Erste Szene

[355] Der Wald.


Titania und Zettel mit einem Gefolge von Elfen.

Oberon im Hintergrunde, ungesehn.


TITANIA.

Komm, laß uns hier auf Blumenbetten kosen!

Beut, Holder, mir die zarte Wange dar:

Den glatten Kopf besteck' ich dir mit Rosen,

Und küsse dir dein schönes Ohrenpaar.

ZETTEL. Wo ist Bohnenblüte?

BOHNENBLÜTE. Hier.

ZETTEL. Kratz' mir den Kopf, Bohnenblüte! – Wo ist Musje Spinnweb?

SPINNWEB. Hier.

ZETTEL. Musje Spinnweb, lieber Musje, kriegen Sie Ihre Waffen zur Hand, und schlagen Sie mir eine rotbeinige Biene auf einem Distelkopfe tot, und, lieber Musje, bringen Sie mir den Honigbeutel! Tummeln Sie sich nicht allzusehr bei dieser Verrichtung, Musje; und, lieber Musje, haben Sie acht, daß der Honigbeutel nicht entzwei geht; es würde mir leid tun, Signor, wenn Sie sich mit einem Honigbeutel beschütteten. Wo ist Musje Senfsamen?

SENFSAMEN. Hier.

ZETTEL. Geben Sie die Pfote, Musje Senfsamen: ich bitte Sie, lassen Sie die Reverenzen, lieber Musje.

SENFSAMEN. Was befehlen Sie?

ZETTEL. Nichts, lieber Musje, als daß Sie dem Kavalier Bohnenblüte kratzen helfen. Ich muß zum Balbier, Musje; denn mir ist, als wär' ich gewaltig haarig um's Gesicht herum, und ich bin ein so zärtlicher Esel: wenn mein Haar mich nur ein bißchen kitzelt, gleich muß ich kratzen.[355]

TITANIA. Willst du Musik vernehmen, süßer Freund?

ZETTEL. Ich hab' ein räsonabel gutes Ohr für Musik; spielt mir ein Stück auf der Maultrommel!

TITANIA. Sag, süßer Freund, was hast du Lust zu essen?

ZETTEL. Ja, meiner Seel'! Eine Krippe voll Futter. Ich könnte auch guten trocknen Hafer käuen. Mir ist, als hätte ich großen Appetit nach einem Bunde Heu, gutes Heu, süßes Heu hat seines Gleichen auf der Welt nicht.

TITANIA. Ich hab' 'nen dreisten Elfen, der nach Nüssen

Im Magazin des Eichhorns suchen soll.

ZETTEL. Ich hätte lieber ein oder zwei Handvoll trockner Erbsen. Aber ich bitt' Euch, laßt keinen von Euren Leuten mich stören. Es kommt mir eine Exposition zum Schlaf an.

TITANIA.

Schlaf' du! Dich soll indes mein Arm umwinden.

Ihr Elfen, weg! Nach allen Seiten fort! –

So lind umflicht mit süßen Blütenranken

Das Geißblatt; so umringelt, weiblich zart,

Das Efeu seines Ulmbaums rauhe Finger. –

Wie ich dich liebe! wie ich dich vergött're!


Sie schlafen ein. Oberon tritt vor. Droll kommt.


OBERON.

Willkommen, Droll! Siehst du dies süße Schauspiel?

Jetzt fängt mich doch ihr Wahnsinn an zu dauern.

Denn da ich eben im Gebüsch sie traf,

Wie sie für diesen Tropf nach Düften suchte,

Da schalt ich sie und ließ sie zornig an.

Sie hatt' ihm die behaarte Schläf' umwunden

Mit einem frischen, würz'gen Blumenkranz.

Derselbe Tau, der sonst wie runde Perlen

Des Morgenlandes an den Knospen schwoll,

Stand in der zarten Blümchen Augen jetzt,

Wie Tränen, trauernd über eigne Schmach.

Als ich sie nach Gefallen ausgeschmält

Und sie voll Demut um Geduld mich bat,

Da fodert' ich von ihr das Wechselkind.

Sie gab's mir gleich und sandte ihren Elfen

Zu meiner Laub' im Feenland mit ihm.

Nun, da der Knabe mein ist, sei ihr Auge[356]

Von dieser häßlichen Verblendung frei.

Du, lieber Droll, nimm diese fremde Larve

Vom Kopfe des Gesellen aus Athen;

Auf daß er, mit den andern hier, erwachend,

Sich wieder heim begebe nach Athen:

Und alle der Geschichten dieser Nacht

Nur wie der Launen eines Traums gedenken.

Doch lös' ich erst die Elfenkönigin.


Er berührt ihre Augen mit einem Kraut.


Sei, als wäre nichts geschehn!

Sieh, wie du zuvor gesehn!

So besiegt zu hohem Ruhme

Cynthias Knospe Amors Blume.

Nun, holde Königin! Wach' auf, Titania!

TITANIA.

Mein Oberon, was für Gesicht' ich sah!

Mir schien, ein Esel hielt mein Herz gefangen.

OBERON.

Da liegt dein Freund.

TITANIA.

Wie ist dies alles zugegangen?

O wie mir nun vor dieser Larve graut!

OBERON.

Ein Weilchen still! – Droll, nimm den Kopf da weg!

Titania, du laß Musik beginnen,

Und binde stärker aller fünfe Sinnen

Als durch gemeinen Schlaf!

TITANIA.

Musik her! Schlafbeschwörende Musik!

DROLL.

Wenn du erwachst, so sollst du, umgeschaffen,

Aus deinen eignen, dummen Augen gaffen.

OBERON.

Ertön' Musik!


Sanfte Musik.


Nun komm, Gemahlin! Hand in Hand gefügt,

Und dieser Schläfer Ruheplatz gewiegt!

Die Freundschaft zwischen uns ist nun erneut:

Wir tanzen morgen mitternacht erfreut

In Theseus' Hause bei der Festlichkeit

Und segnen es mit aller Herrlichkeit.

Auch werden da vermählt zu gleicher Zeit

Die Paare hier in Wonn' und Fröhlichkeit.[357]

DROLL.

Elfenkönig, horch! da klang

Schon der Lerche Morgensang.

OBERON.

Hüpfen wir denn, Königin,

Schweigend nach den Schatten hin!

Schneller als die Monde kreisen,

Können wir die Erd' umreisen.

TITANIA.

Komm, Gemahl, und sage du

Mir im Fliehn: wie ging es zu,

Daß man diese Nacht im Schlaf

Bei den Sterblichen mich traf?


Alle ab.


Waldhörner hinter der Szene.


Theseus, Hippolyta, Egeus und Gefolge treten auf.


THESEUS.

Geh' einer hin und finde mir den Förster, –

Denn unsre Maienandacht ist vollbracht,

Und da sich schon des Tages Vortrab zeigt,

So soll Hippolyta die Jagdmusik

Der Hunde hören. – Koppelt sie im Tal

Gen Westen los; eilt, sucht den Förster auf!

Komm, schöne Fürstin, auf des Berges Höh':

Dort laß uns in melodischer Verwirrung

Das Bellen hören, samt dem Widerhall.

HIPPOLYTA.

Ich war beim Herkules und Kadmus einst,

Die mit spartan'schen Hunden einen Bär

In Kretas Wäldern hetzten; nie vernahm ich

So tapfres Toben. Nicht die Haine nur,

Das Firmament, die Quellen, die Reviere,

Sie schienen all' ein Ruf und Gegenruf.

Nie hört' ich so harmon'schen Zwist der Töne,

So hellen Donner.

THESEUS.

Auch meine Hunde sind aus Spartas Zucht,

Weitmäulig, scheckig, und ihr Kopf behangen

Mit Ohren, die den Tau vom Grase streifen;

Krummbeinig, wammig wie Thessaliens Stiere;

Nicht schnell zur Jagd, doch ihrer Kehlen Ton

Folgt aufeinander wie ein Glockenspiel.

Harmonischer scholl niemals ein Gebell[358]

Zum Hussa und zum frohen Hörnerschall

In Kreta, Sparta, noch Thessalien.

Entscheidet selbst! – Doch still! wer sind hier diese?

EGEUS.

Hier schlummert meine Tochter, gnäd'ger Herr;

Dies ist Lysander, dies Demetrius,

Dies Helena, des alten Nedars Kind.

Ich bin erstaunt, beisammen sie zu treffen.

THESEUS.

Sie machten ohne Zweifel früh sich auf,

Den Mai zu feiern, hörten unsre Absicht

Und kamen her zu unsrer Festlichkeit.

Doch sag mir, Egeus: ist dies nicht der Tag,

Wo Hermia ihre Wahl erklären sollte?

EGEUS.

Er ist's, mein Fürst.

THESEUS.

Geh, heiß' die Jäger, sie

Mit ihren Hörnern wecken!


Waldhörner und Jagdgeschrei hinter der Szene; Demetrius, Lysander, Hermia und Helena erwachen und fahren auf.


THESEUS.

Ei, guten Tag! Sankt Velten ist vorbei,

Und paaren jetzt sich diese Vögel erst?

LYSANDER.

Verzeihung, Herr!


Er und die übrigen knieen.


THESEUS.

Steht auf, ich bitt' euch alle!

Ich weiß, ihr zwei seid Feind' und Nebenbuhler:

Wo kommt nun diese milde Eintracht her,

Daß, fern vom Argwohn, Haß beim Hasse schläft

Und keiner Furcht vor Feindlichkeiten hegt?

LYSANDER.

Mein Fürst, ich werd' erstaunt Euch Antwort geben.

Halb wachend, halb im Schlaf: noch, schwör' ich Euch,

Ich weiß nicht recht, wie ich hieher mich fand.

Doch denk' ich (denn ich möchte wahrhaft reden –

Und jetzt besinn' ich mich, so ist es auch),

Ich kam mit Hermia her; wir hatten vor,

Weg von Athen an einen Ort zu fliehn,

Wo des Gesetzes Bann uns nicht erreichte.

EGEUS.

Genug, genug! Mein Fürst, Ihr habt genug;[359]

Ich will den Bann, den Bann auf seinen Kopf.

Fliehn wollten sie, ja fliehn, Demetrius!

Und wollten so berauben dich und mich,

Dich deines Weibs, und meines Wortes mich:

Des Wortes, das zum Weibe dir sie gab.

DEMETRIUS.

Mein Fürst, die schöne Helena verriet

Mir ihren Plan, in diesen Wald zu flüchten;

Und ich verfolgte sie hieher aus Wut,

Die schöne Helena aus Liebe mich.

Doch weiß ich nicht, mein Fürst, durch welche Macht

(Doch eine höh're Macht ist's) meine Liebe

Zu Hermia, wie Schnee zerronnen, jetzt

Mir eines eitlen Tands Erinn'rung scheint,

Worein ich in der Kindheit mich vergafft.

Der Gegenstand, die Wonne meiner Augen,

Und alle Treu' und Tugend meiner Brust

Ist Helena allein. Mit ihr, mein Fürst,

War ich verlobt, bevor ich Hermia sah.

Doch, wie ein Kranker, haßt' ich diese Nahrung;

Nun, zum natürlichen Geschmack genesen,

Begehr' ich, lieb' ich sie, schmacht' ich nach ihr,

Und will ihr treu sein, nun und immerdar.

THESEUS.

Ihr Liebenden, ein Glück, daß ich euch traf!

Wir setzen dies Gespräch bald weiter fort. –

Ihr, Egeus, müßt Euch meinem Willen fügen:

Denn schließen sollen diese Paar' im Tempel

Zugleich mit uns den ewigen Verein.

Und weil der Morgen schon zum Teil verstrich,

So bleib' auch unsre Jagd nun ausgesetzt. –

Kommt mit zur Stadt! Wir wollen drei selb drei

Ein Fest begehn, das ohne Gleichen sei. –

Komm denn, Hippolyta!


Theseus, Hippolyta, Egeus und Gefolge ab.


DEMETRIUS.

Dies alles scheint so klein und unerkennbar,

Wie ferne Berge, schwindend im Gewölk.

HERMIA.

Mir ist, ich säh' dies mit geteiltem Auge,

Dem alles doppelt scheint.[360]

HELENA.

So ist's auch mir.

Ich fand Demetrius, so wie ein Kleinod,

Mein, und auch nicht mein eigen.

DEMETRIUS.

Seid Ihr denn

Des Wachens auch gewiß? Mir scheint's, wir schlafen,

Wir träumen noch. Denkt Ihr nicht, daß der Herzog

Hier war und ihm zu folgen uns gebot?

HERMIA.

Ja, auch mein Vater.

HELENA.

Und Hippolyta.

LYSANDER.

Und er beschied uns zu sich in den Tempel.

DEMETRIUS.

Wohl denn, wir wachen also. Auf, ihm nach!

Und plaudern wir im Gehn von unsern Träumen.


Ab.


Wie sie abgehn, wacht Zettel auf.


ZETTEL. Wenn mein Stichwort kommt, ruft mich, und ich will antworten. Mein nächstes ist: »All'rschönster Pyramus!« – He! Holla! – Peter Squenz! Flaut, der Bälgenflicker! Schnauz, der Kesselflicker! Schlucker! – Sapperment! Alle davon gelaufen, und lassen mich hier schlafen! – Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatte 'nen Traum – 's geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war. Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich einfallen läßt, diesen Traum auszulegen. Mir war, als wär' ich – kein Menschenkind kann sagen, was. Mir war, als wär' ich, und mir war, als hätt' ich – aber der Mensch ist nur ein lumpiger Hanswurst, wenn er sich unterfängt, zu sagen, was mir war, als hätt, ich's; des Menschen Auge hat's nicht gehört, des Menschen Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken, seine Zunge kann's nicht begreifen, und sein Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war. – Ich will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von diesem Traum eine Ballade zu schreiben; sie soll Zettels Traum heißen, weil sie so seltsam angezettelt ist, und ich will sie gegen das Ende des Stücks vor dem Herzoge singen. Vielleicht, um sie noch anmutiger zu machen, werde ich sie nach dem Tode singen. Ab.[361]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 355-362.
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