Vierte Szene

[117] Eine Straße.


Benvolio und Mercutio kommen.


MERCUTIO. Wo Teufel kann der Romeo stecken? Kam er heute nacht nicht zu Hause?

BENVOLIO. Nach seines Vaters Hause nicht; ich sprach seinen Bedienten.

MERCUTIO.

Ja, dies hartherz'ge Frauenbild, die Rosalinde,

Sie quält ihn so, er wird gewiß verrückt.

BENVOLIO.

Tybalt, des alten Capulet Verwandter,

Hat dort ins Haus ihm einen Brief geschickt.

MERCUTIO. Eine Ausforderung, so wahr ich lebe.

BENVOLIO. Romeo wird ihm die Antwort nicht schuldig bleiben.

MERCUTIO. Auf einen Brief kann ein jeder antworten, wenn er schreiben kann.

BENVOLIO. Nein, ich meine, er wird dem Briefsteller zeigen, daß er Mut hat, wenn man ihm so was zumutet.

MERCUTIO. Ach, der arme Romeo! Er ist ja schon tot! durchbohrt von einer weißen Dirne schwarzem Auge; durchs Ohr geschossen mit einem Liebesliedchen; seine Herzensscheibe[117] durch den Pfeil des kleinen blinden Schützen mitten entzwei gespalten! Ist er der Mann darnach, es mit dem Tybalt aufzunehmen?

BENVOLIO. Nun, was ist Tybalt denn Großes?

MERCUTIO. Kein papierner Held, das kann ich dir sagen. Oh, er ist ein beherzter Zeremonienmeister der Ehre. Er ficht, wie Ihr ein Liedlein singt: hält Takt und Maß und Ton. Er beobachtet seine Pausen: eins – zwei – drei: – dann sitz Euch der Stoß in der Brust. Er bringt Euch einen seidnen Knopf unfehlbar ums Leben. Ein Raufer! ein Raufer! Ein Rittervom ersten Range, der Euch alle Gründe eines Ehrenstreits an den Fingern herzuzählen weiß: Ach, die göttliche Passade! die doppelte Finte! Der! –

BENVOLIO. Der – was?

MERCUTIO. Der Henker hole diese phantastischen, gezierten, lispelnden Eisenfresser! Was sie für neue Töne anstimmen! – »Eine sehr gute Klinge! – Ein sehr wohlgewachsner Mann! – Eine sehr gute Hure!« – Ist das nicht ein Elend, Urältervater, daß wir mit diesen ausländischen Schmetterlingen heimgesucht werden, mit diesen Modenarren, diesen Pardonnez-moi, die so stark auf neue Weise halten, ohne jemals weise zu werden?

Romeo tritt auf.


BENVOLIO. Da kommt Romeo, da kommt er!

MERCUTIO. Ohne seinen Rogen, wie ein gedörrter Hering. O Fleisch! Fleisch! wie bist du verfischt worden! Nun liebt er die Melodien, in denen sich Petrarca ergoß; gegen sein Fräulein ist Laura nur eine Küchenmagd-Wetter! sie hatte doch einen bessern Liebhaber, um sie zu bereimen; – Dido, eine Trutschel; Kleopatra, eine Zigeunerin; Helena und Hero, Metzen und lose Dirnen; Thisbe, ein artiges Blauauge oder sonst so was, will aber nichts vorstellen. Signor Romeo, bon jour! Da habt Ihr einen französischen Gruß für Eure französischen Pumphosen! Ihr spieltet uns diese Nacht einen schönen Streich.

ROMEO. Guten Morgen, meine Freunde! Was für einen Streich?

MERCUTIO. Einen Diebesstreich. Ihr stahlt Euch unversehens davon.[118]

ROMEO. Verzeihung, guter Mercutio: Ich hatte etwas Wichtiges vor, und in einem solchen Falle tut man wohl einmal der Höflichkeit Gewalt an.

MERCUTIO. Wie nun? Du sprichst ja ganz menschlich. Wie kommt es, daß du auf einmal deine aufgeweckte Zunge und deine muntern Augen wieder gefunden hast? So hab' ich dich gern. Ist das nicht besser als das ewige Liebesgekrächze?

ROMEO. Seht den prächtigen Aufzug!


Die Wärterin und Peter hinter ihr.


MERCUTIO. Was kömmt da angesegelt?

WÄRTRERIN. Peter!

PETER. Was beliebt?

WÄRTERIN. Meinen Fächer, Peter!

MERCUTIO. Gib ihn ihr, guter Peter, um ihr Gesicht zu verstecken: Ihr Fächer ist viel hübscher wie ihr Gesicht.

WÄRTERIN. Schönen guten Morgen, ihr Herren!

MERCUTIO. Schönen guten Abend, schöne Dame!

WÄRTERIN. Warum guten Abend?

MERCUTIO. Euer Brusttuch deutet auf Sonnenuntergang.

WÄRTERIN. Pfui, was ist das für ein Mensch?

ROMEO. Einer, den der Teufel plagt, um andre zu plagen.

WÄRTERIN. Schön gesagt, bei meiner Seele! Um andre zu plagen! Ganz recht! Aber, ihr Herren, kann mir keiner von euch sagen, wo ich den jungen Romeo finde?

ROMEO. Ich kann's Euch sagen; aber der junge Romeo wird älter sein, wenn Ihr ihn gefunden habt, als er war, da Ihr ihn suchtet. Ich bin der Jüngste, der den Namen führt, weil kein schlechterer da war.

WÄRTERIN. Gut gegeben!

MERCUTIO. So? ist das Schlechteste gut gegeben? Nun wahrhaftig: gut begriffen! sehr vernünftig!

WÄRTERIN. Wenn Ihr Romeo seid, mein Herr, so wünsche ich Euch insgeheim zu sprechen.

BENVOLIO. Sie wird ihn irgendwohin auf den Abend bitten.

MERCUTIO. Eine Kupplerin! eine Kupplerin! Ho, ho!

BENVOLIO. Was witterst du?[119]

MERCUTIO. Neue Jagd! neue Jagd! – Romeo, kommt zu Eures Vaters Hause, wir wollen zu Mittag da essen.

ROMEO. Ich komme euch nach.

MERCUTIO. Lebt wohl, alte Schöne! Lebt wohl, o Schöne! – Schöne! – Schöne!


Benvolio und Mercutio gehn ab.


WÄRTERIN. Sagt mir doch, was war das für ein unverschämter Gesell, der nichts als Schelmstücke im Kopf hatte?

ROMEO. Jemand, der sich selbst gern reden hört, meine gute Frau, und der in einer Minute mehr spricht, als er in einem Monate verantworten kann.

WÄRTERIN. Ja, und wenn er auf mich was zu sagen hat, so will ich ihn bei den Ohren kriegen, und wäre er auch noch vierschrötiger, als er ist, und zwanzig solcher Hasenfüße obendrein; und kann ich's nicht, so können's andre. So 'n Lausekerl! Ich bin keine von seinen Kreaturen, ich bin keine von seinen Karnuten. Zu Peter. Und du mußt auch dabei stehen und leiden, daß jeder Schuft sich nach Belieben über mich hermacht!

PETER. Ich habe nicht gesehn, daß sich jemand über Euch hergemacht hätte; sonst hätte ich geschwind vom Leder gezogen, das könnt Ihr glauben. Ich kann so gut ausziehen wie ein andrer, wo es einen ehrlichen Zank gibt und das Recht auf meiner Seite ist.

WÄRTERIN. Nu, weiß Gott, ich habe mich so geärgert, daß ich am ganzen Leibe zittre. So 'n Lausekerl! – Seid so gütig, mein Herr, auf ein Wort! Und was ich Euch sagte: mein junges Fräulein befahl mir, Euch zu suchen. Was sie mir befahl, Euch zu sagen, das will ich für mich behalten; aber erst laßt mich Euch sagen, wenn Ihr sie wolltet bei der Nase herum führen, so zu sagen, das wäre eine unartige Aufführung, so zu sagen. Denn seht! das Fräulein ist jung; und also, wenn Ihr falsch gegen sie zu Werke gingt, das würde sich gar nicht gegen ein Fräulein schicken, und wäre ein recht nichtsnutziger Handel.

ROMEO. Empfiehl mich deinem Fräulein! Ich beteure dir –

WÄRTERIN. Du meine Zeit! Gewiß und wahrhaftig, das will ich[120] ihr wieder sagen. O Jemine! sie wird sich vor Freude nicht zu lassen wissen.

ROMEO. Was willst du ihr sagen, gute Frau? Du gibst nicht Achtung.

WÄRTERIN. Ich will ihr sagen, daß Ihr beteuert, und ich meine, das ist recht wie ein Kavalier gesprochen.

ROMEO.

Sag ihr, sie mög' ein Mittel doch ersinnen,

Zur Beichte diesen Nachmittag zu gehn.

Dort in Lorenzos Zelle soll alsdann,

Wenn sie gebeichtet, unsre Trauung sein.

Hier ist für deine Müh'.

WÄRTERIN.

Nein, wahrhaftig, Herr! keinen Pfennig!

ROMEO.

Nimm, sag' ich dir; du mußt!

WÄRTERIN.

Heut nachmittag? Nun gut, sie wird Euch treffen.

ROMEO.

Du, gute Frau, wart' hinter der Abtei;

Mein Diener soll dir diese Stunde noch,

Geknüpft aus Seilen, eine Leiter bringen,

Die zu dem Gipfel meiner Freuden ich

Hinan will klimmen in geheimer Nacht.

Leb wohl! Sei treu, so lohn' ich deine Müh',

Leb wohl, empfiehl mich deinem Fräulein!

WÄRTERIN.

Nun, Gott der Herr gesegn' es! – Hört, noch eins!

ROMEO.

Was willst du, gute Frau?

WÄRTERIN.

Schweigt Euer Diener? Habt Ihr nie vernommen:

Wo zwei zu Rate gehn, laßt keinen Dritten kommen?

ROMEO.

Verlass' dich drauf, der Mensch ist treu wie Gold.

WÄRTERIN. Nun gut, Herr! Meine Herrschaft ist ein allerliebstes Fräulein. O Jemine! als sie noch so ein kleines Dingelchen war – Oh, da ist ein Edelmann in der Stadt, einer, der Paris heißt, der gern einhaken möchte; aber das gute Herz mag eben so lieb eine Kröte sehn, eine rechte Kröte, als ihn. Ich ärgre sie zuweilen und sag' ihr: Paris wär' doch der hübscheste; aber Ihr könnt mir's glauben, wenn ich das sage, so wird sie so blaß wie ein Tischtuch. Fängt nicht Rosmarin und Romeo mit demselben Buchstaben an?

ROMEO. Ja, gute Frau; beide mit einem R.

WÄRTERIN. Ach, Spaßvogel, warum nicht gar? Das schnurrt ja wie 'n Spinnrad. Nein, ich weiß wohl, es fängt mit einem[121] andern Buchstaben an, und sie hat die prächtigsten Reime und Sprichwörter darauf, daß Euch das Herz im Leibe lachen tät', wenn Ihr's hörtet.

ROMEO. Empfiehl mich deinem Fräulein! Ab.

WÄRTERIN. Jawohl, vieltausendmal! – Peter!

PETER. Was beliebt?

WÄRTERIN. Peter, nimm meinen Fächer, und geh vorauf!


Beide ab.


Quelle:
William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 4, Berlin: Aufbau, 1975, S. 117-122.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Romeo und Julia
Romeo and Juliet / Romeo und Julia
Romeo und Julia /Hamlet /Othello
Romeo und Julia: Zweisprachige Ausgabe
Romeo und Julia (insel taschenbuch)
Romeo und Julia: Übersetzt von Erich Fried (Suhrkamp BasisBibliothek)

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Clementine

Clementine

In ihrem ersten Roman ergreift die Autorin das Wort für die jüdische Emanzipation und setzt sich mit dem Thema arrangierter Vernunftehen auseinander. Eine damals weit verbreitete Praxis, der Fanny Lewald selber nur knapp entgehen konnte.

82 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon