Sechste Scene

[61] (Wald, wie in der dritten Scene.)


Palämon tritt aus dem Busch.


PALÄMON.

Um diese Stunde wollt' er wiederkommen

Mit Schwert und Rüstung. Hält er nicht sein Wort,

So ist er auch kein Ehrenmann und Krieger.

Als er hinweg ging, glaubt' ich, eine Woche

Sei nicht genug, zu Kräften mich zu bringen,

So hatte mich das Fasten abgeschwächt.

Arcit, ich danke dir, du bist ein Feind,

Wie man ihn besser sich nicht wünschen kann.[61]

Jetzt fühl' ich mich von neuem frisch und stark

Für jegliche Gefahr. Wollt' ich noch warten,

So könnt' man meinen, daß ich wie ein Schwein

Mich mästen wollte. Drum soll dieser Morgen

Der letzte sein, und will er nicht sein Schwert

Mit meinem messen, wohl, so tödt' ich ihn.

Steh' Lieb' und Glück mir bei! – Ha, Guten Morgen!


(Arcit mit Schwertern und Rüstungen tritt auf.)


ARCITES.

Dasselbe wünsch' ich dir, mein lieber Vetter!

PALÄMON.

Ich mache wahrlich zu viel Mühe dir!

ARCITES.

Nicht mehr, als meine Ehr' und Pflicht dir schulden.

PALÄMON.

Ich wollt', Arcit, du wärst in allem so,

Daß ich in dir den theuren Blutsverwandten

Könnt' sehen, nicht den edelmüth'gen Feind,

Und mit Umarmung danken, statt mit Schlägen.

ARCITES.

Mach's nach Belieben, beides dünkt mir gut.

PALÄMON.

Dir zahlen werd' ich schon.

ARCITES.

Begegnest du

So ruhig mir, hör' ich dir willig zu.

Um unsrer Ehre willen, laß das Schmäh'n,

Zum Zank mit Worten sind wir nicht erzogen.

Stehn wir gerüstet, mit dem nackten Schwert

Einander gegenüber, wohl, dann mag

Sich gegenseitig unsre Wuth entladen,

Wie wenn zwei Fluten miteinander kämpfen.

Dann wird auch ohne Hohn und Stachelreden,

Ohn' Lästern der Person und Schmäh'n und Schimpfen,

Wie es Schulknaben nur und Mädchen ziemt,

Sich zeigen, wem dies Wunderwerk der Schönheit

Gehören soll, ob dir, ob mir. Deshalb,

Ist dir's genehm, so waffne dich, doch fühlst du

Dich noch zu schwach, und ist die alte Kraft

Dir noch nicht wieder ganz zurückgekehrt,

So wart' ich, Vetter, und will jeden Tag,

Wenn ich abkommen kann, dich hier besuchen

Und mit dir plaudern, bis du stark dich fühlst.

Denn trotz dem allen bin ich doch dein Freund

Und wünschte fast, ich hätte nicht gesagt,

Wie ich's gethan, daß ich Emilien liebe.[62]

Doch da ich's einmal that, so muß ich auch

Einstehn für meine Liebe und mein Recht.

PALÄMON.

Arcit, du bist ein Feind so gut und brav,

Daß nur dein Vetter werth ist, dich zu tödten.

Und da ich wieder stark bin, wähle jetzt

Dir deine Waffen.

ARCITES.

Wähle du zuerst!

PALÄMON.

Willst du mich denn in allem überbieten?

Wie? Oder rechnest du vielleicht auf Schonung?

ARCITES.

Da irrst du, Vetter, denn ich bin Soldat,

So denke nicht, daß ich dich schonen werde!

PALÄMON.

Nicht schlecht gesagt!

ARCITES.

So sollst du es erfinden.

PALÄMON.

Als Mann von Ehre und von Rechtsgefühl,

Zahl' ich dir heim, was ich dir schuldig bin –

Ich wähle diese hier!

ARCITES.

Dann mir die andern!

Laß mich zuerst dich waffnen.

PALÄMON.

Sage, Vetter,

Wo kriegtest du die schönen Waffen her?

ARCITES.

Vom Herzog! Um die Wahrheit zu gestehn,

Ich stahl sie ihm. – That ich dir weh?

PALÄMON.

O nein!

ARCITES.

Ist dir die Rüstung nicht zu schwer?

PALÄMON.

Ich trug

Wohl eine leicht're schon, doch geht auch diese.

ARCITES.

Soll ich sie fester schnallen?

PALÄMON.

Ja, ein wenig.

ARCITES.

Willst du vielleicht ein Halshemd?

PALÄMON.

Nein, wir kämpfen

Ja nicht zu Pferde. Wie mir scheint, so freust du

Dich auf den Kampf?

ARCITES.

Ach, mir ist alles gleich.

PALÄMON.

Ganz so wie mir. Ich bitte, Vetter, schiebe

Den Schild ein wenig höher.

ARCITES.

Wie du willst.

PALÄMON.

Nun nur den Helm noch.

ARCITES.

Aber sollen wir

Mit unbedecktem Arm den Kampf bestehn?[63]

PALÄMON.

So sind wir freier.

ARCITES.

Dann nimm wenigstens

Die Handschuh dort, – noch besser, nimm die meinen.

PALÄMON.

Ich danke dir, Arcit, wie seh' ich aus?

Ein bischen abgemagert, nicht?

ARCITES.

Nur wenig,

Die Liebe hat dich mild genug behandelt.

PALÄMON.

Verlaß dich drauf, zu schlagen werd' ich schon!

ARCITES.

Thu's, Vetter, was zu schlagen sollst du kriegen!

PALÄMON.

Jetzt du! Die Rüstung da gleicht jener sehr,

Die du am Tag, wo die drei Kön'ge fielen,

Bei Theben trugst; sie war nur etwas leichter.

ARCITES.

's war eine gute Rüstung. Stets gedenken

Werd' ich des Tags! Da übertrafst du mich;

So was von Tapferkeit sah ich noch nie.

Du warfst dich auf des Feindes linken Flügel,

Und trotz des guten Pferdes, das ich ritt,

Wollt' es mir nicht gelingen, dir zu folgen.

PALÄMON.

Ja, ich erinn're mich, ein prächtig Thier,

Ein heller Brauner.

ARCITES.

Alles war umsonst!

Du flogest wie ein Sturmwind vor mir her,

Kaum konnt' ich dich mit meinem Wunsch erreichen.

Ein wenig nur sucht' ich dir's nachzuthun.

PALÄMON.

Mir nachzuthun? Du folgtest eignem Drang;

Gar zu bescheiden bist du, guter Vetter!

ARCITES.

Als ihr zusammenpralltet, war es mir

Als hört' ich einen furchtbar'n Donnerschlag

Herschallen von dem Feind.

PALÄMON.

Dem erst der Blitz

Von deiner Tapferkeit vorangegangen.

Wart'! Ist der Panzer nicht zu fest geschnallt?

ARCITES.

Nein, es ist gut so.

PALÄMON.

Außer meinem Schwert

Soll nichts dir weh thun; eine Schande wär's,

Erlitt'st du nur die kleinste Quetschung.

ARCITES.

So,

Nun bin ich fertig!

PALÄMON.

Also tritt zurück!

ARCITES.

Erst nimm mein Schwert, ich glaube, es ist besser.

PALÄMON.

Ich danke dir, behalt' es nur, dein Leben[64]

Hängt davon ab. Wenn dieses nicht zerbricht,

Brauch' ich nichts weiter. – Die gerechte Sache

Und meine Ehre schützen mich.

ARCITES.

Und mich

Schützt meine Liebe.


(Sie wenden sich nach verschiedenen Seiten, gehen dann wieder aufeinander los und machen Halt.)


Blieb' noch was zu sagen?

PALÄMON.

