimmt.

Die Herzogin begann auf seinen Antrieb,

So wahr ich lebe, ihre Teufelskünste;

Und war er nicht Mitwisser dieser Schuld,

Doch hat Erwägung seiner hohen Abkunft,

Da nach dem König er zum Thron der Nächste,

[Und derlei Prahlen mit des Blutes Adel]

Die hirnverbrannte Herzogin gereizt,

Böslich nach unsers Fürsten Fall zu trachten.

Wo tief der Bach ist, läuft das Wasser glatt,

Und sein so schlichter Schein herbergt Verrat;

Der Fuchs bellt nicht, wann er das Lamm will stehlen.

Nein, nein, mein König! Gloster ist ein Mann,

Noch unergründet und voll tiefen Trugs.

KARDINAL.

Erfand er, dem Gesetz zuwider, nicht

Für kleine Fehler fremde Todesarten?

YORK.

Und hob er nicht in der Protektorschaft

Im Reiche große Summen Gelds für Sold[627]

Des Heers in Frankreich, den er niemals sandte,

Weshalb die Städte täglich sich empörten?

BUCKINGHAM.

Pah! Dies sind kleine Fehler, neben jenen

Verborgnen, welche bald die Zeit ans Licht

Am gleisnerischen Herzog Humphrey bringt.

KÖNIG HEINRICH.

Mylords, mit eins: die Sorge, die ihr tragt

Die Dornen wegzumähn vor unsern Füßen,

Heischt Lob; doch soll ich nach Gewissen reden?

So rein ist Oheim Gloster, auf Verrat

An unsrer fürstlichen Person zu sinnen,

Als eine sanfte Taub', ein säugend Lamm;

Der Herzog ist zu tugendsam und mild,

Er träumt kein Arg und sucht nicht mein Verderben.

KÖNIGIN.

Ah, wie gefährlich ist dies blinde Zutrau'n!

Er eine Taub'? Entlehnt ist sein Gefieder,

Denn wie der arge Rab' ist er gesinnt.

Ist er ein Lamm? Sein Fell muß ihm gelieh'n sein,

Denn räuberischen Wölfen gleicht sein Mut.

Wer trügen will, kann einen Schein wohl stehlen.

Herr, seht Euch vor: die Wohlfahrt von uns allen

Hängt an dem Fallen dieses falschen Manns.


Somerset tritt auf.


SOMERSET.

Heil meinem gnäd'gen Herrn!

KÖNIG HEINRICH.

Seid uns willkommen,

Lord Somerset! Was gibt's in Frankreich Neues?

SOMERSET.

Daß alles Euer Teil an dort'gen Landen

Euch gänzlich ist benommen: alles hin!

KÖNIG HEINRICH.

Schlimm Glück, Lord Somerset! Doch, wie Gott will.

YORK beiseit.

Schlimm Glück für mich! Ich hatt' auf Frankreich Hoffnung,

So fest ich auf das reiche England hoffe.

So sterben meine Blüten in der Knospe,

Und Raupen zehren meine Blätter weg;

Allein in kurzem steur' ich diesem Handel,

Sonst kauft mein Anspruch mir ein rühmlich Grab.


Gloster tritt auf.[628]


GLOSTER.

Heil sei und Glück dem König, meinem Herrn!

Vergebt, mein Fürst, daß ich so lang' verzog.

SUFFOLK.

Nein, Gloster, wisse, du kamst allzu früh.

Du müßtest treuer, als du bist, denn sein:

Denn ich verhafte dich um Hochverrat.

GLOSTER.

Gut, Suffolk, nicht erröten sollst du mich

Noch Mienen ändern sehn um den Verhaft:

Ein fleckenloses Herz zagt nicht so leicht.

Der reinste Quell ist nicht so frei von Schlamm,

Als ich's bin von Verrat an meinem Herrn.

Wer klagt mich an, und wessen bin ich schuldig?

YORK.

Man glaubt, Mylord, daß Frankreich Euch bestochen,

Und daß Ihr unterschlugt der Truppen Sold,

Was Seine Hoheit dann um Frankreich brachte.

GLOSTER.

Man glaubt es nur? Wer sind sie, die das glauben?

Ich raubte nie den Truppen ihren Sold

Und hatte keinen Pfennig je von Frankreich.

