Erste Szene

[620] [Vor Leonatos Hause.]


Es treten auf Leonato und Antonio.


ANTONIO.

Fährst du so fort, so bringst du selbst dich um:

Und nicht verständig ist's, dem Gram so helfen,

Dir selbst zum Schaden.

LEONATO.

Spare deinen Rat!

Er fällt so fruchtlos in mein Ohr, wie Wasser

Ein Sieb durchströmt. O gib mir keinen Rat!

Und keinen Tröster laß mein Ohr erquicken,

Als solchen, dessen Schmerz dem meinen gleicht. –

Bring' mir 'nen Vater, der sein Kind so liebte,

Des Freud' an ihm vernichtet ward, wie meine,

Und heiß' Geduld ihn predigen!

Miß seinen Gram nach meinem auf ein Haar,

Jeglichem Weh entsprech' ein gleiches Weh,

Und hier wie dort ein Schmerz für jeden Schmerz,

In jedem Zug und Umriß Licht und Schatten;

Wenn der nun lächelt und den Bart sich streicht,

Ruft: »Gram, fahr' hin!« und »Ei!« statt tief zu seufzen,

Sein Leid mit Sprüchen flickt, mit Bücherphrasen

Den bittern Schmerz betäubt, – den bringe mir,

Von diesem will ich dann Geduld erlernen.

Doch solchen Mann gibt's nicht. Denn, Bruder, Menschen,

Sie raten, trösten, heilen nur den Schmerz,

Den sie nicht selber fühlten. Trifft er sie,

Dann wird zur wilden Wut derselbe Trost,

Der eben noch Arznei dem Gram verschrieb,

An seidner Schnur den Wahnsinn wollte fesseln,[620]

Herzweh mit Luft, den Krampf mit Worten stillen.

Nein! Nein! Stets war's der Brauch, Geduld zu rühmen

Dem Armen, den die Last des Kummers beugt:

Doch keines Menschen Kraft noch Willensstärke

Genügte solcher Weisheit, wenn er selbst

Das Gleiche duldete: drum keinen Rat;

Denn lauter schreit mein Schmerz als dein Ermahnen.

ANTONIO.

So hat der Mann dem Kinde nichts voraus?

LEONATO.

Ich bitt' dich, schweig'! Ich bin nur Fleisch und Blut.

Denn noch bis jetzt gab's keinen Philosophen,

Der mit Geduld das Zahnweh konnt' ertragen,

Ob sie der Götter Sprache gleich geredet

Und Schmerz und Zufall als ein Nichts verlacht.

ANTONIO.

So häufe nur nicht allen Gram auf dich;

Laß jene, die dich kränkten, gleichfalls dulden.

LEONATO.

Da sprichst du weislich: ja, so soll's geschehn.

Mein Herz bezeugt mir's, Hero ward verleumdet,

Und dies soll Claudio hören, dies der Fürst,

Und alle sollen's, die sie so entehrt.


Don Pedro und Claudio kommen.


ANTONIO.

Hier kommen Claudio und der Prinz in Eil'.

DON PEDRO.

Ah, guten Morgen!

CLAUDIO.

Guten Tag euch beiden!

LEONATO.

Hört mich, ihr Herrn –

DON PEDRO.

Leonato, wir sind eilig.

LEONATO.

So eilig, Herr? So lebt denn wohl, ihr Herrn; –

Jetzt habt ihr Eile? – Wohl, es wird sich finden.

DON PEDRO.

Nun, guter Alter, zankt doch nicht mit uns!

ANTONIO.

Schafft ihm ein Zank sein Recht, so weiß ich solche,

Die wohl den kürzern zögen.

CLAUDIO.

Ei, wer kränkt' ihn?

LEONATO.

Ha, wahrlich du! Du kränktest mich, du Heuchler! –

O leg' die Hand nur nicht an deinen Degen,

Ich fürchte nichts.

CLAUDIO.

Verdorre diese Hand,

Eh' sie dem Alter so zu drohen dächte!

Die Hand am Schwert hat nichts bedeutet, wahrlich![621]

LEONATO.

Ha, Mann! Nicht grinse so und spotte meiner!

Ich spreche nicht als Tor und blöder Greis,

Noch unter meines Alters Freibrief prahl' ich,

Was ich als Jüngling tat, was ich noch täte,

Wär' ich nicht alt: Nein, hör' es, auf dein Haupt!

Du kränktest so mein schuldlos Kind und mich,

Daß ich ablege meine Würd' und Ehrfurcht;

Mit grauem Haar und vieler Jahre Druck

Fodr' ich dich hier, als Mann dich mir zu stellen.

Ich sage, du belogst mein schuldlos Kind;

Dein falsches Zeugnis hat ihr Herz durchbohrt,

Und unter ihren Ahnen ruht sie jetzt,

Ha! in dem Grab, wo Schande nimmer schlief,

Als ihre, die dein Schurkenstreich ersann.

CLAUDIO.

Mein Schurkenstreich?

LEONATO.

Ja, deiner, Claudio, deiner.

DON PEDRO.

Ihr drückt Euch unrecht aus, Signor.

LEONATO.

Mein Prinz,

An ihm will ich's beweisen, wenn er's wagt,

Trotz seiner Fechterkunst und raschen Übung,

Trotz seiner Jugend Lenz und muntern Blüte.

CLAUDIO.

Laßt mich! Ich habe nichts mit Euch zu schaffen.

LEONATO.

So willst du gehn? Du hast mein Kind gemordet;

Ermord'st du, Knabe, mich, mord'st du 'nen Mann.

ANTONIO.

Er muß uns beide morden, ja, zwei Männer

Darauf kommt's hier nicht an: zuerst den einen;

Ja, wer gewinnt, der lacht. Mir steh' er Rede!

Komm, Bursche, folge mir! Komm, folg' mir, Bursch! –

Herr Jung! Ich haue deine Finten durch,

Ja, ja, so wahr ich Edelmann, das will ich!

LEONATO.

Bruder. ...

ANTONIO.

Sei du nur still! Gott weiß, das Mädchen liebt' ich.

Nun ist sie tot, von Schurken tot geschmäht,

Die wohl so gern sich einem Manne stellen,

Als ich der Schlang' an ihre Zunge griffe.

Gelbschnäbel, Buben, Affen, Prahler! –

LEONATO.

Bruder! –

ANTONIO.

Ei was, sei still! – Was da! ich kenne sie,[622]

Weiß, was sie gelten, bis auf einen Skrupel:

Vorlaute, dreiste, modesücht'ge Knaben,

Die lügen, witzeln, höhnen, schmähn und lästern,

Mit bunter Narrentracht den Helden spielen,

Und ein halb Dutzend grimmer Worte lernten:

»Was sie dem Feind antäten, käm's so weit –«

Und das ist alles.

LEONATO.

Bruder. ...

ANTONIO.

's ist schon gut:

Du kümmre dich um nichts, laß mich nur machen!

DON PEDRO.

Ihr Herrn, wir woll'n nicht euern Unmut wecken.

Daß Eure Tochter starb, geht mir zu Herzen;

Doch auf mein Wort, sie war um nichts beschuldigt,

Als was gewiß und klar erwiesen stand.

LEONATO.

Mein Fürst, mein Fürst –

DON PEDRO.

Ich will nicht hören.

LEONATO.

Nicht?

Fort, Bruder! – Ihr sollt hören!

ANTONIO.

Ja, ihr sollt!

Ja! oder ein'ge von uns sollen's fühlen!


Leonato und Antonio ab.


Benedikt kommt.


DON PEDRO. Seht, da kommt der Mann, den wir gesucht.

CLAUDIO. Nun, Signor, was gibt's Neues?

BENEDIKT. Guten Tag, mein Fürst!

DON PEDRO. Willkommen, Signor: Ihr hättet eben beinahe einen Strauß trennen können.

CLAUDIO. Es fehlte nicht viel, so hätten zwei alte Männer ohne Zähne unsre zwei Nasen abgebissen.

DON PEDRO. Leonato und sein Bruder. Was denkst du wohl? Hätten wir gefochten, ich weiß nicht, ob wir zu jung für sie gewesen wären?

BENEDIKT. In einer schlechten Sache hat man keinen Mut. Ich kam, euch beide aufzusuchen.

CLAUDIO. Und wir sind schon lange auf den Beinen, dich zu suchen. Denn wir sind gewaltig melancholisch und sähen's[623] gern, wenn uns das jemand austriebe. Willst du deinen Witz in Bewegung setzen?

BENEDIKT. Er steckt in meiner Scheide: soll ich ihn ziehn?

DON PEDRO. Trägst du deinen Witz an der Seite?

CLAUDIO. Das tat noch niemand, obgleich wohl viele ihren Witz beiseite gelegt haben. Ich will dich spielen heißen, wie wir's den Fiedlern tun; spiel' auf, mach' uns lustig!

DON PEDRO. So wahr ich ehrlich bin, er sieht blaß aus. Bist du krank oder verdrießlich?

CLAUDIO. Mut, Freund! Wenn der Gram auch eine Katze ums Leben bringen kann, so hast du doch wohl Herz genug, den Gram ums Leben zu bringen?

BENEDIKT. Signor, wenn Ihr Euern Witz gegen mich richtet, so denk' ich ihm in seinem Rennen standzuhalten. Habt die Güte und wählt ein andres Thema!

CLAUDIO. So schafft Euch erst eine neue Lanze, denn diese letzte brach mitten durch.

DON PEDRO. Beim Himmel, er verändert sich mehr und mehr; ich glaube, er ist im Ernst verdrießlich.

CLAUDIO. Nun, wenn er's ist, so weiß er, wie er seinen Gürtel zu schnallen hat.

BENEDIKT. Soll ich Euch ein Wort ins Ohr sagen?

CLAUDIO. Gott bewahre uns vor einer Ausfoderung!

BENEDIKT beiseite zu Claudio. Ihr seid ein Nichtswürdiger; ich scherze nicht. Ich will's Euch beweisen, wie Ihr wollt, womit Ihr wollt, und wann Ihr wollt. Tut mir Bescheid, oder ich mache Eure Feigherzigkeit öffentlich bekannt. Ihr habt ein liebenswürdiges Mädchen getötet, und ihr Tod soll schwer auf Euch fallen. Laßt mich Eure Antwort hören!

CLAUDIO laut. Schön, ich werde mich einfinden, wenn Eure Mahlzeit der Mühe verlohnt.

DON PEDRO. Was? ein Schmaus? ein Schmaus?

CLAUDIO. Jawohl, er hat mich eingeladen auf einen Kalbskopf und einen Kapaun, und wenn ich beide nicht mit der größten Zierlichkeit vorschneide, so sagt, mein Messer tauge nichts. Gibt's nicht etwa auch eine junge Schnepfe?

BENEDIKT. Signor, Euer Witz geht einen guten leichten Paß, er fällt nicht schwer.[624]

DON PEDRO. Ich muß dir doch erzählen, wie Beatrice neulich deinen Witz herausstrich. Ich sagte, du hättest einen feinen Witz; o ja, sagte sie, fein und klein. Nein, sagte ich, einen großen Witz; recht, sagte sie, groß und derb; nein, sagte ich, einen guten Witz; sehr wahr, sagte sie, er tut niemanden weh. Aber, sagte ich, es ist ein kluger junger Mann; gewiß, sagte sie, ein recht superkluger junger Mensch. Und was noch mehr ist, sagte ich, er versteht sich auf verschiedene Sprachen. Das glaub' ich, sagte sie, denn er schwur mir Montag abends etwas zu, was er Dienstag morgens wieder verschwur: da habt Ihr eine doppelte Sprache, da habt Ihr zwei Sprachen. So hat sie eine ganze Stunde lang alle deine besondern Tugenden travestiert, bis sie zuletzt mit einem Seufzer schloß: du seist der artigste Mann in Italien.

CLAUDIO. Wobei sie bitterlich weinte, und hinzufügte: sie kümmre sich nichts drum.

DON PEDRO. Ja, das tat sie; und doch mit alle dem, wenn sie ihn nicht herzlich haßte, so würde sie ihn herzlich lieben. Des Alten Tochter hat uns alles erzählt.

CLAUDIO. Alles, alles! und noch obendrein, Gott sahe ihn, als er sich im Garten versteckt hatte.

DON PEDRO. Und wann werden wir denn des wilden Stieres Hörner auf des vernünftigen Benedikt Stirne sehn?

CLAUDIO. Und wann werden wir mit großen Buchstaben geschrieben lesen: »Hier wohnt Benedikt, der verheiratete Mann«?

BENEDIKT. Lebt wohl, junger Bursch; Ihr wißt meine Meinung, ich will Euch jetzt Euerm schwatzhaften Humor überlassen. Ihr schwadroniert mit Euern Späßen, wie die Großprahler mit ihren Klingen, die Gottlob niemand verwunden. Gnädiger Herr, ich sage Euch meinen Dank für Eure bisherige Güte; von nun an muß ich mich Eurer Gesellschaft entziehn. Euer Bruder, der Bastard, ist aus Messina entflohen; ihr beide habt ein liebes, unschuldiges Mädchen ums Leben gebracht. Was diesen Don Ohnebart hier betrifft, so werden er und ich noch mit einander sprechen, und bis dahin mag er in Frieden ziehn. Ab.[625]

DON PEDRO. Es ist sein Ernst?

CLAUDIO. Sein ehrsamster Ernst, und ich wollte wetten, alles aus Liebe zu Beatrice.

DON PEDRO. Und er hat dich gefodert?

CLAUDIO. In aller Form.

DON PEDRO. Was für ein artiges Ding ein Mann ist, wenn er in Wams und Hosen herumläuft und seinen Verstand zu Hause läßt! –

CLAUDIO. Er ist alsdann ein Riese gegen einen Affen; aber dafür ist dann auch ein Affe ein Doktor gegen solch einen Mann.


Holzapfel, Schlehwein, Wache mit Konrad und Borachio.

DON PEDRO. Aber jetzt stille, laß gut sein, und du, mein Herz, geh in dich und sei ernst! Sagte er nicht, mein Bruder sei entflohn?

HOLZAPFEL. Nur heran, Herr: wenn Euch die Gerechtigkeit nicht zahm machen kann, so soll die Justiz niemals wieder ein Argelment auf ihre Waagschale legen; ja, und wenn Ihr vorher ein hippokratischer Taugenichts gewesen seid, so muß man Euch jetzt auf die Finger sehn.

DON PEDRO. Was ist das? Zwei von meines Bruders Leuten gebunden? und Borachio der eine?

CLAUDIO. Forscht doch nach ihrem Vergehn, gnädiger Herr!

DON PEDRO. Gerichtsdiener, welches Vergehn haben sich diese Leute zu schulden kommen lassen?

HOLZAPFEL. Zum Henker, gnädiger Herr, falschen Rapport haben sie begangen; überdem sind Unwahrheiten vorgekommen; andernteils haben sie Kolonien gesagt; sechstens und letztens haben sie ein Fräulein belogen, drittens haben sie Unrichtigkeiten verifiziert, und schließlich sind sie lügenhafte Spitzbuben.

DON PEDRO. Erstens frage ich dich, was sie getan haben; drittens frag' ich dich, was ihr Vergehn ist; sechstens und letztens, warum man sie arretiert hat; und schließlich, was ihr ihnen zur Last legt.

CLAUDIO. Richtig subdividiert, nach seiner eignen Einteilung. Das nenn' ich mir entwirrte Verwirrung.[626]

DON PEDRO. Was habt ihr begangen, Leute, daß man euch auf diese Weise gebunden hat? Dieser gelehrte Konstabel ist zu scharfsinnig, als daß man ihn verstehen könnte. Worin besteht euer Vergehn?

BORACHIO. Teuerster Prinz, laßt mich nicht erst vor Gericht gestellt werden; hört mich an, und mag dieser Graf mich niederstoßen! Ich habe Euch mit sehenden Augen blind gemacht; was euer beider Weisheit nicht entdecken konnte, haben diese schalen Toren ans Licht gebracht, die mich in der Nacht behorchten, als ich diesem Manne hier erzählte, wie Don Juan, Euer Bruder, mich angestiftet, Fräulein Hero zu verleumden; wie Ihr in den Garten gelockt wurdet und mich um Margareten, die Heros Kleider trug, werben saht; wie Ihr sie verstoßen habt, als Ihr sie heiraten solltet. Diesen meinen Bubenstreich haben sie zu Protokoll genommen, und lieber will ich ihn mit meinem Blut versiegeln, als ihn noch einmal zu meiner Schande wiederholen. Das Fräulein ist durch meine und meines Herrn falsche Beschuldigung getötet worden; und kurz, ich begehre jetzt nichts, als den Lohn eines Bösewichts.

DON PEDRO. Rennt nicht dies Wort wie Eisen durch dein Blut?

CLAUDIO. Ich habe Gift getrunken, als er sprach.

DON PEDRO. Und hat mein Bruder hiezu dich verleitet?

BORACHIO. Ja, und mich reichlich für die Tat belohnt.

DON PEDRO.

Er ist Verrat und Tücke ganz und gar, –

Und nun entfloh er auf dies Bubenstück.

CLAUDIO.

O süße Hero! Jetzt strahlt mir dein Bild

Im reinen Glanz, wie ich zuerst es liebte.

HOLZAPFEL. Kommt, führt diese Requisiten weg; unser Schreiber wird alleweil auch den Signor Leonato von dem Handel destruiert haben; und ihr, Leute, vergeßt nicht, zu seiner Zeit und an seinem Ort zu spezifizieren, daß ich ein Esel bin.

SCHLEHWEIN. Hier, hier kommt der Herr Signor Leonato, und der Schreiber dazu.


Leonato, Antonio und der Schreiber kommen.[627]


LEONATO.

Wo ist der Bube? Laßt mich sehn sein Antlitz,

Daß, wenn ein Mensch mir vorkommt, der ihm gleicht,

Ich ihn vermeiden kann. Wer ist's von diesen?

BORACHIO.

Wollt Ihr den sehn, der Euch gekränkt? Ich bin's.

LEONATO.

Bist du der Sklav', des Hauch getötet hat

Mein armes Kind?

BORACHIO.

Derselbe; ich allein.

LEONATO.

Nein, nicht so, Bube, du belogst dich selbst.

Hier steht ein Paar von ehrenwerten Männern,

Ein dritter floh, des Hand im Spiele war: –

Euch dank' ich, Prinzen, meiner Tochter Tod:

Den schreibt zu euern hohen, würd'gen Taten,

Denn herrlich war's vollbracht, bedenkt ihr's recht.

CLAUDIO.

Ich weiß nicht, wie ich Euch um Nachsicht bäte,

Doch reden muß ich. Wählt die Rache selbst,

Die schwerste Buß' erdenkt für meine Sünde,

Ich trage sie. Doch nur im Mißverstand

Lag meine Sünde!

DON PEDRO.

Und meine, das beschwör' ich.

Und doch, dem guten Greis genug zu tun,

Möcht' ich mich beugen unterm schwersten Joch,

Mit dem er mich belasten will.

LEONATO.

Befehlen kann ich nicht: »Erweckt mein Kind«,

Das wär' unmöglich. Doch ich bitt' euch beide,

Verkündet's unsrer Stadt Messina hier,

Wie schuldlos sie gestorben. Wenn Eu'r Lieben

In ernster Arbeit was ersinnen mag,

So hängt ein Epitaph an ihre Gruft,

Und singt es ihrer Asche, singt's heut nacht.

Auf morgen früh lad' ich Euch in mein Haus,

Und könnt Ihr jetzt mein Eidam nicht mehr werden,

So seid mein Neffe: Mein Bruder hat 'ne Tochter,

Beinah' ein Abbild meines toten Kindes,

Und sie ist einz'ge Erbin von uns beiden;

Der schenkt, was ihre Muhm' erhalten sollte,

Und so stirbt meine Rache.

CLAUDIO.

Edler Mann!

So übergroße Güt' entlockt mir Tränen.[628]

Mit Rührung nehm' ich's an: verfügt nun künftig

Nach Willkür mit dem armen Claudio.

LEONATO.

Auf morgen denn erwart' ich Euch bei mir,

Für heut gut' Nacht! Der Niederträchtige

Steh' im Verhör Margreten gegenüber,

Die, glaub' ich, auch zu dem Komplott gehörte,

Erkauft von Euerm Bruder.

BORACHIO.

Bei meiner Seele, nein, so war es nicht;

Sie sprach mit mir, nicht wissend, was sie tat;

Stets hab' ich treu und rechtlich sie gefunden

In allem, was ich je von ihr erfahren.

HOLZAPFEL. Anbei ist noch Meldung zu tun, gnädiger Herr, obgleich es freilich nicht Weiß auf Schwarz dasteht, daß dieser Requisit hier, dieser arme Sünder, mich einen Esel genannt hat. Ich muß bitten, daß das bei seiner Bestrafung in Anregung kommen möge. Und ferner hörte die Wache sie von einem Mißgestalt reden; er leiht Geld um Gottes willen und treibt's nun schon so lange, und gibt nichts wieder, daß die Leute anfangen, hartherzig zu werden, und nichts mehr um Gottes willen geben wollen. Seid von der Güte und verhört ihn auch über diesen Punkt!

LEONATO. Hab' Dank für deine Sorg' und brav Bemühn!

HOLZAPFEL. Eu'r Wohlgeboren reden wie ein recht ehrwürdiger und dankbarer junger Mensch, und ich preise Gott für Euch.

LEONATO. Da hast du für deine Mühe.

HOLZAPFEL. Gott segne dieses fromme Haus!

LEONATO. Geh, ich nehme dir deine Gefangenen ab und danke dir.

HOLZAPFEL. So resigniere ich Ew. Wohlgeboren einen infamen Spitzbuben, nebst untertänigster Bitte an Ew. Wohlgeboren, ein Exempel an sich zu statuieren, andern dergleichen zur Warnung. Gott behüte Ew. Wohlgeboren; ich wünsche Euch alles Gute; Gott geb' Euch gute Beßrung, ich erlaube Ew. Wohlgeboren, jetzt alleruntertänigst zu Hause zu gehn; und wenn ein fröhliches Wiedersehn zu den erwünschten Dingen gehört, so wolle Gott es in seiner Gnade verhüten! Kommt, Nachbar!


Gehn ab.[629]


LEONATO. Nun, bis auf morgen früh, ihr Herren, lebt wohl!

ANTONIO. Lebt wohl, ihr Herren, vergeßt uns nicht auf morgen!

DON PEDRO.

Wir fehlen nicht.

CLAUDIO.

Heut nacht wein' ich um Hero.


Don Pedro und Claudio ab.


LEONATO.

Schafft diese fort: Jetzt frag' ich Margareten,

Wie sie bekannt ward mit dem schlechten Menschen.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 620-630.
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