Dritte Szene

[926] Ein Zimmer im Palast.


Der Lord Kämmerer und Lord Sands treten auf.


LORD KÄMMERER.

Ist's möglich, gaukelten die Zauber Frankreichs

Die Menschen in solch seltsamliche Form?

SANDS.

Sind neue Moden noch so lächerlich,

Ja, selbst unmännlich, doch befolgt man sie.

LORD KÄMMERER.

So weit ich seh', was unsre Englischen

Sich Gut's geholt auf dieser Fahrt, sind's höchstens

Ein paar Gesichter, die sie ziehn, und garst'ge,

Denn macht sie einer, nun, so schwört man drauf,[926]

Selbst seine Nase sei schon Rat gewesen

Bei Chlotar und Pipin, so ehrbar schaut sie.

SANDS.

Sie führen sämtlich neue, lahme Beine,

Und wer sie noch nicht gehn sah, dächte, Spat

Und Gallen zwickten sie.

LORD KÄMMERER.

Beim Element!

Selbst ihrer Kleider Schnitt ist so sehr heidnisch,

Daß sie gewiß den Christen ausgezogen.

Wie nun? Was Neues bringt Sir Thomas Lovell? –


Sir Thomas Lovell tritt auf.


LOVELL.

Nicht Neues just, Mylord, als die Verordnung,

Die eben jetzt am Schloßtor klebt.

LORD KÄMMERER.

Worüber?

LOVELL.

Ei, die Reform der jungen Reisenden,

Die uns verfolgt mit Zank und Lärm und Schneidern.

LORD KÄMMERER.

Gott sei's gedankt! Nun bitt' ich die Monsieurs,

Einem brit'schen Hofmann noch Verstand zu lassen,

Auch wenn er's Louvre nicht gesehn.

LOVELL.

Sie sollen

(So lautet die Verordnung) ihren Wedeln

Und Resten fränk'schen Narrentums entsagen,

Samt all den teuern Punkten ihrer Torheit

Von gleichem Schlag; Duell'n und Feuerwerken;

Und der Verspottung Besserer als sie

In ihrer fremden Weisheit; gänzlich abtun

Den Aberglauben ihres Federballs,

Die langen Strümpfe, kurz gepuffte Hosen,

All die Symbole ihrer Reis', und wieder

Sich wie vernünft'ge Menschen stellen, oder

Sich zu den alten Spielkam'raden packen,

Wo sie cum privilegio dann mögen

Verlacht sein und die Kläglichkeit verbrauchen.

SANDS.

Die Kur war an der Zeit; es griff dies Übel

Verzweifelt um sich.

LORD KÄMMERER.

Wie wohl unsre Weiber

Die süßen Eitelkeiten all entbehren! –[927]

LOVELL.

Nun, Klagen gibt's gewiß; die schlauen Löffler

Verstanden meisterlich, die Frau'n zu fangen;

'ne Fiedel, ein französisch Lied tat Wunder.

SANDS.

Fiedl' euch der Teufel! Gut, sie sind nun fort,

Denn Bess'rung war zu hoffen nicht. Jetzt mag

Ein schlichter Edelmann vom Land', wie ich,

Längst aus dem Spiel verdrängt doch auch sein Lied

Anstimmen und Gehör ein Stündchen hoffen

Und, mein' ich, seinen Takt noch eben halten.

LORD KÄMMERER.

Recht so, Lord Sands; Ihr habt den Füllenzahn

Nicht abgelegt.

SANDS.

O nein, und werd' auch nicht,

Solang' ein Stumpf mir nachbleibt.

LORD KÄMMERER.

Sagt, Sir Thomas,

Wohin Ihr gingt.

LOVELL.

Ins Haus des Kardinals;

Eu'r Herrlichkeit ist gleichfalls dort ein Gast.

LORD KÄMMERER.

Jawohl. Er gibt ein prächtig Fest zu Nacht

Gar vielen Herrn und Frau'n; Ihr findet dort

Des ganzen Landes Schönheit heut versammelt.

LOVELL.

Ein gütig Herz hat dieser Fürst der Kirche,

Fruchtbar die Hand wie der ergieb'ge Boden,

Sein Tau tränkt alles.

LORD KÄMMERER.

Ja, er ist höchst edel:

Ein schwarz Gemüt, das anders von ihm sagte.

SANDS.

Nun, er vermag's, er hat genug; an ihm

Wär' Sparen ärgre Sünd' als Ketzerei.

Freigebig müssen Männer sein wie er,

Sie stehn als Beispiel da.

LORD KÄMMERER.

Als rechtes Beispiel;

Doch er vor allen. Meine Barke hält,

Ich nehm' Eu'r Gnaden mit. Nun kommt, Sir Thomas,

Wir kommen spät sonst, und mir wär' es leid,

Weil ich heut abend mit Sir Heinrich Guilford

Aufseher bin des Festes.

SANDS.

Euch zu Diensten.


Alle ab.[928]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Berlin: Aufbau, 1975, S. 926-929.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
König Heinrich VIII.
König Heinrich VIII. / King Henry VIII.

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Über den Umgang mit Menschen

Über den Umgang mit Menschen

»Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. – Das heißt: Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.« Adolph Freiherr von Knigge

276 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon