Zweite Szene

[791] Ein Zimmer in Olivias Hause. Maria und der Narr treten auf.


MARIA. Nun, sei so gut und leg' diesen Mantel und Kragen an; mach' ihm weis, du seist Ehrn Matthias der Pfarrer. Mach' geschwind, ich will unterdessen den Junker rufen. Ab.

NARR. Ich will ihn anziehn, und mich darin verstellen, und ich wollte, ich wäre der erste, der sich in solch einem Mantel verstellt hätte. Ich bin nicht groß genug, um mich in der Amtsverrichtung gut auszunehmen, und nicht mager genug, um für einen Studierten zu gelten. Aber ein ehrlicher Mann und guter Haushälter zu heißen, klingt eben so gut als ein bedächtiger Mann und großer Gelahrter. – Da kommen meine Kollegen schon.


Junker Tobias und Maria kommen.


JUNKER TOBIAS. Gott segne Euch, Herr Pfarrer!

NARR. Bonos dies, Junker Tobias! Denn wie der alte Klausner von Prag, der weder lesen noch schreiben konnte, sehr sinnreich zu einer Nichte des Königs Gorboduk sagte, das, was ist, ist: so auch ich, maßen ich der Herr Pfarrer bin, bin ich der Herr Pfarrer. Denn was ist das als das, und ist als ist?

JUNKER TOBIAS. Redet ihn an, Ehrn Matthias![791]

NARR. He, niemand hier? – Friede sei in diesem Gefängnis!

JUNKER TOBIAS. Der Schelm macht gut nach; ein braver Schelm!

MALVOLIO in einem innern Zimmer. Wer ruft da?

NARR. Ehrn Matthias der Pfarrer, welcher kommt, um Malvolio den Besessenen zu besuchen.

MALVOLIO. Herr Pfarrer, Herr Pfarrer! lieber Herr Pfarrer! Geht zu meinem Fräulein –

NARR. Hebe dich weg, du ruhmrediger böser Geist! Wie plagest du diesen Mann? Redest du von nichts denn von Fräulein?

JUNKER TOBIAS. Wohl gesprochen, Ehrn Matthias.

MALVOLIO. Herr Pfarrer, niemals hat man einem ärger mitgespielt; lieber Herr Pfarrer, glaubt nicht, daß ich unklug bin; sie haben mich in schreckliche Finsternis eingesperrt.

NARR. Pfui, du unsaubrer Satan! Ich nenne dich bei dem mildesten Namen, denn ich bin eins von den sanften Gemütern, die dem Teufel selbst mit Höflichkeit begegnen. Sagest du, diese Behausung sei finster?

MALVOLIO. Wie die Hölle, Herr Pfarrer.

NARR. Ei, sie hat ja Luken, die so durchsichtig wie Fensterladen sind, und die hellen Steine von Südnorden strahlen wie Ebenholz: und dennoch beklagest du dich über Verfinsterung?

MALVOLIO. Ich bin nicht unklug, Herr Pfarrer; ich sage Euch, diese Behausung ist finster.

NARR. Wahnsinniger, du irrest. Ich sage dir aber, es gibt keine andre Finsternis als Unwissenheit, worein du mehr verstrickt bist, als die Ägyptier in ihrem Nebel.

MALVOLIO. Ich sage, diese Behausung ist finster wie die Unwissenheit, wäre die Unwissenheit auch so finster wie die Hölle; und ich sage, man hat niemals einem so übel mitgespielt. Ich bin ebenso wenig unklug als Ihr; legt mir nur ordentliche Fragen vor, um mich zu prüfen!

NARR. Was ist des Pythagoras Lehre, wildes Geflügel anlangend?

MALVOLIO. Daß die Seele unsrer Großmutter vielleicht in einem Vogel wohnen kann.

NARR. Was achtest du von seiner Lehre?[792]

MALVOLIO. Ich denke würdig von der Seele, und billige seine Lehre keineswegs.

NARR. Gehab' dich wohl! Verharre du immer in Finsternis! Ehe ich dir deinen gesunden Verstand zugestehe, sollst du die Lehre des Pythagoras bekennen und dich fürchten, eine Schnepfe umzubringen, auf daß du nicht etwa die Seele deiner Großmutter verjagen mögest. Gehab' dich wohl!

MALVOLIO. Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!

JUNKER TOBIAS. Mein allerliebster Ehrn Matthias!

NARR. Nicht wahr, mir sind alle Röcke gerecht?

MARIA. Du hättest dies ohne Mantel und Kragen verrichten können, er sieht dich nicht.

JUNKER TOBIAS. Nun rede ihn mit deiner eignen Stimme an, und melde mir, wie du ihn findest: ich wollte, wir wären diese Schelmerei auf eine gute Art los. Wenn man ihn schicklich freilassen kann, so möchte es nur geschehn; denn ich stehe jetzt so übel mit meiner Nichte, daß ich den Spaß nicht mit Sicherheit bis zum Beschlusse forttreiben kann. Komm dann gleich auf mein Zimmer!


Junker Tobias und Maria ab.


NARR singt.

Heisa, Hänschen! liebes Hänschen!

Sag mir, was dein Mädchen macht!

MALVOLIO.

Narr! –

NARR singt.

Ach, sie ist mir bitter feind!

MALVOLIO.

Narr! –

NARR singt.

Und weswegen denn, mein Freund?

MALVOLIO.

Narr, sage ich!

NARR singt.

Weil sie einen andern liebt. –

Wer ruft da? he?

MALVOLIO. Lieber Narr, wo du dich jemals um mich verdient machen willst, hilf mir zu einem Lichte, zu Feder, Tinte und Papier! So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich will dir noch einmal dankbar dafür sein.

NARR. Der Herr Malvolio? –

MALVOLIO. Ja, lieber Narr.

NARR. Ach, Herr, wie seid Ihr doch um Eure fünf Sinne gekommen?[793]

MALVOLIO. Niemals hat man einem so abscheulich mitgespielt. Ich bin ebenso gut bei Sinnen wie du, Narr.

NARR. Nur ebenso gut? So seid Ihr wahrhaftig unklug, wenn Ihr nicht besser bei Sinnen seid als ein Narr.

MALVOLIO. Sie haben mich hier eingesperrt, halten mich im Finstern, schicken Geistliche zu mir, Eselsköpfe, und tun alles, was sie können, um mich aus meinen Sinnen herauszuhetzen.

NARR. Bedenkt, was Ihr sagt: der Geistliche ist hier. – »Malvolio, Malvolio, deinen Verstand stelle der Himmel wieder her! Bringe dich zum Schlafen! und laß ab von deinem eiteln Geplapper!«

MALVOLIO. Herr Pfarrer –

NARR. »Führe kein Gespräch mit ihm, mein guter Freund!« – Wer? ich, Herr? Nein, gewiß nicht. Gott geleite Euch, Herr Pfarrer! – »Amen, sage ich.« – Gut, das will ich tun.

MALVOLIO. Narr, Narr, Narr, sage ich –

NARR. Ach, lieber Herr, seid ruhig! Was sagt Ihr? Ich werde ausgeschmält, weil ich mit Euch rede.

MALVOLIO. Lieber Narr, verhilf mir zu einem bißchen Licht und Papier! Ich sage dir, ich bin so gut bei Verstande als irgendeiner in Illyrien.

NARR. Du meine Zeit! wenn das doch wahr wäre!

MALVOLIO. Auf mein Wort, ich bin's. Lieber Narr, schaff' mir Tinte, Papier und Licht, und überbringe dem Fräulein, was ich aufsetzen will: es soll dir auch den besten Briefträgerlohn einbringen.

NARR. Ich will Euch dazu verhelfen, aber sagt mir aufrichtig: seid Ihr wirklich nicht unklug, oder tut Ihr nur so?

MALVOLIO. Glaub' mir, ich sage dir die Wahrheit.

NARR. Ei, ich will einem unklugen Menschen niemals trauen, bis ich sein Gehirn sehe. Ich will Euch Licht, Papier und Tinte holen.

MALVOLIO. Narr, ich will dich aufs beste dafür belohnen. Ich bitte dich, geh!

NARR singt.

Ich bin fort, Herr,

Und aufs Wort, Herr,

Ich bin gleich wieder da.[794]

Daran hegt keinen Zweifel,

Denn ich trotze dem Teufel

Und seiner Frau Großmama.


Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 791-795.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Was ihr wollt
Was ihr wollt: Komödie
Twelfth Night/ Was ihr wollt [Zweisprachig]
Was ihr wollt, Englisch-Deutsch
Was ihr wollt: Zweisprachige Ausgabe
Was ihr wollt (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon