Erste Szene

[163] Palast in Mailand.


Valentin und Flink treten auf.


FLINK.

Herr, Euer Handschuh!

VALENTIN.

Das ist nicht der meine. –

Ha! laß mich sehn! Ja, gib ihn, er ist mein; –

O süßer Schmuck! der Köstliches hüllt ein! –

Ach Silvia! Silvia!

FLINK.

Fräulein Silvia! Fräulein Silvia!

VALENTIN.

Was soll das, Bursch?

FLINK.

Sie ist nicht zu errufen.

VALENTIN.

Ei, wer heißt dich, sie rufen?

FLINK. Euer Gnaden, oder ich müßte es falsch verstanden haben.

VALENTIN. Ja, du bist immer zu voreilig.

FLINK. Und doch ward ich neulich gescholten, daß ich zu langsam sei.

VALENTIN. Wohlan, sage mir, kennst du Fräulein Silvia?

FLINK. Sie, die Euer Gnaden liebt?

VALENTIN. Nun, woher weißt du, daß ich liebe?

FLINK. Wahrhaftig, an diesen besondern Kennzeichen: Fürs erste habt Ihr gelernt, wie Herr Proteus, Eure Arme in einander zu winden wie ein Mißvergnügter; an einem Liebesliede Geschmack zu finden wie ein Rotkehlchen; allein einherzuschreiten wie ein Pestkranker; zu ächzen wie ein Schulknabe, der sein ABC verloren hat; zu weinen wie eine junge Dirne, die ihre Großmutter begrub; zu fasten wie einer, der in der Hungerkur liegt; zu wachen wie einer, der Einbruch fürchtet; winselnd zu reden wie ein Bettler am[163] Allerheiligentage. Ihr pflegtet sonst, wenn Ihr lachtet, wie ein Hahn zu krähen; wenn Ihr einher ginget, wie ein Löwe zu wandeln; wenn Ihr fastetet, war es gleich nach dem Essen; wenn Ihr finster blicktet, war es, weil Euch Geld fehlte; und jetzt seid Ihr von Eurer Dame verwandelt, daß, wenn ich Euch ansehe, ich Euch kaum für meinen Herrn halten kann.

VALENTIN. Bemerkt man alles dies in mir?

FLINK. Man bemerkt das alles außer Euch.

VALENTIN. Außer mir? Das ist nicht möglich.

FLINK. Außer Euch? Nein, das ist gewiß, denn außer Euch wird kein Mensch so einfältig handeln; aber Ihr seid so außer diesen Torheiten, daß diese Torheiten in Euch sind und durchscheinen in Euch, wie Wasser in einem Uringlase, so daß kein Auge Euch sieht, das nicht gleich zum Arzt wird und Eure Krankheit erkennt.

VALENTIN. Doch sage mir, kennst du Fräulein Silvia?

FLINK. Die, welche Ihr so anstarret, wenn sie bei Tische sitzt?

VALENTIN. Hast du das bemerkt? Eben die meine ich.

FLINK. Nun, Herr, ich kenne sie nicht.

VALENTIN. Kennst du sie an meinem Anstarren, und kennst sie doch nicht?

FLINK. Ist es nicht die, die häßlich gewachsen ist?

VALENTIN. Sie ist schön, Bursche, und noch herrlicher gewachsen.

FLINK. Das weiß ich recht gut.

VALENTIN. Was weißt du?

FLINK. Daß sie nicht so schön ist, und brauner als Wachs.

VALENTIN. Ich meine, ihre Schönheit ist ausbündig, aber die Herrlichkeit ihres Wuchses unaussprechlich.

FLINK. Das macht, weil das eine gemalt, und das andre nicht in Rechnung zu stellen ist.

VALENTIN. Wie gemalt, und wie nicht in Rechnung zu stellen?

FLINK. Nun, sie ist so gemalt, um sie schön zu machen, daß kein Mensch ihre Schönheit berechnen kann.

VALENTIN. Was meinst du von mir? Ich stelle ihre Schönheit hoch in Rechnung.

FLINK. Ihr saht sie niemals, seit sie häßlich ist.[164]

VALENTIN. Seit wann ist sie häßlich?

FLINK. Seitdem Ihr sie liebt.

VALENTIN. Ich habe sie immer geliebt, seit ich sie sah, und doch sehe ich sie reich an Schönheit.

FLINK. Wenn Ihr sie liebt, könnt Ihr sie nicht sehn.

VALENTIN. Warum?

FLINK. Weil Liebe blind ist. Oh! daß Ihr meine Augen hättet, oder Eure Augen hätten die Klarheit, welche sie hatten, als Ihrden Herrn Proteus schaltet, daß er ohne Kniebänder ging.

VALENTIN. Was würde ich dann sehn?

FLINK. Eure gegenwärtige Torheit und ihre übergroße Häßlichkeit; denn er, weil er verliebt war, konnte nicht sehn, um sein Knieband zu schnallen; und Ihr, weil Ihr verliebt seid, könnt gar nicht einmal sehn, ob Ihr Strümpfe anhabt oder nicht.

VALENTIN. So scheint's, Bursche, du bist verliebt; denn gestern morgen konntest du nicht sehen, ob meine Schuhe geputzt waren.

FLINK. Wahrhaftig, Herr, ich war in mein Bett verliebt; ich danke Euch, daß Ihr mich meiner Liebe wegen wamstet, denn das macht mich um so kühner, Euch um die Eure zu schelten.

VALENTIN. Ich stehe ganz in Flammen.

FLINK. Oh! wenn Ihr Euch doch setztet!

VALENTIN. Gestern abend trug sie mir auf, einige Verse an jemand zu schreiben, den sie liebt.

FLINK. Und tatet Ihr's?

VALENTIN. Ja.

FLINK. Und sind sie nicht sehr lahm geschrieben?

VALENTIN. Nein, Bursch, so gut wie ich nur konnte; – still, hier kommt sie.


Silvia kommt.


FLINK. O herrliches Puppenspiel! O vortreffliche Marionetten! Jetzt wird er nun ausdeuten.

VALENTIN. Fräulein und Gebieterin, tausend gute Morgen!

FLINK beiseit. Oh! einen guten Abend dazu. Über die Millionen von Komplimenten!

SILVIA. Ritter Valentin und Diener, ich gebe Euch zweitausend.[165]

FLINK beiseit.

Er sollte ihr Zinsen geben, und sie gibt sie ihm.

VALENTIN.

Wie Ihr befahlt, hab' ich den Brief geschrieben

An den geheimen, namenlosen Freund;

Sehr ungern ließ ich mich dazu gebrauchen,

Geschah's aus Pflicht für Euer Gnaden nicht.

SILVIA.

Dank, edler Diener: recht geschickt vollführt.

VALENTIN.

Glaubt mir, mein Fräulein, es ging schwer vonstatten;

Denn, unbekannt, an wen es war gerichtet,

Schrieb ich aufs Ungefähr und unbestimmt.

SILVIA.

Ihr achtet wohl zu viel so viele Mühe?

VALENTIN.

Nein, Fräulein; nützt es Euch, so will ich schreiben,

Wenn Ihr's befehlt, noch tausendmal so viel.

Und doch –

SILVIA.

Ein schöner Schluß! Ich rate, was soll folgen;

Doch nenn' ich's nicht; – doch kümmert es mich nicht; –

Und doch, nehmt dies zurück – und doch, ich dank' Euch;

Und will Euch künftig niemals mehr bemühn.

FLINK beiseit.

Und doch geschieht's gewiß; und doch, und doch.

VALENTIN.

Was meint Euer Gnaden? Ist es Euch nicht recht?

SILVIA.

Ja, ja; die Verse sind recht gut geschrieben;

Doch, da Ihr's ungern tatet, nehmt sie wieder;

Hier, nehmt sie hin!

VALENTIN.

Fräulein, sie sind für Euch.

SILVIA.

Ja, ja; Ihr schriebt sie, Herr, auf mein Ersuchen;

Ich aber will sie nicht; sie sind für Euch;

Ich hätte gern sie rührender gehabt.

VALENTIN.

Wenn Ihr befehlt, schreib' ich ein andres Blatt.

SILVIA.

Und schriebt Ihr es, so lest es durch statt meiner;

Gefällt es Euch, dann gut; wo nicht, auch gut.

VALENTIN.

Und wenn es mir gefällt, Fräulein, was dann?

SILVIA.

Gefällt es Euch, so nehmt's für Eure Mühe;

Und so, mein lieber Diener, guten Morgen!


Silvia geht ab.


FLINK.

O unsichtbares Späßchen! das zu ergründen nicht geht!

Wie der Wetterhahn auf dem Turm, wie die Nas' im Gesicht steht!

Es dient mein Herr und fleht ihr; doch sie wünscht ihn sich dreister[166]

Und macht aus ihrem Schüler sich selber den Schulmeister.

O auserlesnes Kunststück! Gab's je von dem Gelichter?

Mein Herr, als Sekretär, schreibt an sich selbst als Dichter.

VALENTIN. Was räsonierst du so mit dir selbst?

FLINK. Nein, ich meinte nur; die Räson habt Ihr.

VALENTIN. Um was zu tun?

FLINK. Freiwerber für Fräulein Silvia zu sein.

VALENTIN. Für wen?

FLINK. Für Euch selbst, und sie wirbt um Euch figürlich.

VALENTIN. Wie denn figürlich?

FLINK. Durch einen Brief, wollt' ich sagen.

VALENTIN. Sie hat ja an mich nicht geschrieben.

FLINK. Was braucht sie's, da sie Euch an Euch selbst hat schreiben lassen? Nun, merkt Ihr den Spaß?

VALENTIN. Nichts, wahrlich!

FLINK. Ihr nehmt nichts wahr, in der Tat, Herr. Aber merktet Ihr nicht ihren Ernst?

VALENTIN. Es ward mir keiner, als ein zornig Wort.

FLINK. Sie gab Euch ja einen Brief.

VALENTIN. Das ist der Brief, den ich an ihren Freund geschrieben habe.

FLINK. Und den Brief hat sie bestellt, und damit gut.

VALENTIN. Ich wollte, es wäre nicht schlimmer.

FLINK.

Ich bürge Euch dafür, es ist grade so gut;

Denn oft geschrieben habt Ihr ihr, und sie, aus Sittsamkeit,

Weil Muß' ihr auch vielleicht gefehlt, gab nimmer Euch Bescheid;

Vielleicht auch bang, daß Boten wohl Betrügerei verübten,

Hat sie die Liebe selbst gelehrt zu schreiben dem Geliebten.

Das sprech' ich wie gedruckt, denn ich sah's gedruckt. –

Was steht Ihr in Gedanken? Es ist Essenzeit.

VALENTIN. Ich habe gegessen.

FLINK. Ja, aber hört, Herr: wenn auch das Chamäleon Liebe sich mit Luft sättigen kann, ich bin einer, der sich von Speise nährt, und möchte gern essen. Ach! seid nicht wie Eure Dame, laßt Euch rühren! laßt Euch rühren!


Beide gehn ab.[167]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 163-168.
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