Vierte Szene

[170] Palast in Mailand.


Valentin, Silvia, Thurio und Flink treten auf.


SILVIA. Diener –

VALENTIN. Gebieterin?

FLINK. Herr, Thurio runzelt gegen Euch die Stirn.

VALENTIN. Ja, Bursch, aus Liebe.

FLINK. Nicht zu Euch.[170]

VALENTIN. Zu meiner Dame also.

FLINK. Es wäre gut, Ihr gäbet ihm eins.

SILVIA. Diener, Ihr seid mißlaunig.

VALENTIN. In Wahrheit, Fräulein, ich scheine so.

SILVIA. Scheint Ihr, was Ihr nicht seid?

VALENTIN. Vielleicht.

THURIO. Das tun Gemälde.

VALENTIN. Das tut Ihr.

THURIO. Was scheine ich, das ich nicht bin?

VALENTIN. Weise.

THURIO. Welch ein Beweis vom Gegenteil!

VALENTIN. Eure Torheit.

THURIO. Und wo bemerkt Ihr meine Torheit?

VALENTIN. In Eurem Wams.

THURIO. Mein Wams ist gedoppelt.

VALENTIN. Nun, so wird auch Eure Torheit doppelt sein.

THURIO. Wie?

SILVIA. Wie, erzürnt, Ritter Thurio? Verändert Ihr die Farbe?

VALENTIN. Gestattet es ihm, Fräulein; er ist eine Art Chamäleon.

THURIO. Das mehr Lust hat, Euer Blut zu trinken, als in Eurer Luft zu leben.

VALENTIN. Ihr habt gesprochen, Herr.

THURIO. Ja, Herr, und für diesmal auch geendigt.

VALENTIN. Ich weiß es wohl, Herr, daß Ihr immer geendigt habt, ehe Ihr anfangt.

SILVIA. Eine hübsche Artillerie von Worten, edle Herren, und munter geschossen.

VALENTIN. So ist es in der Tat, Fräulein; und wir danken dem Geber.

SILVIA. Wer ist das, Diener?

VALENTIN. Ihr selbst, holdes Fräulein; denn Ihr gebt das Feuer; Herr Thurio borgt seinen Witz von Euer Gnaden Blicken und verschwendet, was er borgt, mildtätig in Eurer Gesellschaft.

THURIO. Herr, wenn Ihr Wort auf Wort mit mir verschwendet, so werde ich Euren Witz bankerott machen.[171]

VALENTIN. Das weiß ich wohl, Herr; Ihr habt einen Schatz von Worten, und keine andere Münze Euren Dienern zu geben; denn es zeigt sich an ihren kahlen Livreien, daß sie von Euren kahlen Worten leben.

SILVIA. Nicht weiter, nicht weiter, edle Herren; hier kommt mein Vater.


Der Herzog tritt auf.


HERZOG.

Nun, Tochter Silvia, du bist hart belagert.

Herr Valentin, Eu'r Vater ist gesund;

Was sagt Ihr wohl zu Briefen aus der Heimat

Mit guter Zeitung?

VALENTIN.

Dankbar, gnäd'ger Herr,

Empfang' ich jeden frohen Abgesandten.

HERZOG.

Kennt Ihr Antonio, Euren Landsmann, wohl?

VALENTIN.

Ja, gnäd'ger Herr, ich kenne diesen Mann,

Daß er geehrt ist und in hoher Achtung

Und nach Verdienst im besten Rufe steht.

HERZOG. Hat er nicht einen Sohn?

VALENTIN.

Ja, einen Sohn, mein Fürst, der wohl verdient,

Daß er des Vaters Ruf und Ansehn erbe.

HERZOG.

Ihr kennt ihn näher?

VALENTIN.

Ich kenn' ihn wie mich selbst; denn seit der Kindheit

Vereint als Freunde lebten wir zusammen;

Und war auch ich ein träger Müßiggänger,

Der nicht den Wert der Zeit zu schätzen wußte,

Um meine Jugend engelgleich zu kleiden:

So nutzt' hingegen Proteus, denn so heißt er,

Mit schönem Vorteil seine Tag' und Stunden;

Er ist an Jahren jung, alt an Erfahrung;

Unreif sein Alter, doch sein Wissen reif;

Mit einem Wort (denn hinter seinem Wert

Bleibt jedes Lob zurück, das ich ihm gebe),

Er ist vollkommen an Gestalt und Geist,

An jeder Zierde reich, die Edle ziert.

HERZOG.

Wahrhaftig, wenn er Euer Wort bewährt,

So ist er würdig einer Kais'rin Liebe

Und gleich geschickt für eines Kaisers Rat.

Wohl! dieser Edelmann ist angelangt[172]

Und bringt Empfehlung mir von mächt'gen Herren;

Hier denkt er ein'ge Zeit sich aufzuhalten:

Die Nachricht, mein' ich, muß Euch sehr erfreuen.

VALENTIN.

Blieb etwas mir zu wünschen, so war er's.

HERZOG.

Nun, so bewillkommt ihn, wie er's verdient:

Dich, Silvia, fodr' ich auf und, Thurio, Euch,

Denn Valentin bedarf nicht der Ermahnung;

Ich geh' und will sogleich ihn zu Euch senden.


Der Herzog geht ab.


VALENTIN.

Dies, Fräulein, ist der Mann, von dem ich sagte,

Er wäre mir gefolgt, wenn die Geliebte

Sein Auge nicht mit Strahlenblick gefesselt.

SILVIA.

So hat sie ihm die Augen frei gegeben

Und andres Pfand für seine Treu' behalten.

VALENTIN.

Gewiß hält sie sie als Gefangne noch.

SILVIA.

So muß er blind sein; und wie kann ein Blinder

Nur seinen Weg sehn, um Euch aufzusuchen?

VALENTIN. Ei, Liebe sieht mit mehr als funfzig Augen.

THURIO. Man sagt, daß Liebe gar kein Auge hat.

VALENTIN.

Um solche Liebende zu sehn als Euch;

Sie sieht hinweg, naht ihr ein nüchtern Wesen.

SILVIA.

Genug, genug! Hier kommt der Fremde schon.


Proteus tritt auf.


VALENTIN.

Willkommen, teurer Freund! – Ich bitt' Euch, Herrin,

Bestätigt durch besondre Huld den Willkomm!

SILVIA.

Sein eigner Wert ist Bürge seines Willkomms.

Ist er's, von dem Ihr oft zu hören wünschtet?

VALENTIN.

Er ist's, Gebiet'rin; gönnt ihm, holdes Fräulein,

Daß er, gleich mir, sich Eurem Dienste weihe!

SILVIA.

Zu niedre Herrin für so hohen Diener.

PROTEUS.

Nein, holdes Fräulein, zu geringer Diener,

Daß solche hohe Herrin auf ihn schaue.

VALENTIN.

Laßt jetzt Unfähigkeit auf sich beruhn. –

Nehmt, holdes Fräulein, ihn als Diener an!

PROTEUS.

Ergebenheit, nichts andres kann ich rühmen.[173]

SILVIA.

Und immer fand Ergebenheit den Lohn.

Wie wertlos auch die Herrin, grüßt sie dich.

PROTEUS.

Wer außer Euch so spräche, müßte sterben.

SILVIA.

Daß Ihr willkommen seid?

PROTEUS.

Nein, daß Ihr wertlos.


Ein Diener tritt auf.


DIENER.

Eu'r Vater will Euch sprechen, gnäd'ges Fräulein.

SILVIA.

Ich bin zu seinem Dienst.


Diener geht ab.


Kommt, Ritter Thurio,

Geht mit! – Nochmals willkommen, neuer Diener!

Jetzt mögt ihr von Familiensachen sprechen;

Ist das geschehn, erwarten wir euch wieder.

PROTEUS.

Wir werden beid' Euch unsre Dienste widmen.


Silvia, Thurio und Flink gehn ab.


VALENTIN.

Nun sprich, wie ging es allen, da du schiedest?

PROTEUS.

Gesund sind deine Freund' und grüßen herzlich.

VALENTIN.

Wie geht's den Deinen?

PROTEUS.

Alle waren wohl.

VALENTIN.

Wie steht's um deine Dam' und deine Liebe?

PROTEUS.

Liebesgespräche waren dir zur Last;

Ich weiß, du hörst nicht gern von Liebessachen.

VALENTIN.

Ja, Proteus, doch dies Leben ist verwandelt;

Gebüßt hab' ich, weil ich verschmäht die Liebe;

Ihr hohes Herrscherwort hat mich gestraft

Mit strengem Fasten, reuig bittrer Klage,

Mit Tränen nächtlich, tags mit Herzensseufzern;

Denn, um der Liebe Hohn an mir zu rächen,

Nahm sie den Schlaf den Augen ihres Knechts,

Daß sie des Herzensgrames Wächter wurden.

Oh, Liebster, Amor ist ein mächt'ger Fürst

Und hat mich so gebeugt, daß ich bekenne,

Es gibt kein Weh, das seiner Strafe glich',

Doch gibt's nicht größre Lust, als ihm zu dienen.

Jetzt kein Gespräch, als nur von Lieb' allein;[174]

Jetzt ist mir Frühstück, Mittag-, Abendmahl,

Schlummer und Schlaf das bloße Wort schon: Liebe.

PROTEUS.

Genug; denn schon dein Auge spricht dein Glück.

War dies der Abgott, dem du huldigest?

VALENTIN.

Ja; ist sie nicht ein himmlisch Heil'genbild?

PROTEUS.

Nein; doch sie ist ein irdisch Musterbild.

VALENTIN.

Nenn' göttlich sie!

PROTEUS.

Nicht schmeicheln will ich ihr.

VALENTIN.

Oh, schmeichle mir; des Lobs freut sich die Liebe.

PROTEUS.

Mir, als ich krank war, gabst du bittre Pillen;

Jetzt reich' ich dir dieselbe Arzenei.

VALENTIN.

So sprich von ihr die Wahrheit; wenn nicht göttlich,

Laß sie doch eine Hoheit sein, erhaben

Vor allen Kreaturen auf der Erde.

PROTEUS.

Nur Julia nehm' ich aus.

VALENTIN.

Nimm keine aus;

Du nimmst zu viel dir gegen sie heraus.

PROTEUS.

Hab' ich nicht Grund, die meine vorzuziehn?

VALENTIN.

Und ich will ihr zum höchsten Vorzug helfen:

Sie soll gewürdigt sein der hohen Ehre, –

Zu tragen Silvias Schleppe; daß dem Kleid

Die harte Erde keinen Kuß entwende

Und, durch so große Gunst von Stolz gebläht,

Zu tragen weigert sommersüße Blumen

Und rauhen Winter ewigdauernd halte.

PROTEUS.

Was, lieber Valentin, ist das für Schwulst?

VALENTIN.

Verzeih! Mit ihr verglichen ist das nichts,

Ihr Wert macht jeden andern Wert zum Nichts;

So einzig ist sie.

PROTEUS.

Bleib' sie einzig denn!

VALENTIN.

Nicht um die Welt! Ja, Freund, sie ist schon mein,

Und ich so reich in des Juwels Besitz,

Als zwanzig Meere, all ihr Sand von Perlen,

Nektar die Flut, gediegnes Gold die Felsen.

Verzeih'! auch kein Gedanke mehr an dich,

Denn jeder ist Begeist'rung für die Liebste.[175]

Mein Nebenbuhl, der Tor, den um sein großes

Vermögen nur der Vater schätzen kann,

Ging fort mit ihr; und eilig muß ich nach,

Denn Liebe, weißt du, ist voll Eifersucht.

PROTEUS.

Doch sie liebt dich?

VALENTIN.

Ja, und wir sind verlobt;

Noch mehr, die Stunde der Vermählung selbst,

Und auch die List, wie wir entfliehen mögen;

Beredet schon, wie ich zum Fenster steige

Auf seilgeknüpfter Leiter; jedes Mittel

Erdacht und fest bestimmt zu meinem Glück.

Geh, guter Proteus, mit mir auf mein Zimmer,

Daß mir dein Rat in dieser Sache helfe.

PROTEUS.

Geh nur voran; ich will dich schon erfragen.

Ich muß zur Reed', um ein'ges auszuschiffen,

Was mir von meinen Sachen nötig ist;

Und dann bin ich zu deinen Diensten gleich.

VALENTIN.

Und kommst du bald?

PROTEUS.

Gewiß, in kurzer Frist.


Valentin geht ab.


Wie eine Glut die andre Glut vernichtet,

So wie ein Keil den anderen vertreibt,

Ganz so ist das Gedächtnis vor'ger Liebe

Vor einem neuen Bild durchaus vergessen.

Ist es mein Aug', ist's meines Freundes Lob,

Ihr echter Wert, mein falscher Unbestand,

Was Unvernunft so zum Vernünfteln treibt?

Schön ist sie; so auch Julia, die ich liebe, –

Nein liebte, denn mein Lieben ist zerronnen;

Und, wie ein Wachsbild an des Feuers Glut,

Schwand jeder Eindruck dessen, was sie war.

Mich dünkt mein Eifer kalt für Valentin,

Und daß ich ihn nicht liebe so wie sonst;

Ach! doch sein Fräulein lieb' ich allzu sehr:

Dies ist der Grund, ihn weniger zu lieben.

Wie wird ein tiefrer Sinn sie einst vergöttern,

Wo ich jetzt leicht gesinnt sie schon verehre![176]

Nur ihr Gemälde hab' ich erst gesehn,

Und das hat meines Denkens Licht geblendet;

Wird sie mir erst im vollen Glanz erscheinen,

Erstirbt das Denken, und ich werde blind.

Kann ich verirrte Liebe heilen, sei's;

Wo nicht, erring' ich sie um jeden Preis.


Geht ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 170-177.
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