So helf' mir Gott, wie ich des Nachts gewacht,

Ja Nacht für Nacht, auf Englands Wohlfahrt sinnend!

Der Deut, den ich dem König je entrungen,

Der Grosche, den ich aufgehäuft für mich,

Sei am Gerichtstag wider mich gebracht.

Nein, manches Pfund von meinen eignen Mitteln,

Weil ich das dürft'ge Volk nicht wollte schatzen,

Hab' ich an die Besatzungen gezahlt

Und meinen Vorschuß nie zurück verlangt.

KARDINAL.

Es steht Euch an, Mylord, das zu behaupten.

GLOSTER.

Ich sag' die Wahrheit nur, so Gott mir helfe!

YORK.

In der Protektorschaft erfandet Ihr

Für Missetäter unerhörte Martern,

Daß England ward verschrien um Tyrannei.

GLOSTER.

Weiß doch ein jeder, daß ich als Protektor

Allein des Mitleids Fehler an mir hatte.

Ich schmolz bei eines Missetäters Tränen.

Demüt'ge Worte lösten ihr Vergehn.

War's nicht ein blut'ger Mörder oder Dieb,

Der tückisch arme Reisende geplündert,

So gab ich niemals die verwirkte Strafe.[629]

Mord zwar, die blut'ge Sünde, martert' ich

Noch über Diebstahl oder was auch sonst.

SUFFOLK.

Herr, dies sind leichte Fehl', und bald entschuldigt,

Doch größerer Verbrechen zeiht man Euch,

Wovon Ihr nicht so leicht Euch rein'gen könnt.

Ich geb' Euch Haft in Seiner Hoheit Namen

Und überliefr' Euch dem Lord Kardinal,

Auf ferneres Verhör Euch zu verwahren.

KÖNIG HEINRICH.

Ich hoff' absonderlich, Mylord von Gloster,

Von allem Argwohn Euch befreit zu sehn:

Ihr seid unschuldig, sagt mir mein Gewissen.

GLOSTER.

Ach, gnäd'ger Herr, gefahrvoll ist die Zeit!

Die Tugend wird erstickt vom schnöden Ehrgeiz,

Und Nächstenliebe fortgejagt vom Groll;

Gehäss'ge Anstiftungen walten vor,

Und Billigkeit ist aus dem Reich verbannt.

Ich weiß, ihr Anschlag zielet auf mein Leben;

Und wenn mein Tod dies Eiland glücklich machen

Und ihre Tyrannei beenden könnte,

Ich gäb' es dran mit aller Willigkeit.

Doch meiner ist nur ihres Stücks Prolog;

Mit Tausenden, die noch Gefahr nicht träumen,

Ist ihr entworfnes Trauerspiel nicht aus.

Beauforts rotfunkelnd Aug' schwatzt seinen Groll aus,

Und Suffolks düstre Stirn den stürm'schen Haß;

Der scharfe Buckingham entladet sich

Der häm'schen Last des Herzens mit der Zunge;

Der mürr'sche York, der nach dem Monde greift,

Und des vermeßnen Arm ich rückwärts riß,

Zielt mir mit falscher Klage nach dem Leben.

Und Ihr auch, meine Fürstin, mit den andern,

Habt grundlos Schmähung auf mein Haupt gelegt

Und meinen besten Oberherrn gereizt,

Mit eifrigstem Bemühn, mein Feind zu sein.

Ja, alle stakt zusammen ihr die Köpfe, –

Ich wußte selbst von euren Konventikeln, –

Und bloß, mein schuldlos Leben wegzuschaffen.

Mich zu verdammen gibt's wohl falsche Zeugen,[630]

Und Haufen von Verrat, die Schuld zu mehren;

Das alte Sprichwort wird bewährt sich zeigen:

Einen Hund zu schlagen, find't sich bald ein Stock.

KARDINAL.

Mein Oberherr, sein Schmähn ist unerträglich.

Wenn die, so Eure fürstliche Person

Vor des Verrats verstecktem Dolch bewahren,

Getadelt so, gehöhnt, gescholten werden

Und man dem Schuld'gen Raum zu reden gibt,

Es muß den Eifer für Eu'r Gnaden kühlen.

SUFFOLK.

Hat er nicht unsre Fürstin hier gezwackt

Mit schmäh'nden Worten, klüglich zwar gestellt,

Als ob sie Leute angestiftet hätte,

Zum Umsturz seiner Würde falsch zu schwören?

