Zweite Szene

[919] Das Zimmer des Staatsrats.


Trompeten. König Heinrich, auf des Kardinals Schulter gestützt; mehrere Edelleute und Sir Thomas Lovell treten auf.


KÖNIG.

Mein ganzes Leben dankt, mein Herzblut Euch

Für solche Sorgfalt. Stand ich doch im Schuß

Der schwergelad'nen Meuterei! Habt Dank,[919]

Der sie vertilgt. Laßt jetzt vor uns erscheinen

Des Buckingham Hofmeister: in Person

Will ich rechtfert'gen hören sein Bekenntnis,

Und Punkt für Punkt soll er uns seines Herrn

Verrat aufs neu' berichten.


Der König setzt sich auf den Thron. Die Lords des Reiches nehmen ihre Plätze ein. Der Kardinal setzt sich zu des Königs Füßen auf der rechten Seite. Man hört hinter der Szene rufen. »Platz für die Königin!« Die Königin tritt auf, geführt von den Herzogen von Norfolk und Suffolk; sie knieet. Der König steht auf von seinem Thron, hebt sie auf, küßt sie und heißt sie, neben ihm sitzen.


KÖNIGIN.

Nein, laßt uns länger knien; ich kam, zu bitten.

KÖNIG.

Steht auf, nehmt Euren Platz; Eu'r halb Gesuch

Bleib' unberührt (halb unsre Macht ist Eure),

Die andre Hälft', eh' Ihr sie nennt, gewährt.

So sagt und nehmt die Bitte.

KÖNIGIN.

Dank, mein König.

Daß Ihr Euch selbst liebt, und in solcher Liebe

Nicht außer acht laßt Eure Ehre, noch

Die Hoheit Eures Amts: das ist der Inhalt

Von meiner Bitte:

KÖNIG.

Fahret fort, Gemahlin.

KÖNIGIN.

Ich werd' umlagert stets – und zwar von vielen,

Und von den Redlichsten, – weil Euer Volk

In hartem Trübsal seufzt. Es sind Sendschreiben

Erlassen, so die Herzen lösen mußten

Von aller Treu'; und ob sich zwar darob,

Werter Herr Kardinal, die herbsten Klagen

Auf Euch zumeist ergießen, als Anstifter

Solcher Erpressung, trifft doch selbst den König

(Des Ehre Gott vor Unglimpf schützen mag!)

Unziemlich Reden, ja, solches, das zerbricht

Treu' und Gehorsam und beinah' erscheint

Als lauter Aufruhr.

NORFOLK.

Nicht beinah' erscheint,

Wirklich erscheint: denn dieser Schatzung willen

Hat schon das ganze Tuchgewerk, unfähig,

Die Arbeit zu erhalten, seine Spinner,[920]

Die Krempler, Walker, Weber abgedankt,

Die nun, verfolgt vom Hunger, andern Handwerks

Unkundig, sonder Mittel, in Verzweiflung,

Dem Ausgang trotzend, all' in Aufstand sind;

Und die Gefahr dient unter ihnen.

KÖNIG.

Schatzung?

Auf was? Und welche Schatzung? Kardinal,

Ihr, der die Last zugleich mit uns hier tragt,

Wißt Ihr von dieser Schatzung?

WOLSEY.

Erlaubt, mein König,

Ich weiß nur einzelnes von allem, was

Den Staat betrifft, und steh' nur mit im Gliede,

Wo andre mit mir schreiten.

KÖNIGIN.

Nein, Mylord,

Ihr wißt nicht mehr als andre; doch Ihr schmiedet

Die Dinge, die auch jeder kennt; nicht heilsam

Für die, die lieber nicht sie kennten, doch

Wohl notgedrungen sie erfahren. Diese

Erpressungen, von denen mein Gemahl will wissen,

Im Hören sind sie tödlich schon; sie tragen,

Der Rücken bricht der Last. Man sagt, Ihr seid's,

Der sie ersonnen; ist das nicht, so seid Ihr

Zu hart beschuldigt.

KÖNIG.

Immerdar Erpressung! –

Von welcher Art? Laßt hören, welcher Art

War die Erpressung?

KÖNIGIN.

Wag' ich doch zu viel,

So prüfend Eure Milde! Doch mich stärkt

Die Nachsicht, so Ihr zugesagt. Es ruht

Des Volks Beschwerd' auf Steuern, so ein Sechsteil

Von jeglichem Vermögen sonder Aufschub

Einfordern, und als Vorwand soll Eu'r Krieg

In Frankreich gelten. Dies macht dreiste Zungen,

Der Mund speit aus die Pflicht; in kalten Herzen

Gefriert die Treu'; Verwünschung wohnt anjetzt,

Wo sonst Gebete; ja es kam so weit,

Daß nun lenksame Folgsamkeit erscheint

Als jeglicher erhitzten Laune Sklav'. Oh, möcht'[921]

Eu'r Hoheit bald erwägen dies Geschäft!

Keins ist so dringend. –

KÖNIG.

Nein, bei meinem Leben! –

Dies ist zuwider unserm Wunsch.

WOLSEY.

Und ich

Ging meinerseits hierin nicht weiter, als

Durch eine Stimm'; auch diese gab ich nur

Auf Rat gelehrter Richter. Schmähen mich

Unkund'ge Zungen, so mein Innres nicht

Erkannt noch meine Weg', und wollen dennoch

Die Chronik werden meines Tuns: so weiß man,

's ist nur der Würden Los, der Dornenpfad,

Den Tugend wandeln muß. Beschränke keiner,

Was ihm zu tun notwendig, in der Furcht,

Er stoß' auf neid'sche Tadler, die beständig,

Raubfischen gleich, dem neugeschmückten Fahrzeug

Nachziehn, wiewohl es Vorteil bringt mit nichten,

Nur eitle Jagd. Oft unsre beste Tat,

Wie Böse oder Schwache deuten, ist

Nicht unsre oder nicht gelobt; die schlimmste,

Dem gröbern Sinn verständlich, preist man oft

Als unser bestes Tun. Müßten wir stillstehn,

In Furcht, belacht sei unser Gehn, verlästert,

Wir müßten Wurzel schlagen, wo wir sitzen,

Wo nicht, gleich Bildern sitzen.

KÖNIG.

Weise Tat,

Vollbracht mit Vorsicht, schirmt sich selbst vor Zweifeln;

Tat ohne Vorbild aber ist zu fürchten

In ihrem Ausgang. Habt Ihr einen Vorgang

Für solche Schatzung? Wie mir scheint, wohl keinen.

Man muß das Volk nicht vom Gesetz losreißen

Und an die Willkür ketten. Wie! Ein Sechsteil?

Entsetzliche Besteu'rung! Ei, wir nehmen

Von jedem Baum Ast, Rind', und selbst vom Stamm!

Und lassen wir ihm auch die Wurzel, – so verstümmelt,

Verzehrt die Luft den Saft. In jede Grafschaft,

Wo dies verhandelt, schickt Sendschreiben mit

Vollkommner Nachsicht allen, so sich sträubten[922]

Dem Druck sotaner Schatzung. Bitt' Euch, eilt,

Ich leg's in Eure Hand.

WOLSEY zu seinem Geheimschreiber.

Hört, auf ein Wort!

Ihr fertigt Briefe mir für jede Grafschaft,

Von Königs Gnad' und Nachsicht. Die gekränkten

Gemeinden sind uns abhold; sprenget aus,

Als sei auf unser Fürwort der Erlaß

Und Widerruf erfolgt. Ich werd' alsbald

Euch ferner unterrichten.


Geheimschreiber ab. – Der Haushofmeister tritt auf.

KÖNIGIN.

Es geht mir nah, daß Herzog Buckingham

Sich Eu'r Mißfallen zuzog.

KÖNIG.

Viele schmerzt es:

Er ist gelehrt, ein trefflich seltner Redner,

Naturbegünstigt, an Erziehung fähig,

Den größten Meistern Lehr' und Rat zu geben,

Nie Hülfe suchend außer sich; und dennoch,

Wo also edle Gabe schlecht verteilt

Erfunden wird, – wenn erst der Geist verderbt ist –

Verkehrt sie sich zum Laster, zehnfach wüster,

Als schön zuvor. Derselbe Mann, so edel,

Der stets den Wundern wurde beigezählt,

Bei dem, entzückt zu horchen, uns Minuten

Die Stunden seiner Red' erschienen: dieser,

Mylady, hat die Grazie, sonst ihm eigen,

In scheußliche Gestalt verkehrt, so schwarz

Wie aus dem Höllenpfuhl. Nehmt Platz und höret Dinge

(Hier steht, der sein vertrauter Diener war),

Die Ehre trauern machen. Wiederholt

Die schon erzählten Greu'l; wovon wir nie

Zu wenig fühlen, zu viel nie hören können.

WOLSEY.

Kommt vor, erzählt mit freiem Mut, was Ihr,

Als ein sorgsamer Untertan, erforscht

Vom Herzog Buckingham.

KÖNIG.

Nur dreist gesprochen!

HAUSHOFMEISTER.

Erst war's ihm zur Gewohnheit, jeden Tag

Sein Reden zu verpesten durch die Äuß'rung,[923]

Daß, stürb' ohn' Erben unser Herr, er sicher

Das Szepter an sich brächte: solche Worte

Hört' ich ihn sagen seinem Schwiegersohn

Lord Aberga'ny, dem er eidlich schwur

Rach' an dem Kardinal.

WOLSEY.

Bemerk' Eu'r Hoheit

In diesem Punkt sein sträfliches Beginnen:

Feindlich im Wünschen strebt sein böser Wille

Entgegen Eurer heiligen Person,

Ja, zielt noch jenseits selbst auf Eure Freunde

KÖNIGIN.

Seid christlich, Mylord Kardinal!

KÖNIG.

Fahrt fort!

Wie stützt' er seinen Anspruch auf die Krone,

Wenn wir dahin? Hast über diesen Punkt

Auch was vernommen?

HAUSHOFMEISTER.

Dazu leitet'ihn

Des Niklas Hopkins eitles Prophezei'n.

KÖNIG.

Wer war der Hopkins?

HAUSHOFMEISTER.

Ein Karthäusermönch,

Sein Beicht'ger, der ihn stets genährt mit Worten

Von Krön' und Königtum.

KÖNIG.

Wie weißt du dies?

HAUSHOFMEISTER.

Nicht lang', eh' Eure Hoheit zog gen Frankreich

Geschah's, daß in der Rose, in dem Kirchspiel

Sankt Laurenz Poultney, mich der Herzog fragte,

Was für Gespräch in London ich gehört,

Betreffend Euren fränk'schen Zug. Drauf sagt' ich,

Man fürchte der Franzosen treulos Wesen

Zu unsers Herrn Verderben. Alsobald

Begann der Herzog: Dazu gäb' es Grund,

Und, meint er, wohl erfülle sich's, was ihm

Ein heil'ger Mönch gesagt, »der oft«, erzählt' er,

»Zu mir gesandt, gelegne Zeit begehrend,

Wo meinem Kapellan, John de la Court,

Hochwicht'ge Ding' er offenbaren wolle;

Und als er drauf, unterm Sigill der Beichte,

Förmlichen Eid verlangt, was er entdeckte,[924]

Das solle mein Kaplan nie einem Menschen

Als mir enthüll'n – da sprach er ernst, bedächtig,

Dies Wort: Der König weder, noch sein Stamm

(So sagt dem Herzog) wird gedeihn: drum streb' er,

Des Volkes Liebe zu gewinnen. Er, der Herzog,

Wird England einst beherrschen.« –

KÖNIGIN.

Hör' ich recht,

Wart Ihr des Herzogs Hausvogt und verlort

Auf Eurer Untern Anklag' Eure Stelle;

So habt wohl acht, schmäht nicht in Eurer Bosheit

Den edlen Mann und wagt die edlere Seele.

Habt acht, ich sag's Euch, ja, ich bitt' Euch herzlich.

KÖNIG.

Laß ihn. – Fahr' fort!

HAUSHOFMEISTER.

Wahr red' ich, auf Gewissen.

Ich sagte dem Herrn Herzog, Teufels Blendwerk

Betrüge wohl den Mönch: es sei gefährlich,

So lang' hierob zu brüten, bis zuletzt

Ein Anschlag reifte, wie's gewiß geschäh',

Traut' er ihm erst. Er aber rief: »Sei still! –

Es bringt mir nimmer Schaden!« – sagt' auch noch:

»Wofern der König starb im letzten Fieber,

So fiel das Haupt des Kardinals so wie

Sir Thomas Lovells.«

KÖNIG.

Wie! So arg? Ei, ja!

Das ist ein schlimmer Mann. Weißt du noch mehr?

HAUSHOFMEISTER.

Ich weiß, mein Fürst.

KÖNIG.

Fahr' fort!

HAUSHOFMEISTER.

Zu Greenwich war's,

Verweis hatt' Eure Hoheit meinem Herzog

Erteilt, Sir William Blomers willen –

KÖNIG.

Wohl

Entsinn' ich mich's: aus meinem Lehnsdienst nahm

Der Herzog ihn für sich. Doch nun, wie weiter?

HAUSHOFMEISTER.

Da sprach er: »Wär' ich hierum festgesetzt,

Etwan im Turm, so mein' ich, spielt' ich wohl

Die Rolle, die mein Vater wollt' erfüllen

Am Usurpator Richard, als in Sal'sbury[925]

Er sich Gehör erbat, und wär's gewährt,

Ihm unterm Schein der Huldigung sein Messer

Ins Herz gestoßen hätte.«

KÖNIG.

Oh, Riesenbosheit!

WOLSEY.

Nun, Fürstin, kann der König frei noch atmen,

Bleibt dieser außer Haft?

KÖNIGIN.

Gott füg's zum Guten!

KÖNIG.

Du hast noch Weitres auf dem Herzen; rede!

HAUSHOFMEISTER.

Nach »Rolle meines Vaters« – und dem »Messer« –

Streckt' er sich so, und eine Hand am Dolch,

Die andre auf der Brust, den Blick erhoben,

Stieß er hervor den wild'sten Fluch, des Inhalts,

Daß, würd' ihm hart begegnet, er den Vater

So weit noch übertreffen wollt', als je

Die Tat den schwanken Vorsatz.

KÖNIG.

Seinem Messer

Ist wohl ein Ziel gesetzt; er ist verhaftet.

Ruft vor Gericht ihn gleich! Vermag er Gnade

Vor dem Gesetz zu finden, sei's; wo nicht,

Bei uns such' er sie nie! – Bei Tag und Nacht,

Gewiß, er ist auf Hochverrat bedacht.


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 919-926.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
König Heinrich VIII.
König Heinrich VIII. / King Henry VIII.

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon