Fünfte Szene

[190] Roussillon.


Die Gräfin, Lafeu und der Narr treten auf.


LAFEU. Nein, nein, nein, Euer Sohn ward von dem verdammten, taftgeschnitzten Kerl dort verführt, dessen niederträchtiger Safran wohl die ganze ungebackne und teigichte Jugend einer Nation hätte färben können. Eure Schwiegertochter lebte sonst noch diese Stunde, Euer Sohn wäre hier in Frankreich, und der König hätte ihn weiter gefördert als jene rotgeschwänzte Hummel, von der ich rede.

GRÄFIN. Ich wollte, ich hätte ihn nie gekannt; er gab den Tod dem tugendhaftesten Mädchen, mit deren Schöpfung sich die Natur jemals Ehre erwarb. Wäre sie aus meinem Blut, und kostete mir die tiefsten Seufzer einer Mutter, meine Liebe zu ihr könnte nicht tiefer gewurzelt sein.

LAFEU. Es war ein gutes Mädchen, ein gutes Mädchen. Wir können tausendmal Salat pflücken, eh' wir wieder solch ein Kraut antreffen.

NARR. Ja wahrhaftig, sie war das Tausendschönchen im Salat, oder vielmehr der echte Ehrenpreis.[190]

LAFEU. Das sind ja keine Salatkräuter, du Schelm, das sind ja Gartenblumen.

NARR. Ich bin kein großer Nebukadnezar, Herr; ich verstehe mich nicht sonderlich auf Gras.

LAFEU. Für was gibst du dich eigentlich, für einen Schelm oder einen Narren?

NARR. Für einen Narren, Herr, im Dienst einer Frau, und für einen Schelm im Dienst eines Mannes.

LAFEU. Wie das?

NARR. Den Mann würd' ich um seine Frau prellen und seinen Dienst tun.

LAFEU. Dann wärst du freilich ein Schelm in seinem Dienst!

NARR. Und seiner Frau liehe ich meine Pritsche und böte ihr meinen Dienst.

LAFEU. Ich will für dich gut sagen, daß du beides, ein Schelm und ein Narr bist.

NARR. Zu Euerm Dienst.

LAFEU. Nein, nein, nein! –

NARR. Nun, Herr, wenn ich Euch nicht dienen kann, so nehme ich Dienste bei einem Prinzen, der ein eben so großer Herr ist, als Ihr seid. –

LAFEU. Bei wem denn? Einem Franzosen?

NARR. Mein' Seel', er hat einen englischen Namen, aber seine Physiognomie hat mehr Feuer in Frankreich als in England.

LAFEU. Welchen Prinzen meinst du?

NARR. Den schwarzen Prinzen, alias den Fürsten der Finsternis, alias den Teufel.

LAFEU. Halt, da ist meine Börse. Ich gebe dir das nicht, um dich deinem Herrn, von dem du sprichst, abspenstig zu machen; diene ihm nur immerhin!

NARR. Ich bin aus einem Holzlande, Herr, und war vor jeher ein Liebhaber von großem Feuer, und die Herrschaft, von der ich sage, hat immer ein gutes Feuer gehalten. Aber da er einmal der Fürst dieser Welt ist, mag sein Adel an seinem Hof bleiben; ich bin für das Haus mit der engen Pforte, die wohl zu klein für die Magnaten ist; wer sich eben bücken[191] will, kommt wohl durch; aber die meisten werden zu frostig und zu verwöhnt sein, und wandeln auf dem blumigen Pfade, der zur breiten Pforte und zum großen Feuer führt.

LAFEU. Geh deiner Wege, ich fange an, dich satt zu haben, und ich sage dir's bei Zeiten, denn ich möchte nicht, daß wir in Unfrieden gerieten. Geh deiner Wege, laß nach meinen Pferden sehn; aber ohne Schelmenstreiche!

NARR. Wenn ich ihnen mit Streichen komme, Herr, so sollen's Peitschenstreiche sein, die gebühren ihnen nach dem Gesetz der Natur. Geht ab.

LAFEU. Ein durchtriebener, boshafter Schelm!

GRÄFIN. Das ist er. Mein seliger Graf machte sich vielen Spaß mit ihm. Nach seinem Willen darf er hier bleiben, und das hält er für einen Freibrief für seine Unverschämtheiten; und in der Tat, er bleibt nie auf der Bahn und rennt, wohin es ihm gefällt.

LAFEU. Ich habe ihn gern; der Bursch ist nicht uneben. Ich war vorhin im Begriff, Euch zu sagen, daß ich, als ich den Tod der armen jungen Gräfin vernommen, und weil Euer Sohn auf der Heimreise ist, den König, meinen Herrn, ersucht habe, sich für meine Tochter zu verwenden; ein Vorschlag, den Seine Majestät, als beide noch Kinder waren, aus eignem Allerhöchsten Antriebe zuerst getan. Seine Hoheit hat mir's zugesagt; und es gibt kein beßres Mittel, die Ungnade abzuwenden, die er gegen Euern Sohn gefaßt hat. Was sagt Ihr dazu, gnädige Frau?

GRÄFIN. Ich bin ganz mit Euch einverstanden, mein Herr, und hoffe, Ihr führt es glücklich aus.

LAFEU. Seine Hoheit kommt in Eil' von Marseille, so frisch und rüstig, als zählte er dreißig; er wird morgen hier sein, oder ein Freund, der in solchen Dingen gewöhnlich gut unterrichtet ist, müßte mich getäuscht haben.

GRÄFIN. Es freut mich, daß ich hoffen darf, ihn vor meinem Ende wiederzusehn. Ich habe Briefe, daß mein Sohn heut abend hier sein wird, und bitte Euch, gnädiger Herr, bei mir zu verweilen, bis sie hier zusammentreffen.

LAFEU. Eben überlegte ich mir, gnädige Frau, auf welche Weise ich am besten Zutritt erhalten könnte.[192]

GRÄFIN. Ihr braucht nur das ehrenwerte Vorrecht Eures Namens geltend zu machen.

LAFEU. Das habe ich nur allzu oft als zuverlässiges Geleit benutzt; und dem Himmel sei Dank, noch gilt es wohl.


Der Narr kommt zurück.


NARR. O gnädige Frau, draußen ist der junge Graf, Euer Sohn, mit einem Samtpflaster auf dem Gesicht. Ob eine Schmarre drunter ist oder nicht, mag der Samt wissen; aber es ist ein stattliches Samtpflaster. Sein linker Backen ist ein Backen von drittehalb Haaren; aber sein rechter Backen ist kahl getragen.

GRÄFIN. Eine rühmlich erhaltene Schmarre ist ein edles Abzeichen der Ehre: das wird auch diese wohl sein.

NARR. Aber sein Gesicht sieht aus wie eine Karbonade.

LAFEU. Laßt uns Euerm Sohn entgegen gehn, ich bitte Euch: ich sehne mich, den edlen jungen Krieger zu sprechen.

NARR. Meiner Treu, draußen steht ein ganzes Dutzend von ihnen, mit allerliebsten feinen Hüten und überaus höflichen Federn, die sich verneigen und jedermann zunicken.


Alle gehn ab.[193]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 190-194.
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