Dritte Szene

[750] Ein Zimmer in Olivias Hause.


Junker Tobias und Junker Christoph.


JUNKER TOBIAS. Kommt, Junker Christoph! Nach Mitternacht nicht zu Bette sein, heißt früh auf sein und diluculo surgere, weißt du –[750]

JUNKER CHRISTOPH. Nein, bei meiner Ehre, ich weiß nicht; aber ich weiß: spät aufbleiben ist spät aufbleiben.

JUNKER TOBIAS. Ein falscher Schluß, mir so zuwider wie 'ne leere Kanne. Nach Mitternacht auf sein, und dann zu Bett gehn, ist früh; und also heißt nach Mitternacht zu Bett gehn, früh zu Bett gehn. Besteht unser Leben nicht aus den vier Elementen?

JUNKER CHRISTOPH. Ja wahrhaftig, so sagen sie; aber ich glaube eher, daß es aus Essen und Trinken besteht.

JUNKER TOBIAS. Du bist ein Gelehrter; laß uns also essen und trinken! – Heda, Marie! – Ein Stübchen Wein!


Der Narr kommt.


JUNKER CHRISTOPH. Da kommt der Narr, mein' Seel'.

NARR. Was macht ihr, Herzenskinder? Sollen wir im Wirtshaus zu den drei Narren einkehren?

JUNKER TOBIAS. Willkommen, du Eselskopf! Laß uns einen Kanonsingen!

JUNKER CHRISTOPH. Mein' Seel', der Narr hat eine prächtige Lunge. Ich wollte ein halb Dutzend Dukaten drum geben, wenn ich so 'ne Wade hätte, und so 'nen schönen Ton zum Singen, wie der Narr. Wahrhaftig, du brachtest gestern abends charmante Possen vor, da du von Pigrogromitus erzähltest, von den Vapianern, die die Linie von Queubus passieren. Es war prächtig, meiner Treu. Ich schickte dir einen Batzen für dein Schätzchen. Hast ihn gekriegt?

NARR. Ich habe dein Präsent in den Sack gesteckt, denn Malvolios Nase ist kein Peitschenstiel; mein Fräulein hat eine weiße Hand, und die Myrmidonier sind keine Bierhäuser.

JUNKER CHRISTOPH. Herrlich! So geht das Spaßen am besten, wenn alles vorbei ist. Nun sing' eins!

JUNKER TOBIAS. Mach' zu, da hast du einen Batzen: laß uns ein Lied hören!

JUNKER CHRISTOPH. Da hast du auch einen von mir: was dem einen recht ist –

NARR. Wollt ihr ein Liebeslied, oder ein Lied von gutem Lebenswandel?

JUNKER TOBIAS. Ein Liebeslied! ein Liebeslied![751]

JUNKER CHRISTOPH. Ja! ja! ich frage nichts nach gutem Lebenswandel.

NARR singt.

O Schatz! auf welchen Wegen irrt Ihr?

O bleibt und hört! Der Liebste girrt hier,

Singt in hoh- und tiefem Ton

Hüpft nicht weiter, zartes Kindlein!

Liebe find't zuletzt ihr Stündlein,

Das weiß jeder Muttersohn.

JUNKER CHRISTOPH. Exzellent, wahrhaftig!

JUNKER TOBIAS. Schön! Schön!

NARR singt.

Was ist die Lieb'? Sie ist nicht künftig;

Gleich gelacht ist gleich vernünftig;

Was noch kommen soll, ist weit.

Wenn ich zögre, so verscherz' ich;

Komm denn, Liebchen, küss' mich herzig!

Jugend hält so kurze Zeit.

JUNKER CHRISTOPH. Eine honigsüße Stimme, so wahr ich ein Junker bin!

JUNKER TOBIAS. Eine reine Kehle!

JUNKER CHRISTOPH. Recht süß und rein, wahrhaftig!

JUNKER TOBIAS. Ja, wenn man sie durch die Nase hört, süß bis zum Übelwerden. Aber sollen wir den Himmel voll Geigen hängen? Sollen wir die Nachteule mit einem Kanon aufstören, der einem Leinweber drei Seelen aus dem Leibe haspeln könnte?

JUNKER CHRISTOPH.

Ja, wenn Ihr mich lieb habt, so tut das!

Ich bin wie der Teufel auf einen Kanon. Stimmt an:

»Du Schelm –«

NARR. »Halt 's Maul, du Schelm?« Da würd' ich ja genötigt sein, dich Schelm zu nennen, Junker.

JUNKER CHRISTOPH. Es ist nicht das erste Mal, daß ich jemand nötige, mich Schelm zu nennen. Fang' an, Narr! Es fängt an: »Halt 's Maul!«

NARR. Ich kann niemals anfangen, wenn ich das Maul halte.

JUNKER CHRISTOPH. Das ist, mein' Seel', gut! Nu fang' an!


Sie singen einen Kanon.


Maria kommt.[752]


MARIA. Was macht ihr hier für ein Katzenkonzert? Wenn das Fräulein nicht ihren Haushofmeister Malvolio gerufen hat, daß er euch aus dem Hause werfen soll, so will ich nicht ehrlich sein.

JUNKER TOBIAS. Das Fräulein ist ein Tuckmäuser; wir sind Kannengießer; Malvolio ist eine alte Käthe, und


singt


»Drei lust'ge Kerle sind allhier.«

Bin ich nicht ihr Blutsverwandter? Bin ich nicht aus ihrem Geblüt? Lala, Fräulein!


Singt.


»In Babylon da wohnt ein Mann!

Lalalalalala!«

NARR. Weiß der Himmel! der Junker gibt prächtige Narrenstreiche an.

JUNKER CHRISTOPH. Ja, das kann er so ziemlich, wenn er aufgelegt ist, und ich auch. Ihm steht es besser, aber mir steht es natürlicher.

JUNKER TOBIAS singt.

»Am zwölften Tag im Wintermond –«

NARR. Um des Himmels willen, still!


Malvolio kommt.


MALVOLIO. Seid ihr toll, ihr Herren? oder was seid ihr? Habt ihr keine Scham noch Schande, daß ihr so spät in der Nacht wie Zahnbrecher schreit? Wollt ihr des gnädigen Fräuleins Haus zur Schenke machen, daß ihr eure Schuhflickermelodien mit so unbarmherziger Stimme herausquäkt? Könnt ihr weder Maß noch Ziel halten?

JUNKER TOBIAS. Wir haben bei unserm Singen recht gut Maß gehalten. Geht zum Kuckuck!

MALVOLIO. Junker Tobias, ich muß rein heraus mit Euch sprechen. Das gnädige Fräulein trug mir auf, Euch zu sagen: ob sie Euch gleich als Verwandten beherbergt, so habe sie doch nichts mit Euren Unordnungen zu schaffen. Wenn Ihr Euch von Eurer üblen Aufführung losmachen könnt, so seid Ihr in ihrem Hause willkommen. Wo nicht, und es beliebt Euch Abschied von ihr zu nehmen, so wird sie Euch sehr gern Lebewohl sagen.

JUNKER TOBIAS singt.

»Leb wohl, mein Schatz, ich muß von hinnen gehn.«[753]

MALVOLIO. Ich bitt' Euch, Junker Tobias!

NARR singt.

Man sieht's ihm an, bald ist's um ihn geschehn.

MALVOLIO. Wollt Ihr es durchaus nicht lassen?

JUNKER TOBIAS singt.

»Ich sterbe nimmermehr.«

NARR singt.

Da, Junker, lügt Ihr sehr.

MALVOLIO. Es macht Euch wahrhaftig viel Ehre.

JUNKER TOBIAS singt.

»Heiß' ich gleich ihn gehn?«

NARR singt.

Was wird daraus entstehn?

JUNKER TOBIAS singt.

»Heiß' ich gleich ihn gehn, den Wicht?«

NARR singt.

Nein, nein, nein, Ihr wagt es nicht.

JUNKER TOBIAS. Aus dem Takt, Kerl! Gelogen! – Bist du was mehr als ein Haushofmeister! Vermeinest du, weil du tugendhaft seiest, solle es in der Welt keine Torten und keinen Wein mehr geben?

NARR. Das soll's, bei Sankt Kathrinen! und der Ingwer soll Euch noch im Munde brennen.

JUNKER TOBIAS. Du hast recht. – Geht, Herr, tut groß gegen das Gesinde! – Ein Stübchen Wein, Maria!

MALVOLIO. Jungfer Maria, wenn Ihr Euch das Geringste aus der Gnade des Fräuleins machtet, so würdet Ihr diesem unfeinen Lebenswandel keinen Vorschub geben. Sie soll es wissen, bei meiner Ehre. Ab.

MARIA. Geh und brumme nach Herzenslust!

JUNKER CHRISTOPH. Es wär' ebenso ein gutes Werk, als zu trinken, wenn man hungrig ist, wenn ihn einer herausfoderte, und ihm dann sein Wort nicht hielte und ihn zum Narren hätte.

JUNKER TOBIAS. Tu das, Junker; ich will dir eine Ausfoderung schreiben, oder ich will ihm deine Entrüstung mündlich kund tun.

MARIA. Lieber Junker Tobias, haltet Euch nur diese Nacht still: seit der junge Mann vom Grafen heute bei dem Fräulein war, ist sie sehr unruhig. Mit Musje Malvolio laßt mich nur machen: Wenn ich ihn nicht so foppe, daß er zum Sprichwort und zum allgemeinen Gelächter wird, so glaubt nur, daß ich nicht gescheit genug bin, um grade im Bett zu liegen. Ich bin meiner Sache gewiß.

JUNKER TOBIAS. Laß hören! laß hören! Erzähle uns was von ihm![754]

MARIA. Nun, Herr, er ist manchmal eine Art von Pietisten.

JUNKER CHRISTOPH. Oh, wenn ich das wüßte, so wollte ich ihn hundemäßig prügeln.

JUNKER TOBIAS. Was? Weil er ein Pietist ist? Deine wohlerwognen Gründe, Herzensjunker?

JUNKER CHRISTOPH. Wohl erwogen sind meine Gründe eben nicht, aber sie sind doch gut genug.

MARIA. Den Henker mag er ein Pietist, oder sonst etwas anders auf die Dauer sein, als einer, der den Mantel nach dem Winde hängt. Ein gezierter Esel, der vornehme Redensarten auswendig lernt und sie bei großen Brocken wieder von sich gibt; aufs beste mit sich selbst zufrieden; wie er meint, so ausgefüttert mit Vollkommenheiten, daß es ein Glaubensartikel bei ihm ist, wer ihn ansieht, müsse sich in ihn verlieben. Dies Laster an ihm wird meiner Rache vortrefflich zu statten kommen.

JUNKER TOBIAS. Was hast du vor?

MARIA. Ich will ihm unverständliche Liebesbriefe in den Weg werfen, worin er sich nach der Farbe seines Bartes, dem Schnitt seiner Waden, der Weise seines Ganges, nach Augen, Stirn und Gesichtsfarbe handgreiflich abgeschildert finden soll. Ich kann genauso wie das Fräulein, Eure Nichte, schreiben: wenn uns ein Zettel über eine vergeßne Sache vorkommt, so können wir unsre Hände kaum unterscheiden.

JUNKER TOBIAS. Herrlich! ich wittre den Pfiff.

JUNKER CHRISTOPH. Er sticht mir auch in der Nase.

JUNKER TOBIAS. Er soll denken, die Briefe, die du ihm in den Weg fallen lässest, kämen von meiner Nichte, und sie wäre in ihn verliebt.

MARIA. Ja, so sieht der Handel ungefähr aus.

JUNKER CHRISTOPH. Oh, es wird prächtig sein!

MARIA. Ein königlicher Spaß, verlaßt euch drauf: ich weiß, mein Tränkchen wird bei ihm wirken. Ich will euch beide – der Narr kann den dritten Mann abgeben – auf die Lauer stellen, wo er den Brief finden soll. Gebt acht, wie er ihn auslegt! Für heute nacht zu Bett, und laßt euch von der Kurzweil träumen! Adieu! Ab.[755]

JUNKER TOBIAS. Gute Nacht, Amazone!

JUNKER CHRISTOPH. In meinen Augen ist sie 'ne brave Dirne.

JUNKER TOBIAS. Sie ist ein artiges Kätzchen, und sie betet mich an: doch was will das sagen?

JUNKER CHRISTOPH. Ich wurde auch einmal angebetet.

JUNKER TOBIAS. Komm zu Bett, Junker! – Es täte not, daß du dir Geld kommen ließest.

JUNKER CHRISTOPH. Wenn ich Eure Nichte nicht habhaft werden kann, so habe ich mich schlimm gebettet.

JUNKER TOBIAS. Laß Geld kommen, Junker; wenn du sie nicht am Ende noch kriegst, so will ich Matz heißen.

JUNKER CHRISTOPH. Wenn ich sie nicht kriege, so bin ich kein ehrlicher Kerl, nehmt's, wie Ihr wollt.

JUNKER TOBIAS. Komm, komm! Ich will gebrannten Wein zurecht machen; es ist jetzt zu spät, zu Bette zu gehn. Komm, Junker! komm, Junker! Ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 750-756.
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