Dritte Szene

[275] Anderes Zimmer im Gefängnis.


Pompejus tritt auf.


POMPEJUS. Ich bin hier so bekannt, als ich's in unserm eignen Hause war; man sollte meinen, es wäre das Haus der Frau Überley, denn hier kommen eine Menge von ihren alten Kunden zusammen. Fürs erste ist hier der junge Herr Rasch; der sitzt hier für eine Provision von Packpapier und altem Ingwer, hundertsiebenundneunzig Pfund zusammen, woraus er fünf Mark bares Geld gemacht; freilich muß der Ingwer eben nicht sehr gesucht gewesen sein, und die alten Weiber waren wohl eben alle gestorben. Dann ist hier ein Herr Capriole, den Meister Dreihaar, der Seidenhändler, eingeklagt hat: für ein drei oder vier Stück schwarzen Atlas hat er ihn in unsre Gesellschaft eingeschwärzt. Dann haben wir hier den jungen Schwindlich, und den jungen Herrn Fluchmaul, und Herrn Kupfersporn, und Herrn Hungerdarm, den Dolch- und Degenmann, und den jungen Fegesack, der den lustigen Pudding[275] tot schlug; und Junker Stichfest, den Klopffechter, und den schmucken Herrn Schuhriem, den weitgereisten; und den wilden Halbnösel, der dem Krug den Garaus machte, und ich glaube ihrer vierzig mehr; lauter tapfre Leute in unsrer Hantierung, und werden jetzt heimgesucht um des Herrn willen.


Grauslich kommt.


GRAUSLICH. Fort Kerl! Hol' uns Bernardin her! –

POMPEJUS. Meister Bernardin! Ihr müßt wach werden und Euch hängen lassen! Meister Bernardin! –

GRAUSLICH. He, holla! Bernardin! –

BERNARDIN. Daß Euch das Donnerwetter übern Hals käme! Wer macht den Lärm da? Wer seid Ihr?

POMPEJUS. Euer guter Freund, mein Herr, der Henker! Ihr müßt so gut sein, mein Herr, und aufstehn und Euch hinrichten lassen!

BERNARDIN. Fort, du Schurke, fort, sag' ich, ich will schlafen.

GRAUSLICH. Sag ihm, er muß wach werden, und das gleich.

POMPEJUS. Bitt' Euch, Meister Bernardin, werdet nur wach, bis man Euch hingerichtet hat, nachher könnt Ihr weiter schlafen.

GRAUSLICH. Geh hinein und hol' ihn heraus!

POMPEJUS. Er kommt schon, Herr, er kommt schon; ich höre sein Stroh rascheln.


Bernardin tritt auf.


GRAUSLICH. Ist das Beil auf dem Block, du?

POMPEJUS. Fix und fertig, Herr.

BERNARDIN. Nun, Grauslich? Was habt Ihr vor?

GRAUSLICH. Im Ernst, Freund, macht Euch dran und haspelt Euer Gebet herunter; denn, seht Ihr, der Befehl ist da.

BERNARDIN. Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen; es ist mir ungelegen.

POMPEJUS. Ei desto besser; wenn er die ganze Nacht durch gesoffen hat, und man hängt ihn den Morgen früh, da hat er den andern Tag, um auszuschlafen.


Der Herzog kommt.[276]


GRAUSLICH. Seht, Freund, da kommt Euer Beichtvater. Meint Ihr noch, es sei Spaß? He!

HERZOG. Mein Freund, ich hörte, wie bald Ihr die Welt verlassen müßt, und kam aus christlicher Nächstenliebe, Euch zu ermahnen, zu trösten und mit Euch zu beten.

BERNARDIN. Pater, daraus wird nichts. Ich habe die ganze Nacht scharf gesoffen und muß mehr Zeit haben mich zu besinnen, sonst sollen sie mir das Hirn mit Keulen herausschlagen. Ich tu's nicht, daß ich mich heut hinrichten lasse; dabei bleibt's.

HERZOG. O Freund, Ihr müßt; und darum bitt' ich Euch, schaut vorwärts auf den Weg, der Euch bevorsteht.

BERNARDIN. Ich schwöre aber, daß kein Mensch mich dazu bringen soll, heut zu sterben.

HERZOG. So hört nur!

BERNARDIN. Nicht ein Wort! Wenn Ihr mir was zu sagen habt, kommt in mein Gefängnis, denn ich will heut keinen Schritt heraustun. Ab.


Der Schließer kommt zurück.


HERZOG.

Ganz unbereit

Zum Leben wie zum Tod. O steinern Herz! –


Ihm nach, Gesellen, führt ihn hin zum Block!


Grauslich und Pompejus ab.


SCHLIESSER.

Nun, Herr, wie fandet Ihr den Delinquenten?

HERZOG.

Durchaus verstockt, unfertig für den Tod;

In der Verfassung ihn hinauszuführen

Wäre verdammlich.

SCHLIESSER.

Hier im Kerker, Vater,

Starb diesen Morgen grad' am hitz'gen Fieber

Ragozyn, ein berüchtigter Pirat,

Ein Mann von Claudios Alter: Bart und Haare

Genau von gleicher Farbe. Sagt, wie wär's,

Wenn wir dem Mörder Zeit zur Buße gönnten,

Und täuschten den Regenten mit dem Kopf

Des Ragozyn, der mehr dem Claudio gleicht? –

HERZOG.

Das ist ein Glücksfall, den der Himmel sendet:

Verfügt es augenblicks; es naht die Zeit,[277]

Die Angelo bestimmt. Mit Pünktlichkeit

Vollzieht den Auftrag, während ich durch Lehre

Den Rohen dort zu reu'gem Tod bekehre.

SCHLIESSER.

Das soll geschehn, Ehrwürd'ger, unverzüglich;

Doch Bernardin muß diesen Abend sterben.

Und wie verfährt man weiter nun mit Claudio

Und wendet die Gefahr, die mich bedroht,

Wird es bekannt, daß er noch lebt?

HERZOG.

Verfügt es so: bringt in geheime Haft

Bernardin so wie Claudio; eh' die Sonne

Zweimal in ihrem Tageslauf gegrüßt

Die untern Erdbewohner, findet Ihr

Vollkommne Sicherstellung.

SCHLIESSER.

Ich tu' mit Freuden, wie Ihr sagt.

HERZOG.

So eilt,

Besorgt's, und schickt das Haupt dem Angelo!

Schließer ab.


Nun schreib' ich Briefe gleich dem Angelo

(Der Schließer bringt sie ihm), nach deren Inhalt

Ihm Meldung wird, ich sei der Heimat nah,

Und daß ein wicht'ger Anlaß mich bestimmt

Zu öffentlichem Einzug. Ihn entbiet' ich

Mir zu begegnen am geweihten Quell,

Zwei Stunden vor der Stadt; von dort aus dann,

Durch ruhig Steigern der gewicht'gen Schalen,

Verfahren wir mit Angelo.


Der Schließer kommt.


SCHLIESSER.

Hier ist der Kopf, ich trag' ihn selber hin.

HERZOG.

So ist's am sichersten. Kehrt bald zurück,

Denn manches muß ich Euch vertraun, das sonst

Kein Ohr vernehmen darf.

SCHLIESSER.

Ich will mich eilen.


Schließer ab.


ISABELLA draußen.

Friede mit Euch! Macht auf! Ist keiner da?

HERZOG.

's ist Isabellens Ruf: sie kommt, zu hören,

Ob ihrem Bruder Gnade sei gewährt;

Doch bleib' ihr seine Rettung noch verhehlt,[278]

Daß aus Verzweiflung Himmelstrost ihr werde,

Wenn sie's am mind'sten hofft.


Isabella tritt auf.


ISABELLA.

Vergönnt, o Herr! –

HERZOG.

Seid mir gegrüßt, mein schönes, frommes Kind!

ISABELLA.

Ein lieber Gruß von solchem heil'gen Mund! –


Hat schon der Bruder Freiheit vom Regenten? –

HERZOG.

Er hat ihn, Tochter, von der Welt erlöst;

Das abgeschlagne Haupt ward ihm gesandt.

ISABELLA.

Nein doch! Es ist nicht so!

HERZOG.

Es ist nicht anders! –


Zeigt Eure Weisheit, Jungfrau, durch Ergebung!

ISABELLA.

Ich will zu ihm, ausreißen ihm die Augen! –

HERZOG.

Er wird gewiß den Zutritt Euch verweigern.

ISABELLA.

Weh, armer Claudio! Weh dir, Isabella! –


Grausame Welt! Verdammter Angelo! –

HERZOG.

So schadet Ihr ihm nicht, noch helft Ihr Euch;

Seid ruhig dann, stellt Gott die Sach' anheim.

Merkt, was ich sage: jede Sylbe sollt Ihr

Glaubwürdig, zuverlässig wahrhaft finden.

Der Fürst kehrt morgen heim: – nein, weint nicht so!

Ein Bruder unsers Ordens, und sein Beicht'ger,

Gab mir die Nachricht; auch gelangte schon

An Escalus und Angelo die Kunde:

Sie sollen ihm am Tor entgegen ziehn;

Ihr Amt zurück dort geben. Könnt' Ihr's, wandelt

Mit Klugheit auf dem Pfad, den ich Euch zeige,

Und Ihr kühlt Euern Sinn an dem Verworfnen,

Euch wird des Fürsten Huld, dem Herzen Rache,

Und allgemeines Lob.

ISABELLA.

Ich folg' Euch gern.

HERZOG.

So gebt dem Bruder Peter diesen Brief,

Er ist's, der mir des Herzogs Heimkehr schrieb.

Sagt, auf dies Zeichen lad' ich ihn heut nacht

In Marianens Wohnung. Ihre Sach' und Eure

Leg' ich in seine Hand; er bringt Euch vor

Den Fürsten; dann dem Angelo ins Antlitz[279]

Klagt lauter ihn und lauter an. Ich Armer

Bin durch ein heiliges Gelübd' gebunden,

Das fern mich hält.

Nun geht mit diesem Brief,

Erleichtert Euer Herz und bannt vom Aug'

Dies herbe Naß – traut meinem heil'gen Orden,

Ich rat' Eu'r Bestes. – Wer da?


Lucio kommt.


LUCIO.

Guten Abend!

Mönch, sag, wo ist der Schließer?

HERZOG.

Nicht zugegen.

LUCIO. O schöne Isabella, mein ganzes Herz erblaßt, deine Augen so rot zu sehn! Du mußt dich in Geduld fassen. Ich muß mich auch drin finden, mittags und abends mit Wasser und Brot zufrieden zu sein; so lieb mein Kopf mir ist, darf ich meinen Bauch nicht füllen; eine einzige derbe Mahlzeit, und ich wäre geliefert. Aber wie es heißt, kommt der Herzog morgen wieder. Bei meiner Seele, Isabella, ich liebte deinen Bruder; hätte nur der alte phantastische Herzog, der Winkelkriecher, zu Hause gesessen, er lebte noch!


Isabella geht ab.

HERZOG. Herr, der Herzog ist Euern Reden über ihn außerordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist nur, daß Eure Schild'rung ihm nicht gleicht.

LUCIO. Geh nur, Mönch, du kennst den Herzog nicht so, wie ich; er ist ein beßrer Wildschütz, als du denkst.

HERZOG. Nun, Ihr werdet dies einmal zu verantworten haben. Lebt wohl!

LUCIO. Nein, wart' noch, ich gehe mit dir; ich kann dir hübsche Geschichten von dem Herzog erzählen.

HERZOG. Ihr habt mir schon zu viele erzählt, wenn sie wahr sind; und sind sie's nicht, so wäre eine einzige zu viel.

LUCIO. Ich mußte einmal vor ihm erscheinen, weil eine Dirne von mir schwanger geworden war.

HERZOG. Ist Euch so etwas begegnet?

LUCIO. Nun freilich war sie's von mir; aber ich schwur die Geschichte ab; ich hätte sonst die faule Mispel heiraten müssen.[280]

HERZOG. Herr, Eure Gesellschaft ist mehr unterhaltend als anständig; schlaft wohl!

LUCIO. Mein' Seel', ich bringe dich noch bis an die Ecke. Wenn dir Zotengeschichten zuwider sind, so wollen wir dir nicht zu viel auftischen – ja, Mönch, ich bin eine Art von Klette, ich hänge mich an.


Gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 275-281.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Maß für Maß
Measure for Measure/ Mass für Mass [Zweisprachig]
Maß für Maß: Zweisprachige Ausgabe
Maß für Maß. Measure for Measure. Englisch-deutsche Studienausgabe
Romeo und Julia / Maß für Maß
Measure for Measure / Mass für Mass: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon