Siebente Szene

[726] An Bord von Pompejus' Galeere.


Musik. Es treten auf zwei oder drei Diener, die ein

Bankett anrichten.


ERSTER DIENER. Gleich werden sie hier sein, Kam'rad; ein paar von diesen edlen Bäumen sind nicht mehr im Boden festgewurzelt, der kleinste Wind kann sie umwerfen.

ZWEITER DIENER. Lepidus ist schon hochrot.

ERSTER DIENER. Der hat trinken müssen, wie keiner mehr mochte. –

ZWEITER DIENER. Wie nur einer dem andern den wunden Fleck berührt, ruft er: »Haltet ein!« und macht, daß jeder sich seinen Friedensworten und er sich dem Becher ergibt.

ERSTER DIENER. Desto größerer Krieg erhebt sich zwischen ihm und seinen fünf Sinnen.

ZWEITER DIENER. Das kommt dabei heraus, in großer Herren Gesellschaft Kam'rad zu sein; ebenso gern hätte ich ein Schilfrohr, das mir nichts mehr nutzen kann, als eine Hellebarde, die ich nicht regieren könnte.

ERSTER DIENER. In eine große Sphäre berufen sein, und sich nicht einmal darin bewegen können, ist wie Löcher, wo Augen sein sollten; was das Gesicht jämmerlich entstellt.


Eine Zinke wird geblasen. Es treten auf Cäsar, Antonius, Pompejus, Lepidus, Agrippa, Mäcenas, Enobarbus, Menas und andre Hauptleute.[726]


ANTONIUS zum Cäsar.

So ist der Brauch: sie messen dort den Strom

Nach Pyramidenstufen; daran sehn sie,

Nach Höhe, Tief' und Mittelstand, ob Teurung,

Ob Fülle folgt. Je höher schwoll der Nil,

Je mehr verspricht er; fällt er dann, so streut

Der Sämann auf den Schlamm und Moor sein Korn,

Und erntet bald nachher.

LEPIDUS.

Ihr habt seltsame Schlangen dort! –

ANTONIUS.

Ja, Lepidus. –

LEPIDUS. Eure ägyptische Schlange wird also durch die Kraft eurer Sonne aus eurem Schlamm ausgebrütet; so auch euer Krokodil? –

ANTONIUS. So ist's.

POMPEJUS.

Setzt Euch! – Mehr Wein! Auf Lepidus' Gesundheit!

LEPIDUS. Mir ist nicht so wohl, als ich sein sollte, aber ich bin dabei.

ENOBARBUS. So lange bis Ihr einschlaft; bis dahin bleibt Ihr gewiß nebenbei.

LEPIDUS. Ja, das muß wahr sein, diese ptolomäischen Pyramichien, sagt man, sind allerliebste Dinger; in allem Ernst, das sagt man.

MENAS beiseit.

Ein Wort, Pompejus!

POMPEJUS.

Sag ins Ohr: was ist's?

MENAS beiseit.

Steh auf von deinem Sitz, ich bitt' dich, Feldherr,

Und hör' mich auf ein Wort!

POMPEJUS.

Wart' noch ein Weilchen!

Den Wein für Lepidus!

LEPIDUS. Was für 'ne Sorte von Geschöpf ist euer Krokodil?

ANTONIUS. Es hat eine Gestalt, Herr, wie es selbst, und ist so breit, als seine Breite beträgt; just so hoch, als es hoch ist, und bewegt sich mit seinen eignen Gliedern; es lebt von seiner Nahrung, und haben seine Elemente sich aufgelöst, so wird ein neues Wesen aus ihm.

LEPIDUS. Was hat es für eine Farbe?

ANTONIUS. Auch seine eigentümliche Farbe.[727]

LEPIDUS. Ein kurioser Wurm! –

ANTONIUS. Allerdings. Und seine Tränen sind naß.

CÄSAR. Wird ihm diese Beschreibung genügen? –

ANTONIUS. Nach allen Gesundheiten, die Pompejus ihm bringt; sonst ist er ein wahrer Epikur.

POMPEJUS beiseit zu Menas.

Geh mir und laß dich hängen! mit mir reden?

Geh, tu', wie ich dir hieß! – Wo bleibt mein Becher? –

MENAS.

Hab' ich dir Treu' bewiesen, hör' mich an,

Und komm beiseit!

POMPEJUS.

Du bist nicht klug. Was willst du!

MENAS.

Ich zog die Mütze stets vor deinem Glück ...

POMPEJUS.

Du hast mir immer brav gedient: was weiter?

– Munter, ihr edlen Herrn!

ANTONIUS.

Nehmt Euch in acht

Vor dieser Sandbank, Lepidus; Ihr sinkt! –

MENAS. Willst du Herr sein der ganzen Welt?

POMPEJUS.

Was sagst du?

MENAS.

Willst Herr der ganzen Welt sein? Zweimal sagt' ich's.

POMPEJUS.

Wie sollte das geschehn?

MENAS.

Sei willig nur;

Und schein' ich noch so arm, ich bin der Mann,

Der dir die ganze Welt gibt.

POMPEJUS.

Bist du trunken?

MENAS.

Mein Feldherr, vor dem Becher wahrt' ich mich;

Du bist, wenn du's nur wagst, der Erde Zeus,

Und was das Meer umgrenzt, umwölbt der Himmel,

Ist dein, wenn du's nur willst.

POMPEJUS.

So sag mir, wie? –

MENAS.

Diese drei Weltenteiler, die Triumvirn,

Faßt unser Schiff: ich kappe jetzt das Tau,

Wir stoßen ab, ich greif' an ihre Kehle,

Und dein ist alles.

POMPEJUS.

Ah! hätt'st du's getan,

Und nicht gesagt! In mir ist's Büberei,

Von dir getreuer Dienst. Vergiß es nie,

Mein Vorteil nicht geht meiner Ehre vor,

Die Ehre ihm! Bereu' es, daß dein Mund[728]

So deine Tat verriet: Tatst du's geheim,

Dann hätt' ich's, wenn's geschehn, als gut erkannt,

Doch nun muß ich's verdammen. – Vergiß, und trink!

MENAS.

Hinfort

Folg' ich nie wieder deinem morschen Glück!

Wer sucht und greift nicht, was ihm einmal zuläuft,

Findet's nie wieder.

POMPEJUS.

Lepidus soll leben!

ANTONIUS.

Tragt ihn ans Land; ich tu' für ihn Bescheid.

ENOBARBUS.

Menas, dein Wohl!

MENAS.

Willkommen, Enobarbus! –

POMPEJUS.

Füllt bis zum Rand den Becher! –

ENOBARBUS.

Der Kerl hat Kräfte, Menas!

MENAS.

Wie?

ENOBARBUS.

Da trägt er

Den dritten Teil der Welt: Mann, siehst du's nicht?

MENAS.

Dies Dritteil also trunken! Wär's die ganze,

So käm' es bald zu Rande!

ENOBARBUS.

Trink', mach' uns keine Schande! –

MENAS.

So komm!

POMPEJUS.

Dies ist noch kein ägyptisch Fest!

ANTONIUS.

Es kommt ihm doch schon nah. Stoßt an die Becher!

Der hier für Cäsar!

CÄSAR.

Ich verbät' es lieber;

s' ist schwere Arbeit, mein Gehirn zu waschen;

Und es wird schmutz'ger.

ANTONIUS.

Sei ein Kind der Zeit!

CÄSAR.

Trink' aus, ich tu' Bescheid: doch lieber fast' ich

Vier Tage lang, als einen so viel trinken.

ENOBARBUS.

O wackrer Imperator!

Soll'n wir ägypt'schen Bacchustanz beginnen

Und feiern diesen Trunk? –

POMPEJUS.

Recht so, mein Krieger! –

ANTONIUS.

Kommt, schließen wir den Reih'n,

Bis der sieghafte Wein den Sinn uns taucht

Im süßen, weichen Lethe.

ENOBARBUS.

Nun umfaßt euch:

Bestürmt das Ohr mit lärmender Musik,[729]

Bis ich euch stelle: dann singt der Knab' ein Lied,

Und jeder fällt mit ein im Chor, so laut,

Als seine starke Brust nur schmettern kann. –


Musik. Enobarbus stellt sie, und sie schließen den Reihen.


Lied

Komm, du König, weinbekränzt,

Bacchus, dessen Auge glänzt:

Du verjagst die Leidgedanken!

In den Locken Epheuranken,

Trinkt, bis alle Welten schwanken,

Trinkt, bis alle Welten schwanken! –

CÄSAR.

Was wollt ihr mehr? Gut' Nacht, Pompejus! Bruder

Gehn wir, ich bitt' Euch: unser ernst Geschäft

Zürnt diesem Leichtsinn. Werte Herrn, brecht auf,

Ihr seht, die Wangen glühn. Selbst Enobarbus

Ist schwächer als der Wein; auch meine Zunge

Spaltet die Worte; wilder Taumel hat uns

Zu Gecken fast vermummt. Was red' ich hier?

Gut' Nacht!

Die Hand, Antonius! Ich bring' Euch ans Land.

ANTONIUS.

Gut, gebt die Hand, Herr!

POMPEJUS.

O Anton, Ihr habt

Des Vaters Haus: was tut's, wir sind ja Freunde! –

Kommt jetzt ins Boot!

ENOBARBUS.

Nehmt euch in acht und fallt nicht!


Pompejus, Cäsar, Antonius und Gefolge ab.


Menas, ich will nicht mit.

MENAS.

Komm zur Kajüte!

He, unsre Trommeln, Flöten, Zymbeln, he!

Hör' es, Neptun, welch lauten Abschied wir

Diesen Gewalt'gen bringen; blast, so blast doch! –


Trompeten und Trommeln.


ENOBARBUS.

Hallo! die Mützen schwenkt!

MENAS.

Brav, wackrer Kriegsmann!

Kommt! –


Gehn ab.[730]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 726-731.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Antonius und Cleopatra
Antonius und Cleopatra.
Antony and Cleopatra/ Antonius und Cleopatra [Zweisprachig]
Antonius und Cleopatra (Theatralische Werke in 21 Einzelbänden, Bd.10)
Julius Cäsar /Antonius und Cleopatra /Coriolanus
Antony and Cleopatra / Antonius und Kleopatra: Englisch-deutsche Studienausgabe (Engl. / Dt.) Englischer Originaltext und deutsche Prosaübersetzung

Buchempfehlung

Aristophanes

Lysistrate. (Lysistrata)

Lysistrate. (Lysistrata)

Nach zwanzig Jahren Krieg mit Sparta treten die Athenerinnen unter Frührung Lysistrates in den sexuellen Generalstreik, um ihre kriegswütigen Männer endlich zur Räson bringen. Als Lampito die Damen von Sparta zu ebensolcher Verweigerung bringen kann, geht der Plan schließlich auf.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon