Zweite Szene

[36] Priams Palast.


Es treten auf Priamus, Hektor, Troilus, Paris und Helenus.


PRIAMUS.

Nachdem viel Stunden, Wort' und Leben schwanden,

Spricht nochmals Griechenland durch Nestor dies: –


»Gebt Helena, und jeder andre Schaden,

Als Ehre, Zeitverlust, Aufwand und Müh',

Blut, Freund', was und noch Teures sonst verschlang

Des nimmersatten Krieges heiße Gier,

Sei abgetan.« Hektor, wie dünkt es dich?

HEKTOR.

Scheut niemand minder Gräcien auch als ich,

Was mich als einzelnen betrifft, – dennoch,

Erhabner Priamus,

Gab's nie ein Weib von zärtlicherm Gefühl,

Empfänglicher dem Sinn der Furcht, geneigter

Zum bangen Ruf: »Wer weiß, was draus entsteht?«

Als Hektor. Sicherheit macht Frieden krank,

Zu sichre Sicherheit; doch weiser Zweifel

Wird dem Klugen Leuchte, dem Arzte Sonde,

Der Wunde Grund zu prüfen. Geh' denn Helena!

Seitdem für sie der erste Schwertstreich fiel,

War jede zehnte Seel' aus tausend Zehnten

In unserm Volk so teu'r als Helena:

Verloren wir so manches Zehnt der Unsern

Für eine, die uns fremd, – für uns nicht wert,

Wenn sie die Unsre wär', ein Zehnteil nur: –


Welcher vernünft'ge Grund denn, der uns hindert,

Sie auszuliefern?

TROILUS.

Pfui, o pfui, mein Bruder!

Wägst du die Her' und Würde eines Königs,[36]

Wie unser hoher Vater, nach dem Maß

Gemeiner Unzen? Willst mit Pfenn'gen zählen

Seiner Unendlichkeit maßlosen Wert?

Ein unabsehbar weit Gebiet umzirken

Mit Zoll und Spanne so geringer Art,

Wie Fürchten und Vernunft? O pfui der Schmach!

HELENUS.

Kein Wunder, wenn Vernunft du schiltst, der selbst

Vernunft entbehrt. Soll unser Vater nicht

Sein großes Herrscheramt baun auf Vernunft,

Weil unvernünftig deine Rede war?

TROILUS.

Du bist für Träum' und Schlummer, Bruder, Priester,

Und fütterst deine Handschuh' mit Vernunft:

Dies sind nun deine Gründe:

Du weißt, ein Feind sinnt drauf, dir weh zu tun,

Du weißt, gezückte Schwerter dröhn Gefahr,

Und die Vernunft flieht das, was Schaden bringt;

Was Wunder denn, wenn Helenus gewahrt

Den Griechen und sein Schwert, daß er selbst Fitt'ge

Tiefer Vernunft sich an die Fersen bindet

Und wie Merkur, wenn Zeus ihn schilt, entflieht,

Schnell wie ein Sternschuß? Pred'gen wir Vernunft,

So schließt die Tor' und schlaft! Mannheit und Ehre,

Wenn sie mit Gründen nur sich mästeten,

Gewännen Hasenherz; Vernunft und Sinnen

Macht Lebern bleich und Jugendkraft zerrinnen.

HEKTOR.

Bruder, sie ist nicht wert, was sie uns kostet,

Sie hier zu halten.

TROILUS.

Was hat wohl andern Wert, als wir es schätzen?

HEKTOR.

Doch nicht des Einzeln Willkür gibt den Wert,

Er hat Gehalt und Würdigkeit sowohl

In eigentümlich innrer Kostbarkeit,

Als in dem Schätzer: Wahn und Tollheit ist's,

Den Dienst zu machen größer als den Gott! –


Und töricht schwärmt der Wille, der sich neigt

Zu dem, was seine Liebe fälschlich adelt,

Wenn innrer Wert dem Scheinverdienst gebricht.

TROILUS.

Ich nehme heut ein Weib, und meine Wahl

Hängt von der Leitung meines Willens ab:[37]

Mein Wille ward entflammt durch Aug' und Ohr,

Zwei wackern Lotsen durch die schroffen Klippen

Von Will' und Urteil. Wie verstieß' ich nun

(Wenn einst dem Willen meine Wahl mißfiel)

Das Weib, das ich erkor! – Da ist kein Ausweg,

Kein Wanken gilt, wenn Ehre soll bestehn.

Wir senden nicht die Seide heim dem Kaufmann,

Die wir verderbt, noch werfen wir verächtlich

Die übrigbliebnen Speisen durch einander,

Weil wir nun satt: – man hielt es wohlgetan,

Daß Paris Rache nehm' am Griechenvolk;

Einmüt'ger Beifall schwellt' ihm seine Segel:

Die alten Kämpfer, Meer und Wind, sie ruhten,

Ihm beizustehn; den Port erreicht' er schnell,

Und statt der alten Base, dort gefangen,

Bracht' er 'ne griech'sche Fürstin, deren Frische

Apollo runzlicht, welk den Morgen macht. –


Mit welchem Fug? Die Griechen halten jene! –


Und ist sie's wert? Ha, eine Perle ist sie,

Die mehr denn tausend Schiffe jagt' ins Meer

Und Kaufherrn schuf aus Kön'gen.

Gesteht ihr ein, recht war's, daß Paris ging –


(Ihr müßt; denn alles rief: Zieh hin! Zieh hin!),

Bekennt ihr, daß ein Kleinod seine Beute –


(Ihr müßt; denn alle schlugt ihr in die Hände

Und rieft: Unschätzbar!): warum schmäht ihr nun

Den Ausgang eures eignen weisen Plans

Und tut, was selbst Fortuna nicht getan,

Entwürd'gend, was ihr reicher habt geschätzt

Als Land und Meer? Dann, pfui dem schnöden Raub!

Wir stahlen, was wir fürchten zu behalten,

Als Dieb', unwert des so gestohlnen Guts!

Was wir vergeltend raubten ihrem Strand,

Scheun wir zu schützen in der Heimat Land!

KASSANDRA draußen.

Weint. Troer, weint! –

PRIAMUS.

Welch Schrei'n? Welch Angstgestöhn?

TROILUS.

Die tolle Schwester; ihre Stimm' erkenn' ich.

KASSANDRA draußen.

Weint, Troer![38]

HEKTOR.

's ist Kassandra!


Kassandra kommt, in Verzückung, mit fliegenden Haaren.


KASSANDRA.

Weint, Troer, weint! Leiht mir zehntausend Augen,

Und alle füll' ich mit prophet'schen Tränen!

HEKTOR.

Still, Schwester, still! –

KASSANDRA.

Jungfrau'n und Knaben, Männer, schwache Greise,

Unmünd'ge Kindheit, die nichts kann als weinen,

Verstärkt mein Wehgeschrei! Und zahlt voraus

Die Hälfte all des Jammers, der uns nah!

Weint, Troer, weint: gewöhnt Eu'r Aug' an Tränen:

Troja vergeht, das schöne Ilium sinkt!

Paris, der Feuerbrand, verzehrt uns alle.

Weint, weint! O Helena, du Weh der Wehen! –


Weint! Troja brennt! Verbannt sie, heißt sie gehen!


Geht ab.


HEKTOR.

Nun, junger Troilus, weckt dies grause Lied

Der prophezei'nden Schwester kein Gefühl

Der Reu' im Herzen? Oder ist dein Blut

So toll erhitzt, daß Überlegung nicht,

Noch Furcht vor schlechtem Ausgang schlechter Sache

Die Glut dir mäß'gen kann? –

TROILUS.

Ei, Bruder Hektor,

Wir dürfen nicht die Güte jeder Tat

Ermessen nach dem Ausgang des Erfolgs,

Noch unsre Herzen gleich entmut'gen, weil

Kassandra rast. Ihr hirnverrücktes Toben

Verbittre nicht die Lust an einem Streit,

Dem unser aller Ehre sich verpfändet

Als wohlgeziemend. Mir, für meinen Anteil,

Gilt er nicht mehr als jedem Sohn des Priam;

Und Zeus verhüte, daß wir etwas täten,

Verföchten, drauf beharrten, was auch nur

Rechtmäß'gen Grund zum kleinsten Tadel gäbe!

PARIS.

Sonst dürfte wohl die Welt des Leichtsinns zeihn

Mein Unternehmen so wie euern Rat.

Doch, bei den Göttern! Eu'r vollkommner Beifall

Gab Flügel meinem Wunsch und schnitt hinweg[39]

Jeglich Bedenken solcher kühnen Wagnis.

Denn was vermag allein mein schwacher Arm?

Was beut die Kühnheit eines Manns für Kampf,

All' derer Stoß und Feindschaft zu bestehn,

Die solche Fehd' erweckte? Dennoch schwör' ich:

Müßt' ich allein den schweren Kampf versuchen,

Und käme nur die Macht dem Willen gleich,

Nie widerriefe Paris, was er tat,

Noch wankt er im Verfolg!

PRIAMUS.

Paris, du sprichst

Wie einer, der von süßen Lüsten schwindelt.

Du hast den Honig stets, die Galle sie,

So tapfer sein verdiente Ruhm noch nie.

PARIS.

Ich trachte nicht allein den Freuden nach,

Die solche Schönheit ihrem Eigner bringt;

Des holden Raubes Vorwurf wünscht' ich auch

Getilgt, indem wir ehrenvoll sie wahren.

Welch ein Verrat an der entführten Herrin,

Schmach euerm hohen Ruhm und Schande mir,

Nun aufzugeben solch ein Eigentum

Nach abgezwungenem Vergleich? Wär's möglich,

Daß so entartete Gesinnung je

Den Eingang fänd' in eure edlen Herzen?

Auch dem Geringsten nicht in unserm Volk

Fehlt Mut, zu wagen und das Schwert zu ziehn

Für Helena; und kein so Edler ist,

Des Lebens wär' zu teu'r, des Tod unrühmlich,

Ist Helena der Preis. Deshalb beteur' ich,

Wohl ziemt es sich, im Kampfe nicht zu weichen

Für die, der auf der Welt nichts zu vergleichen! –

HEKTOR.

Paris und Troilus, beide spracht ihr gut,

Und habt erörtert Frag' und Stand des Streits,

Doch oberflächlich – nicht ungleich der Jugend,

Die Aristoteles unfähig hielt

Zum Studium der Moralphilosophie.

Die Gründe, die ihr vortragt, leiten mehr

Zu heißer Leidenschaft des wilden Bluts,

Als die Entscheidung frei und klar zu schlichten,[40]

Was Recht und Unrecht. Denn die Rach' und Wollust

Sind tauber als der Ottern Ohr dem Ruf

Wahrhaften Urteils! Die Natur verlangt

Erstattung jedes Guts dem Eigner: nun,

Wo wär' in aller Menschheit näh'res Anrecht,

Als zwischen Mann und Eh'frau? Wird ein solches

Naturgesetz verletzt durch Leidenschaft,

Und große Geister, dem betäubten Willen

Zu leicht sich fügend, widerstreben ihm,

So gibt's in jedem Volksrecht ein Gesetz

Als Zügel solcher wütenden Begierden,

Die in Empörung alle Schranken brechen.

Ist Helena des Sparterkönigs Weib, –


Wie sie's denn ist, – so ruft Moralgesetz

Des Staats wie der Natur, mit lauter Stimme,

Sie ihm zurück zu senden. Fest beharren

Im Unrecht tun, vermindert Unrecht nicht,

Nein, macht es schwerer. Dies ist Hektors Meinung,

Wenn er das Recht erwägt. Gleichwohl indes,

Ihr feur'gen Brüder, neig' ich mich zu euch

In dem Entschluß, nicht Helena zu lassen.

Denn wicht'gen Einfluß hat des Streits Entscheidung

Auf aller so wie jedes Einzlen Ruhm.

TROILUS.

Ja, das ist unsres Trachtens Kraft und Inhalt.

Wär's nicht die Ehre, die uns mehr entflammt,

Als unserm schwell'nden Groll genug zu tun, –


Nicht einen Tropfen Troerblut mehr wollt' ich

Für sie vergeudet sehn. Doch, tapfrer Hektor,

Sie ist ein Gegenstand für Her' und Ruhm,

Ein Sporn zu tapfrer, hochbeherzter Tat,

Gibt jetzt uns Mut, die Feinde zu vernichten,

Und für die Zukunft Preis, der uns verklärt.

Denn, weiß ich doch, Held Hektor gäbe nicht

So reichen Vorteil der verheißnen Glorie,

Wie sie auf dieses Kampfes Stirn uns lächelt,

Für alles Gold der Welt.

HEKTOR.

Wohl hast du recht,

Du tapfrer Sproß des großen Priamus.[41]

Ich sandte schon aufreizend Fehdewort

Den trägen und entzweiten Griechenfürsten,

Das ihre Schlummergeister wecken wird.

Wie ich vernommen, schläft ihr bester Held;

Neid und Parteiung schleichen durch das Feld:

Dies, hoff' ich, regt ihn auf.


Sie gehn ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Berlin: Aufbau, 1975, S. 36-42.
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