Fünfte Szene

[122] Capulets Garten.


Julia tritt auf.


JULIA.

Neun schlug die Glock', als ich die Amme sandte.

In einer halben Stunde wollte sie

Schon wieder hier sein. Kann sie ihn vielleicht

Nicht treffen? Nein, das nicht. Oh, sie ist lahm!

Zu Liebesboten taugen nur Gedanken,

Die zehnmal schneller fliehn als Sonnenstrahlen,

Wenn sie die Nacht von finstern Hügeln scheuchen.

Deswegen ziehn ja leichtbeschwingte Tauben

Der Liebe Wagen, und Cupido hat

Windschnelle Flügel. Auf der steilsten Höh'

Der Tagereise steht die Sonne jetzt;

Von neun bis zwölf, drei lange Stunden sind's;

Und dennoch bleibt sie aus. O hätte sie

Ein Herz und warmes jugendliches Blut,

Sie würde wie ein Ball behende fliegen,

Es schnellte sie mein Wort dem Trauten zu,

Und seines mir.

Doch Alte tun, als lebten sie nicht mehr,

Träg', unbehülflich, und wie Blei so schwer.


Die Wärterin und Peter kommen.


O Gott, sie kömmt! Was bringst du, goldne Amme?

Trafst du ihn an? Schick' deinen Diener weg!

WÄRTERIN.

Wart' vor der Türe, Peter![122]

JULIA.

Nun, Mütterchen? Gott, warum blickst du traurig?

Ist dein Bericht schon traurig, gib ihn fröhlich;

Und klingt er gut, verdirb die Weise nicht,

Indem du sie mit saurer Miene spielst!

WÄRTERIN.

Ich bin ermattet; laßt ein Weilchen mich!

Das war 'ne Jagd! das reißt in Gliedern mir!

JULIA.

Ich wollt', ich hätte deine Neuigkeit,

Du meine Glieder. Nun, so sprich geschwind!

Ich bitt' dich, liebe, liebe Amme, sprich!

WÄRTERIN.

Was für 'ne Hast! Könnt Ihr kein Weilchen warten?

Seht Ihr nicht, daß ich außer Atem bin?

JULIA.

Wie außer Atem, wenn du Atem hast,

Um mir zu sagen, daß du keinen hast?

Der Vorwand deines Zögerns währt ja länger,

Als der Bericht, den du dadurch verzögerst.

Gib Antwort: bringst du Gutes oder Böses?

Nur das, so wart' ich auf das Näh're gern.

Beruh'ge mich! Ist's Gutes oder Böses?

WÄRTERIN. Ei, Ihr habt mir eine recht einfältige Wahl getroffen; Ihr versteht auch einen Mann auszulesen! Romeo – ja, das ist der rechte! – Er hat zwar ein hübscher Gesicht wie andre Leute; aber seine Beine gehn über alle Beine, und Hand, und Fuß, und die ganze Positur: – es läßt sich eben nicht viel davon sagen, aber man kann sie mit nichts vergleichen. Er ist kein Ausbund von feinen Manieren, doch wett' ich drauf, wie ein Lamm so sanft. – Treib's nur so fort, Kind, und fürchte Gott! – Habt ihr diesen Mittag zu Hause gegessen?

JULIA.

Nein, nein! Doch all' dies wußt' ich schon zuvor.

Was sagt er von der Trauung? Hurtig: was?

WÄRTERIN.

O je, wie schmerzt der Kopf mir! Welch ein Kopf!

Er schlägt, als wollt' er gleich in Stücke springen.

Da hier mein Rücken, o mein armer Rücken!

Gott sei Euch gnädig, daß Ihr hin und her

So viel mich schickt, mich bald zu Tode hetzt!

JULIA.

Im Ernst, daß du nicht wohl bist, tut mir leid.

Doch, beste, beste Amme, sage mir:

Was macht mein Liebster?[123]

WÄRTERIN. Eu'r Liebster sagt, so wie ein wackrer Herr, – und ein artiger, und ein freundlicher, und ein hübscher Herr, und, auf mein Wort, ein tugendsamer Herr. – Wo ist denn Eure Mutter?

JULIA.

Wo meine Mutter ist? Nun, sie ist drinnen;

Wo wär' sie sonst? Wie seltsam du erwiderst:

»Eu'r Liebster sagt, so wie ein wackrer Herr –

Wo ist denn Eure Mutter?«

WÄRTERIN.

Jemine!

Seid Ihr so hitzig? Seht doch! kommt mir nur!

Ist das die Bähung für mein Gliederweh?

Geht künftig selbst, wenn Ihr 'ne Botschaft habt!

JULIA.

Das ist 'ne Not! Was sagt er? Bitte, sprich!

WÄRTERIN.

Habt Ihr Erlaubnis, heut zu beichten?

JULIA.

Ja.

WÄRTERIN.

So macht Euch auf zu Eures Paters Zelle,

Da harrt ein Mann, um Euch zur Frau zu machen.

Nun steigt das lose Blut Euch in die Wangen;

Gleich sind sie Scharlach, wenn's was Neues gibt.

Eilt Ihr ins Kloster: ich muß sonst wohin,

Die Leiter holen, die der Liebste bald

Zum Nest hinan, wenn's Nacht wird, klimmen soll.

Ich bin das Lasttier, muß für Euch mich plagen,

Doch Ihr sollt Eure Last zu Nacht schon tragen.

Ich will zur Mahlzeit erst; eilt Ihr zur Zelle hin!

JULIA.

Zu hohem Glücke, treue Pflegerin!


Beide ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 122-124.
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