Dritte Szene

[197] Ebendaselbst.


Trompetenstoß. Der König, die Gräfin von Roussillon, Lafeu, Edelleute und Gefolge treten auf.


KÖNIG.

Ein Kleinod haben wir an ihr verloren,

Und unsre Gunst ward ärmer. Doch Eu'r Sohn,

Durch Tollheit wie verrückt, war ohne Sinn

Für ihren vollen Wert.

GRÄFIN.

Nun ist's geschehn;

Und ich ersuch' Eu'r Hoheit, seht es an

Als einen Aufruhr jugendlicher Glut,

Wenn Öl und Feu'r, zu stark für die Vernunft,

In Flammen überwallt.

KÖNIG.

Verehrte Frau,

Vergeben hab' ich alles und vergessen,

Obgleich mein Zorn sich stark auf ihn gespannt

Und fertig war zum Schuß.[197]

LAFEU.

Dies muß ich sagen –


Doch bitt' ich erst Vergunst –, der junge Graf

Verging sich schwer an seinem Könige,

An seiner Mutter und an seiner Gattin;

Am meisten doch an sich. Ihm starb sein Weib,

Des Schönheit auch das reichste Aug' geblendet,

Des Rede jeglich Ohr gefangen nahm,

Des hoher Wert auch überstolze Herzen

Zum Dienen zwang.

KÖNIG.

Das preisen, was dahin,

Macht im Erinnern Schmerz. – Nun ruft ihn her!

Wir sind versöhnt; der erste Anblick töte

Jeglich Erwähnen: Nicht um Gnade bitt' er;

Der Geist erlosch, durch den er schwer gesündigt;

Und tiefer als Vergessen sei begraben

Des Brandes Zunder. Komm' er denn zu uns

Als Fremder, als Beleid'ger nicht: erklärt ihm,

Was unser Wille sei!

EDELMANN.

Sogleich, mein König.


Ab.


KÖNIG.

Spracht Ihr mit ihm von Eurer Tochter, Herr?

LAFEU.

Er fügt sich ganz in Eurer Hoheit Willen.

KÖNIG.

So gibt's 'ne Hochzeit. Ich erhielt ein Schreiben,

Das rühmlich sein gedenkt.


Bertram tritt auf.


LAFEU.

Er scheint vergnügt.

KÖNIG.

Ich bin kein Tag, unwandelbar verfinstert;

Denn Sonnenschein und Hagel stehn zugleich

Auf meiner Stirn; doch weicht den hellsten Strahlen

Die dunkle Wolke. Darum komm nur näher;

Der Himmel hellt sich auf.

BERTRAM.

Die tiefbereute Schuld

Verzeiht, mein teurer Lehnsherr!

KÖNIG.

Alles gut!

Kein Wort nun mehr von der vergangnen Zeit!

Am Stirnhaar laß den Augenblick uns fassen,

Denn wir sind alt, und unsre schnellsten Schlüsse

Beschleicht der unhörbare, leise Fuß[198]

Der Zeit, eh' sie vollzogen sind. Gedenkt Ihr

Der Tochter dieses Herrn?

BERTRAM.

Und mit Bewund'rung stets, mein Fürst. Zuerst

Fiel meine Wahl auf sie, eh' noch mein Herz

Die Zung' erkor als allzu dreisten Herold.

Dann, als ihr Bild geprägt in mein Gemüt,

Lieh mir sein höhnend Fernglas spröder Stolz,

Das jedes fremden Reizes Züg' entstellte,

Der Wangen Rot verschmäht', als sei's erborgt,

Und alle Formen einzog oder dehnte

Zu widerwärt'ger Häßlichkeit: so kam's,

Daß sie, die alle priesen, die ich selbst

Geliebt, seit sie mir starb, – in meinem Auge

Der Staub ward, der's geblendet.

KÖNIG.

Gut entschuldigt!

Daß du sie liebst, tilgt große Summen weg

Von deiner Rechnung. Doch zu spätes Lieben

Klagt wie Begnad'gung, zögernd überbracht,

Den großen Richter an mit bitterm Vorwurf

Und ruft: »Gott ist, was tot.« Der hast'ge Irrtum

Verschmäht als niedrig unser bestes Gut

Und schätzt es nicht, bis es im Grabe ruht.

Verkennen oft, zu eignem Ungemach,

Zerstört den Freund, und weint dem Toten nach;

Beweint die wache Lieb' ein teures Leben,

Wird roher Haß sich starrem Schlaf ergeben. –


Dies sei der süßen Helena Geläut': –


Und nun vergeßt sie; sendet einen Ring

Als Brautgeschenk der schönen Magdalis;

Denn sie ist Eu'r. Wir wollen hier verweilen

Und unsers Witwers zweites Brautfest teilen.

GRÄFIN.

Und beßres Glück, o Himmel, woll'st du geben:

Sonst, o Natur, nimm mich aus diesem Leben!

LAFEU.

Komm her, mein Sohn, der meines Stamms Gedächtnis

Forterben soll, – gib mir ein Liebespfand,

Des Funkeln meiner Tochter Geist errege

Zu schneller Eil'. Bei meinem greisen Bart,

Und jedem Haar drin: unsere Helena[199]

War hold und reizend; solchen Ring, wie den,

Als sie das letzte Mal erschien am Hof,

Trug sie an ihrem Finger.

BERTRAM.

Diesen nicht!

KÖNIG.

Ich bitt' Euch, laßt mich sehn: denn schon vorhin

Hat, als ich sprach, mein Aug' auf ihm geruht.

Der Ring war mein; ich gab ihn Helena

Und schwur, wenn sie des Beistands je bedürfe,

Dies sei ein Pfand, daß ich ihr helfen wolle.

Wie nur vermocht'st du, des sie zu berauben,

Was ihr am teuersten?

BERTRAM.

Mein gnäd'ger Herr,

Obgleich es Euch gefällt, es so zu nehmen,

Der Ring gehört' ihr nie.

GRÄFIN.

Sohn, ja! Beim Himmel,

Ich sah, wie sie ihn trug; sie hielt ihn wert,

Mehr als ihr Leben.

LAFEU.

Ja, gewiß, sie trug ihn.

BERTRAM.

Ihr irrt Euch, gnäd'ger Herr, sie sah ihn nie.

In Florenz ward er mir aus einem Fenster

Geworfen, in Papier gewickelt, das

Die Geberin mir nannte: sie war adlig

Und hielt mich noch für frei; doch da mein Schicksal

Gebunden war und ich ihr klar gezeigt,

Ich könnte nicht in Ehren ihr erwidern,

Was sie von mir gehofft, entließ sie mich,

Nach manchem Kampf beruhigt; doch den Ring

Zwang sie mich zu behalten.

KÖNIG.

Plutus selbst,

Erfahren in Tinktur und Alchemie,

Kennt der Natur Geheimnis nicht vertrauter,

Als ich den Ring: ich schenkt' ihn Helena,

Gleichviel, wer ihn Euch gab. Drum, wenn Ihr wißt,

Daß Ihr von Euerm Tun Erinn'rung habt,

Bekennt, so sei's, und welcher rauhe Zwang

Ihn Euch gewann. Sie schwur bei allen Heil'gen,

Sie woll' ihn nie von ihrem Finger lassen,

Wenn sie ihn Euch nicht gäb' in ihrem Brautbett[200]

(Wohin Ihr nie gekommen), oder schickt' ihn

Mir selbst in harter Not.

BERTRAM.

Sie sah ihn nie.

KÖNIG.

Das sprichst du falsch, so wahr mir Ehre lieb!

Und weckst Argwohn und Furcht mir, der ich gern

Den Zugang wehrte. Wenn es sich erwiese,

Du seist so grausam – nicht wird sich's erweisen, –


Und dennoch ahnet mir -: dein Haß war tödlich,

Und sie ist tot. Nichts konnte, daß sie starb,

Mich überreden, außer wenn ich selbst

Das Aug' ihr schloß, so sehr als dieser Ring!

Führt ihn hinweg! Wie auch der Fall sich wende,

Nicht ohne Grund geb' ich dem Zweifel Raum,

Der ohne Grund zu viel vertraute. – Fort!

Wir forschen weiter nach.

BERTRAM.

Beweist Ihr erst,

Der Ring gehört' ihr je, – dann leicht beweist Ihr,

Daß ich in Florenz ihr genaht als Gatte,

Wo sie doch niemals war.


Bertram wird weggeführt.


KÖNIG.

Ein düstrer Argwohn quält mich.


Ein Edelmann tritt auf.


EDELMANN.

Gnäd'ger Fürst!

Ich weiß nicht, ob ich Unrecht tat, ob nicht:

Dies gab mir eine Florentinerin,

Weil sie um vier, fünf Posten Euch verfehlt,

Es selbst zu überreichen. Ich versprach's,

Bewogen durch die Anmut und die Reden

Der armen Bittenden, die jetzt, so hör' ich,

Hier wartet. Wichtig scheint mir ihr Gesuch

Nach ihrer Miene; und betrifft – so sprach sie

Mit wenig holden Worten – Eure Hoheit

Nicht minder als sie selbst.

KÖNIG liest. - »Auf seine vielen Beteurungen, mich zu heiraten, wenn seine Gattin tot wäre – ich erröte, es zu sagen –, gewann er mich. Jetzt ist der Graf Roussillon ein Witwer,[201] seine Gelübde sind mir verfallen, und ich habe ihn mit meiner Ehre bezahlt. Er verließ Florenz heimlich, ohne Abschied zu nehmen, und ich folge ihm in sein Vaterland, um Recht zu finden. Gewährt es mir, o König: es steht völlig bei Euch; sonst triumphiert ein Verführer, und ein armes Mädchen ist verloren.

Diana Capulet.«

LAFEU. Ich will mir einen Schwiegersohn auf dem Jahrmarkt kaufen und verzollen, den hier mag ich nicht.

KÖNIG.

Der Himmel meint es gut mit dir, Lafeu,

Der dir's enthüllte. Schafft mir jene Frau'n,

Geht, eilt, und führt den Grafen wieder her!


Ein Edelmann geht mit einigen Dienern.


Ich fürchte, Gräfin, Helena kam schändlich

Ums Leben!

GRÄFIN.

Dann, Gerechtigkeit den Tätern!


Bertram mit Wache tritt auf.


KÖNIG.

Mich wundert, Graf, wenn Ihr die Frau'n so haßt

Und flieht, sobald Ihr ihnen Treue schwurt,

Wie Ihr an Heirat denkt. Wer ist dies Mädchen?


Ein Edelmann führt die Witwe und Diana herein.


DIANA.

Ich Arme bin aus Florenz, gnäd'ger König,

Entsprossen von den alten Capulet.

Was mich hieher führt, hör' ich, kennt Ihr schon,

Und wißt, wie sehr ich zu beklagen bin.

WITWE.

Sie ist mein Kind, Herr; ihre Mutter Ehre

Und Alter kränkt die Klage, die wir bringen,

Und beide gehn zu Grunde, helft Ihr nicht.

KÖNIG.

Graf, tretet näher: kennt Ihr diese Frau'n?

BERTRAM.

Mein Fürst, ich kann und will Euch nicht verbergen,

Daß ich sie kenne. Sagt, wes zeihn sie mich?

DIANA.

Warum blickt Ihr so fremd auf Euer Weib?

BERTRAM.

Das ist sie nicht, Herr!

DIANA.

Wollt Ihr Euch vermählen,

So gebt Ihr weg die Hand, und sie ist mein:[202]

So gebt Ihr weg den Schwur, und er ist mein:

So gebt Ihr weg mich selbst, und ich bin mein.

So unzertrennlich bin ich Euch vereint,

Daß, wer sich Euch vermählt, sich mir vermählt,

Uns beiden oder keinem.

LAFEU. Euer Ruf fängt an, zu schlecht für meine Tochter zu werden, Ihr seid kein Mann für sie.

BERTRAM.

Herr, dies ist 'ne verliebte, wilde Dirne,

Mit der ich einst gescherzt; heg' Eure Hoheit

Von meiner Ehre beßre Meinung doch,

Als daß Ihr sie so tief gesunken achtet.

KÖNIG.

Graf, meine Meinung ist Euch schlecht befreundet,

Bis Ihr sie neu verdient: Eu'r Leumund muß

Weit heller strahlen, als er jetzt erscheint.

DIANA.

Mein güt'ger Fürst,

Fragt ihn auf seinen Eid, ob er nicht glaubt,

Er hab' als Jungfrau mich gewonnen.

KÖNIG.

Sprich,

Was sagst du drauf?

BERTRAM.

Herr, sie ist unverschämt;

Im Lager war sie jedem leichte Beute.

DIANA.

Er tut mir Unrecht, König. War ich das,

Dann um ganz leichten Preis wohl kauft' er mich;

Glaubt seinen Worten nicht! Oh, seht den Ring,

Des hoher Wert und reiche Kostbarkeit

Nicht seines Gleichen findet: und trotz dem

Gab er ihn an die leichte Lagerdirne,

Wenn ich es bin.

GRÄFIN.

Erröt'st du? 's ist der Ring:

Sechs seiner Ahnherrn haben dies Juwel

Im Testament vererbt dem nächsten Sproß,

Und jeder trug und schätzt' es; 's ist sein Weib,

Der Ring zeugt tausendfach.

KÖNIG.

Mir scheint, Ihr sagtet,

Ihr kenntet einen Zeugen hier am Hof?

DIANA.

Das tat ich, Herr; doch ein Gewährsmann ist's,

Den ich mit Scham Euch nenn': er heißt Parolles.[203]

LAFEU.

Ich sah den Mann noch heut, wenn der ein Mann ist.

KÖNIG.

Sucht ihn und bringt ihn her.

BERTRAM.

Was soll er hier?

Er ist bekannt als ein treuloser Schuft,

Mit allen Makeln dieser Welt beschmutzt,

Dem's von Natur schon widert, wahr zu reden:

Und sollt' ich sein, wie der mich schildern wird,

Der aussagt, was man fodert?

KÖNIG.

Euern Ring

Besitzt sie doch?

BERTRAM.

Ich glaube, ja; sie hat ihn.

's ist wahr, sie reizte mich; und nach dem Brauch

Verliebter Jugend macht' ich mich an sie.

Sie hielt sich fern und angelte nach mir,

Und schürte meine Glut durch Sprödigkeit

(Wie jede Hemmung in der Liebe Bahn

Die Liebe nur entflammt): und so, zuletzt,

Als List sich ihrem mäß'gen Reiz vereint,

Erreichte sie ihr Ziel; sie nahm den Ring,

Und ich erhielt, was jeder Untergebne

Wohl um den Marktpreis hätt' erkauft.

DIANA.

Ich schweige.

Ihr, der schon einst so edles Weib verstießt,

Schmält nun mit Recht auf mich. Doch bitt' ich Euch

(Wie Ihr der Tugend, will ich Euch entsagen),

Schickt nach dem Ring: ich will ihn mit mir nehmen,

Und gebt den meinen mir!

BERTRAM.

Ich hab' ihn nicht –

KÖNIG.

Was war das für ein Ring?

DIANA.

Mein Fürst, er glich

Ganz dem an Eurem Finger.

KÖNIG.

Kennt Ihr den Ring? Noch eben war er sein.

DIANA.

Und dieser war's, den ich ihm gab im Bett.

KÖNIG.

So war's ein Märchen, daß Ihr ihn dem Grafen

Aus einem Fenster zuwarft?

DIANA.

Wahrhaft sprach ich.


Parolles tritt auf.[204]


BERTRAM.

Den Ring, ich will's gestehn, besaß sie einst.

KÖNIG.

Ihr schwankt verzweifelt; jede Feder schreckt Euch!

Ist dies der Mann, von dem du sprachst?

DIANA.

Ja, Herr.

KÖNIG.

Erzähle, Mensch, und sprich die reine Wahrheit,

Und fürchte nicht die Ungunst deines Herrn

(Die, bist du redlich, ich schon bänd'gen will):

Was trug sich zu mit ihm und diesem Mädchen?

PAROLLES. Mit Eurer Majestät Vergunst, mein Herr war jederzeit ein ehrenwerter Kavalier. Streiche hat er freilich gemacht, wie alle junge Kavaliere sie machen.

KÖNIG. Fort, fort, zur Sache: liebt' er dieses Mädchen?

PAROLLES. In der Tat, Herr, er liebte sie; aber wie?

KÖNIG. Wie denn also?

PAROLLES. Er liebte sie, Herr, wie ein Kavalier ein Mädchen liebt.

KÖNIG. Und das ist?

PAROLLES. Er liebte sie, Herr, und liebte sie nicht.

KÖNIG. Wie du ein Schelm bist, und kein Schelm. Was für ein silbenstechender Gesell das ist!

PAROLLES. Ich bin ein armer Tropf, und zu Euer Majestät Befehl.

LAFEU. Erist ein guter Trommler, mein König, aberein nichtsnutziger Redner.

DIANA. Wißt Ihr, daß er mir die Ehe versprach?

PAROLLES. Mein' Seel', ich weiß mehr, als ich sagen werde.

KÖNIG. Aber wirst du alles sagen, was du weißt?

PAROLLES. Ja, zu Euer Majestät Befehl. Ich war ihr Zwischenträger, wie gesagt; aber überdem liebte er sie, denn wahrhaftig, er war ganz verrückt um sie, und sprach vom Satan, und vom Fegefeuer, und von den Furien, und was weiß ich noch alles; aber ich war damals so gut bei ihm angeschrieben, daß ich wußte, wie sie mit einander zu Bett gingen, und von andern Dingen, als zum Beispiel, daß er ihr die Ehe versprach, und sonst noch manches, was mir schlecht vergolten werden würde, wenn ich davon spräche; darum will ich nicht sagen, was ich weiß.

KÖNIG. Du hast schon alles gesagt, wenn du nicht etwa noch[205] melden kannst, daß sie verheiratet sind. Aber du bist zu schlau in deiner Aussage; darum tritt beiseit!

Der Ring, sagt Ihr, war Euer?

DIANA.

Ja, mein Fürst.

KÖNIG.

Wo hast du ihn erkauft? Wer schenkt' ihn dir?

DIANA.

Er ward mir nicht geschenkt, noch kauft' ich ihn.

KÖNIG.

Wer lieh ihn dir?

DIANA.

Ich lieh ihn auch von niemand.

KÖNIG.

So sag, wo fandst du ihn!

DIANA.

Ich fand ihn nicht.

KÖNIG.

Wenn du ihn denn auf keine Art erwarbst,

Wie gabst du ihm den Ring?

DIANA.

Ich gab ihn nie.

LAFEU. Dies Mädchen ist ein williger Handschuh, mein Fürst: sie geht an und aus, wie man's verlangt.

KÖNIG.

Der Ring war mein, ich gab ihn seiner Frau!

DIANA.

Mein'thalb der Eure oder auch der ihre.

KÖNIG.

Führt sie in Haft, ich will nichts von ihr wissen;

Geht, schafft sie fort, und führt auch ihn hinweg!

Gestehst du nicht, wie du den Ring erhieltst,

So stirbst du heut noch.

DIANA.

Nimmer sag' ich's Euch.

KÖNIG.

Fort, sag ich!

DIANA.

Einen Bürgen stell' ich Euch.

KÖNIG.

Nun glaub' ich dich 'ne ganz gemeine Dirne!

DIANA.

Bei Gott, wußt' ich von einem Mann, seid Ihr's.

KÖNIG.

Weshalb hast du bis jetzt denn ihn verklagt?

DIANA.

Herr, weil er schuldig ist, und doch nicht schuldig.

Er glaubt, ich sei nicht Jungfrau, wird's beschwören;

Ich weiß, ich bin noch Jungfrau, und in Ehren.

Nichts wahrlich kann als niedrig mich beweisen:

Bin ich nicht Jungfrau, bin ich Weib des Greisen.


Auf Lafeu zeigend.


KÖNIG.

Sie höhnt uns nur: drum ins Gefängnis, fort!

DIANA.

Geht, liebe Mutter, holt den Bürgen mir!


Die Witwe geht.[206]


Sie ruft den Juwelier, des Ringes Eigner:

Der leistet Sicherheit. Doch diesen Herrn,

Der mich entehrt hat, wie er selber weiß

(Obschon er nie mich kränkte), sprech' ich frei.

Er war in meinem Bett, so muß er denken;

Doch wird sein Weib ihm einen Erben schenken.

Zwar tot, fühlt sie der Liebe Frucht sich heben.

Das ist mein Rätsel: die Gestorbnen leben.

Hier seht die Lösung!


Helena wird hereingeführt.


KÖNIG.

Ist kein Zaubrer hier,

Der meiner Augen treuen Dienst berückt?

Ist's wirklich, was ich seh'?

HELENA.

Nein, teurer Fürst;

Ihr seht hier nur den Schatten einer Frau,

Den Namen, nicht das Wesen.

BERTRAM.

Beide, beide!

Oh, kannst du mir verzeihn!

HELENA.

O lieber Herr,

Als ich noch diesem Mädchen ähnlich war,

Fand ich Euch wunderzärtlich! Dies der Ring:

Und seht, hier ist Eu'r Brief. So schriebt Ihr damals:

»Wenn Ihr den Ring gewinnt von meinem Finger,

Und tragt ein Kind von mir«, – dies ist gelungen;

Seid Ihr nun mein, so zwiefach mir errungen?

BERTRAM.

Kann sie, mein König, dies beweisen klar,

Lieb' ich sie herzlich, jetzt und immerdar.

HELENA.

Du sollst es wahr und zweifellos erkennen,

Sonst mög' uns Scheidung bis zum Tode trennen. –


O teure Mutter, find' ich Euch am Leben! –

LAFEU. Meine Augen riechen Zwiebeln, ich werde gleich weinen. Zu Parolles. Lieber Trommelhans, leih' mir dein Schnupftuch! So, ich danke dir, du kannst mich nach Hause begleiten. Ich will meinen Spaß mit dir haben: laß deine Bücklinge, sie sind kläglich.

KÖNIG.

Ihr sollt mir's noch von Punkt zu Punkt erklären.

In Wonn' entzückt werd' ich die Wahrheit hören.


[207] Zu Diana.


Bist du noch Mädchenblume, wähl' dir morgen

Den Gatten! Für den Brautschatz will ich sorgen.

Ich merke, dein Bemühn und züchtig Walten

Hat sie als Frau, als Jungfrau dich erhalten.

Das Weitre und des Hergangs ganze Kunde

Erforsch' ich näher zu gelegner Stunde.

Gut scheint jetzt alles: mög' es glücklich enden,

Und bittres Leid in süße Lust sich wenden!


Alle gehn ab.[208]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 197-209.
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