Fünfte Szene

[143] Juliens Zimmer. Romeo und Julia.


JULIA.

Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.

Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,

Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;

Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.

Glaub', Lieber, mir: es war die Nachtigall.

ROMEO.

Die Lerche war's, die Tagverkünderin,

Nicht Philomele; sieh den neid'schen Streif,

Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt:

Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,

Der muntre Tag erklimmt die dunst'gen Höh'n:

Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

JULIA.

Trau' mir, das Licht ist nicht des Tages Licht,

Die Sonne hauchte dieses Luftbild aus,

Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,

Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten;

Drum bleibe noch: zu gehn ist noch nicht Not.

ROMEO.

Laß sie mich greifen, ja, laß sie mich töten!

Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.

Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,

Der bleiche Abglanz nur von Cynthias Stirn.

Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag

Hoch über uns des Himmels Wölbung trifft.

Ich bleibe gern: zum Gehn bin ich verdrossen.

Willkommen, Tod! hat Julia dich beschlossen. –

Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.[143]

JULIA.

Es tagt, es tagt! Auf! eile! fort von hier!

Es ist die Lerche, die so heiser singt

Und falsche Weisen, rauhen Mißton gurgelt.

Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß;

Nicht diese: sie zerreißt die unsre ja.

Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Kröte

Die Augen: möchte sie doch auch die Stimme!

Die Stimm' ist's ja, die Arm aus Arm uns schreckt,

Dich von mir jagt, da sie den Tag erweckt.

Stets hell und heller wird's: wir müssen scheiden.

ROMEO.

Hell? Dunkler stets und dunkler unsre Leiden!


Die Wärterin kommt herein.


WÄRTERIN.

Fräulein!

JULIA.

Amme?

WÄRTERIN.

Die gnäd'ge Gräfin kömmt in Eure Kammer;

Seid auf der Hut: schon regt man sich im Haus.


Wärterin ab.


JULIA das Fenster öffnend.

Tag, schein' herein! und Leben, flieh' hinaus!

ROMEO.

Ich steig' hinab: laß dich noch einmal küssen!


Er steigt aus dem Fenster.


JULIA aus dem Fenster ihm nachsehend.

Freund! Gatte! Trauter! Bist du mir entrissen?

Gib Nachricht jeden Tag zu jeder Stunde;

Schon die Minut' enthält der Tage viel.

Ach, so zu rechnen, bin ich hoch in Jahren,

Eh' meinen Romeo ich wiederseh'.

ROMEO außerhalb.

Leb wohl! Kein Mittel lass' ich aus den Händen,

Um dir, du Liebe, meinen Gruß zu senden.

JULIA.

O denkst du, daß wir je uns wiedersehn?

ROMEO.

Ich zweifle nicht, und all dies Leiden dient

In Zukunft uns zu süßerem Geschwätz.

JULIA.

O Gott! ich hab' ein Unglück ahndend Herz.

Mir deucht, ich säh' dich, da du unten bist,

Als lägst du tot in eines Grabes Tiefe.

Mein Auge trügt mich oder du bist bleich.[144]

ROMEO.

So, Liebe, scheinst du meinen Augen auch.

Der Schmerz trinkt unser Blut. Leb wohl! leb wohl!


Ab.


JULIA.

O Glück! ein jeder nennt dich unbeständig;

Wenn du es bist: was tust du mit dem Treuen?

Sei unbeständig, Glück! Dann hältst du ihn

Nicht lange, hoff' ich, sendest ihn zurück.

GRÄFIN CAPULET hinter der Szene.

He, Tochter, bist du auf?

JULIA.

Wer ruft mich? Ist es meine gnäd'ge Mutter?

Wacht sie so spät noch, oder schon so früh?

Welch ungewohnter Anlaß bringt sie her?


Die Gräfin Capulet kommt herein.


GRÄFIN CAPULET.

Nun, Julia! wie geht's?

JULIA.

Mir ist nicht wohl.

GRÄFIN CAPULET.

Noch immer weinend um des Vetters Tod?

Willst du mit Tränen aus der Gruft ihn waschen?

Und könntest du's, das rief' ihn nicht ins Leben:

Drum laß das; trauern zeugt von vieler Liebe,

Doch zu viel trauern zeugt von wenig Witz.

JULIA.

Um einen Schlag, der so empfindlich traf.

Erlaubt zu weinen mir!

GRÄFIN CAPULET.

So trifft er dich;

Der Freund empfindet nichts, den du beweinst.

JULIA.

Doch ich empfind', und muß den Freund beweinen.

GRÄFIN CAPULET.

Mein Kind, nicht seinen Tod so sehr beweinst du,

Als daß der Schurke lebt, der ihn erschlug.

JULIA.

Was für ein Schurke?

GRÄFIN CAPULET.

Nun, der Romeo.

JULIA beiseit.

Er und ein Schurk' sind himmelweit entfernt. –


Laut.


Vergeb' ihm Gott! Ich tu's von ganzem Herzen;

Und dennoch kränkt kein Mann, wie er, mein Herz.

GRÄFIN CAPULET.

Ja freilich, weil der Meuchelmörder lebt.

JULIA.

Ja, wo ihn diese Hände nicht erreichen! –

O rächte niemand doch als ich den Vetter!

GRÄFIN CAPULET.

Wir wollen Rache nehmen, sorge nicht:

Drum weine du nicht mehr! Ich send' an jemand

Zu Mantua, wo der Verlaufne lebt;[145]

Der soll ein kräftig Tränkchen ihm bereiten,

Das bald ihn zum Gefährten Tybalts macht:

Dann wirst du hoffentlich zufrieden sein.

JULIA.

Fürwahr, ich werde nie mit Romeo

Zufrieden sein, erblick' ich ihn nicht – tot –,

Wenn so mein Herz um einen Blutsfreund leidet.

Ach, fändet Ihr nur jemand, der ein Gift

Ihm reichte, gnäd'ge Frau: ich wollt' es mischen,

Daß Romeo, wenn er's genommen, bald

In Ruhe schliefe. – Wie mein Herz es haßt,

Ihn nennen hören – und nicht zu ihm können –,

Die Liebe, die ich zu dem Vetter trug,

An dem, der ihn erschlagen hat, zu büßen!

GRÄFIN CAPULET.

Findst du das Mittel, find' ich wohl den Mann.

Doch bring' ich jetzt dir frohe Zeitung, Mädchen.

JULIA.

In so bedrängter Zeit kommt Freude recht.

Wie lautet sie? Ich bitt' Euch, gnäd'ge Mutter!

GRÄFIN CAPULET.

Nun, Kind, du hast' nen aufmerksamen Vater:

Um dich von deinem Trübsinn abzubringen,

Ersann er dir ein plötzlich Freudenfest,

Des ich so wenig mich versah, wie du.

JULIA.

Ei, wie erwünscht! Was wär' das, gnäd'ge Mutter?

GRÄFIN CAPULET.

Ja, denk' dir, Kind! Am Donnerstag früh morgens

Soll der hochedle, wackre junge Herr,

Graf Paris, in Sankt Peters Kirche dich

Als frohe Braut an den Altar geleiten.

JULIA.

Nun, bei Sankt Peters Kirch' und Petrus selbst!

Er soll mich nicht als frohe Braut geleiten.

Mich wundert diese Eil', daß ich vermählt

Muß werden, eh' mein Freier kömmt zu werben.

Ich bitt' Euch, gnäd'ge Frau, sagt meinem Vater

Und Herrn, ich wolle noch mich nicht vermählen;

Und wenn ich's tue, schwör' ich: Romeo,

Von dem Ihr wißt, ich hass' ihn, soll es lieber

Als Paris sein. – Fürwahr, das ist wohl Zeitung![146]

GRÄFIN CAPULET.

Da kommt dein Vater: sag du selbst ihm das;

Sieh, wie er sich's von dir gefallen läßt.


Capulet und die Wärterin kommen.


CAPULET.

Die Luft sprüht Tau beim Sonnenuntergang,

Doch bei dem Untergange meines Neffen,

Da gießt der Regen recht.

Was? Eine Traufe, Mädchen? Stets in Tränen?

Stets Regenschauer? In so kleinem Körper

Spielst du auf einmal See und Wind und Kahn,

Denn deine Augen ebben stets und fluten

Von Tränen wie die See; dein Körper ist der Kahn

Der diese salze Flut befährt; die Seufzer

Sind Winde, die, mit deinen Tränen tobend,

Wie die mit ihnen, wenn nicht Stille plötzlich

Erfolgt, den hin- und hergeworfnen Körper

Zertrümmern werden. – Nun, wie steht es, Frau?

Hast du ihr unsern Ratschluß hinterbracht?

GRÄFIN CAPULET.

Ja, doch sie will es nicht, sie dankt Euch sehr.

Wär' doch die Törin ihrem Grab vermählt!


Will gehen.


CAPULET.

Sacht, nimm mich mit dir, nimm mich mit dir, Frau.

Wäs? Will sie nicht? Weiß sie uns keinen Dank?

Ist sie nicht stolz? Schätzt sie sich nicht beglückt,

Daß wir solch einen würd'gen Herrn vermocht,

Trotz ihrem Unwert, ihr Gemahl zu sein?

JULIA.

Nicht stolz darauf, doch dankbar, daß Ihr's tatet.

Stolz kann ich nie auf das sein, was ich hasse;

Doch dankbar selbst für Haß, gemeint wie Liebe.

CAPULET.

Ei, seht mir! seht mir! Kramst du Weisheit aus?

Stolz – und ich dank' Euch – und ich dank' Euch nicht –

Und doch nicht stolz – Hör' Fräulein Zierlich du,

Nichts da gedankt von Dank, stolziert von Stolz!

Rück' nur auf Donnerstag dein zart Gestell zurecht,

Mit Paris nach Sankt Peters Kirch' zu gehn,

Sonst schlepp' ich dich auf einer Schleife hin.

Pfui, du bleichsücht'ges Ding! du lose Dirne!

Du Talggesicht!

GRÄFIN CAPULET.

O pfui! seid Ihr von Sinnen?[147]

JULIA.

Ich fleh' Euch auf den Knie'n, mein guter Vater:

Hört mit Geduld ein einzig Wort nur an!

CAPULET.

Geh mir zum Henker, widerspenst'ge Dirne!

Ich sage dir's: zur Kirch' auf Donnerstag,

Sonst komm mir niemals wieder vor 's Gesicht!

Sprich nicht! erwidre nicht! gib keine Antwort!

Die Finger jucken mir. O Weib! Wir glaubten

Uns kaum genug gesegnet, weil uns Gott

Dies eine Kind nur sandte; doch nun seh' ich,

Dies eine war um eines schon zu viel,

Und nur ein Fluch ward uns in ihr beschert.

Du Hexe!

WÄRTERIN.

Gott im Himmel segne sie!

Eu'r Gnaden tun nicht wohl, sie so zu schelten.

CAPULET.

Warum, Frau Weisheit? Haltet Euren Mund,

Prophetin! Schnattert mit Gevatterinnen!

WÄRTERIN.

Ich sage keine Schelmstück'.

CAPULET.

Geht mit Gott!

WÄRTERIN.

Darf man nicht sprechen?

CAPULET.

Still doch, altes Waschmaul,

Spart Eure Predigt zum Gevatterschmaus:

Hier brauchen wir sie nicht.

GRÄFIN CAPULET.

Ihr seid zu hitzig.

CAPULET.

Gotts Sakrament! es macht mich toll. Bei Tag,

Bei Nacht, spät, früh, allein und in Gesellschaft,

Zu Hause, draußen, wachend und im Schlaf,

War meine Sorge stets, sie zu vermählen.

Nun, da ich einen Herrn ihr ausgemittelt,

Von fürstlicher Verwandtschaft, schönen Gütern,

Jung, edel auferzogen, ausstaffiert,

Wie man wohl sagt, mit ritterlichen Gaben:

Und dann ein albern, winselndes Geschöpf,

Ein weinerliches Püppchen da zu haben,

Die, wenn ihr Glück erscheint, zur Antwort gibt:

»Heiraten will ich nicht, ich kann nicht lieben,

Ich bin zu jung, – ich bitt', entschuldigt mich!« –

Gut, wollt Ihr nicht, Ihr sollt entschuldigt sein:

Grast, wo Ihr wollt, Ihr sollt bei mir nicht hausen.[148]

Seht zu! bedenkt: ich pflege nicht zu spaßen.

Der Donnerstag ist nah: die Hand aufs Herz!

Und bist du mein, so soll mein Freund dich haben;

Wo nicht: geh, bettle, hungre, stirb am Wege!

Denn nie, bei meiner Seel', erkenn' ich dich,

Und nichts, was mein, soll dir zu gute kommen.

Bedenk' dich! glaub', ich halte, was ich schwur!


Ab.


JULIA.

Und wohnt kein Mitleid droben in den Wolken,

Das in die Tiefe meines Jammers schaut?

O süße Mutter, stoß' mich doch nicht weg!

Nur einen Monat, eine Woche Frist!

Wo nicht, bereite mir das Hochzeitbette

In jener düstern Gruft, wo Tybalt liegt!

GRÄFIN CAPULET.

Sprich nicht zu mir, ich sage nicht ein Wort:

Tu', was du willst, du gehst mich nichts mehr an.


Ab.


JULIA.

O Gott! wie ist dem vorzubeugen, Amme?

Mein Gatt' auf Erden, meine Treu' im Himmel –

Wie soll die Treu' zur Erde wiederkehren,

Wenn sie der Gatte nicht, der Erd' entweichend,

Vom Himmel sendet? –Tröste! rate! hilf!

Weh, weh mir, daß der Himmel solche Tücken

An einem sanften Wesen übt wie ich!

Was sagst du? hast du kein erfreuend Wort,

Kein Wort des Trostes?

WÄRTERIN.

Meiner Seel', hier ist's.

Er ist verbannt, und tausend gegen eins,

Daß er sich nimmer wieder hergetraut,

Euch anzusprechen; oder tät' er es,

So müßt' es schlechterdings verstohlen sein.

Nun, weil denn so die Sachen stehn, so denk' ich,

Das beste wär', daß Ihr den Grafen nähmt.

Ach, er ist solch ein allerliebster Herr!

Ein Lump ist Romeo nur gegen ihn.

Ein Adlersauge, Fräulein, ist so grell,

So schön, so feurig nicht, wie Paris seins.

Ich will verwünscht sein, ist die zweite Heirat

Nicht wahres Glück für Euch; weit vorzuziehn

Ist sie der ersten. Oder wär' sie's nicht?[149]

Der erste Mann ist tot, so gut als tot;

Denn lebt er schon, habt Ihr doch nichts von ihm.

JULIA.

Sprichst du von Herzen?

WÄRTERIN.

Und von ganzer Seele,

Sonst möge Gott mich strafen!

JULIA.

Amen!

WÄRTERIN.

Was?

JULIA.

Nun ja, du hast mich wunderbar getröstet.

Geh, sag der Mutter, weil ich meinen Vater

Erzürnt, so woll' ich nach Lorenzos Zelle,

Zu beichten und Vergebung zu empfahn.

WÄRTERIN.

Gewiß, das will ich. Ihr tut weislich dran.


Ab.


JULIA.

O alter Erzfeind! höllischer Versucher!

Ist's ärgre Sünde, so zum Meineid mich

Verleiten, oder meinen Gatten schmähn

Mit eben dieser Zunge, die zuvor

Vieltausendmal ihn ohne Maß und Ziel

Gepriesen hat? – Hinweg, Ratgeberin!

Du und mein Busen sind sich künftig fremd. –

Ich will zum Mönch, ob er nicht Hülfe schafft:

Schlägt alles fehl, hab' ich zum Sterben Kraft.


Ab.[150]


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 143-151.
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