Dritte Szene

[156] Juliens Kammer.


Julia und die Wärterin.


JULIA.

Ja, dieser Anzug ist der beste. – Doch

Ich bitt' dich, liebe Amme, laß mich nun

Für diese Nacht allein; denn viel Gebete

Tun not mir, um den Himmel zu bewegen,[156]

Daß er auf meinen Zustand gnädig lächle,

Der, wie du weißt, verderbt und sündlich ist.


Gräfin Capulet kommt.


GRÄFIN CAPULET.

Seid ihr geschäftig? Braucht ihr meine Hülfe?

JULIA.

Nein, gnäd'ge Mutter, wir erwählten schon

Zur Tracht für morgen alles Zubehör.

Gefällt es Euch, so laßt mich jetzt allein,

Und laßt zu Nacht die Amme mit Euch wachen;

Denn sicher habt Ihr alle Hände voll

Bei dieser eil'gen Anstalt.

GRÄFIN CAPULET.

Gute Nacht!

Geh nun zu Bett und ruh'; du hast es nötig.


Gräfin Capulet und die Wärterin ab.


JULIA.

Lebt wohl! – Gott weiß, wann wir uns wieder sehn.

Kalt rieselt matter Schau'r durch meine Adern,

Der fast die Lebenswärm' erstarren macht.

Ich will zurück sie rufen mir zum Trost. –

Amme! – Doch was soll sie hier? –

Mein düstres Spiel muß ich allein vollenden.

Komm du, mein Kelch! –

Doch wie? wenn dieser Trank nun gar nichts wirkte,

Wird man dem Grafen mit Gewalt mich geben?

Nein, nein: dies soll's verwehren. – Lieg' du hier! –


Sie legt einen Dolch neben sich.


Wie? wär' es Gift, das mir mit schlauer Kunst

Der Mönch bereitet, mir den Tod zu bringen,

Auf daß ihn diese Heirat nicht entehre,

Weil er zuvor mich Romeon vermählt?

So, fürcht' ich, ist's; doch dünkt mich, kann's nicht sein,

Denn er ward stets ein frommer Mann erfunden.

Ich will nicht Raum so bösem Argwohn geben. –

Wie aber? wenn ich, in die Gruft gelegt,

Erwache vor der Zeit, da Romeo

Mich zu erlösen kommt? Furchtbarer Fall!

Werd' ich dann nicht in dem Gewölb' ersticken,[157]

Des gift'ger Mund nie reine Lüfte einhaucht,

Und so erwürgt da liegen, wann er kommt?

Und leb' ich auch, könnt' es nicht leicht geschehn,

Daß mich das grause Bild von Tod und Nacht,

Zusammen mit den Schrecken jenes Ortes,

Dort im Gewölb' in alter Katakombe,

Wo die Gebeine aller meiner Ahnen

Seit vielen hundert Jahren aufgehäuft,

Wo frisch beerdigt erst der blut'ge Tybalt

Im Leichentuch verwest; wo, wie man sagt,

In mitternächt'ger Stunde Geister hausen –

Weh, weh! könnt' es nicht leicht geschehn, daß ich,

Zu früh erwachend, – und nun ekler Dunst,

Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt,

Das Sterbliche, die's hören, sinnlos macht –

Oh, wach' ich auf, werd' ich nicht rasend werden,

Umringt von all den greuelvollen Schrecken,

Und toll mit meiner Väter Glieder spielen?

Und Tybalt aus dem Leichentuche zerren?

Und in der Wut, mit eines großen Ahnherrn

Gebein, zerschlagen mein zerrüttet Hirn?

O seht! mich dünkt, ich sehe Tybalts Geist!

Er späht nach Romeo, der seinen Leib

Auf einen Degen spießte. – Weile, Tybalt! –

Ich komme, Romeo! Dies trink' ich dir.

Sie wirft sich auf das Bette.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 156-158.
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