Erste Szene

[568] [Halle in Leonatos Hause.]


Leonato, Antonio, Hero und Beatrice treten auf.


LEONATO. War der Graf nicht zum Abendessen hier?

ANTONIO. Ich sah ihn nicht.

BEATRICE. Wie herbe dieser Mann aussieht! Ich kann ihn niemals ansehn, daß ich nicht eine volle Stunde Sodbrennen bekäme.

HERO. Er hat eine sehr melancholische Gemütsart.

BEATRICE. Das müßte ein vortrefflicher Mann sein, der grade das Mittel zwischen ihm und Benedikt hielte: der eine ist wie ein Bild und sagt gar nichts, und der andre wie meiner gnädigen Frau ältester Sohn und plappert immer fort.

LEONATO. Also die Hälfte von Signor Benedikts Zunge in Don Juans Mund, und die Hälfte von Don Juans Schwermut in Benedikts Gesicht. –

BEATRICE. Und dazu ein hübsches Bein und ein feiner Fuß, Onkel, und Geld genug in der Tasche, solch ein Mann müßte jedes Mädchen in der Welt erobern, wenn er's verstände, ihre Gunst zu gewinnen.

LEONATO. Auf mein Wort, Nichte, du wirst dir in deinem Leben keinen Mann gewinnen, wenn du eine so böse Zunge hast.

ANTONIO. Ja wahrhaftig, sie ist zu böse.

BEATRICE. Zu böse ist mehr als böse: auf die Weise entgeht mir eine Gabe Gottes, denn es heißt: »Gott gibt einer bösen Kuh kurze Hörner, aber einer zu bösen Kuh gibt er gar keine.«

LEONATO. Weil du also zu böse bist, wird Gott dir gar keine Hörner geben.[568]

BEATRICE. Richtig, wenn er mir keinen Mann gibt, und das ist ein Segen, um den ich jeden Morgen und jeden Abend auf den Knieen bitte. Himmel! wie sollte ich wohl einen Mann mit einem Bart im Gesicht aushalten: lieber schlief' ich auf Wolle.

LEONATO. Du kannst dir ja einen Mann aussuchen, der keinen Bart hat.

BEATRICE. Was sollte ich mit dem anfangen? Ihm meine Kleider anziehn und ihn zum Kammermädchen machen? Wer einen Bart hat, ist mehr als ein Jüngling, und wer keinen hat, weniger als ein Mann: wer mehr als ein Jüngling ist, taugt nicht für mich, und wer weniger als ein Mann ist, für den tauge ich nicht. Deshalb will ich lieber sechs Batzen Handgeld vom Bärenführer als Lohn nehmen und seine Affen zur Hölle führen.

LEONATO. Gut, geh also zur Hölle!

BEATRICE. Nein, nur an die Pforte. Da wird mir der Teufel entgegenkommen, mit Hörnern auf dem Kopf, wie ein alter Hahnrei, und sagen: »Mach' dich fort und geh zum Himmel, Beatrice, geh zum Himmel! Hier ist kein Platz für euch Mädchen«; darauf liefre ich ihm denn meine Affen ab, und nun flugs hinauf zu Sankt Peter am Himmelstor, der zeigt mir, wo die Junggesellen sitzen, und da leben wir so lustig, als der Tag lang ist.

ANTONIO zu Hero. Nun, liebe Nichte, ich hoffe doch, Ihr werdet Euch von Euerm Vater regieren lassen?

BEATRICE. Ei, das versteht sich. Es ist meiner Muhme Schuldigkeit, einen Knicks zu machen und zu sagen: »Wie es Euch gefällt, mein Vater.« Aber mit alle dem, liebes Mühmchen, muß es ein hübscher junger Mensch sein, sonst mach' einen zweiten Knicks und sage: »Wie es mir gefällt, mein Vater.« –

LEONATO. Nun, Nichte, ich hoffe noch den Tag zu erleben, wo du mit einem Manne versehn bist.

BEATRICE. Nicht ehe, bis der liebe Gott die Männer aus einem andern Stoff macht als aus Erde. Soll es ein armes Mädchen nicht verdrießen, sich von einem Stück gewaltigen Staubes meistern zu lassen? Einem nichtsnutzigen Lehmkloß Rechenschaft[569] von ihrem Tun und Lassen abzulegen? Nein, Onkel, ich nehme keinen. Adams Söhne sind meine Brüder, und im Ernst, ich halte es für eine Sünde, so nah in meine Verwandtschaft zu heiraten.

LEONATO. Tochter, denk' an das, was ich dir sagte. Wenn der Prinz auf eine solche Art um dich wirbt, so weißt du deine Antwort.

BEATRICE. Die Schuld wird an der Musik liegen, Muhme, wenn er nicht zur rechten Zeit um dich anhält. Wenn der Prinz zu ungestüm wird, so sag ihm, man müsse in jedem Dinge Maß halten; und so vertanze die Antwort. Denn siehst du, Hero, freien, heiraten und bereuen sind wie eine Courante, eine Menuett und eine Pavana: der erste Antrag ist heiß und rasch wie eine Courante, und eben so phantastisch: die Hochzeit manierlich, sittsam wie eine Menuett, voll altfränkischer Feierlichkeit; und dann kommt die Reue und fällt mit ihren lahmen Beinen in die Pavana immer schwerer und schwerer, bis sie in ihr Grab sinkt.

LEONATO. Muhme, du betrachtest alle Dinge sehr scharf und bitter.

BEATRICE. Ich habe gesegnete Augen, Oheim, ich kann eine Kirche bei hellem Tage sehn.

LEONATO. Da kommen die Masken; Bruder, mach' Platz!

Leonato, Beatrice, Antonio gehn ab.


Don Pedro kommt maskiert.


DON PEDRO. Gefällt es Euch, mein Fräulein, mit Eurem Freunde umher zu gehn?

HERO. Wenn Ihr langsam geht und freundlich ausseht und nichts sagt, so will ich Euch das Gehn zusagen; auf jeden Fall, wenn ich davon gehe.

DON PEDRO. Mit mir, in meiner Gesellschaft?

HERO. Das kann ich sagen, wenn mir's gefällt.

DON PEDRO. Und wenn gefällt's Euch, das zu sagen?

HERO. Wenn ich Euer Gesicht werde leiden mögen; denn es wäre ein Leiden, wenn die Laute dem Futteral gliche.

DON PEDRO. Meine Maske ist wie Philemons Dach, drinnen in der Hütte ist Jupiter.[570]

HERO. Auf die Weise müßte Eure Maske mit Stroh gedeckt sein.


Gehn vorbei.


Margareta und Balthasar maskiert.


MARGARETA. Redet leise, wenn Ihr von Liebe redet.

BALTHASAR. Nun, ich wollte, Ihr liebtet mich.

MARGARETA. Das wollte ich nicht, um Eurer selbst willen. Denn ich habe eine Menge schlimmer Eigenschaften.

BALTHASAR. Zum Beispiel?

MARGARETA. Ich bete laut.

BALTHASAR. Um so lieber seid Ihr mir: da können, die Euch hören, Amen sagen.

MARGARETA. Der Himmel verhelfe mir zu einem guten Tänzer!

BALTHASAR. Amen.

MARGARETA. Und schaffe mir ihn aus den Augen, sobald der Tanz aus ist! – Nun, Küster, antwortet!

BALTHASAR. Schon gut, der Küster hat seine Antwort.


Gehn vorbei.


Ursula und Antonio treten maskiert ein.


URSULA. Ich kenne Euch gar zu gut, Ihr seid Signor Antonio.

ANTONIO. Auf mein Wort, ich bin's nicht.

URSULA. Ich kenne Euch an Eurem wackelnden Kopf.

ANTONIO. Die Wahrheit zu sagen, das mache ich ihm nach.

URSULA. Ihr könntet ihn unmöglich so vortrefflich schlecht nachmachen, wenn Ihr nicht der Mann selber wär't. Hier ist ja seine trockne Hand ganz und gar; Ihr seid's, Ihr seid's.

ANTONIO. Auf mein Wort, ich bin's nicht.

URSULA. Geht mir doch! Denkt Ihr denn, ich kenne Euch nicht an Eurem lebhaften Witz? Kann sich Tugend verbergen? Ei, ei, Ihr seid's. Die Anmut läßt sich nicht verhüllen; und damit gut.


Gehn vorüber.


Benedikt und Beatrice maskiert.


BENEDIKT. Wollt Ihr mir nicht sagen, wer Euch das gesagt hat?

BEATRICE. Nein, das bitte ich mir aus.

BENEDIKT. Und wollt Ihr mir auch nicht sagen, wer Ihr seid?[571]

BEATRICE. Jetzt nicht.

BENEDIKT. Daß ich voller Hochmut sei – und daß ich meinen besten Witz aus den »Hundert lustigen Erzählungen« hernehme. –

BEATRICE. Nun seht, das sagte mir Signor Benedikt.

BENEDIKT. Wer ist das?

BEATRICE. Ich bin gewiß, Ihr kennt ihn mehr als zu viel.

BENEDIKT. Nein, gewiß nicht.

BEATRICE. Hat er Euch nie lachen gemacht?

BENEDIKT. Sagt mir doch, wer ist er denn?

BEATRICE. Nun, er ist des Prinzen Hofnarr: ein sehr schaler Spaßmacher, der nur das Talent hat, unmögliche Lästerungen zu ersinnen. Niemand findet Gefallen an ihm, als Wüstlinge, und was ihn diesen empfiehlt, ist nicht sein Witz, sondern seine Feigheit: denn er unterhält sie und ärgert sie zugleich, und dann lachen sie einmal über ihn, und ein andermal schlagen sie ihn. Ich weiß gewiß, er ist hier in diesem Geschwader: ich wollte, unsre Fahrzeuge begegneten sich.

BENEDIKT. Sollte ich diesen Kavalier finden, so will ich ihm erzählen, was Ihr von ihm sagt.

BEATRICE. Ja, ja, tut das immer! Er wird dann allenfalls ein paar Gleichnisse an mir zerbrechen, und wenn sich's etwa fügt, daß niemand drauf acht gibt oder drüber lacht, so verfällt er in Schwermut, und dann ist ein Rebhuhnflügel gerettet, denn der Narr wird den Abend gewiß nicht essen.


Musik drinnen.


Wir müssen den Anführern folgen.

BENEDIKT. In allem, was gut ist.

BEATRICE. Freilich, wenn sie zu etwas Bösem führen, so fall' ich bei der nächsten Tour von ihnen ab.


Beide ab.


Tanz drinnen. Es kommen Don Juan, Borachio, Claudio.


DON JUAN. Es ist richtig, mein Bruder ist in Hero verliebt und hat ihren Vater auf die Seite genommen, um ihm den Antrag zu machen: die Damen folgen ihr, und nur eine Maske bleibt zurück.[572]

BORACHIO. Und das ist Claudio, ich kenne ihn an seiner Haltung.

DON JUAN. Seid Ihr nicht Signor Benedikt?

CLAUDIO. Ihr habt's getroffen, ich bin's.

DON JUAN. Signor, Ihr steht sehr hoch in meines Bruders Freundschaft. Er ist in Hero verliebt: redet ihm das aus, ich bitte Euch. Sie ist ihm an Geburt nicht gleich; Ihr würdet darin als ein rechtschaffner Mann handeln.

CLAUDIO. Wie wißt Ihr's denn, daß er sie liebt? –

DON JUAN. Ich hörte ihn seine Zuneigung beteuern.

BORACHIO. Ich auch. Er schwur, er wolle sie noch diesen Abend heiraten.

DON JUAN. Kommt, wir wollen zum Bankett! –


Don Juan und Borachio ab.


CLAUDIO.

So gab ich Antwort ihm als Benedikt,

Doch Claudios Ohr vernahm die schlimme Zeitung.

Es ist gewiß, der Prinz warb für sich selbst;

Freundschaft hält stand in allen Dingen,

Nur in der Liebe Dienst und Werbung nicht.

Drum brauch' ein Liebender die eigne Zunge,

Es rede jeglich Auge für sich selbst,

Und keiner trau' dem Anwalt: Schönheit weiß

Durch Zauberkünste Treu' in Blut zu wandeln.

Das ist ein Fall, der stündlich zu erproben,

Und dem ich doch vertraut: Hero, fahr' hin!


Benedikt kommt wieder.


BENEDIKT. Graf Claudio?

CLAUDIO. Ja, der bin ich.

BENEDIKT. Kommt, wollt Ihr mit?

CLAUDIO. Wohin?

BENEDIKT. Nun, zum nächsten Weidenbaum, in Euren eignen Angelegenheiten, Graf. Auf welche Manier wollt Ihr Euern Kranz tragen: um den Hals, wie eines Wucherers Kette? oder unterm Arm, wie eines Hauptmanns Schärpe? Tragen müßt Ihr ihn, auf eine oder die andre Weise, denn der Prinz hat Eure Hero weggefangen.[573]

CLAUDIO. Viel Glück mit ihr!

BENEDIKT. Nun, das nenn' ich gesprochen wie ein ehrlicher Viehhändler: so endigt man einen Ochsenhandel. Aber hättet Ihr's wohl gedacht, daß der Prinz Euch einen solchen Streich spielen würde?

CLAUDIO. Ich bitte Euch, laßt mich!

BENEDIKT. Oho, Ihr seid ja wie der blinde Mann. Der Junge stahl Euch Euer Essen, und Ihr schlagt den Pfeiler.

CLAUDIO. Wenn Ihr denn nicht wollt, so gehe ich. Ab.

BENEDIKT. Ach, das arme angeschoßne Huhn! Jetzt wird sich's in die Binsen verkriechen. – Aber daß Fräulein Beatrice mich kennt, und doch auch nicht kennt ... Des Prinzen Hofnarr? Nun ja, das mag hingehn, ich komme zu diesem Titel, weil ich lustig bin. – Aber nein! tue ich mir denn nicht selbst Unrecht? Halten mich denn die Leute für so etwas? Ist's denn nicht die boshafte, bittre Gemütsart Beatricens, welche die Rolle der Welt übernimmt und mich ins Gerede bringen möchte? Gut, ich will mich rächen, wie ich kann.


Don Pedro, Hero und Leonato kommen.


DON PEDRO. Sagt, Signor, wo ist der Graf? Habt Ihr ihn nicht gesehn?

BENEDIKT. Wahrhaftig, gnädigster Herr, ich habe eben die Rolle der Frau Fama gespielt. Ich fand ihn hier so melancholisch, wie ein Jagdhaus im Forst: darauf erzählte ich ihm – und ich glaube, ich erzählte die Wahrheit –, Euer Gnaden habe die Zusage dieses jungen Fräuleins erhalten, und bot ihm meine Begleitung zum nächsten Weidenbaum an, entweder ihm einen Kranz zu flechten, weil man ihm untreu geworden, oder ihm eine Rute zu binden, weil er nichts Besseres verdiene als Streiche.

DON PEDRO. Streiche? Was hat er denn begangen?

BENEDIKT. Die alberne Sünde eines Schulknaben, der, voller Freuden über ein gefundenes Vogelnest, es seinem Kameraden zeigt, und dieser stiehlt's ihm weg.

DON PEDRO. Willst du denn das Zutrauen zur Sünde machen? Die Sünde ist beim Stehler.

BENEDIKT. Nun, es wäre doch nicht umsonst gewesen, wenn[574] wir die Rute gebunden hätten und den Kranz dazu; den Kranz hätte er selbst tragen können, und die Rute wäre für Euch gewesen, denn Ihr habt ihm, wie mir's vorkommt, sein Vogelnest gestohlen.

DON PEDRO. Ich will ihm seine Vögel nur singen lehren und sie dann dem Eigentümer wieder zustellen.

BENEDIKT. Wenn ihr Gesang zu Euren Worten stimmt, so war es bei meiner Treue ehrlich gesprochen.

DON PEDRO. Fräulein Beatrice hat einen Handel mit Euch; der Kavalier, mit dem sie tanzte, hat ihr gesagt, Ihr hättet sehr übel von ihr gesprochen.

BENEDIKT. Oh! Sie ist vielmehr mit mir umgegangen, daß kein Klotz es ausgehalten hätte; eine Eiche, an der nur noch ein einziges grünes Laub gewesen wäre, hätte ihr geantwortet: ja selbst meine Maske fing an lebendig zu werden und mit ihr zu zanken. Sie sagte mir, indem sie mich für einen andern hielt, ich sei des Prinzen Hofnarr; ich sei langweiliger als ein starkes Tauwetter; das ging, Schlag auf Schlag, mit einer so unglaublichen Geschwindigkeit, daß ich nicht anders da stand als ein Mann an einer Scheibe, nach welcher eine ganze Armee schießt. Sie spricht lauter Dolche, und jedes Wort durchbohrt; wenn ihr Atem so fürchterlich wäre als ihre Ausdrücke, so könnte niemand in ihrer Nähe leben, sie würde alles bis an den Nordpol vergiften. Ich möchte sie nicht heiraten, und bekäme sie alles zur Mitgift, was Adam vor dem Sündenfall besaß. Sie hätte den Herkules gezwungen, ihr den Braten zu wenden, ja, er hätte seine Keule spalten müssen, um das Feuer anzumachen. Nein, reden wir nicht von der; an der werdet Ihr die höllische Ate finden, nur in schmucken Kleidern. Wollte doch Gott, wir hätten einen Gelehrten, der sie beschwören könnte; denn wahrhaftig, solange sie hier ist, lebt sich's in der Hölle so ruhig als auf geweihter Stätte, und die Leute sündigen mit Fleiß, um nur hin zu kommen: so sehr folgen ihr alle Zwietracht, Grausen und Verwirrung.


Claudio und Beatrice kommen.


DON PEDRO. Seht, da kommt sie.[575]

BENEDIKT. Hat Eure Hoheit nicht eine Bestellung für mich an das Ende der Welt? Ich wäre jetzt bereit, um des geringsten Auftrags willen, der Euch in den Sinn käme, zu den Antipoden zu gehn. Ich wolle Euch vom äußersten Rande von Asien einen Zahnstocher holen; Euch das Maß vom Fuß des Priesters Johannes bringen; Euch ein Haar aus dem Bart des großen Chans holen, eine Gesandtschaft zu den Pygmäen übernehmen, – ehe ich nur drei Worte mit dieser Harpye wechseln sollte. Habt Ihr kein Geschäft für mich?

DON PEDRO. Keines, als daß ich um Eure angenehme Gesellschaft bitte.

BENEDIKT. O Himmel, mein Fürst, hier habt Ihr ein Gericht, das nicht für mich ist; ich kann diese gnädige Frau Zunge nicht vertragen. Ab.

DON PEDRO. Seht Ihr wohl, Fräulein, Ihr habt Signor Benedikts Herz verloren.

BEATRICE. Es ist wahr, gnädiger Herr, er hat es mir eine Zeitlang versetzt, und ich gab ihm seinen Zins dafür, ein doppeltes Herz für ein einfaches. Seitdem hatte er mir's aber mit falschen Würfeln wieder abgenommen, so daß Euer Gnaden wohl sagen mag, ich habe es verloren.

DON PEDRO. Ihr habt ihn daniedergestreckt, mein Fräulein, Ihr habt ihn niedergestreckt.

BEATRICE. Ich wollte nicht, daß er mir das täte, gnädiger Herr, ich möchte sonst Narren zu Kindern bekommen. Hier bringe ich Euch den Grafen Claudio, den Ihr mir zu suchen auftrugt.

DON PEDRO. Nun, wie steht's, Graf, warum seid Ihr so traurig?

CLAUDIO. Nicht traurig, mein Fürst.

DON PEDRO. Was denn? Krank?

CLAUDIO. Auch das nicht.

BEATRICE. Der Graf ist weder traurig, noch krank, noch lustig, noch wohl; aber höflich, Graf, höflich wie eine Apfelsine, und ein wenig von ebenso eifersüchtiger Farbe.

DON PEDRO. In Wahrheit, Fräulein, diese heraldische Auslegung trifft zu; obgleich ich schwören kann, daß, wenn dies der Fall ist, sein Argwohn im Irrtum sei. Sieh, Claudio, ich[576] warb in deinem Namen, und die schöne Hero ist gewonnen; ich hielt bei ihrem Vater an und habe seine Einwilligung erhalten. Bestimme jetzt deinen Hochzeitstag, und Gott schenke dir seinen Segen!

LEONATO. Graf, empfangt von mir meine Tochter und mit ihr mein Vermögen. Seine Gnaden haben die Heirat gemacht, und die ewige Gnade sage Amen dazu!

BEATRICE. Redet doch, Graf, das war eben Euer Stichwort.

CLAUDIO. Schweigen ist der beste Herold der Freude. Ich wäre nur wenig glücklich, wenn ich sagen könnte, wie sehr ich's bin. Fräulein, wie Ihr die Meine seid, bin ich nun der Eure; ich gebe mich selbst für Euch hin und schmachte nach der Auswechslung.

BEATRICE. Redet doch, Muhme, oder wenn Ihr nichts wißt, so schließt ihm den Mund mit einem Kuß und laßt ihn auch nicht zu Wort kommen.

DON PEDRO. In der Tat, mein Fräulein, Ihr habt ein fröhliches Herz.

BEATRICE. O ja, gnädiger Herr, ich weiß es ihm Dank, dem närrischen Dinge, es hält sich immer an der Windseite des Kummers. Meine Muhme sagt ihm da ins Ohr, er sei in ihrem Herzen.

CLAUDIO. Ja, das tut sie, Muhme.

BEATRICE. Lieber Gott, über das Heiraten! So kommt alle Welt unter die Haube, nur ich nicht, und mich brennt die Sonne braun; ich muß schon im Winkel sitzen und mit Ach! und Weh! nach einem Mann weinen.

DON PEDRO. Fräulein Beatrice, ich will Euch einen schaffen.

BEATRICE. Ich wollte, Euer Vater hätte diese Mühe übernommen. Haben Euer Gnaden nicht vielleicht einen Bruder, der Euch gleicht? Euer Vater verstand sich auf herrliche Ehemänner, wenn ein armes Mädchen nur dazu kommen könnte!

DON PEDRO. Wollt Ihr mich haben, mein Fräulein?

BEATRICE. Nein, mein Prinz, ich müßte denn einen andern daneben für die Werkeltage haben können. Eure Hoheit ist zu kostbar, um Euch für alle Tage zu tragen. – Aber ich bitte, verzeiht mir, mein Prinz; ich bin einmal dazu geboren, lauter Torheiten und nichts Ernsthaftes zu sprechen.[577]

DON PEDRO. Euer Schweigen verdrießt mich am meisten; nichts kleidet Euch besser als Munterkeit, denn Ihr seid ohne Frage in einer lustigen Stunde geboren.

BEATRICE. O nein, gnädigster Herr, denn meine Mutter weinte. Aber es tanzte eben ein Stern, und unter dem bin ich zur Welt gekommen. Glück zu, Vetter und Muhme! –

LEONATO. Nichte, wollt Ihr das besorgen, wovon ich Euch sagte?

BEATRICE. Oh, ich bitte tausendmal um Vergebung, Oheim; mit Eurer Hoheit Erlaubnis. Ab.

DON PEDRO. Wahrhaftig, ein angenehmes, muntres Mädchen! –

LEONATO. Melancholisches Element hat sie nicht viel, gnädiger Herr. Sie ist nie ernsthaft, als wenn sie schläft: und auch dann ist sie's nicht immer. Denn, wie meine Tochter mir erzählt, träumt ihr zuweilen tolles Zeug, und vom Lachen wacht sie auf.

DON PEDRO. Sie kann's nicht leiden, daß man ihr von einem Manne sagt.

LEONATO. Oh, um alles in der Welt nicht; sie spottet alle ihre Freiwerber von sich weg.

DON PEDRO. Das wäre eine vortreffliche Frau für Benedikt! –

LEONATO. Oh, behüte Gott, mein Fürst; wenn die eine Woche verheiratet wären, sie hätten einander toll geschwatzt.

DON PEDRO. Graf Claudio, wann gedenkt Ihr Eure Braut zur Kirche zu führen?

CLAUDIO. Morgen, gnädiger Herr. Die Zeit geht auf Krücken, bis die Liebe im Besitz aller ihrer Rechte ist.

LEONATO. Nicht vor dem nächsten Montag, mein lieber Sohn, welches gerade heute über acht Tage wäre; und auch das ist noch immer eine zu kurze Zeit, um alles nach meinem Sinn zu veranstalten.

DON PEDRO. Ich sehe, Ihr schüttelt den Kopf über einen so langen Aufschub, aber ich verspreche dir's, Claudio, diese Woche soll uns nicht langweilig werden. Ich will während dieser Zwischenzeit eine von Herkules' Arbeiten vollbringen, und zwar die, den Signor Benedikt und das Fräulein Beatrice sterblich ineinander verliebt zu machen. Ich sähe die beiden gar zu gern als ein Paar, und zweifle nicht, damit[578] zustande zu kommen, wenn ihr drei mir solchen Beistand versprechen wollt, wie ich's jedem von euch anweisen werde.

LEONATO. Ich bin zu Euren Diensten, mein Fürst, und sollte mich's zehn schlaflose Nächte kosten.

CLAUDIO. Ich auch, gnädiger Herr.

DON PEDRO. Und Ihr auch, schöne Hero?

HERO. Ich will alles tun, was nicht unziemlich ist, um meiner Muhme zu einem guten Mann zu verhelfen.

DON PEDRO. Und Benedikt ist noch keiner von den hoffnungslosesten Ehemännern, die ich kenne. So viel kann ich von ihm rühmen: er ist von edler Geburt, von erprobter Tapferkeit und bewährter Rechtschaffenheit. Ich will Euch lehren, wie Ihr Eure Muhme stimmen sollt, daß sie sich in Benedikt verliebe: und ich werde mit eurer beider Hülfe Benedikt so bearbeiten, daß er trotz seinem schnellen Witz und seinem verwöhnten Gaumen in Beatricen verliebt werden soll. Wenn wir das zustande bringen, so ist Cupido kein Bogenschütze mehr; sein Ruhm wird uns zu teil werden, denn dann sind wir die einzigen wahren Liebesgötter. Kommt mit mir hinein, ich will euch meinen Plan sagen. Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 568-579.
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