KÖNIGIN.

Ich kann ja den Verlierer schelten lassen.

GLOSTER.

Viel wahrer als Ihr's meintet! Wohl verlier' ich:

Fluch den Gewinnern, denn sie spielten falsch!

Wer so verliert, der hat wohl Recht zu reden.

BUCKINGHAM.

Er wird mit Deuteln hier den Tag verbringen.

Lord Kardinal, er ist in Eurer Haft.

KARDINAL.

Ihr, bringt den Herzog fort, verwahrt ihn sicher!

GLOSTER.

Ach, so wirft Heinrich seine Krücke weg,

Eh' seine Beine stark sind, ihn zu tragen;

So schlägt man dir den Schäfer von der Seite,

Und Wölfe blecken, wer dich erst soll schlingen.

Ach, wäre meine Furcht, wär' sie doch Wahn!

Dein Unheil, guter König, seh' ich nahn.


Einige aus dem Gefolge mit Gloster ab.


KÖNIG HEINRICH.

Lords, was das beste eurer Weisheit dünkt,

Beschließt, verwerft, als ob wir selbst hier wären.

KÖNIGIN.

Eu'r Hoheit will das Parlament verlassen?

KÖNIG HEINRICH.

Ja, Margareta! Gram ertränkt mein Herz,

Und seine Flut ergießt sich in die Augen;

Umgürtet ist mein Leib mit Elend ganz,

Denn kann elender was als Mißmut sein?

Ach, Oheim Humphrey! Dein Gesicht enthält

Den Abriß aller Ehr' und Biederkeit,

Und noch, du Guter, soll die Stunde kommen,[631]

Wo ich dich falsch erprobt und dir mißtraut.

Welch finstrer Stern beneidet jetzt dein Glück,

Daß diese großen Lords und mein Gemahl

Dein harmlos Leben zu verderben trachten?

Du kränktest niemals sie und kränktest keinen;

Und wie das Kalb der Metzger nimmt und bindet's,

Und schlägt das arme, wenn es abwärts schweift,

So haben sie ihn grausam weggeführt.

Und wie die Mutter brüllend läuft umher,

Hinsehend, wo ihr Junges von ihr geht,

Und kann nichts tun, als um ihr Herzblatt jammern:

So jammr' ich um des guten Glosters Fall

Mit hülflos leid'gen Tränen, seh' ihm nach

Mit trübem Aug', und kann nichts für ihn tun,

So mächtig sind, die Feindschaft ihm geschworen.

Drum will ich gehn und weinen um sein Los,

Und zwischen jedem Ächzen sag' ich immer:

Wer ist Verräter? Gloster nun und nimmer!


Ab.


KÖNIGIN.

Ihr freien Lords, Schnee schmilzt vom Sonnenstrahl.

Heinrich, mein Gatt', ist kalt in großen Dingen,

Zu voll von blödem Mitleid; und Glosters Schein

Betört ihn, wie das traur'ge Krokodil

Mit Weh gerührte Wanderer bestrickt,

Wie eine Schlang', auf Blumenhöh'n geringelt,

Mit gleißend buntem Balg, den Knaben sticht,

Dem sie der Schönheit halb vortrefflich dünkt.

Glaubt mir, wenn niemand weiser wär' als ich

(Und doch lob' ich hierin den eignen Witz),

Der Gloster würde dieser Welt bald los,

Von unsrer Furcht vor ihm uns loszumachen.

KARDINAL.

Zwar, daß er sterb', ist würd'ge Politik,

Doch braucht's Beschönigung für seinen Tod.

Man muß ihn nach des Rechtes Lauf verdammen.

SUFFOLK.

Nach meinem Sinn wär' das nicht Politik.

Der König wird sich mühn für seine Rettung;

Das Volk steht auf vielleicht für seine Rettung;

Und dennoch haben wir nur kahlen Grund,

Mehr als Verdacht, des Tods ihn wert zu zeigen.[632]

YORK.

Demnach begehrt Ihr seinen Tod nicht sehr.

SUFFOLK.

Ah, York, kein Mensch auf Erden wünscht ihn mehr!

YORK.

York hat am meisten Grund zu seinem Tod. –

Doch, Mylord Kardinal, und Ihr, Mylord von Suffolk,

Sagt, wie ihr denkt, und sprecht vom Herzen weg:

Wär's nicht all eins, den hungrigen Adler setzen

Zum Schutz des Küchleins vor dem gier'gen Geier

Und Herzog Humphrey zum Protektor stellen?

KÖNIGIN.

So wär' des armen Küchleins Tod gewiß.

SUFFOLK.

Ja, gnäd'ge Frau; und wär's nicht Raserei,

Dem Fuchs der Hürde Aufsicht zu vertraun?

Verklagte man als schlauen Mörder ihn,

So würd' es seine Schuld nur schlecht bemänteln,

Daß er den Vorsatz noch nicht ausgeführt.

Nein, sterb' er, sintemal ein Fuchs er ist,

Als Feind der Herde von Natur bewährt,

Eh' purpurn Blut den Rachen ihm befleckt,

Wie Gloster, unsers Herrn erwiesner Feind.

Und hängt an Skrupeln nicht, wie man ihn töte:

Sei es mit Fallen, Schlingen, Schlauigkeit,

Im Schlaf, im Wachen, das gilt alles gleich,

Ist er nur tot: denn das ist guter Trug,

Der den erst schlägt, der erst sich legt auf Trug.

KÖNIGIN.

Du sprichst entschlossen, dreimal edler Suffolk?

SUFFOLK.

Entschlossen nicht, wenn es nicht auch geschieht,

Denn oft sagt man ein Ding und meint es nicht.

Doch daß mein Herz mit meiner Zunge stimmt,

Weil für verdienstlich ich die Tat erkenne,

Und meinen Herrn von seinem Feind zu retten:

Sagt nur das Wort, ich will sein Priester sein.

KARDINAL.

Ich aber wünscht' ihn tot, Mylord von Suffolk,

Eh' Ihr Euch könnt zum Priester weihen lassen.

Sagt, Ihr stimmt bei und heißet gut die Tat,

Und einen Henker will ich ihm besorgen,

So wert ist mir des Fürsten Sicherheit.

SUFFOLK.

Hier meine Hand, die Tat ist tuenswert.[633]

KÖNIGIN.

Das sag' auch ich.

YORK.

Und ich; und nun wir drei es ausgesprochen,

Verschlägt's nicht viel, wer unsern Spruch bestreitet.


Ein Bote tritt auf.


BOTE.

Ihr großen Lords, von Irland eilt' ich her,

Zu melden, daß Rebellen dort erstanden,

Die mit dem Schwert die Englischen vertilgen.

Schickt Hülfe, Lords, und hemmt die Wut beizeiten,

Bevor die Wunde noch unheilbar wird;

Denn, da sie frisch, steht Hülfe sehr zu hoffen.

KARDINAL.

Ein Bruch, der schleunigst ausgefüllt muß werden!

Was ratet Ihr bei diesem wicht'gen Fall?

YORK.

Daß Somerset gesandt werd' als Regent.

Den glücklichen Regierer muß man brauchen;

Das Glück bezeugt's, das er in Frankreich hatte.

SOMERSET.

Wenn York mit all der feinen Politik

Statt meiner dort Regent gewesen wäre,

Er wär' in Frankreich nicht so lang' geblieben.

YORK.

Nein, nicht wie du, um alles zu verlieren:

Mein Leben hätt' ich zeitig eh' verloren,

Als eine Last von Schande heimzubringen

Durch Bleiben, bis verloren alles war.

Zeig' eine Narb', auf deiner Haut geritzt!

Nicht leicht gewinnt, wer so den Leib beschützt.

KÖNIGIN.

Ja, dann wird dieser Funk' ein wütend Feuer,

Wenn Wind und Zunder, ihn zu nähren, kommt.

Nicht weiter, guter York! Still, lieber Somerset!

Dein Glück, York, wärst du dort Regent gewesen,

Es konnte leicht weit schlimmer sein als seins.

YORK.

Wie? Schlimmer als nichts? Ja dann, Schand' über alles!

SOMERSET.

Und über dich zugleich, der Schande wünscht!

KARDINAL.

Mylord von York, versucht nun Euer Glück.

Die rohen Kerns von Irland sind in Waffen

Und feuchten Leim mit Blut der Englischen.

Wollt Ihr nach Irland führen eine Schar[634]

Erlesne Leut', aus jeder Grafschaft ein'ge,

Und Euer Glück im ir'schen Krieg versuchen?

YORK.

Ja, wenn es Seiner Majestät beliebt.

SUFFOLK.

Ei, unser Wort ist seine Beistimmung,

Und, was wir festgesetzt, bestätigt er.

Drum, edler York, nimm dies Geschäft auf dich.

YORK.

Ich bin's zufrieden: schafft mir Truppen, Lords,

Indes ich Ordnung stell' in meinen Sachen.

SUFFOLK.

Ein Amt, Lord York, das ich besorgen will.

Doch kommt nun wieder auf den falschen Humphrey.

KARDINAL.

Nichts mehr von ihm: ich will's mit ihm so machen,

Daß er uns ferner nicht beschweren soll.

Der Tag ist fast vorbei, laßt auf uns brechen;

Lord Suffolk, Ihr und ich, müßt von dem Ausgang sprechen.

YORK.

Mylord von Suffolk, binnen vierzehn Tagen

Erwart' ich nun zu Bristol meine Macht;

Denn dorten schiff' ich sie nach Irland ein.

SUFFOLK.

Es soll mit Fleiß geschehn, Mylord von York.


Alle ab außer York.


YORK.

Jetzt oder nie, York, stähle die Gedanken

Voll Sorg' und wandle Zweifel in Entschluß:

Sei, was du hoffst zu sein, sonst beut dem Tode

Das, was du bist; 's ist nicht Genießens wert.

Laß bleiche Furcht bei niedern Menschen hausen,

Nicht einer königlichen Brust sich nahn.

Wie Frühlingsschauer strömen die Gedanken,

Und kein Gedanke, der nicht Würde denkt.

Mein Hirn, geschäft'ger als die fleiß'ge Spinne,

Webt mühsam Schlingen zu der Feinde Fang.

Gut, Edle, gut! Ihr tut politisch dran,

Mit einem Heer mich auf die Seit' zu schicken.

Ich sorg', ihr wärmt nur die erstorbne Schlange,

Die euch, gehegt am Busen, stechen wird.

Ich brauchte Menschen, und ihr gebt sie mir.

Das nehm' ich gut: doch seid gewiß, ihr gebt

In eines Tollen Hände scharfe Waffen.[635]

Weil ich ein mächtig Heer in Irland nähre,

Will ich in England starken Sturm erregen,

Der an zehntausend Seelen schleudern soll

Zu Himmel oder Höll'; und der soll toben,

Bis auf dem Haupte mir der goldne Reif,

So wie der hehren Sonne klare Strahlen,

Die Wut des tollerzeugten Wirbels stillt.

Und als das Werkzeug dieses meines Plans

Verführt' ich einen strudelköpf'gen Kenter,

John Cade aus Ashford,

Aufruhr zu stiften, wie er's wohl versteht,

Unter dem Namen von John Mortimer.

In Irland sah ich den unbänd'gen Cade

Sich einer Schar von Kerns entgegensetzen;

Und focht so lang', bis seine Schenkel fast

Von Pfeilen starrten wie ein Stachelschwein;

Und, auf die Letzt gerettet, sah ich ihn

Grad' aufrecht springen wie ein Mohrentänzer,

Die blut'gen Pfeile schüttelnd wie die Glocken.

Gar oftmals, als ein zott'ger schlauer Kern,

Hat er Gespräch gepflogen mit dem Feind

Und ist mir unentdeckt zurückgekommen

Und hat mir ihre Büberei'n gemeldet.

Der Teufel sei mein Stellvertreter hier,

Denn dem John Mortimer, der jetzt gestorben,

Gleicht er von Angesicht, von Sprach' und Gang.

Daran werd' ich des Volks Gesinnung merken,

Ob sie geneigt dem Haus und Anspruch Yorks.

Nehmt an, man fing' ihn, quält' und foltert' ihn:

Ich weiß, kein Schmerz, den sie ihm können antun,

Preßt es ihm aus, daß ich ihn angestiftet.

Setzt, ihm gelingt's, wie's allen Anschein hat,

Ja, dann komm' ich mit meiner Macht von Irland

Und ernte, was der Bube hat gesät.

Denn, ist nur Humphrey tot, was bald wird sein,

Und Heinrich weggeschafft, wird alles mein.


Ab.[636]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 626-637.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon