Dritte Szene

[499] Park von Windsor.


Cajus und Rugby treten auf.


CAJUS. 'ans Rugby!

RUGBY. Herr Doktor!

CAJUS. Was ist die Klock, 'ans?

RUGBY. Die Stunde ist schon vorbei, Herr, wo Sir Hugh sich einstellen wollte.

CAJUS. Pardieu, er 'aben kerett' sein Seel, weil er nik is gekomm'; er 'aben kut gepett' seine Bibel, daß er nik ist gekomm'; pardieu, 'ans Rugby, er sein schon tot, wann er sein gekomm'.

RUGBY. Er ist gescheit, Herr Doktor, er wußte, Eu'r Gnaden würden ihn umbringen, wann er käme.

CAJUS. Pardieu, das 'ering is nik so tot, als ik ihm will tot maken. – Nimm deine Degen, 'ans, ik will dir weisen, wie ik will ihn tot maken.

RUGBY. Ach, Herr, ich kann nicht fechten.

CAJUS. Coquin, nimm deine Degen!

RUGBY. Still doch! hier kommen Leute.


Es kommen der Wirt, Schaal, Schmächtig und Page.


WIRT. Gott grüß' dich, mein Rolandsdoktor!

SCHAAL. Euer Diener, Herr Doktor Cajus!

PAGE. Guten Tag, lieber Herr Doktor!

SCHMÄCHTIG. Schön guten Morgen, Sir!

CAJUS. Was sein ihr all', ein, swei, drei, vier, gekomm' 'ieher? –

WIRT. Dich fechten zu sehn, dich legieren zu sehn, dich traversieren zu sehn, dich hier zu sehn, dich da zu sehn, dein Punto, deine Stoccata, dein Renvers, deine Distanz, deinen Montant zu sehn. Ist er tot, mein Äthiopier? Ist er tot, mein[499] Franzmann? Ha, Rodomont! Was sagt mein Äskulap? mein Galen? mein Holundermark? Ist er tot, mein Harnmonarch? – Ist er tot?

CAJUS. Pardieu, er sein die größte Memmenpriester von die Welt; er 'aben nik geweisen sein Visage.

WIRT. Du bist ein König von Kastilien, Don Orinal; Hektor von Graecia, mein Junge!

CAJUS. Ik bitten, mir su attestier', daß wir ihm 'aben gewartet, wir sechs oder sieben, swei bis drei Stunde, und er sein nik gekomm'.

SCHAAL. Er ist der Klügste, Herr Doktor: er ist ein Arzt der Seelen, und Ihr ein Arzt der Leiber; wenn Ihr Euch schlagen wolltet, so strichet Ihr gegen das Haar Eurer Vokation. Ist das nicht wahr, Herr Page?

PAGE. Herr Schaal, Ihr seid selbst ein großer Fechter gewesen, obgleich jetzt ein Mann des Friedens.

SCHAAL. Sapperment, Herr Page, obgleich ich jetzt alt bin, und ein Friedensmann: wenn ich einen bloßen Degen sehe, so jucken mir die Finger, einen Gang zu machen. Wenn wir gleich Friedensrichter und Doktores sind und Diener Gottes, Herr Page, so spüren wir doch einiges Salz der Jugend in uns; ja, Herr Page, wir sind vom Weibe geboren.

PAGE. Das ist wahr, Herr Schaal.

SCHAAL. Es wird sich so ausweisen, Herr Page. Mein Herr Doktor Cajus, ich bin hergekommen, Euch nach Hause zu holen. Ich bin ein geschworner Friedensrichter – Ihr habt Euch verhalten wie ein kluger Arzt, und Sir Hugh wie ein kluger und friedfertiger Seelsorger. Ihr müßt mit mir gehn, Herr Doktor.

WIRT. Mit Verlaub, Gast Friedensrichter: – He, Monsieur Wasserforscher!

CAJUS. Wasserforscher! Was 'eißt das?

WIRT. Wasserforscher in unsrer englischen Sprache bedeutet einen Helden, du Rodomont.

CAJUS. Pardieu, so bin ik eine so große Wasserforscher, als die Anglais: – du Lump von eine 'ans Aff Priester! Pardieu, wir wollen ihm habsneide seine Ohr.

WIRT. Er wird dich rechtschaffen herumkuranzen, Rodomont.

CAJUS. 'erumkuranzen? Was 'eißt das? –[500]

WIRT. Das heißt, er wird dir Satisfaktion geben.

CAJUS. Pardieu, Ihr sollen sehn, er wird mir 'erumkuranzen; denn, pardieu, wir wollen das 'aben.

WIRT. Und ich will ihn dazu auffodern, oder er soll mir zappeln.

CAJUS. Mir danken Euk vor das.

WIRT. Und überdem, kalfatern. Heimlich zu den andern. Aber erst, Herr Gast, und Herr Page, und desselbigen gleichen Ihr, Caballero Schmächtig, geht alle durch die Stadt nach Frogmore!

PAGE. Sir Hugh ist dort, nicht?

WIRT. Er ist dort; seht, in welchem Humor er ist, und ich will den Doktor auf dem Umweg übers Feld hinbringen. Ist's so recht?

SCHAAL. Das wollen wir tun.

ALLE. Lebt wohl, lieber Herr Doktor!


Page, Schaal und Schmächtig ab.


CAJUS. Pardieu, wir wollen totmak die Priest'; denn er sprikt en faveur von eine Maulaft bei Anne Page.

WIRT. Schlag' ihn tot: aber vorher steck' deine Ungeduld in die Scheide, gieß' kalt Wasser auf deinen Zorn; geh mit mir übers Feld nach Frogmore: ich will dich hinführen, wo Anne Page ist, nach einem Meierhof, wo sie einen Schmaus halten, und da sollst du um sie werben. Nun, du Allerweltskerl, ist's so recht? –

CAJUS. Pardieu, mir danken Euk vor das, pardieu, mir lieben Euk, und will Euk verschaff gute Gasten, die Graf, die Chevalier, die Lord, die Edelleut, meine Patient.

WIRT. Dafür will ich dein Widerpart bei Anne Page werden; war's so recht gesagt? –

CAJUS. Pardieu, das sein gut, sehr gut gesagt!

WIRT. So wollen wir uns hintrollen.

CAJUS. Folgen mir nak, 'ans Rugby!


Sie gehn ab.[501]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 499-502.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die lustigen Weiber von Windsor
Die Lustige Weiber Von Windsor
Ein Sommernachtstraum /Der Kaufmann von Venedig /Viel Lärm um nichts /Wie es euch gefällt /Die lustigen Weiber von Windsor
Die lustigen Weiber von Windsor: Zweisprachige Ausgabe
Viel Getu um nichts / Die lustigen Weiber von Windsor
Viel Getu um Nichts / Die lustigen Weiber von Windsor

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Fantasiestücke in Callots Manier

Fantasiestücke in Callots Manier

Als E.T.A. Hoffmann 1813 in Bamberg Arbeiten des französischen Kupferstechers Jacques Callot sieht, fühlt er sich unmittelbar hingezogen zu diesen »sonderbaren, fantastischen Blättern« und widmet ihrem Schöpfer die einleitende Hommage seiner ersten Buchveröffentlichung, mit der ihm 1814 der Durchbruch als Dichter gelingt. Enthalten sind u.a. diese Erzählungen: Ritter Gluck, Don Juan, Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza, Der Magnetiseur, Der goldne Topf, Die Abenteuer der Silvester-Nacht

282 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon