Sechste Szene

[619] Ebendaselbst, vor dem Schloß.


Es treten auf Duncan, Malcolm, Donalbain, Banquo, Macduff, Rosse, Angus, Gefolge.


DUNCAN.

Dies Schloß hat eine angenehme Lage;

Gastlich umfängt die lichte, milde Luft

Die heitern Sinne.

BANQUO.

Dieser Sommergast,

Die Schwalbe, die an Tempeln nistet, zeigt

Durch ihren fleiß'gen Bau, daß Himmelsatem

Hier lieblich haucht; kein Vorsprung, Fries, noch Pfeiler,

Kein Winkel, wo der Vogel nicht gebaut

Sein hängend Bett und Wiege für die Brut:

Wo er am liebsten heckt und wohnt, da fand ich

Am reinsten stets die Luft.


Lady Macbeth tritt auf.[619]


DUNCAN.

Seht! unsre edle Wirtin!

Die Liebe, die uns folgt, wird oft uns lästig;

Doch dankt man ihr als Liebe. Lernt daraus,

Noch Gottes Lohn für Eure Müh' uns geben

Und Dank für Eure Last.

LADY MACBETH.

All unsre Dienste,

Zwiefach in jedem Punkt, und dann verdoppelt,

Wär' nur ein arm und schwaches Tun, verglichen

Der hohen Gunst, womit Eu'r Majestät

Verherrlicht unser Haus. Für früh're Würden,

Wie für die letzte, die die andern krönt,

Bleiben wir im Gebet Euch Knecht und Diener.

DUNCAN.

Wo ist der Than von Cawdor?

Wir folgten auf dem Fuß ihm, denn wir meinten

Ihn anzumelden; doch er reitet schnell;

Und seine Liebe, schärfer als sein Sporn,

Bracht' ihn vor uns hieher. Höchstedle Wirtin,

Wir sind zu Nacht Eu'r Gast.

LADY MACBETH.

Für allezeit

Besitzen Eure Diener nur das Ihre,

Sich selbst und was sie haben, als Verwalter,

Und legen Rechnung ab, nach Eurer Hoheit

Befehl; und geben Euch zurück, was Euer.

DUNCAN.

Reicht mir die Hand; führt mich zu meinem Wirt:

Wir lieben herzlich ihn, und unsre Huld

Wird seiner stets gedenken. Teure Wirtin,

Erlaubt –


Er nimmt ihre Hand und führt sie in das Schloß, die übrigen folgen.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 619-620.
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