Vierte Scene.

[50] Die Höhle des Demogorgon. – Asia und Panthea.


PANTHEA.

O, welch' verschleierte Gestalt sitzt dort

Auf jenem schwarzen Thron?

ASIA.

Der Schleier fiel![50]

PANTHEA.

Ich seh' ein mächtig Dunkel nun den Sitz

Der Macht erfüllen; – Strahlen schießen blendend

Ringsum empor, wie Licht der Mittagssonne!

Gestaltlos ist es, weder Glied, noch Form,

Noch Umriß – und doch fühlen wir, 's ist ein

Lebend'ger Geist!

DEMOGORGON.

Frag' was du wissen willst?!

ASIA.

Was kannst du sagen?

DEMOGORGON.

Was du fragen darfst!

ASIA.

Wer machte die lebend'ge Welt hier?

DEMOGORGON.

Gott!

ASIA.

Wer machte Alles das, was sie enthält? –

Gedanken, Leidenschaft, Vernunft und Willen,

Und Einbildung?

DEMOGORGON.

Gott, der allmächt'ge Gott!

ASIA.

Wer ließ das Hochgefühl entstehn, das uns

Beim Weh'n der Frühlingswinde, bei der Stimme

Der Liebe, die die Jugend hört allein,

Die Augen füllt mit einem Thränenstrom,

Der selbst den Strahlenblick der Blumen trübt

Und das die Erde, die bevölkerte,

Verödet läßt, wenn's nicht mehr wiederkehrt?

DEMOGORGON.

Gott, der barmherzige![51]

ASIA.

Wer aber schuf

Den Schrecken und den Wahnsinn, das Verbrechen

Und die Gewissenspein, die von den Gliedern

Der großen Kette aller Dinge sich

Zu jeglichem Gedanken in der Seele

Des Menschen schwingen und ihn niederziehn,

Daß Jeder keuchend unter ihrer Last

Nach seinem Grabe schwankt? – Wer schuf die Hoffnung,

Die schnell vereitelte und Liebe, die

In Haß sich wandelt? Wer die Selbstverachtung,

Die bitt'rer noch zu trinken ist als Blut?

Wer schuf die Qualen, deren unverhohl'ne,

Vertraute Sprache klägliches Geheul

Und geller Jammerschrei sind Tag für Tag?

Wer schuf die Hölle und die Höllenfurcht?

DEMOGORGON.

Er herrscht!

ASIA.

Sprich seinen Namen! – eine Welt,

Die sich in Qualen windet, fragt allein

Nach seinem Namen: Flüche werden ihn

Herniederziehn!

DEMOGORGON.

Er herrscht!

ASIA.

Ich fühle es,

Ich weiß es, aber wer?

DEMOGORGON.

Er herrscht!

ASIA.

Wer herrscht?

Im Anfang war der Himmel und die Erde

Und Licht und Liebe, dann erst kam Saturn,

Von dessen Thron ein neid'scher Schatten fiel,

Die Zeit. – Und unter seinem Scepter lebten[52]

Die früh'sten Geister dieser Erde hier

In wonn'gem Frieden, Blumen gleich und Blättern,

Eh' Wind und Sonnenglut sie ausgedorrt

Und halblebendiges Gewürm. – Doch er

Versagte das Geburtsrecht ihres Wesens:

Die Macht, das Wissen, die Geschicklichkeit,

Die Elemente bändigt, den Gedanken,

Der gleich dem Licht durch's dunkle Weltall dringt,

Selbstherrschaft und die Majestät der Liebe,

Vor Durst, nach welcher sie verschmachteten.

Dann gab Prometheus Weisheit, welche Kraft ist

Dem Jupiter und nur mit dem Geheiß

Allein: »Der Mensch sei frei!« bekleidet' er

Ihn mit der Herrschaft über'n weiten Himmel. –

Nicht Treu', noch Liebe kennen, noch Gesetz,

Allmächtig, aber freundlos sein, heißt herrschen,

Und Zeus, er herrschte nun: Denn auf des Menschen

Geschlecht fiel Hunger, Mühsal ein und Seuche,

Und Kampf und Wunden und der grause Tod,

Zuvor noch ungekannt. – Die Jahreszeiten,

Verkehrt zu ihrem Widerspiele, trieben,

Mit Frost und Feuer wechselnd, dann die bleichen

Schutzlosen Völker nach den Bergeshöhlen

Und in die öden Herzen pflanzt' er ihnen

Die stachelnde Begier, die tolle Unruh'

Und eitle Schatten von erträumten Gütern,

Die gegenseitig sich bekämpften, so

Die Wohnstatt nun verwüstend, d'rin sie ras'ten.

Prometheus sah's und weckte die Legionen

Der Hoffnungen, die tief verborgen schlummern

In holden Blumen des Elysiums,

In unverwelkbar schönen Blüthen, wie

Nepenthes, Moly, Amaranth, auf daß

Mit zarten, regenbogenfarb'nen Schwingen

Des Todes Schatten sie bedecken mögen.

Und Liebe sandt' er dann, auf daß sie binde

Die losgelösten Ranken jener Rebe,

Die da den reinen Wein des Lebens trägt, –

Der edlen Rebe, Menschenherz genannt.

Das Feuer zähmt' er nun, das wie ein Raubthier,[53]

Gar schrecklich und doch lieblich anzusehn,

Sich spielend duckte unter'm Blick des Menschen.

Und Gold und Eisen beugt er seinem Willen,

Die Sklaven und die Zeichen aller Macht;

Die Edelsteine und die Gifte all',

Die feinsten Formen, die versteckt im Schooß

Der Berge ruhen und der Meereswellen. –

Dem menschlichen Geschlecht gab er die Sprache

Und aus der Sprache rang sich der Gedanke,

Er, der das Maß des Universums ist!

Die Wissenschaft griff rüttelnd an die Throne

Der Erde und des Himmels, die erbebten,

Allein nicht stürzten und die Harmonie

Der Menschenseel' ergoß sich in die Ströme

Des allprophetischen Gesangs. – Musik

Erhob des Lauschers Geist, bis göttergleich

Und frei von sterblich eitlen Sorgen er

Ob klaren Wogen süßen Klangs geschwebt.

Und Menschenhände ahmten nach zuerst

Und übertrafen dann mit holdern Gliedern

Als ihre eigenen, die menschliche

Gestalt, bis Göttern gleich der Marmor ward.


Er wies auf die verborg'ne Kraft in Kräutern

Und Quellen, und der Kranke trank und schlief

Und gleich dem stillen Schlafe ward der Tod.

Er lehrte die verschlung'nen Bahnen uns

Der weithin kreisenden Gestirne kennen

Und wie die Sonne wechselt ihren Stand,

Durch welch' geheimen Zauber wird verwandelt

Der bleiche Mond, wenn um die Neumondzeit

Sein Aug' nicht leuchtet auf die dunkle See.

Regieren lehrt' er uns, sowie der Geist

Des Lebens lenket uns're eig'nen Glieder,

Des Oceanes sturmbeschwingt Gefährt'

Und Celt' und Inder lernten so sich kennen.

Die stolzen Städte wurden dann gebaut, –

Durch schnee'ger Säulen Reihen flutheten

Die warmen Winde und azurner Aether

Und blaue Wogen schimmerten hindurch[54]

Und schatt'ge Hügel zeigten sich dem Blick. –

Der Menschheit also bot Prometheus dar

Die Lind'rungsmittel ihres Erdenseins

Und hängt dafür am starren Felsen nun

In Qual sich windend, die sein bitt'res Los!

Wer aber ist's, der niederregnen läßt

Das Uebel und die unheilbare Plage,

Die, wo der Mensch auf seine Schöpfung blickt

Gleich einem Gotte und sie glorreich findet,

Ihn selber treibt, das Wrack des eig'nen Willens,

Den Spott der Erde, den Verstoßenen,

Der da verlassen steht und ganz allein?

Nicht Jupiter! denn während jüngst sein Runzeln

Den Himmel selber wohl erbeben machte,

Als dann sein Gegner in demant'nen Ketten

Ihm fluchte, zittert' er gleich einem Sklaven!

Wer ist sein Meister? – ist auch er ein Sklav?

DEMOGORGON.

In Sklaverei sind alle Geister, die

Dem Uebel dienen und du selber weißt,

Ob Jupiter ein solcher ist, ob nicht!

ASIA.

Wen nennst du Gott?

DEMOGORGON.

Ich sprach blos, wie ihr sprecht –

Von allen Lebenden ist Jupiter

Der höchste!

ASIA.

Und wer ist des Sklaven Meister?

DEMOGORGON.

Ja, wenn der Abgrund sein Geheimniß nur

Ausspeien könnte! – Doch die Stimme fehlt ihm

Und ewig bildlos bleibt die tiefe Wahrheit.

Was würdest du erfahren auch, hieß' ich

Dich starren auf die Welt hier, die sich dreht?

Was hälf' es dir, wollt' ich nun sprechen heißen[55]

Die Zeit, das Schicksal, die Gelegenheit,

Den Zufall und den Wechsel aller Dinge?

Denn jenen sind sie alle unterworfen,

Und nur allein die ew'ge Liebe nicht!

ASIA.

So viel hab' ich zuvor gefragt und stets

Gab mir mein Herz die Antwort, die du gibst!

Und jede muß von solchen Wahrheiten

Sich selber das Orakel sein. – Doch nun

Nur eine Frage noch: Antworte mir,

Wie's meine eig'ne Seele würde thun,

Wär' ihr bekannt, was ich erfragen will.

Prometheus wird einst auferstehn als Sonne

Ob dieser Welt, die jubelnd ihn begrüßt.

Wann wird die Schicksalsstunde nah'n?

DEMOGORGON.

Sieh' hin!

ASIA.

Die Felsen sind gespalten! – durch den Purpur

Der Nacht seh' ich Gefährte, die gezogen

Von Pferden sind mit Regenbogenschwingen,

Die mit dem Huf die trägen Winde stampfen.

In jedem steht mit wildem Blick ein Lenker,

Zu rascher Flucht antreibend sein Gespann.

Nach rückwärts schauen Einige, als wären

Verfolgt von bösen Feinden sie, und doch,

Ich seh' dort nichts als funkelnde Gestirne. –

Mit glüh'nden Augen blicken Andere

Nach vorn und trinken mit den gier'gen Lippen

Den Wind, den ihre Eile selbst erregt,

Als flög' ein heißgeliebtes Ding vor ihnen

Und jetzt und jetzt nur müßten sie's erhaschen!

Ihr glänzendes Gelock, es strömt herab,

Dem Strahlenhaare des Kometen gleich,

Und eilig jagen alle sie dahin.

DEMOGORGON.

Die Stunden sind sie, die unsterblichen,

Nach denen du gefragt und eine wartet

Auf dich![56]

ASIA.

Ein Geist, der schrecklich anzusehn,

Hält seinen Wagen an den Klippen hier! –

Der du so ungleich deinen Brüdern bist,

O geisterhafter Wagenlenker du,

Wer bist du? Ach, wohin willst du mich führen?

O sprich!

GEIST.

Ich bin der Schatten eines Schicksals,

Das schrecklicher noch als mein Anblick ist.

Eh' der Planet dort sinkt, hüllt Finsterniß

In ew'ge Nacht den königlosen Thron

Des Himmels!

ASIA.

O was meinst du?

PANTHEA.

Jener Schatten,

Der schreckliche, schwebt auf von seinem Thron,

Sowie von Städten, die der Erdstoß stürzte,

Ein schwarzer Qualm mag streichen ob der See.

Sieh'! er besteigt den Wagen nun, die Renner,

Sie fliehn entsetzt! – Verfolge seinen Pfad,

Der zwischen den Gestirnen dort sich windet,

Die Nacht verfinsternd.

ASIA.

Dies die Antwort? – Seltsam!

PANTHEA.

Sieh nur! dort hält ein anderes Gefährt:

Ein Muschelwagen ist's, aus Elfenbein,

Und rothes Feuer züngelt auf und ab

An seinen seltsam reich verzierten Wänden.

Der jugendliche Genius, der ihn lenkt,

Er hat der Hoffnung taubengleiche Augen,

Sein sanftes Lächeln zieht die Seele an,

Sowie das Licht geflügelte Insekten

Lockt durch die sternenlose Nacht! –[57]

GEIST.

Mit Blitzen nähr' ich die Pferde mein,

Sie trinken im Fluge den strömenden Wind,

Um bei des Morgenroth's flammendem Schein

In Strahlen zu baden, erquickend und lind.

Dann stürmen sie weiter, gekräftigt, geschwind,

Steig' auf mit mir, des Oceans Kind!


Ich wünsch': Mein Gespann durchfunkelt die Nacht!

Sieh', wie's vor'm Typhon den Vorsprung gewinnt!

Um Erde und Mond ist die Runde vollbracht,

Noch ehe die Wolke am Atlas zerrinnt.

Der Mittag dann ruhend und rastend uns find' –

Steig' auf mit mir, des Oceans Kind!


Quelle:
Shelley, Percy Bysshe: Der entfesselte Prometheus. Wien 1876, S. 50-58.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Der entfesselte Prometheus
Der entfesselte Prometheus. Lyrisches Drama in vier Akten [and in verse] ... Deutsch von A. Graf Wickenburg

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Klein Zaches

Klein Zaches

Nachdem im Reich die Aufklärung eingeführt wurde ist die Poesie verboten und die Feen sind des Landes verwiesen. Darum versteckt sich die Fee Rosabelverde in einem Damenstift. Als sie dem häßlichen, mißgestalteten Bauernkind Zaches über das Haar streicht verleiht sie ihm damit die Eigenschaft, stets für einen hübschen und klugen Menschen gehalten zu werden, dem die Taten, die seine Zeitgenossen in seiner Gegenwart vollbringen, als seine eigenen angerechnet werden.

88 Seiten, 4.20 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon