Vierte Szene

[756] Ein Zimmer im Palaste des Herzogs.


Der Herzog, Viola, Curio und andre treten auf.


HERZOG.

Macht mir Musik! – Ei, guten Morgen, Freunde!-

Nun dann, Cesario, jenes Stückchen nur,

Das alte schlichte Lied von gestern abend!

Mich dünkt, es linderte den Gram mir sehr,

Mehr als gesuchte Wort' und lust'ge Weisen

Aus dieser raschen, wirbelfüß'gen Zeit.

Kommt! eine Strophe nur!

CURIO.

Euer Gnaden verzeihn, der es singen sollte, ist nicht hier.

HERZOG. Wer war es?

CURIO. Fest, der Spaßmacher, gnädiger Herr; ein Narr, an dem Fräulein Olivias Vater großes Behagen fand. Er wird nicht weit von hier sein.

HERZOG.

So sucht ihn auf, und spielt die Weis' indes!


Curio ab. Musik.


Komm näher, Junge! – Wenn du jemals liebst,

Gedenke meiner in den süßen Qualen:[756]

Denn so wie ich sind alle Liebenden,

Unstät und launenhaft in jeder Regung,

Das stäte Bild des Wesens ausgenommen,

Das ganz geliebt wird. – Magst du diese Weise?

VIOLA.

Sie gibt ein rechtes Echo jenem Sitz,

Wo Liebe thront.

HERZOG.

Du redest meisterhaft.

Mein Leben wett' ich drauf, jung wie du bist,

Hat schon dein Aug' um werte Gunst gebuhlt.

Nicht, Kleiner?

VIOLA.

Ja, mit Eurer Gunst, ein wenig.

HERZOG.

Was für ein Mädchen ist's?

VIOLA.

Von Eurer Farbe.

HERZOG.

So ist sie dein nicht wert. Von welchem Alter?

VIOLA.

Von Eurem etwa, gnäd'ger Herr.

HERZOG.

Zu alt, beim Himmel! Wähle doch das Weib

Sich einen Ältern stets! So fügt sie sich ihm an,

So herrscht sie dauernd in des Gatten Brust.

Denn, Knabe, wie wir uns auch preisen mögen,

Sind unsre Neigungen doch wankelmüt'ger,

Unsichrer, schwanker, leichter her und hin

Als die der Frau'n.

VIOLA.

Ich glaub' es, gnäd'ger Herr.

HERZOG.

So wähl' dir eine jüngere Geliebte,

Sonst hält unmöglich deine Liebe stand.

Denn Mädchen sind wie Rosen: kaum entfaltet,

Ist ihre holde Blüte schon veraltet.

VIOLA.

So sind sie auch: ach! muß ihr Los so sein,

Zu sterben, grad' im herrlichsten Gedeihn?


Curio kommt zurück und der Narr.


HERZOG.

Komm, Bursch! Sing' uns das Lied von gestern abend!

Gib acht, Cesario, es ist alt und schlicht;

Die Spinnerinnen in der freien Luft,

Die jungen Mägde, wenn sie Spitzen weben,

So pflegen sie's zu singen; 's ist einfältig,

Und tändelt mir der Unschuld süßer Liebe

So wie die alte Zeit.[757]

NARR. Seid Ihr bereit, Herr?

HERZOG. Ja, sing', ich bitte dich.

NARR singt.

Komm herbei, komm herbei, Tod!

Und versenk' in Zypressen den Leib!

Laß mich frei, laß mich frei, Not!

Mich erschlägt ein holdseliges Weib.

Mit Rosmarin mein Leichenhemd,

O bestellt es!

Ob Lieb' ans Herz mir tödlich kömmt,

Treu' hält es.


Keine Blum', keine Blum' süß

Sei gestreut auf den schwärzlichen Sarg.

Keine Seel', keine Seel' grüß'

Mein Gebein, wo die Erd' es verbarg.

Um Ach und Weh zu wenden ab,

Bergt alleine

Mich, wo kein Treuer wall' ans Grab

Und weine.

HERZOG. Da hast du was für deine Mühe.

NARR. Keine Mühe, Herr; ich finde Vergnügen am Singen.

HERZOG. So will ich dein Vergnügen bezahlen.

NARR. Gut, Herr; das Vergnügen macht sich über kurz oder lang immer bezahlt.

HERZOG. Erlaube mir, dich zu beurlauben!

NARR. Nun, der schwermütige Gott beschirme dich, und der Schneider mache dir ein Wams von Schillertaft, denn dein Gemüt ist ein Opal, der in alle Farben spielt! Leute von solcher Beständigkeit sollte man auf die See schicken, damit sie alle Dinge treiben und nach allen Winden steuern müßten; denn wenn man nicht weiß, wo man hin will, so kommt man am weitesten. – Gehabt Euch wohl! Ab.

HERZOG.

Laßt uns, ihr andern! –


Curio und Gefolge ab.


Einmal noch, Cesario,

Begib dich zu der schönen Grausamkeit:

Sag, meine Liebe, höher als die Welt,[758]

Fragt nicht nach weiten Strecken staub'gen Landes;

Die Gaben, die das Glück ihr zugeteilt,

Sag ihr, sie wiegen leicht mir wie das Glück.

Das Kleinod ist's, der Wunderschmuck, worein

Natur sie faßte, was mich an sie zieht.

VIOLA.

Doch, Herr, wenn sie Euch nun nicht lieben kann?

HERZOG.

Die Antwort nehm' ich nicht.

VIOLA.

Ihr müßt ja doch.

Denkt Euch, ein Mädchen, wie's vielleicht eins gibt,

Fühl' eben solche Herzenspein um Euch

Als um Olivien Ihr; Ihr liebt sie nicht,

Ihr sagt's ihr: muß sie nicht die Antwort nehmen?

HERZOG.

Nein, keines Weibes Brust

Erträgt der Liebe Andrang, wie sie klopft

In meinem Herzen; keines Weibes Herz

Umfaßt so viel; sie können nicht beharren.

Ach, deren Liebe kann Gelust nur heißen

(Nicht Regung ihres Herzens, nur des Gaums),

Die Sattheit, Ekel, Überdruß erleiden;

Doch meine ist so hungrig wie die See,

Und kann gleich viel verdaun; vergleiche nimmer

Die Liebe, so ein Weib zu mir kann hegen,

Mit meiner zu Olivien!

VIOLA.

Ja, doch ich weiß –

HERZOG.

Was weißt du? Sag mir an!

VIOLA.

Zu gut nur, was ein Weib für Liebe hegen kann.

Fürwahr, sie sind so treuen Sinns wie wir.

Mein Vater hatt' eine Tochter, welche liebte,

Wie ich vielleicht, wär' ich ein Weib, mein Fürst,

Euch lieben würde.

HERZOG.

Was war ihr Lebenslauf?

VIOLA.

Ein leeres Blatt,

Mein Fürst. Sie sagte ihre Liebe nie,

Und ließ Verheimlichung, wie in der Knospe

Den Wurm, an ihrer Purpurwange nagen.

Sich härmend, und in bleicher, welker Schwermut,

Saß sie wie die Geduld auf einer Gruft,

Dem Grame lächelnd. Sagt, war das nicht Liebe?[759]

Wir Männer mögen leicht mehr sprechen, schwören,

Doch der Verheißung steht der Wille nach.

Wir sind in Schwüren stark, doch in der Liebe schwach.

HERZOG.

Starb deine Schwester dann an ihrer Liebe?

VIOLA.

Ich bin, was aus des Vaters Haus an Töchtern

Und auch von Brüdern blieb; und doch, ich weiß nicht –

Soll ich zum Fräulein?

HERZOG.

Ja, das ist der Punkt.

Auf! eile! Gib ihr dieses Kleinod; sage,

Daß ich noch Weigern, noch Verzug ertrage.


Beide ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 756-760.
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