Zweite Szene

[530] Ein Gerichtshof.


Leontes, Herren vom Hofe, Beamte, Gerichtsdiener.


LEONTES.

Dies Staatsgericht, mit Kummer sagen wir's,

Greift uns ans eigne Herz: die Angeklagte,

Die Tochter eines Königs, unsre Gattin,

Zu sehr von uns geliebt. – Es spricht uns frei

Vom Schein der Tyrannei der offne Gang

In diesem Rechtsfall, der auf gradem Weg

Zur Rein'gung oder zur Verdammung führt. –

Bringt die Gefangne her!

BEAMTER.

Die Majestät heißt jetzt die Königin

Persönlich vor Gericht allhier erscheinen.


Allgemeines Stillschweigen.


Hermione kommt mit Wache, von Paulina und anderen Hofdamen begleitet.


LEONTES.

Lest nun die Klage!

BEAMTER. »Hermione, Gemahlin des erlauchten Leontes, Königs von Sizilien, du bist hier angeklagt und vor Gericht gestellt wegen Hochverrats, indem du Ehebruch begingst mit Polyxenes, dem Könige von Böhmen, und dich verschwurst mit Camillo, das Leben unsers hohen Herrn, deines königlichen Gemahls, zu verkürzen. Da diese Bosheit durch Umstände zum Teil entdeckt wurde, hast du, Hermione, der Pflicht und Treue eines redlichen Untertans entgegen, ihnen geraten und geholfen, zu ihrer größern Sicherheit bei Nacht zu entfliehen.«

HERMIONE.

Da, was ich sagen will, nichts andres ist,

Als dem, des man mich anklagt, widersprechen,

Und mir kein ander Zeugnis steht zur Seite,

Als was ich selbst mir gebe, frommt mir kaum

Zu rufen: »Frei von Schuld!«: da hier für Lüge

Gilt meine Lauterkeit, wird, was ich sage,

Auch also heißen. Doch – wenn Himmelsmächte

Sehn unser menschlich Tun (sie schaun herab),

Dann zweifl' ich nicht, die Unschuld macht erröten

Die falsche Klag', und Tyrannei erbebt[530]

Vor der Geduld. – Mein Fürst, Ihr wißt am besten,

Scheint Ihr auch jetzt am wenigsten zu wissen:

So rein und treu war mein vergangnes Leben,

Wie ich jetzt elend bin, und das ist mehr,

Als die Geschichte und Erdichtung, noch

Das Schauspiel kennt, die Menge zu bezaubern.

Denn schaut mich an, –

Genossin königlichen Betts, der halb

Der Thron gehörte, eines Königs Tochter,

Die Mutter eines edeln Prinzen, – steh' ich

Und sprech' und schwatze hier für Ehr' und Leben,

Vor jedem, der es hören will. Mein Leben,

Es drückt mich wie mein Gram, gern miss' ich beide;

Doch Ehr', ein Erbteil ist sie für die Meinen,

Sie nur verdient mein Wort. Ich mahn' Euch, Herr,

Fragt Eu'r Bewußtsein, eh' Polyxenes

An Euern Hof kam, wie Ihr mich geliebt,

Und wie ich es verdient; seit er gekommen,

Mit welch unziemlichem Entgegentreten

Verging ich mich, daß man mich also deutet;

Wenn's nur ein Haar breit war jenseit der Ehre,

Sei's Tat, sei's Wille nur, im Weg des Unrechts,

So werde Stein das Herz jedweden Hörers,

Und ekel sei mein Grab dem nächsten Blutsfreund!

LEONTES.

Dem fehlte nie, der freche Laster übte,

Die Unverschämtheit, seine Tat zu leugnen,

Mit der er sündigte.

HERMIONE.

Das ist sehr wahr;

Doch niemals kann ein solcher Spruch mich treffen.

LEONTES.

Du läßt ihn gelten nicht.

HERMIONE.

Mehr, als mir eignet

Und mir als Fehl entgegen tritt, kann nimmer

Ich anerkennen. Ihn, Polyxenes,

Ich sag' es frei, mit dem Ihr mich beschuldigt,

Liebt' ich, wie er in Ehren fodern durfte,

Mit einer solchen Liebe, wie's geziemlich

Für eine Frau gleich mir, mit einer Liebe,

So und nicht anders, als Ihr selbst befahlt;[531]

Und tat ich's nicht, so hätt' ich mich zugleich

Als undankbar gezeigt und ungehorsam,

Euch und dem Freund, des Liebe deutlich sprach,

Von früher Kindheit, seit ihr Sprache ward,

Sie sei ganz Euer. Nun, der Hochverrat,

Ich weiß nicht, wie er schmeckt, tischt man ihn gleich

Mir auf, davon zu kosten: das nur weiß ich,

Stets ward Camillo ehrenvoll befunden;

Warum er Euch verließ, ist selbst den Göttern,

Wenn sie nicht mehr als ich drum wissen, fremd.

LEONTES.

Ihr wußtet seine Flucht, so gut Ihr wußtet,

Was Ihr zu tun beschlossen, war er fort.

HERMIONE.

Herr,

Die Sprache, die Ihr sprecht, versteh' ich nicht:

Mein Leben ist's, was Eure Träum' erzielen,

Gern werf' ich's ab.

LEONTES.

Nur deine Taten träum' ich;

Du hast 'nen Bastard von Polyxenes,

Ich träumt' es nur: – wie du der Scham entfremdet,

Wie alle deiner Art, bist du's der Wahrheit;

Sie leugnen liegt dir ob, doch frommt dir nicht;

Denn wie dein Balg, der nur sich selbst gehört,

Als vaterlos ward ausgestoßen (freilich,

Mehr dein als sein Verbrechen), so sollst du

Empfinden unsern Rechtsspruch; noch so milde,

Erwarte wen'ger nicht als Tod!

HERMIONE.

Spart Euer Drohn:

Das Greu'l, womit du schrecken willst, erbitt' ich;

Mir kann das Leben kein Geschenk mehr sein.

Die Kron' und Lust des Lebens, Eure Liebe,

Die geb' ich auf: ich fühl' es, sie ist hin.

Doch wie, das weiß ich nicht; mein zweites Glück,

Der Erstling meines Leibs, ihn nimmt man mir,

Als wär' ich angesteckt; mein dritter Trost

Wird durch unsel'ger Sterne Kraft mir von der Brust,

In ganz unschuld'gem Mund unschuld'ge Milch,

Zum Mord geschleppt. Ich selbst an jeder Ecke

Als Metze ausgeschrien; mit rohem Haß[532]

Des Kindbettrechts beraubt, das man doch Weibern

Von jeder Art vergönnt: – zuletzt gerissen

In freie Luft hieher, bevor ich noch

Die nöt'ge Kraft gewann. Nun sagt, mein König,

Welch Glück kann mir das Leben wohl noch bieten,

Daß ich den Tod soll fürchten? Drum fahrt fort!

Doch hört noch dies, versteht mich recht: – Mein Leben,

Ich acht' es nur wie Spreu: – doch meine Ehre,

Nur die möcht' ich befrein. Werd' ich verurteilt

Bloß auf Verdacht, da jedes Zeugnis schläft,

Das Eure Eifersucht nicht weckt, so sag' ich,

's ist Tyrannei, kein Recht. – Ihr Edlen, hört,

Daß ich auf das Orakel mich berufe:

Apollo sei mein Richter!

ERSTER HERR.

Dies Begehren

Ist ganz gerecht; so bringet denn herbei,

Und in Apollos Namen, das Orakel!


Einige Beamte gehn ab.


HERMIONE.

Der große Kaiser Rußlands war mein Vater:

Oh, wär' er noch am Leben, hier zu schauen

Die Tochter vor Gericht! Oh, säh' er doch,

Wie tief mich Elend beugte; doch mit Augen

Des Mitleids, nicht der Rache!

Der Beamte kommt mit Cleomenes und Dion.


BEAMTER.

Schwört hier auf diesem Schwerte des Gerichts,

Daß ihr, Cleomenes und Dion, beide

In Delphi wart, und daß von dort versiegelt

Ihr dies Orakel bringt, das euch der Priester

Des hohen Phöbus gab, und daß seitdem

Ihr freventlich das Siegel nicht erbracht,

Noch den geheimen Inhalt saht.

CLEOMENES UND DION.

Wir schwören

Dies alles.

LEONTES.

Brecht das Siegel nun und lest!

BEAMTER liest. »Hermione ist keusch, Polyxenes tadellos, Camillo ein treuer Untertan, Leontes ein eifersüchtiger Tyrann,[533] sein unschuldiges Kind rechtmäßig erzeugt, und der König wird ohne Erben leben, wenn das, was verloren ist, nicht wieder gefunden wird.«

ALLE.

Gepriesen sei der große Gott Apollo!

HERMIONE.

Er sei gelobt!

LEONTES.

Und hast du recht gelesen?

BEAMTER.

Ja, Herr; ganz so, wie hier geschrieben steht.

LEONTES.

Nur Lüg' und Falschheit spricht aus dem Orakel;

Fort geh' die Sitzung: dies ist nur Betrug.


Ein Diener kommt eilig.


DIENER.

Mein Herr, mein Herr und König!

LEONTES.

Nun, was gibt's?

DIENER.

O Herr, Haß wird mich für die Nachricht treffen:

Der Prinz, dein Sohn, aus lauter Furcht und Ahnung,

Der Königin halb, ist hin.

LEONTES.

Wie? hin?

DIENER.

Ist tot.

LEONTES.

Apollo zürnt, und selbst der Himmel schlägt

Mein ungerecht Beginnen.


Hermione fällt in Ohnmacht.


Was ist das?

PAULINA.

Die Nachricht ist der Kön'gin Tod: – schaut nieder

Und seht, wie Tod hier handelt!

LEONTES.

Tragt sie fort!


Paulina und die Hofdamen tragen Hermionen fort.


Sie wird erstehn, ihr Herz ist überladen: –

Zu viel hab' ich dem eignen Wahn geglaubt. –

Ich bitt' euch, braucht mit Sorgfalt jedes Mittel

Zu ihrer Rettung! – Oh, verzeih', Apollo!

Verzeih' die Läst'rung gegen dein Orakel!

Ich will mich mit Polyxenes versöhnen,

Der Gattin Lieb' erflehn, Camillo rufen,

Den ich getreu und mild hier laut erkläre.

Durch Eifersucht zu Rach' und Blutgedanken

Gerissen, rief ich mir Camillo auf,

Polyxenes, den Teuren, zu vergiften.[534]

Auch wär's vollbracht,

Wenn nicht Camillos edler Sinn verzögert

Den schleunigen Befehl, obgleich durch Tod,

Durch Lohn, ich ihn ermutigt und geschreckt,

Wofern er's tat und ließ; doch wahrhaft menschlich

Und ehrenvoll enthüllt' er meinen Plan

Dem hohen Gast, verließ hier sein Vermögen,

Das groß war, wie ihr wißt, und gab sich selbst

Als sichres Spiel unsichrem Zufall preis,

Nur reich an Ehre. – Oh, wie glänzt er rein

Durch meinen Rost! Und seine Frömmigkeit,

Wie färbt sie schwärzer meine Missetaten!


Paulina tritt auf.


PAULINA.

O Not und Wehe!

Schneid't auf den Latz mir, daß mein Herz, ihn sprengend,

Nicht auch zerbricht!

ERSTER HERR.

Woher, Frau, dies Entsetzen?

PAULINA.

Welch Martern sinnst du jetzt, Tyrann, mir aus?

Welch Rädern? Foltern? Brennen? Schinden? Sieden

In Öl, in Blei? Welch alt' und neue Qual

Erdenkst du mir, da jedes meiner Worte

Die Raserei dir schürt? Dein wild tyrannisch

Gemüt mit deiner Eifersucht im Bunde, –

Grillen, zu schwach für Knaben, viel zu unreif

Für kleine Mädchen! – hör', was sie getan,

Und werde toll dann, rasend toll, denn jede

Bisher'ge Torheit war nur Würze dieser.

Daß du Polyxenes verrietst, war nichts,

Das zeigte dich als Narr nur, wankelmütig

Und teuflisch undankbar; auch war es wenig,

Daß du Camillos Ehre wollt'st vergiften

Durch einen Königsmord: armsel'ge Sünden,

Da ungeheure folgen: dazu rechn' ich,

Daß du den Kräh'n hinwarfst die zarte Tochter,

Als wenig, nichts, obgleich ein Teufel eher

Aus Flammengluten Wasserströme weinte;

Noch fällt allein auf dich des Prinzen Tod,[535]

Dem hoher Sinn (zu hoch so zarter Jugend)

Sein Herz zerbrach vor Schmerz, daß töricht roh

Der Vater ehrlos macht die holde Mutter;

Dies nicht, dies nicht kann keiner schuld dir geben;

Allein das Letzte: – Weh ruft, wie ich's sagte! –

Die Kön'gin, sie, die Kön'gin,

Das reinste, süßeste Geschöpf, ist tot,

Und noch stürzt Rache nicht herab!

ERSTER HERR.

Verhüten's

Die ew'gen Mächte!

PAULINA.

Ich sage, sie ist tot; ich schwör's; wenn Wort

Und Eid nicht gilt, so geht und schaut; könnt ihr

In Lipp' und Auge Farb' und Glanz erwecken,

Die äußre Wärm' und innern Hauch, so bet' ich

Euch wie die Götter an. – Doch, o Tyrann!

Bereu' nicht, was du tatst; es ist zu ruchlos,

Und keine Klage sühnt's: drum stürze wild

Dich in Verzweiflung! Tausend Knie', zehntausend

Jahr' nach einander, fastend, nackt, auf kahlem

Gebirg', im steten Winter, ew'gen Sturm, –

Die Götter könnt' es nicht bewegen, dahin

Zu schauen, wo du lägest.

LEONTES.

Recht so, recht:

Du kannst zu viel nicht sagen, ich verdiene

Die Flüche aller Zungen.

ERSTER HERR.

Sprecht nicht weiter:

Wie auch die Sachen stehn, Ihr habt gefehlt

Durch das zu kühne Wort.

PAULINA.

Es tut mir leid.

Was ich auch tu', wenn ich den Fehl erkenne,

Bereu' ich ihn. Ach, zu sehr zeigt' ich wohl

Die Raschheit einer Frau: er ist getroffen

Ins tiefste Herz. – Wo man nicht helfen kann,

Soll man auch jammern nicht: nein, nicht betrübt Euch

Um mein Gered', ich bitte; lieber laßt

Mich strafen, weil ich Euch an das erinnert,

Was Ihr vergessen solltet. Guter König,

Herr, hoher Herr, vergebt der Weibestorheit[536]

Die Liebe zu der Kön'gin, – wieder töricht! –

Nie sprech' ich mehr von ihr, noch Euren Kindern;

Ich will Euch nie an meinen Gatten mahnen,

Der auch dahin ist. Faßt Euch in Geduld;

So sag' ich nichts mehr.

LEONTES.

Nein, du sprachst nur gut,

Als du die Wahrheit sprachst, und lieber ist mir's

Als dies dein Mitleid. Bitte, führe mich

Hin zu der Kön'gin Leich' und meines Sohnes:

Ein Grab vereine beid'; auf ihm erscheine

Die Ursach' ihres Todes, uns zur Schmach

Für alle Zeiten; einmal Tags besuch' ich

Die Gruft, die sie verschließt, und Tränen, dort vergossen.

Sind dann mein einz'ges Labsal: und so lange

Natur ertragen kann die heil'ge Feier,

Gelob' ich, täglich sie zu halten. Komm

Und führe mich zu diesen bittem Schmerzen!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 530-537.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Wintermärchen
Das Wintermärchen
The Winter's Tale/ Das Wintermärchen. [Zweisprachig]
Cymbeline. Das Wintermärchen. Der Sturm.
Das Wintermärchen: Zweisprachige Ausgabe
Das Wintermärchen

Buchempfehlung

Wilbrandt, Adolf von

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Geschichte des Gaius Sempronius Gracchus, der 123 v. Chr. Volkstribun wurde.

62 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon