Zweite Szene

[132] Ein Zimmer in Capulets Hause.


Julia tritt auf.


JULIA.

Hinab, du flammenhufiges Gespann,

Zu Phöbus' Wohnung! Solch ein Wagenlenker

Wie Phaeton jagt' euch gen Westen wohl,

Und brächte schnell die wolk'ge Nacht herauf. –

Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht!

Du Liebespflegerin! damit das Auge

Der Neubegier sich schließ', und Romeo

Mir unbelauscht in diese Arme schlüpfe. –

Verliebten g'nügt zu der geheimen Weihe

Das Licht der eignen Schönheit; oder wenn

Die Liebe blind ist, stimmt sie wohl zur Nacht. –

Komm, ernste Nacht, du züchtig stille Frau,

Ganz angetan mit Schwarz, und lehre mir

Ein Spiel, wo jedes reiner Jugend Blüte

Zum Pfande setzt, gewinnend zu verlieren!

Verhülle mit dem schwarzen Mantel mir

Das wilde Blut, das in den Wangen flattert,

Bis scheue Liebe kühner wird und nichts

Als Unschuld sieht in inn'ger Liebe Tun.[132]

Komm, Nacht! – Komm, Romeo, du Tag in Nacht!

Denn du wirst ruhn auf Fittigen der Nacht

Wie frischer Schnee auf eines Raben Rücken. –

Komm, milde, liebevolle Nacht! Komm, gib

Mir meinen Romeo! Und stirbt er einst,

Nimm ihn, zerteil' in kleine Sterne ihn:

Er wird des Himmels Antlitz so verschönen,

Daß alle Welt sich in die Nacht verliebt

Und niemand mehr der eiteln Sonne huldigt. –

Ich kaufte einen Sitz der Liebe mir,

Doch ach! besaß ihn nicht; ich bin verkauft,

Doch noch nicht übergeben. Dieser Tag

Währt so verdrießlich lang mir, wie die Nacht?

Vor einem Fest dem ungeduld'gen Kinde,

Das noch sein neues Kleid nicht tragen durfte.


Die Wärterin mit einer Strickleiter.


Da kommt die Amme ja: die bringt Bericht;

Und jede Zunge, die nur Romeon

Beim Namen nennt, spricht so beredt wie Engel.

Nun, Amme? Sag, was gibt's, was hast du da?

Die Stricke, die dich Romeo hieß holen?

WÄRTERIN.

Ja, ja, die Stricke!


Sie wirft sie auf die Erde.


JULIA.

Weh mir! Was gibt's? Was ringst du so die Hände?

WÄRTERIN.

Daß Gott erbarm'! Er ist tot, er ist tot, er ist tot!

Wir sind verloren, Fräulein, sind verloren!

O weh uns! Er ist hin! ermordet! tot!

JULIA.

So neidisch kann der Himmel sein?

WÄRTERIN.

Ja, das kann Romeo; der Himmel nicht.

O Romeo, wer hätt' es je gedacht?

O Romeo! Romeo!

JULIA.

Wer bist du, Teufel, der du so mich folterst?

Die grause Hölle nur brüllt solche Qual.

Hat Romeo sich selbst ermordet? Sprich!

Ist er entleibt: sag ja! wo nicht: sag nein!

Ein kurzer Laut entscheidet Wonn' und Pein.

WÄRTERIN.

Ich sah die Wunde, meine Augen sahn sie –

Gott helf' ihm! – hier auf seiner tapfern Brust;[133]

Die blut'ge Leiche, jämmerlich und blutig,

Bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut besudelt –

Ganz starres Blut – weg schwiemt' ich, da ich's sah.

JULIA.

O brich, mein Herz! verarmt auf einmal, brich!

Ihr Augen, ins Gefängnis! Blicket nie

Zur Freiheit wieder auf! Elende Erde, kehre

Zur Erde wieder! Pulsschlag, hemme dich!

Ein Sarg empfange Romeo und mich!

WÄRTERIN.

O Tybalt, Tybalt! O mein bester Freund!

Leutsel'gerTybalt! wohlgesinnter Herr!

So mußt' ich leben, um dich tot zu sehn?

JULIA.

Was für ein Sturm tobt so von jeder Seite?

Ist Romeo erschlagen? Tybalt tot?

Mein teurer Vetter? teuerster Gemahl? –

Dann töne nur des Weltgerichts Posaune!

Wer lebt noch, wenn dahin die beiden sind?

WÄRTERIN.

Dahin ist Tybalt, Romeo verbannt;

Verbannt ist Romeo, der ihn erschlug.

JULIA.

Gott! seine Hand, vergoß sie Tybalts Blut?

WÄRTERIN.

Sie tat's! sie tat's! O weh uns, weh! Sie tat's!

JULIA.

O Schlangenherz, von Blumen überdeckt!

Wohnt' in so schöner Höhl' ein Drache je?

Holdsel'ger Wüt'rich! engelgleicher Unhold!

Ergrimmte Taube! Lamm mit Wolfesgier!

Verworfne Art in göttlicher Gestalt!

Das rechte Gegenteil des, was mit Recht

Du scheinest: ein verdammter Heiliger!

Ein ehrenwerter Schurke! – O Natur!

Was hattest du zu schaffen in der Hölle,

Als du des holden Leibes Paradies

Zum Lustsitz einem Teufel übergabst?

War je ein Buch, so arger Dinge voll,

So schön gebunden? Oh, daß Falschheit doch

Solch herrlichen Palast bewohnen kann!

WÄRTERIN.

Kein Glaube, keine Treu', noch Redlichkeit

Ist unter Männern mehr. Sie sind meineidig;

Falsch sind sie, lauter Schelme, lauter Heuchler! –

Wo ist mein Diener? Gebt mir Aquavit! –[134]

Die Not, die Angst, der Jammer macht mich alt.

Zu schanden werde Romeo!

JULIA.

Die Zunge

Erkranke dir für einen solchen Wunsch!

Er war zur Schande nicht geboren; Schande

Weilt mit Beschämung nur auf seiner Stirn.

Sie ist ein Thron, wo man die Ehre mag

Als Allbeherrscherin der Erde krönen.

O wie unmenschlich war ich, ihn zu schelten!

WÄRTERIN.

Von Eures Vetters Mörder sprecht Ihr Gutes?

JULIA.

Soll ich von meinem Gatten Übles reden?

Ach, armer Gatte! Welche Zunge wird

Wohl deinem Namen Liebes tun, wenn ich,

Dein Weib von wenig Stunden, ihn zerrissen?

Doch, Arger, was erschlugst du meinen Vetter? –

Der Arge wollte den Gemahl erschlagen.

Zurück zu eurem Quell, verkehrte Tränen!

Dem Schmerz gebühret eurer Tropfen Zoll,

Ihr bringt aus Irrtum ihn der Freude dar.

Mein Gatte lebt, den Tybalt fast getötet,

Und tot ist Tybalt, der ihn töten wollte.

Dies alles ist ja Trost: was wein' ich denn?

Ich hört' ein schlimmres Wort als Tybalts Tod,

Das mich erwürgte; ich vergäß' es gern;

Doch ach! es drückt auf mein Gedächtnis schwer,

Wie Freveltaten auf des Sünders Seele.

»Tybalt ist tot, und Romeo verbannt!«

O dies »verbannt«, dies eine Wort »verbannt«

Erschlug zehntausend Tybalts. Tybalts Tod

War g'nug des Wehes, hätt' es da geendet!

Und liebt das Leid Gefährten, reiht durchaus

An andre Leiden sich: warum denn folgte

Auf ihre Botschaft: »tot ist Tybalt«, nicht:

Dein Vater, deine Mutter, oder beide?

Das hätte sanft're Klage wohl erregt.

Allein dies Wort: »verbannt ist Romeo«,

Aus jenes Todes Hinterhalt gesprochen,

Bringt Vater, Mutter, Tybalt, Romeo[135]

Und Julien um! »Verbannt ist Romeo!«

Nicht Maß noch Ziel kennt dieses Wortes Tod,

Und keine Zung' erschöpfet meine Not. –

Wo mag mein Vater, meine Mutter sein?

WÄRTERIN.

Bei Tybalts Leiche heulen sie und schrein.

Wollt Ihr zu ihnen gehn? Ich bring' Euch hin.

JULIA.

So waschen sie die Wunden ihm mit Tränen?

Ich spare meine für ein bängres Sehnen.

Nimm diese Seile auf! – Ach, armer Strick,

Getäuscht wie ich! wer bringt ihn uns zurück?

Zum Steg der Liebe knüpft' er deine Bande,

Ich aber sterb' als Braut im Witwenstande.

Komm, Amme, komm! Ich will ins Brautbett! fort!

Nicht Romeo, den Tod umarm' ich dort.

WÄRTERIN.

Geht nur ins Schlafgemach! Zum Tröste find' ich

Euch Romeon: ich weiß wohl, wo er steckt.

Hört! Romeo soll Euch zu Nacht erfreuen;

Ich geh' zu ihm: beim Pater wartet er.

JULIA.

O such' ihn auf! Gib diesen Ring dem Treuen;

Bescheid' aufs letzte Lebewohl ihn her!


Beide ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 132-136.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Romeo und Julia
Romeo and Juliet / Romeo und Julia
Romeo und Julia /Hamlet /Othello
Romeo und Julia: Zweisprachige Ausgabe
Romeo und Julia (insel taschenbuch)
Romeo und Julia: Übersetzt von Erich Fried (Suhrkamp BasisBibliothek)

Buchempfehlung

Anonym

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishaden. Indische Philosophie Band 5

Die ältesten Texte der indischen Literatur aus dem zweiten bis siebten vorchristlichen Jahrhundert erregten großes Aufsehen als sie 1879 von Paul Deussen ins Deutsche übersetzt erschienen.

158 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon