Zweite Szene

[120] Straße in Padua.


Tranio und Hortensio treten auf.


TRANIO.

Wär's möglich wohl, Freund Licio, daß ein andrer

Sich Biancas Gunst erworben als Lucentio? –

Glaubt mir, sie hat mich trefflich angeführt!

HORTENSIO.

Wollt Ihr Beweis von dem, was ich Euch sagte,

So gebt hier acht, wie er sie unterrichtet.


Sie stellen sich auf die Seite.


Bianca und Lucentio kommen.


LUCENTIO.

Fräulein, behaltet Ihr, was ich Euch lehrte?

BIANCA.

Was lehrt Ihr, Meister? Erst erklärt mir das!

LUCENTIO.

Was einzig mein Beruf: die Kunst zu lieben.

BIANCA.

Mögt Ihr bald Meister sein in dieser Kunst![120]

LUCENTIO.

Nehmt Ihr als Lehrling mich in Eure Gunst. –

Gehn vorüber.


HORTENSIO.

Nun wahrlich, das geht schnell! O sagt mir doch,

Ihr schwuret ja, daß Euer Fräulein Bianca

Nichts in der Welt so als Lucentio liebe? –

TRANIO.

O falscher Amor! Treulos Weibervolk!

Ich sag' dir, Licio, dies ist wundervoll! –

HORTENSIO.

Nicht länger diese Mask': ich bin nicht Licio,

Bin auch kein Musiker, wie ich Euch schien:

Vielmehr ein Mann, den die Verkleidung reut

Um solche, die den Edelmann verwirft

Und solchen Knecht zu ihrem Abgott macht!

So wißt denn, Herr, daß ich Hortensio heiße.

TRANIO.

Signor Hortensio, oft hab' ich gehört

Von Eurer starken Leidenschaft zu Bianca.

Da ich nun Augenzeuge bin des Leichtsinns,

Will ich mit Euch, seid Ihr es so zufrieden,

Auf ewig Biancas Lieb' und Gunst verschwören.

HORTENSIO.

Wie zärtlich sie sich küssen! Herr Lucentio!

Hier meine Hand: und feierlich beschwör' ich,

Nie mehr um sie zu frein: nein, ich entsag' ihr

Als ganz unwürdig aller Zärtlichkeit,

Mit der ich töricht ihr gehuldigt habe.

TRANIO.

Empfangt auch meinen ungefälschten Schwur:

Zur Frau nehm' ich sie nie, selbst wenn sie bäte.

Pfui! seht nur, wie unmenschlich sie ihn streichelt! –

HORTENSIO.

Möcht' alle Welt, nur er nicht, sie verabscheun!

Ich nun, um recht gewiß den Schwur zu halten,

Will einer reichen Witwe mich vermählen,

Morgen am Tag, die mich so lang' geliebt,

Als ich der schnöden Dirne nachgegangen.

Und so lebt wohl, Signor Lucentio:

Der Weiber Freundlichkeit, nicht schöne Augen,

Gewinnt mein Herz. So nehm' ich meinen Abschied,

Und fest bleibt stehn, was ich beschworen habe.


Hortensio ab.


Bianca und Lucentio kommen wieder.[121]


TRANIO.

Nun, Fräulein Bianca, werd' Euch Glück und Segen

Auf allen Euren heil'gen Liebeswegen! –

Ja, ja! Ich hab' Euch wohl ertappt, mein Herz,

Wir haben Euch entsagt, ich und Hortensio. –

BIANCA.

Tranio, Ihr scherzt. Habt ihr mir beid' entsagt?

TRANIO.

Das haben wir.

LUCENTIO.

Dann sind wir Licio los.

TRANIO.

Mein' Seel', er nimmt sich eine frische Witwe,

Die wird dann Braut und Frau an einem Tag.

BIANCA.

Gott geb' ihm Freude!

TRANIO.

Und zähmen wird er sie.

BIANCA.

So spricht er, Freund.

TRANIO.

Gewiß, er geht schon in die Zähmungsschule.

BIANCA.

Die Zähmungsschule? Ei, gibt es solchen Ort?

TRANIO.

Ja, Fräulein, und Petruchio ist der Rektor,

Der lehrt Manier, die jedem er verständigt,

Wie man der Widerspenst'gen Zunge bändigt.


Biondello kommt gelaufen.


BIONDELLO.

O lieber Herr, so lang' hab' ich gelauert,

Daß hundemüd' ich bin. Doch endlich sah ich,

Vom Hügel nieder steigt ein alter Pinsel,

Der paßt für uns.

TRANIO.

Sag an, wer ist's, Biondello?

BIONDELLO.

Ein Merkatant, Herr, oder ein Pedant,

Ich weiß nicht was; doch steif in seinem Anzug,

An Haltung, Gang und Tracht recht wie ein Vater.

LUCENTIO.

Tranio, was soll er uns?

TRANIO.

Wenn der leichtgläubig meinen Märchen traut,

So ist er froh, Vincentio hier zu spielen;

Und gibt Baptista Minola Verschreibung

So gut, als ob Vincentio selbst er wäre. –

Nehmt Eure Braut beiseit und laßt mich jetzt!


Lucentio und Bianca ab.


Der Magister tritt auf.


MAGISTER.

Gott grüß' Euch, Herr!

TRANIO.

Und Euch, Herr! Seid willkommen!

Ist hier Eu'r Ziel, Herr, oder reist Ihr weiter?[122]

MAGISTER.

Hier ist mein Ziel für ein'ge Wochen mind'stens,

Dann reis' ich weiter, reise noch bis Rom;

Von dort nach Tripolis, schenkt Gott mir Leben.

TRANIO.

Von woher kommt Ihr, wenn's vergönnt?

MAGISTER.

Von Mantua.

TRANIO.

Von Mantua, Herr? Ei, Gott verhüt' es! –

Und kommt nach Padua mit Gefahr des Lebens? –

MAGISTER.

Mein lieber Herr? Wieso? Das wäre schlimm!

TRANIO.

Tod ist verhängt für jeden, der von Mantua

Nach Padua kommt; wißt Ihr die Ursach' nicht?

Venedig nahm euch Schiffe weg: Der Doge

(Weil Feindschaft zwischen ihm und Eurem Herzog)

Ließ öffentlich durch Ausruf es verkünden.

Mich wundert – nur weil Ihr erst kürzlich kamt,

Sonst hättet Ihr den Ausruf schon vernommen.

MAGISTER.

O weh, mein Herr! Das ist für mich noch schlimmer:

Denn Wechselbriefe hab' ich abzugeben

Und nach Florenz die Summe zu befördern.

TRANIO.

Gut, Herr, um einen Dienst Euch zu erweisen,

Will ich dies tun, und diesen Rat Euch geben: –

Erst sagt mir aber: wart Ihr je in Pisa?

MAGISTER.

Ja, Herr, in Pisa bin ich oft gewesen,

Pisa, berühmt durch angeseh'ne Bürger.

TRANIO.

So kennt Ihr unter diesen wohl Vincentio?

MAGISTER.

Ich kenn' ihn nicht, doch hört' ich oft von ihm;

Ein Kaufmann von unendlichem Vermögen.

TRANIO.

Er ist mein Vater, Herr, und auf mein Wort,

Er sieht Euch im Gesicht so ziemlich gleich.

BIONDELLO.

Just wie ein Apfel einer Auster gleicht!

TRANIO.

In dieser Not das Leben Euch zu retten,

Tu' ich Euch, ihm zu Liebe, diesen Dienst:

Und haltet's nicht für Euer schlimmstes Glück,

Daß Ihr dem Herrn Vincentio ähnlich seht;

Sein Nam' und Ansehn soll Euch hier beschützen:

Mein Haus steht Euch zu Diensten, wohnt bei mir!

Betragt Euch so, daß niemand Argwohn faßt,

Nun, Ihr versteht mich; ja, so sollt Ihr bleiben,[123]

Bis Eu'r Geschäft in dieser Stadt beendigt. –

Ist dies ein Dienst, so nehmt ihn willig an!

MAGISTER.

Das tu' ich, Herr, und will Euch ewig danken

Als Schützer meines Lebens, meiner Freiheit.

TRANIO.

So kommt mit mir und stellt die Sach' ins Werk;

So viel sei Euch beiläufig noch gesagt,

Mein Vater wird hier jeden Tag erwartet,

Um hier ein Eh'verlöbnis abzuschließen

Mit mir und eines Herrn Baptista Tochter.

Von alle dem will ich Euch unterrichten;

Kommt mit mir, Herr, geziemlich Euch zu kleiden!


Alle ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 120-124.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Widerspenstigen Zähmung
The Taming of the Shrew/ Der Widerspenstigen Zähmung [Zweisprachig]
Der Widerspenstigen Zähmung: Zweisprachige Ausgabe
Ein Sommernachtstraum / Der Widerspenstigen Zähmung / Viel Lärm um nichts / Die lustigen Weiber von Windsor / Was Ihr wollt / Ende gut, alles gut
Shakespeares dramatische Werke - Siebter Band: Der Widerspenstigen Zähmung, Viel Lärm um Nichts, Die Comödie der Irrungen, Achter Band: Die beiden Veroneser, Coriolanus, Liebes Leid und Lust
The Taming of the Shrew. Der Widerspenstigen Zähmung

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Feldblumen

Feldblumen

Der junge Wiener Maler Albrecht schreibt im Sommer 1834 neunzehn Briefe an seinen Freund Titus, die er mit den Namen von Feldblumen überschreibt und darin überschwänglich von seiner Liebe zu Angela schwärmt. Bis er diese in den Armen eines anderen findet.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon