Vierte Szene

[692] Der Wald. Vor einer Hütte.


Rosalinde und Celia treten auf.


ROSALINDE. Sage mir nichts weiter, ich will weinen.

CELIA. Tu' es nur, aber sei doch so weise, zu bedenken, daß Tränen einem Mann nicht anstehn.

ROSALINDE. Aber habe ich nicht Ursache zu weinen?

CELIA. So gute Ursache sich einer nur wünschen mag. Also weine!

ROSALINDE. Selbst sein Haar ist von einer falschen Farbe.

CELIA. Nur etwas brauner als des Judas seins. Ja, seine Küsse sind rechte Judaskinder.

ROSALINDE. Sein Haar ist bei allem dem von einer hübschen Farbe.

CELIA. Eine herrliche Farbe: es geht nichts über Nußbraun.

ROSALINDE. Und seine Küsse sind so voll Heiligkeit, wie die Berührung des geweihten Brotes.

CELIA. Er hat ein Paar abgelegte Lippen der Diana gekauft; eine Nonne von des Winters Schwesterschaft küßt nicht geistlicher; das wahre Eis der Keuschheit ist in ihnen.

ROSALINDE. Aber warum versprach er mir, diesen Morgen zu kommen, und kommt nicht?

CELIA. Nein gewißlich, es ist keine Treu' und Glauben in ihm.

ROSALINDE. Denkst du das?

CELIA. Nun, ich glaube, er ist weder ein Beutelschneider noch ein Pferdedieb; aber was seine Wahrhaftigkeit in der Liebe betrifft, so halte ich ihn für so hohl als einen umgekehrten Becher oder eine wurmstichige Nuß.[692]

ROSALINDE. Nicht wahrhaft in der Liebe?

CELIA. Ja, wenn er verliebt ist, aber mich dünkt, das ist er nicht.

ROSALINDE. Du hörtest ihn doch hoch und teuer beschwören, daß er es war.

CELIA. »War« ist nicht »ist«. Auch ist der Schwur eines Liebhabers nicht zuverlässiger als das Wort eines Bierschenken: sie bekräftigen beide falsche Rechnungen. Er begleitet hier im Walde den Herzog, Euren Vater.

ROSALINDE. Ich begegnete dem Herzoge gestern und mußte ihm viel Rede stehn. Er frug mich, von welcher Herkunft ich wäre; ich sagte ihm, von einer ebenso guten als er: er lachte und ließ mich gehn. Aber was sprechen wir von Vätern, solange ein Mann wie Orlando in der Welt ist?

CELIA. Oh, das ist ein tapfrer Mann! Er macht tapfre Verse, spricht tapfre Worte, schwört tapfre Eide, und bricht sie tapferlich der Quere, grade vor seiner Liebsten Herz, wie ein jämmerlicher Turnierer, der sein Pferd nach einer Seite spornt, seine Lanze zerbricht. Aber alles ist tapfer, wo Jugend obenauf sitzt und die Zügel lenkt.


Corinnus kommt.


CORINNUS.

Mein Herr und Fräulein, ihr befragtet oft

Mich um den Schäfer, welcher Liebe klagte,

Den ihr bei mir saht sitzen auf dem Rasen,

Wie er die übermüt'ge Schäf'rin pries,

Die seine Liebste war.

CELIA.

Was ist mit ihm?

CORINNUS.

Wollt Ihr ein Schauspiel sehn, wahrhaft gespielt

Von treuer Liebe blassem Angesicht

Und roter Glut des Hohns und stolzen Unmuts:

Geht nur ein Eckchen mit, ich führ' euch hin,

Wenn ihr's beachten wollt.

ROSALINDE.

O kommt! Gehn wir dahin:

Verliebte sehen, nährt Verliebter Sinn.

Bringt uns zur Stell', und gibt es so das Glück,

So spiel' ich eine Roll' in ihrem Stück.


Alle ab.[693]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1975, S. 692-694.
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