Fünfte Scene.

[58] Der Wagen hält in einer Wolke auf dem beschneiten Gipfel eines Berges. – Asia, Panthea und der Geist der Stunde.


GEIST.

Wo die Nacht und der Morgen verrinnen,

Laß ich die Renner gerne verschnaufen,

Aber die Erde flüstert tief innen:

Schneller als Feuer müßten sie laufen.

Fort denn, mit Eile des Wunsches von hinnen!

ASIA.

Du schwellst mit deinem Athem ihre Nüstern,

Doch würde sie der Hauch des meinen noch

Viel schneller treiben.

GEIST.

Ach, er könnt' es nicht!

PANTHEA.

O Geist halt' an und sag', welch' Licht die Wolke

Erfüllt? – Die Sonn' ist noch nicht aufgegangen![58]

GEIST.

Sie wird nicht aufgehn vor der Mittagszeit.

Apollo wird im Himmel festgebannt

Durch einen Zauber, und das Licht, das hier

Den Nebel füllt, sowie äther'scher Hauch

Der Rosen, die am Brunnenkranze blüh'n,

Das Wasser füllt – o sieh', es strömet aus

Von deiner mächt'gen Schwester!

PANTHEA.

Ja, ich fühl's –

ASIA.

Was ist es mit dir, Schwester? Du siehst bleich!

PANTHEA.

Verwandelt bist du und ich wag' es nicht

Dich anzusehn! – Ich fühle deine Nähe,

Doch deiner Schönheit Glanz läßt mich erblinden!

Ein glücklich wendend Schicksal muß es sein,

Das also deine Herrlichkeit entschleiert.

Die Nereïden sagen, daß am Tag,

Da sich des Meer's krystall'ner Schooß gespalten,

Dich zu gebären, und du standest hold

In einer Muschel blank, die auf dem Spiegel

Der friedenvollen See vorüberschwamm

An den ägä'schen Inseln und dem Strand,

Der deinen Namen trägt, da strömte Liebe

Von deinem Wesen aus wie von der Sonne

Das Feuer, das die weite Welt erfüllt –

Und Erd' und Himmel ward durch sie erleuchtet,

Des Meeres Tiefe und des Abgrunds Nacht

Mit allen Wesen, die sich d'rin verbergen,

Bis da des Schmerzes Schatten traf die Seele,

Von der das Licht kam. – Nicht allein nur ich,

Die Schwester, die Gefährtin, die Erwählte, –

Die ganze Welt sucht deine Sympathie!

Hörst du den holden Klang aus luft'gen Höh'n?

Die Liebe aller lebenden Geschöpfe[59]

Zu dir verkündet er! Und fühlst du nicht,

Wie selbst die stille Luft entbrennt in Liebe?

O horch!


Musik.


ASIA.

Kein Wort klingt süßer als das deine,

Nur sein's, deß Echo deine Stimme ist!

Die Lieb' ist süß, – gespendet wie empfangen –

Und ihrer Stimme wird das Ohr nicht müde.

Wie Luft und Himmel Alles rings umspannen,

Macht sie den Wurm dem Gotte selber gleich!

Sie, die vermögen Liebe einzuflößen,

Sind glücklich, sowie ich jetzt glücklich bin;

Doch die am tiefsten sie empfinden, sind

Noch glücklicher, wie ich nach langen Leiden

In kurzer Zeit nun hoffen darf zu sein.

PANTHEA.

Horch! Geister sprechen!

STIMME in der Luft singend.

Lebensquell! Die Lieb' entzündet

Deines Athems holdes Weh'n

Und dein Lächeln läßt, eh's schwindet,

Kalte Luft in Flammen stehn,

Birgt sich dann in jenen Blicken

Die mit Sehnsuchtsqual umstricken.


Kind des Licht's! Dein Leib durchschimmert

Das Gewand, das ihn umflicht,

Wie der Morgenstrahl durchflimmert

Das Gewölk, eh' er's durchbricht.

Und wohin du mögest schweben,

Wird dich Himmelsglanz umgeben.


Schön sind And're! Keiner sieht dich,

Doch dein Wort klingt süß und lind

Wie der Schönsten! – Glanz entzieht dich

Unserm Blick, du holdes Kind,

Wer dich fühlt und sieht dich nimmer,

Muß wie ich, vergehn für immer.[60]


Licht der Erde! gleich Juwelen

Leuchtet Alles hell um dich!

Die von dir geliebten Seelen

Schwingen nach dem Himmel sich,

Bis sie taumeln, niedersinkend,

Sterbend, aber Wonne trinkend.

ASIA.

Mein Geist, er ist ein Zauberkahn,

Durchziehend, wie im Traum ein Schwan,

Die Silberwellen deiner holden Sänge; –

Der deine, einem Engel gleich,

Das Steuer lenkt durch's Fluthenreich,

Indeß die Lüfte füllen süße Klänge.

Für ewig scheint er so zu ziehn

Den Strom, den vielverschlung'nen hin,

Durch Kluft und Schlucht und Waldesnacht,

Ein Paradies voll wilder Pracht.

Gleich einem Schlummernden, allmälig

Zur See getragen, zieht's unwiderstehlich

Mich in ein tiefes Meer von Klängen, süß und selig.


Indessen hebt dein Geist die Schwingen

Ins Reich des reinsten Klangs zu dringen,

Im Flug der Winde, die da droben ziehn.

Und sieh'! wir wallen weiter, weiter

Der Segel baar – uns blinkt als Leiter

Kein Stern, uns lenkt die Kraft der Melodien,

Bis Himmelsgärten naht das Boot

Mit dir, du herrlicher Pilot!

Den Strand, den Menschen niemals sah'n,

Berührt nun meiner Wünsche Kahn,

Wo Lieb' die Luft, die hold in Tönen,

In Sturm und Fluth sich reget, um in schönen

Harmon'schen Klängen Erd' und Himmel zu versöhnen.


Durch's Eisgeklüft des Alters zogen

Wir, durch der Mannheit starke Wogen,

Durch's Meer der Jugend mit dem Wellenschlag,[61]

So täuschend lind und durch die Bucht

Der Kindheit, bis nach rascher Flucht

Durch Tod und Leben winkt ein hell'rer Tag.

Ein paradiesisch Blätterzelt,

Von Blumen leuchtend rings erhellt,

Ersteht und Silberbäche thauen

Durch diese blühend wilden Auen –

Wir rasten an der holden Stelle

Und Geister, sowie du dem Aug' zu helle,

Sie wallen mit Gesang von Welle leis' zu Welle.

Quelle:
Shelley, Percy Bysshe: Der entfesselte Prometheus. Wien 1876, S. 58-62.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Der entfesselte Prometheus
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