Nur dies noch: Deine Mutter und die meine

Sie waren Schwestern! Jetzt sind wir dabei,

Das Bruderblut einander abzuzapfen,

Du mir, ich dir. In dieser meiner Hand

Halt' ich mein Schwert, und solltest du mich tödten,

Vergeben's dir die Götter, so wie ich.

Gibt's einen Ort, wo todte Ehrenmänner

Im Tode ruhn, so mög' die müde Seele

Dess', der da fällt, an diesen Ort gelangen.

Nun kämpfe tapfer! Reich' die Hand mir, Vetter!

ARCITES.

Nimm sie, Palämon! Niemals wird sie nun

Sich freundlich wieder in die deine legen.

PALÄMON.

Nein, niemals! Fall' ich, fluche mir und sage,

Ich war ein Feigling, denn ein solcher nur

Erliegt in so gerechtem Gotteskampf.

Noch einmal Vetter, lebe wohl!

ARCITES.

Leb' wohl.


(Sie fechten.)


(Man hört Hörnerklang hinter der Scene. Sie halten inne.)


ARCITES.

Horch, Vetter, unsre Thorheit rächt sich schon.

PALÄMON.

Wie so?

ARCITES.

Ich sagte dir, der Herzog jage

Im Walde heut, und sollt' er uns entdecken,

Sind wir verloren! Ich beschwöre dich

Bei deiner Ehr' und Sicherheit, zieh' eilig

Dich ins Gebüsch zurück; wir finden schon

Noch eine andre Zeit, um uns zu tödten.

Erblickt er uns, ist uns der Tod gewiß,

Dir, weil du aus dem Kerker ihm entwichest,

Mir, weil ich nicht entwich und seine Gnade

Misachtete. Dann wird man spottend sagen,

Es wär' zwar zwischen uns ein Unterschied,

Nur leider schlecht vertheilt.[65]

PALÄMON.

Nein, Vetter, nein,

Ich lasse mich nicht noch einmal verstecken

Und schiebe den begonn'nen Kampf nicht auf.

Ich kenne deine List, weiß, was du sinnst!

Schmach dem, der jetzt noch zögert! Leg' dich aus

Und sei auf deiner Hut!

ARCITES.

Sag', bist du toll?

PALÄMON.

Hier, diese Stunde nutz' ich, was dann später

Mit mir geschieht, das fürcht' ich weniger

Als meiner Liebe Schicksal. Du, Verzagter,

Sollst eingestehn, daß ich Emilien liebe

Und dich und jedes Hinderniß besiege!

ARCITES.

Komm' denn heran, und du sollst eingestehn,

Daß reden, schlafen, sterben Eins nur ist.

Ich fürchte nur den Tod durch Henkers Hand.

Dein Leben schütze!

PALÄMON.

Schütze du das deine!


(Sie fechten wieder. Hörnerklang. Theseus, Hippolyta, Emilia, Pirithous nebst Gefolge treten auf.)


THESEUS.

Verrätherische Buben, wer seid ihr,

Daß ihr, misachtend mein Gesetz, ohn' Zeugen

Und ohne, daß ich euch Erlaubniß gab,

Hier miteinander kämpft? Dafür, bei Castor,

Erleidet ihr den Tod!

PALÄMON.

Seid ruhig, Herzog!

Gewiß, Verräther sind wir und Verächter

Von dem, was dir und deiner Hoheit ziemt.

Ich bin Palämon, der aus deinem Kerker

Entfloh und keinen Grund hat dich zu lieben.

Erwäge das! Doch dieser ist Arcites,

Und nie gab's einen schmählichern Verräther,

Nie einen falschern Freund! Dies ist der Mann,

Dem du die Freiheit gabst und ihn verbanntest,

Der dich verlacht und dein Gebot misachtet,

Der in Verkleidung deiner Schwester folgt,

Emilien, dem hellen Stern der Schönheit,

Zu deren Dienste ich allein berechtigt,

Da ich zuerst sie sah und meine Seele

In Lieb' zu ihr entbrannte, – ja, noch mehr,

Der wagt zu wähnen, daß sie ihm gehöre!

Als Treuverliebter hab' ich Rechenschaft[66]

Für diesen Hochverrath von ihm gefordert.

Bist du so groß und edel, wie man sagt,

Der Richter aller Ungerechtigkeit,

So gib uns freies Feld, daß ich mein Recht

Mir selber schaffen kann, sodaß du, Theseus,

Mich d'rob beneiden sollst. Ist das geschehn,

So nimm mein Leben hin, – ich geb' es dir!

PIRITHOUS.

O Himmel, welch ein Mann ist dies!

THESEUS.

Ich schwur!

ARCITES.

Wir bitten, Theseus, nicht um deine Gnade:

Zu sterben fällt mir schwerer nicht, als dir

Zu sagen: »Stirb!« Doch da mich dieser Mann

Verräther nennt, so steh' ein Wort mir frei.

Ist Lieb' Verrath im Dienste solcher Schönheit,

Als die ich lieb' und immer lieben werde,

Für die mein Leben ich zum Opfer bring',

An der ich fest in Treu und Ehren hange

Und tödten will den Vetter, der mich's wehrt,

So nenne immerhin Verräther mich!

Daß aber dein Gebot ich nicht befolgte,

Deswegen, Herzog, frage diese Dame,

Warum sie denn so schön und ihre Augen

Mich hießen, daß ich bliebe und sie liebe.

Sagt sie »Verräther«, nun so bin ich schuldig

Und keines ehrenvollen Grabes werth!

PALÄMON.

Als Gnade, Theseus, werden wir's betrachten,

Wenn du sie jedem von uns zwein verweigerst.

Gerecht, wie du ja bist, verstopf' dein Ohr!

Bei deinem Heldenthum, beim Angedenken

Des edlen Vetters, der die zwölf Arbeiten

Vollführte, laß uns alle beide sterben,

Ihn nur ein wenig früher, daß ich sagen

Kann meiner Seele: »Er bekam sie nicht!«

THESEUS.

Dein Wunsch soll in Erfüllung gehn. In Wahrheit

Hat mich dein Vetter zehnmal mehr beleidigt

Als du, obgleich er Aergres nicht verbrach,

Doch größ're Gnade hab' ich ihm erwiesen.

Kein Wort jetzt mehr für sie! Noch eh' die Sonne

Zur Rüste geht, umfängt sie ew'ger Schlaf.

HIPPOLYTA.

Barmherzigkeit! Jetzt, Schwester, oder nie,[67]

Jetzt rede du, er kann dir's nicht verweigern,

Sonst bleibt an deinem Antlitz stets der Fluch

Des Todes dieser beiden Vettern haften!

EMILIA.

Nein, liebe Schwester, nicht mein Antlitz war's,

Das sie entzweite und das Unheil schuf,

Sie tödtet ihrer eig'nen Augen Schuld.

Jedoch als Weib folg' ich des Mitleids Drange

Und will auf meinen Knien um Gnade flehn.

Hilf, Schwester, mir bei diesem guten Werk,

Und aller Frauen Bitte sei mit uns.


(Sie knien vor Theseus.)


EMILIA.

Mein Bruder –

HIPPOLYTA.

Herr, bei unsrer Ehe Bund!

EMILIA.

Bei deiner eignen makellosen Ehre!

HIPPOLYTA.

Bei deiner Treue, deiner schönen Hand,

Bei deinem edlen, liebevollen Herzen,

Womit du mich beglückst –

EMILIA.

Bei dem Erbarmen,

Das du um deiner eignen Tugend willen

An andern üben sollst –

HIPPOLYTA.

Bei all den Freuden

Der keuschen Nächte, die ich dir gewährt –

THESEUS.

Fürwahr, gewaltige Beschwörungen!

PIRITHOUS.

Zu denen ich die meinen noch geselle:

Bei uns'rer Bruderschaft, bei den Gefahren,

Die wir vereint bestanden, wie bei dem,

Was Ihr am meisten liebt, bei Kampf und Krieg

Und dieser holden Frau –

EMILIA.

Bei deiner Scheu,

Der Mädchenbitte etwas abzuschlagen –

HIPPOLYTA.

Bei deiner Augen Licht, bei dem du hoch

Mir schwurst und theuer, daß ich alle Frau'n,

Ja Männer selbst als Sieg'rin überträfe

– Obgleich ich deiner Macht doch unterlag –

PIRITHOUS.

Und endlich noch, bei deiner edlen Seele,

Der Gnad' Bedürfniß ist, beschwör' ich dich –

HIPPOLYTA.

Erhöre meine Bitte –

EMILIA.

Und die meine –

PIRITHOUS.

Gewähre Gnade –

HIPPOLYTA.

Gnade –

EMILIA.

Diesen Fürsten![68]

THESEUS.

Ihr macht mich ganz verwirrt; fühlt' ich auch Mitleid,

Wie meint ihr, daß ich es bethät'gen soll?

EMILIA.

Laß sie am Leben und verbanne sie!

THESEUS.

Da sprichst du, liebe Schwester, wie ein Weib;

Ja Mitleid hast du, doch an Urtheil fehlt's!

Willst du ihr Leben, so erfinde etwas,

Das sich'rer als Verbannung ist. Wie können

Denn diese beiden in der Todespein

Der Liebe leben, ohne sich zu tödten?

Sie werden, glaub' mir, täglich um dich kämpfen

Und täglich deine Ehre bei den Leuten

Zum Gegenstand der Unterhaltung machen.

Darum vergiß sie, denk' nicht mehr an sie.

Es handelt sich um deinen Ruf und meinen.

Ich hab's einmal gesagt, »sie sollen sterben«,

Und besser ist's, sie sterben durchs Gesetz,

Als daß sie sich einander selber tödten.

Bedenke meine Ehre!

EMILIA.

Edler Bruder,

Der Eidschwur, den du that'st, war übereilt;

Im Zorn ward er gethan, Vernunft verwirft ihn!

Wenn solchen Schwüren auch der Wille noch

Zur That verhülfe, müßt' die Welt vergehn.

Und dann: ich stelle diesem einen andern

Entgegen von viel größerem Gewicht,

Der wohl erwogen ward, der Liebe athmet

Und den nicht Leidenschaft dir eingab.

THESEUS.

Welchen?

PIRITHOUS.

Nur zu, Prinzessin, laßt ihn ja nicht los!

EMILIA.

Daß du mir nie etwas versagen wolltest,

Was billig ich könnt wünschen – du gewähren!

An diesem Worte halt' ich jetzt dich fest.

Misachtest du's, so kränk'st du deine Ehre.

Ich, Knieende, fleh' nur um dein Erbarmen,

Ob dann ihr Leben meinem Rufe schade,

Das gilt mir gleich. Soll jemand, der mich liebt,

Um meinetwillen, ach! den Tod erleiden?

Das wäre eine unbarmherz'ge Vorsicht.

Pflückt man vom jungen Zweig die Blüten ab,

Weil sie der Fliegen Schmeiß verderben könnte?[69]

O, Herzog Theseus, alle edlen Mütter,

Die schmerzensreich gebaren, alle Jungfrau'n,

Die zärtlich lieben, werden – bleibst du fest –

Von nun an mir und meiner Schönheit fluchen,

Und wegen dieser hier in Klageliedern

Verdammen meine Grausamkeit, und Wehe

Ausrufen über mich, bis ich nur noch

Ein Spott der Frauen bin. Ums Himmels willen,

Verschon' ihr Leben und verbanne sie!

THESEUS.

Wie meinst du, daß ich's thu'?

EMILIA.

Laß sie beschwören

Mit heil'gen Eiden, fortan niemals mehr

Um mich zu hadern, mich nicht mehr zu kennen,

Dein Land mit ihrem Fuß nicht zu betreten

Und fremd zu sein einander, wo sie sich

Zufällig treffen.

PALÄMON.

Eh' ich das beschwöre

Laß mich in Stücke hau'n! Vergessen soll ich,

Daß ich sie liebe? Dann verachte mich!

Verbannt zu sein, das ginge wohl noch an,

Wenn wir nur unser Schwert und unsre Sache

Mitnehmen dürfen; – sonst nimm unser Leben,

Denn lieben muß ich, lieben werd' ich sie,

Und werde meinen Vetter darum tödten,

Damit ich Friede hier auf Erden hab'!

THESEUS.

Arcit, gehst du auf die Bedingung ein?

PALÄMON.

Ein Schurke müßt' er sein!

PIRITHOUS.

Ha, das sind Männer!

ARCITES.

Nein, Herzog, niemals! Lieber würd' ich betteln,

Als mir um diesen Preis mein Leben kaufen.

Wenn ich auch niemals sie besitzen sollte,

Bewahren will ich mir der Liebe Ruhm

Und für sie sterben. Hol' den Tod der Teufel!

THESEUS.

Was soll ich thun? Denn Mitleid fühl' ich jetzt!

PIRITHOUS.

So folgt ihm unbedingt.

THESEUS.

Emilia, sage,

Wär' einer von den beiden todt – und sicher

Muß einer sterben – wärest du bereit,

Den andern dann zum Eh'gemahl zu nehmen?

Sie beide können dich doch nicht besitzen.

Wie du sind sie von fürstlichem Geblüt[70]

Und hochgepriesen von der Fama Munde.

Schau sie dir an, und wenn du Liebe fühlst,

So ende diesen Zwiespalt. Meine Stimme

Hast du. Seid ihr damit zufrieden, Prinzen?

BEIDE.

Von ganzer Seele.

THESEUS.

Der, den nicht sie wählt,

Er sterbe!

BEIDE.

Welchen Tod du immer willst!

PALÄMON.

Sterb' ich durch ihren Mund, so sterb' ich selig,

Und segnen werden kommende Geschlechter

Von Treuverliebten meine Asche noch!

ARCITES.

Verwirft sie mich, vermählt sie mich dem Grab,

Und Krieger werden mir das Grablied singen!

THESEUS.

So triff nun deine Wahl!

EMILIA.

Unmöglich, Bruder!

Zu edel sind sie beide, nicht ein Haar

Von ihrem Haupte falle.

HIPPOLYTA.

Was wird nun

Aus ihnen?

THESEUS.

Hört! Und was ich jetzt befehle,

Geschehen soll's, sonst müßt ihr beide sterben.

Entlassen will ich euch in euer Land;

Nach einem Monat kehrt von dort zurück,

Ein jeder in Begleitung dreier Ritter,

An diesen Ort, wo eine Säule dann

Soll aufgerichtet stehn. Wer von euch beiden

Vor uns, die wir dann gegenwärtig sind,

In ritterlichem Kampf den Vetter zwingt

Die Säule zu berühren, dem gehört sie;

Der andre aber, so wie seine Freunde,

Verlieren ihren Kopf und sollen dann

Sich nicht beklagen, es geschäh' um sie!

Seid ihr's zufrieden?

PALÄMON.

Ja! Bis dahin, Vetter

Arcit, bin ich dein Freund, so wie vorher.

ARCITES.

Laß dich umarmen!

THESEUS.

Schwester, bist auch du

Damit zufrieden?

EMILIA.

Muß ich es doch sein!

THESEUS.

So reicht die Hände euch und gebt nun Acht,[71]

So wahr ihr Ritter seid, daß euer Streit

Bis dahin schlafe und ihr Friede haltet.

PALÄMON.

Verlasset Euch auf uns!

THESEUS.

Von nun an will ich

Als Fürsten und als Freunde euch behandeln.

Kehrt ihr zurück, dann bleibt der Sieger hier,

Den Unterliegenden beweinen wir.


(Alle ab.)


(Der Vorhang fällt.)


Quelle:
Die englische Bühne zu Shakespeare's Zeit. Zwölf Dramen seiner Zeitgenossen. Leipzig: Brockhaus, 1890, S. 61-72.
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