Fünfte Szene

[738] Ein Zimmer in Olivias Hause.


Maria und der Narr treten auf.


MARIA. Nun sage mir, wo du gewesen bist, oder ich will meinen Mund nicht so weit auftun, daß ein Strohhalm hineingeht, um dich zu entschuldigen; mein Fräulein wird dich für dein Ausbleiben aufhängen lassen.

NARR. Meinetwegen: wer in dieser Welt tüchtig aufgehängt ist, braucht der Trommel nicht zu folgen.

MARIA. Warum nicht?

NARR. Er kann überhaupt nicht viel spazieren gehn.

MARIA. Eine gute hausbackne Antwort. Ich kann dir auch sagen, wo sich die Redensart herschreibt, der Trommel folgen.

NARR. Woher, liebe Jungfer Maria?

MARIA. Aus dem Kriege, und das kannst du in deiner Narrheit nur kecklich nachsagen.[738]

NARR. Gut, Gott verleihe denen Weisheit, die welche haben; und die, so Narren sind, laßt sie mit ihren Gaben wuchern!

MARIA. Ihr werdet doch aufgehängt, weil Ihr so lange ausgeblieben seid, oder weggejagt: und ist das für Euch nicht ebenso gut als hängen?

NARR. Gut gehängt ist besser als schlecht verheiratet, und das Wegjagen kümmert mich nicht, solange es Sommer ist.

MARIA. Ihr seid also kurz angebunden?

NARR. Das just nicht, aber ich halte es mit einer doppelten Schnur.

MARIA. Damit, wenn die eine reißt, die andre noch hält: wenn aber beide reißen, so fallen Eure Pumphosen herunter.

NARR. Geschickt, meiner Treu! recht geschickt! Nun, nur zu! Wenn Junker Tobias das Trinken lassen wollte, so wärst du so eine witzige Tochter Evas wie eine in ganz Illyrien.

MARIA. Stille, Schelm! Nichts weiter davon! Ihr tätet wohl, wenn Ihr Euch vernünftig entschuldigtet. Ab.


Olivia und Malvolio treten auf.


NARR. Witz, so es dein Wille ist, so hilf mir zu einer guten Posse! Die witzigen Leute, die dich zu haben glauben, werden oft zu Narren; und ich, der ich gewiß weiß, daß du mir fehlst, kann für einen weisen Mann gelten. Denn was sagt Quinapalus? Besser ein weiser Tor, als ein törichter Weiser. Gott grüß' Euch, Fräulein!

OLIVIA. Schafft das Narrengesicht weg!

NARR. Hört Ihr nicht, Leute? Schafft das Fräulein weg!

OLIVIA. Geht, Ihr seid ein trockner Narr; ich will nichts mehr von Euch wissen. Überdies fangt Ihr an, Euch schlecht aufzuführen.

NARR. Zwei Fehler, Madonna, denen Getränk und guter Rat abhelfen können. Denn gebt dem trocknen Narren zu trinken, so ist der Narr nicht mehr trocken. Ratet dem schlechten Menschen, sich zu bessern: wenn er sich bessert, so ist er kein schlechter Mensch mehr; kann er nicht, so mag ihn der Schneider flicken. Denn alles, was ausgebessert wird, ist doch nur geflickt. Tugend, die sich vergeht, ist nur mit Sünde geflickt; Sünde, die sich bessert, ist nur mit Tugend[739] geflickt. Reicht dieser einfältige Schluß hin: gut! Wo nicht: was ist zu machen? Wie es keinen wahren Hahnrei gibt, außer das Unglück, so ist die Schönheit eine Blume. – Das Fräulein wollte das Narrengesicht weggeschafft haben, darum sage ich noch einmal: Schafft das Fräulein weg!

OLIVIA. Guter Freund, ich wollte Euch weggeschafft haben.

NARR. Ein ganz gewaltiger Mißgriff! – Fräulein, cucullus non facit monachum; das will soviel sagen: mein Gehirn ist nicht so buntscheckig wie mein Rock. Gute Madonna, erlaubt mir, Eure Narrheit zu beweisen!

OLIVIA. Könnt Ihr's?

NARR. Gar füglich, liebe Madonna.

OLIVIA. Führt den Beweis!

NARR. Ich muß Euch dazu katechisieren, Madonna: antwortet mir!

OLIVIA. Ich bin's zufrieden; aus Mangel an anderm Zeitvertreibe will ich Euern Beweis anhören.

NARR. Gute Madonna, warum trauerst du?

OLIVIA. Guter Narr, um meines Bruders Tod.

NARR. Ich glaube, seine Seele ist in der Hölle, Madonna.

OLIVIA. Ich weiß, seine Seele ist im Himmel, Narr.

NARR. Desto größer ist Eure Narrheit, darüber zu trauren, daß Eures Bruders Seele im Himmel ist. – Schafft das Narrengesicht weg, Leute!

OLIVIA. Was denkt Ihr von diesem Narren, Malvolio? Wird er nicht besser?

MALVOLIO. Ja wohl, und wird damit fortfahren, bis er in den letzten Zügen liegt. Die Schwachheit des Alters, die den vernünftigen Mann herunterbringt, macht den Narren immer besser.

NARR. Gott beschere Euch frühzeitige Schwachheit, damit Eure Narrheit desto besser zunehme! Junker Tobias wird darauf schwören, daß ich kein Fuchs bin, aber er wird nicht einen Dreier darauf verwetten, daß Ihr kein Narr seid.

OLIVIA. Was sagt Ihr dazu, Malvolio?

MALVOLIO. Ich wundre mich, wie Euer Gnaden an solch einem ungesalznen Schuft Gefallen finden können. Ich sah ihn neulich[740] von einem gewöhnlichen Narren, der nicht mehr Gehirn hat wie ein Haubenstock, aus dem Sattel gehoben. Seht nur, er ist schon aus seiner Fassung: wenn Ihr nicht lacht, und ihm die Gelegenheit zutragt, so ist ihm der Mund zugenäht. Auf meine Ehre, ich halte die vernünftigen Leute, die über diese bestallten Narren so vor Freuden krähen, für nichts besser als für die Hanswurste der Narren.

OLIVIA. Oh, Ihr krankt an der Eigenliebe, Malvolio, und kostet mit einem verdorbnen Geschmack. Wer edelmütig, schuldlos und von freier Gesinnung ist, nimmt diese Dinge für Vögelbolzen, die Ihr als Kanonenkugeln anseht. Ein privilegierter Narr verleumdet nicht, wenn er auch nichts tut als verspotten; so wie ein Mann, der als verständig bekannt ist, nicht verspottet, wenn er auch nichts tut als tadeln.

NARR. Nun, Merkur verleihe dir die Gabe des Aufschneidens, weil du so gut von den Narren sprichst!


Maria kommt.


MARIA. Mein Fräulein, vor der Tür ist ein junger Herr, der sehr mit Euch zu sprechen wünscht.

OLIVIA. Vom Grafen Orsino, nicht wahr?

MARIA. Ich weiß nicht, mein Fräulein; es ist ein hübscher junger Mann mit einer stattlichen Begleitung.

OLIVIA. Wer von meinen Leuten hält ihn auf?

MARIA. Junker Tobias, Euer Vetter.

OLIVIA. Sucht den doch da wegzubringen, er spricht ja immer wie ein toller Mensch. Pfui doch! –


Maria ab.


Geht Ihr, Malvolio: Wenn es ein Gesuch vom Grafen ist, so bin ich krank oder nicht zu Hause, – was Ihr wollt, um es los zu werden.


Malvolio ab.


Ihr seht nun, wie Eure Possen versauern und die Leute sie nicht mehr mögen.

NARR. Du hast für uns geredet, Madonna, als wenn dein ältester Sohn ein Narr werden sollte, dessen Schädel die Götter[741] mit Gehirn vollstopfen mögen; denn hier kommt einer von deiner Sippschaft, der eine sehr schwache pia mater hat.


Junker Tobias tritt auf.


OLIVIA. Auf meine Ehre, halb betrunken. – Wer ist vor der Tür, Vetter?

JUNKER TOBIAS. Ein Herr.

OLIVIA. Ein Herr? Was für ein Herr?

JUNKER TOBIAS. 's ist ein Herr da. – Es stößt ihm auf. Hol' der Henker die Heringe! – Was machst du, Pinsel?

NARR. Bester Junker Tobias –

OLIVIA. Vetter, Vetter! wie kommt Ihr schon so früh in diesen widerlichen Zustand?

JUNKER TOBIAS. Liederlichen? Schade was fürs Liederliche! – Es ist jemand vor der Tür.

OLIVIA. Nun gut, wer ist es?

JUNKER TOBIAS. Meinetwegen der Teufel, wenn er Lust hat: was kümmert's mich? Glaubt mir, sag' ich Euch. – Nun, es kommt alles auf eins heraus. Ab.

OLIVIA. Womit ist ein Betrunkener zu vergleichen?

NARR. Mit einem Ertrunkenen, einem Narren und einem Tollen. Der erste Trunk über den Durst macht ihn zum Narren, der zweite toll, und der dritte ersäuft ihn.

OLIVIA. Geh, hol' den Totenbeschauer, und laß ihn meinen Vetter in Augenschein nehmen, denn er ist im dritten Grade der Trunkenheit; er ist ertrunken. Geh, gib acht auf ihn!

NARR. Bis jetzt ist er nur noch toll, Madonna; und der Narr wird auf den Tollen acht geben. Ab.


Malvolio kommt zurück.


MALVOLIO. Gnädiges Fräulein, der junge Mensch draußen beteuert, daß er mit Euch sprechen will. Ich sagte ihm, Ihr wäret krank: er behauptet, davon habe er schon gehört, und daher komme er, um mit Euch zu sprechen. Ich sagte ihm, Ihr schliefet: er scheint auch das voraus gewußt zu haben, und kommt daher, um mit Euch zu sprechen. Was soll man ihm sagen, gnädiges Fräulein? Er ist gegen jede Ausflucht gewaffnet.[742]

OLIVIA. Sagt ihm, daß er mich nicht sprechen soll.

MALVOLIO. Das habe ich ihm schon gesagt; aber er versichert, er wolle wie ein Schilderhaus Tag und Nacht vor Eurer Tür stehn, bis Ihr ihn vorlaßt.

OLIVIA. Was für eine Art von Menschen ist es?

MALVOLIO. Von einer sehr unartigen Art: er will mit Euch sprechen, Ihr mögt wollen oder nicht.

OLIVIA. Wie ist sein Äußerliches und seine Jahre?

MALVOLIO. Noch nicht alt genug für einen Mann, und nicht jung genug für einen Knaben: er ist weder recht Fisch noch Fleisch, so eben auf der Grenze zwischen Mann und Knaben. Er hat ein artiges Gesicht und spricht sehr naseweis; er sieht aus wie ein rechtes Muttersöhnchen.

OLIVIA. Laßt ihn herein: doch ruft mein Kammermädchen!

MALVOLIO. Kammermädchen, das Fräulein ruft. Ab.


Maria kommt zurück.

OLIVIA. Gib mir den Schleier! Komm, wirf mir ihn über! Ich will noch 'mal Orsinos Botschaft hören.


Viola tritt auf.


VIOLA. Wer ist die Dame vom Hause?

OLIVIA. Wendet Euch an mich, ich will für sie antworten. Was beliebt Euch?

VIOLA. Allerstrahlendste, auserlesene und unvergleichliche Schönheit! – Ich bitte Euch, sagt mir, wer die Dame vom Hause ist, denn ich sah sie noch nie. Ich möchte nicht gern meine Rede verkehrt anbringen, denn außerdem, daß sie meisterhaft abgefaßt ist, habe ich mir viele Mühe gegeben, sie auswendig zu lernen. Meine Schönen, habt mich nicht zum besten: ich bin erstaunlich empfindlich, selbst gegen die geringste üble Begegnung.

OLIVIA. Woher kommt Ihr, mein Herr?

VIOLA. Ich kann wenig mehr sagen, als ich studiert habe, und diese Frage steht nicht in meiner Rolle. Liebes Kind, gebt mir eine ordentliche Versicherung, ob Ihr die Dame vom Hause seid, damit ich in meiner Rede fortfahren kann.

OLIVIA. Seid Ihr ein Schauspieler?[743]

VIOLA. Nein, mein verschwiegnes Herz! Und doch schwöre ich Euch bei allen Schlingen der Arglist, ich bin nicht, was ich spiele. Seid Ihr die Dame vom Hause?

OLIVIA. Wenn ich mir nicht zu viel über mich selbst anmaße, so bin ich es.

VIOLA. Gewiß, wenn Ihr es seid, so maßt Ihr Euch zu viel über Euch selbst an: denn was Euer ist, es zu gewähren, ist nicht Euer, um es zu verweigern. Doch dies gehört nicht mit zu meinem Auftrage: ich will in meiner Rede zu Euerm Lobe fortfahren, und Euch dann den Kern meiner Botschaft darreichen.

OLIVIA. Kommt auf das Wesentliche: ich erlasse Euch das Lob.

VIOLA. Ach! ich habe mir so viel Mühe gegeben, es auswendig zu lernen, und es ist poetisch.

OLIVIA. Um so eher mag es erdichtet sein; ich bitte Euch, behaltet es für Euch! Ich hörte, Ihr hättet Euch vor meiner Tür unartig aufgeführt, und erlaubte Euch den Zutritt, mehr um mich über Euch zu verwundern, als um Euch anzuhören. Wenn Ihr nicht unklug seid, so geht; wenn Ihr Vernunft habt, seid kurz; es ist bei mir nicht das Wetter darnach, in einem so grillenhaften Gespräch eine Person abzugeben.

MARIA. Wollt Ihr unter Segel gehn, Herr? Hier geht Euer Weg hin.

VIOLA. Nein, guter Schiffsjunge; ich will hier noch ein wenig länger herumkreuzen. – Macht doch Euern Riesen da ein wenig zahm, mein schönes Fräulein!

OLIVIA. Sagt, was Ihr wollt!

VIOLA. Ich bin ein Botschafter.

OLIVIA. Gewiß, Ihr müßt etwas Entsetzliches anzubringen haben, da Ihr so furchtbare Zeremonien dabei macht. Sagt Euern Auftrag!

VIOLA. Er ist nur für Euer Ohr bestimmt. Ich bringe keine Kriegserklärung, fodre keine Huldigung ein; ich halte den Ölzweig in meiner Hand, und rede nichts als Worte des Friedens.

OLIVIA. Doch begannt Ihr ungestüm. Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?[744]

VIOLA. Den Ungestüm, den ich blicken ließ, lernte ich von meiner Aufnahme. Was ich bin, und was ich will, ist so geheim wie jungfräuliche Reize; für Euer Ohr Offenbarung, für jedes andre Entweihung.

OLIVIA. Laß uns das Feld allein!


Maria ab.


Wir wollen diese Offenbarung vernehmen. Nun, Herr, wie lautet Euer Text?

VIOLA. Schönstes Fräulein –

OLIVIA. Eine tröstliche Lehre, und läßt sich viel darüber sagen. Wo steht Euer Text?

VIOLA. In Orsinos Brust.

OLIVIA. In seiner Brust? In welchem Kapitel seiner Brust?

VIOLA. Um methodisch zu antworten, im ersten seines Herzens.

OLIVIA. Oh, ich hab' es gelesen: es ist Ketzerei. Habt Ihr weiter nichts zu sagen?

VIOLA. Liebes Fräulein, laßt mich Euer Gesicht sehn!

OLIVIA. Habt Ihr irgendeinen Auftrag von Eurem Herrn, mit meinem Gesicht zu verhandeln? Jetzt seid Ihr aus dem Text gekommen. Doch will ich den Vorhang wegziehn, und Euch das Gemälde weisen. Sie entschleiert sich. Seht, Herr, so sah ich in diesem Augenblick aus. Ist die Arbeit nicht gut?

VIOLA. Vortrefflich, wenn sie Gott allein gemacht hat.

OLIVIA. Es ist echte Farbe, Herr; es hält Wind und Wetter aus.

VIOLA.

's ist reine Schönheit, deren Rot und Weiß

Natur mit zarter, schlauer Hand verschmelzte:

Fräulein, Ihr seid die Grausamste, die lebt,

Wenn Ihr zum Grabe diese Reize tragt,

Und laßt der Welt kein Abbild.

OLIVIA. O Herr, ich will nicht so hartherzig sein: ich will Verzeichnisse von meiner Schönheit ausgehn lassen; es wird ein Inventarium davon gemacht, und jedes Teilchen und Stückchen meinem Testamente angehängt: als item, zwei leidlich rote Lippen; item, zwei blaue Augen nebst Augenlidern dazu; item, ein Hals, ein Kinn und so weiter. Seid Ihr hieher geschickt, um mich zu taxieren?

VIOLA.

Ich seh' Euch, wie Ihr seid: Ihr seid zu stolz;[745]

Doch wärt Ihr auch der Teufel, Ihr seid schön.

Mein Herr und Meister liebt Euch: solche Liebe

Kann nur vergolten werden, würdet Ihr

Als Schönheit ohnegleichen auch gekrönt.

OLIVIA.

Wie liebt er mich?

VIOLA.

Mit Tränenflut der Anbetung, mit Stöhnen,

Das Liebe donnert, und mit Flammenseufzern.

OLIVIA.

Er kennt mich, daß ich ihn nicht lieben kann.

Doch halt' ich ihn für tugendhaft, ich weiß,

Daß er von edlem Stamm, von großen Gütern,

In frischer, fleckenloser Jugend blüht;

Geehrt vom Ruf, gelehrt, freigebig, tapfer,

Und von Gestalt und Gaben der Natur

Ein feiner Mann; doch kann ich ihn nicht lieben.

Er konnte längst sich den Bescheid erteilen.

VIOLA.

O liebt' ich Euch mit meines Herren Glut,

Mit solcher Pein, so todesgleichem Leben,

Ich fänd' in Euerm Weigern keinen Sinn,

Ich würd' es nicht verstehn.

OLIVIA.

Nun wohl, was tätet Ihr?

VIOLA.

Ich baut' an Eurer Tür ein Weidenhüttchen,

Und riefe meiner Seel' im Hause zu,

Schrieb' fromme Lieder der verschmähten Liebe,

Und sänge laut sie durch die stille Nacht,

Ließ' Euern Namen an die Hügel hallen,

Daß die vertraute Schwätzerin der Luft

»Olivia!« schrie! Oh, Ihr solltet mir

Nicht Ruh' genießen zwischen Erd' und Himmel,

Bevor Ihr Euch erbarmt!

OLIVIA.

Wer weiß, wie weit

Ihr's bringen könntet! Wie ist Eure Herkunft?

VIOLA.

Obschon mir's wohl geht, über meine Lage:

Ich bin ein Edelmann.

OLIVIA.

Geht nur zu Eurem Herrn:

Ich lieb' ihn nicht: laßt ihn nicht weiter schicken,

Wo Ihr nicht etwa wieder zu mir kommt,

Um mir zu melden, wie er's nimmt. Lebt wohl!

Habt Dank für Eure Müh'! Denkt mein hiebei![746]

VIOLA.

Steckt Euern Beutel ein, ich bin kein Bote;

Mein Herr bedarf Vergeltung, nicht ich selbst.

Die Liebe härte dessen Herz zu Stein,

Den Ihr einst liebt, und der Verachtung nur

Sei Eure Glut, wie meines Herrn, geweiht!

Gehabt Euch wohl dann, schöne Grausamkeit!


Ab.


OLIVIA.

Wie ist Eure Herkunft?

»Obschon mir's wohl geht, über meine Lage:

Ich bin ein Edelmann.« – Ich schwöre drauf;

Dein Antlitz, deine Zunge, die Gebärden,

Gestalt und Mut, sind dir ein fünffach Wappen.

Doch nicht zu hastig! nur gemach, gemach!

Der Diener müßte denn der Herr sein. – Wie?

Weht Ansteckung so gar geschwind uns an?

Mich deucht, ich fühle dieses Jünglings Gaben

Mit unsichtbarer, leiser Überraschung

Sich in mein Auge schleichen. – Wohl, es sei!

Heda, Malvolio!


Malvolio kommt.


MALVOLIO.

Hier, Fräulein; zu Befehl.

OLIVIA.

Lauft diesem eigensinn'gen Abgesandten

Des Grafen nach; er ließ hier diesen Ring,

Was ich auch tat: sagt ihm, ich wollt' ihn nicht.

Nicht schmeicheln soll er seinem Herrn, noch ihn

Mit Hoffnung täuschen; nimmer werd' ich sein.

Wenn etwa morgen hier der junge Mensch

Vorsprechen will, soll er den Grund erfahren.

Mach' fort, Malvolio!

MALVOLIO.

Das will ich, Fräulein.


Ab.


OLIVIA.

Ich tu', ich weiß nicht was: wofern nur nicht

Mein Auge mein Gemüt zu sehr besticht.

Nun walte, Schicksal! Niemand ist sein eigen;

Was sein soll, muß geschehn: so mag sich's zeigen!


Ab.[747]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 738-748.
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